Rainald Goetz über Matthias Matussek: „Komplett über seine geistigen Verhältnisse“

Nochmal flott zum Egozentriker Matussek, weil Rainald Goetz anlässlich einer Veranstaltung mit Rüdiger Safranski pointiert über ihn schreibt (Klage, 2008):

„Wenn Matussek redet, im weit offenen Hemd, werden Worte zu Vokabeln ohne Zugriff auf die geistigen Inhalte, die sonst von ihnen bezeichnet werden, werden Argumente zum rein körperlichen Akt des Sprechens, der nur noch dazu da ist, Expressivität vorzuführen, Intensivität und Plausibilität … Er hat sich völlig daran gewöhnt, dass er vokabularmäßig dauernd komplett über seine geistigen Verhältnisse lebt. Ein tolles Spektakel war dieser Abend, auf den Matussek in seinem Videoblog selbst hingewiesen hatte, vielen Dank.“

Treffend. Ergänzen könnte man, dass einem Journalisten heutzutage in Journalistenschulen gerne  beigebracht wird, wie man dauernd komplett über seine geistigen Verhältnisse schreiben kann. Die Tatsache des fehlenden Fachwissens wird nicht etwa durch sich anzueignendes Fachwissen kompensiert, sondern durch einen Schreibstil, der darauf ausgerichtet ist, das Fehlen des Fachwissens vor dem Leser zu verstecken.

Bei Matussek ist es ein rechts-reaktionäres, oberflächliches Bewusstsein von Geschichte, das er mit seinem Stil zu etwas Flottem, Lockerem, Energetischem hinbiegt. Beispielhaft noch immer sein Eintreten für´s Berliner Stadtschloss im Spiegel von 1998. Rechter, ahistorischer Blödsinn von der ersten bis zur letzten Zeile, kein Verständnis für Architektur noch für deren Geschichte, noch für Geschichte überhaupt, kein einziges seriös begründetes Argument; mir zu nervig, das auseinanderzunehmen. Schinkel ist da plötzlich Rekonstruktionsbefüworter. Aber dieser Blödsinn, der jedem Volontär um die Ohren gehauen werden müsste, schaffte es in den Spiegel.

Zu Rainald Goetz gehören allerdings auch Sätze wie (ebenfalls aus Klage):

„Die figurative Malerei ist am Ende, hatte ich zu Daniel Richter in der Paris Bar gesagt, das war mir am Tage zuvor bei Norbert Bisky eingefallen.“

Was eitle (oder schon egomane?) Selbstbespiegelung angeht, ist Goetz von Matussek so weit nicht entfernt. Der Unterschied ist, dass ersterer sehr gut beobachtet, im Detail und in positivem Sinn unpolitisch, und deshalb das plattmachende Klischee, vielleicht ironisierend gemeint, hin und wieder braucht, als Ausbruch aus der Genauigkeit.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Blogs, Literatur abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Rainald Goetz über Matthias Matussek: „Komplett über seine geistigen Verhältnisse“

  1. MondoPrinte schreibt:

    Schöner Beitrag. Danke. Noch eine Anmerkung: Matusseks – nicht erst jüngster – Flirt mit dem Betonkatholizismus hat ebenfalls so viel geistige Tiefe wie ein Bekenntnis zur Una Sancta, weil man so gern Mafiafilme schaut… eine weitere Variante der leicht verschmitzten Anti-PC… so untheologisch, antitheologisch und eitel, das man nicht einmal schreien möchte.

    Gefällt mir

  2. genova68 schreibt:

    Ich würde das Buch von Matussek nicht lesen, weil man davon ausgehen kann, dass es nichts taugt. Allerdings hatte ich in einem Interview mit ihm das Gefühl, dass er das Mystische, das nicht Greifbare, den Weihrauch etc. bei der Kirche schätzt. Das hat mich angesprochen. Deshalb gehe ich auch gerne an Weihnachten in eine Christmette in einem fetten Dom, wo es noch ordentlich qualmt.

    Aber du, Mondoprinte, bist ja vom Fach, wenn ich mich richtig erinnere. Was soll ich dir da sagen?

    Gefällt mir

  3. genova68 schreibt:

    Passt auch: Die FAZ meint, Matussek habe vom Katholizismus „erstaunlich wenig Ahnung“:

    http://www.faz.net/artikel/S30405/matthias-matussek-das-katholische-abenteuer-der-ich-schlag-zurueck-katholizismus-30456837.html

    Gefällt mir

  4. MondoPrinte schreibt:

    Katholizismus als Selbstfindungstrip? Das ist es eben nicht, um das es gehen soll. Kirche als Ort, wo man gern hingeht? Nicht nur… Kirche ist nicht dazu da, dass Herr Matussek sich ausleben kann, sondern damit, wie man aus glauben wollender Perspektive sagen könnte, das Wort Gottes in der Welt sein kann. Meine Meinung…ganz bescheiden.

    Gefällt mir

  5. Nihilist schreibt:

    Nun, die katholische Kirche ist ein Sammelbecken für Phädophile und andere (Geldwäsche der Vatikanbank und so weiter) Gangster. Krimminelle Vereinigung sozusagen.

    Gefällt mir

  6. genova68 schreibt:

    Selbstfindungstrip? Ich wollte nur sagen, dass mich der Weihrauch und die schallende Orgel noch am ehesten interessiert. Das Mystische, das Symbolische, die Riten. Jedesmal, wenn ich in einer modernen evangelischen Kirche bin und bei der Predigt jedes Wort verstehe, wird mir unwohl. Weihrauch mit einer bewusstseinsfördernden Stimulanz angereichert hätte schon was.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.