„Buongiorno Italia: c´è un Paese nuovo“

Einen unerhörten Akt emanzipatorischen Verhaltens könnte man das nennen. Oder einfach geil. In Italien wurde über Pfingsten eine Volksbefragung durchgeführt. Es ging um drei Fragen:

  • Privatisierung der Trinkwasserversorgung
  • Bau von AKWs
  • mögliche Selbstbefreiung Berlusconis von privaten Gerichtsterminen

Die Hürden waren hoch. Eine Volksbefragung gilt in Italien nur dann als erfolgreich, wenn mindestens 50 Prozent der Wahlberechtigten teilnehmen. (Zum Vergleich: Bei dem Berliner Volksentscheid zur Zukunft des Flughafens Tempelhof, bei dem die Medien wochenlang aus allen Rohren schossen, lag die Wahlbeteiligung bei 34 Prozent.)

Die Beteiligung in den italienischen Regionen lag durchweg zwischen 50 und 60 Prozent, vorneweg erwartungsgemäß die traditionell linke Emilia-Romagna (69 Prozent). Schlusslicht bei der Beteiligung ist skurrilerweise die Provinz um das kalabrische Städtchen Crotone (49 Prozent), das als Hauptstadt der Mafia gilt. (Und das, obwohl alle berlusconihörigen Medien – also vor allem die wichtigsten TV-Stationen – die Abstimmung auf Geheiß des Imperators im Vorfeld ignorierten. Es wurde einfach nicht berichtet, dass eine Volksabstimmung vor der Tür steht.)

Die Zustimmung ist grandios, siehe das Bildchen oben (zum Vergrößern anklicken): 95 Prozent sind gegen die Privatisierung der Trinkwasserversorgung, 94 Prozent gegen den Bau neuer AKWs, 95 Prozent gegen Berlusconis Gesetze für den Eigenbedarf.

Das ist auch deshalb so bemerkenswert, weil drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen wurden.

  1. Gegen neue AKWs ist selbstredend ein Erfolg, das muss man nicht erklären.
  2. Gegen die Privatisierung der Trinkwasserversorgung freut mich noch mehr, denn hier geht es um ein typisch neoliberales Projekt: Selbst die Versorgung mit dem Grundstoff überhaupt kann nun nicht in die Hände privater Konzerne gelegt werden, die nur das Gesetz der Rendite kennen und damit langfristig entscheiden können, wer verdurstet und wer nicht. Das Ergebnis ist eine klare Kante gegen den allmächtigen Anspruch des Kapitals, die Welt in eine Ware zu verwandeln.
  3. Und natürlich eine Ohrfeige für Berlusconi, der wie niemand sonst für diese Politik der privaten Profite steht, für die eine korrupte Grundhaltung unerlässlich ist. Allerdings auch nicht mehr als eine Ohrfeige. Der wurde ja schon oft totgesagt.

Es ist dies das emanzipatorische Italien, das zumindest ich des öfteren kennengelernt habe. Eine Demo gegen Berlusconi mit einer Million Teilnehmern in Rom? Überwiegend von Kommunisten getragen? Kein Problem! Ein Generalstreik, wie erst vor vier Wochen wieder? Wird gemacht! Italien ist nach meiner Erfahrung eine Gesellschaft, die Politik offener diskutiert als hier, es wird mehr geplappert, ob am Strand oder im Café.

Und jetzt zum Italiener, eine Scheibe abschneiden.

(Alle Informationen sowie das Bildchen habe ich aus der Repubblica. Die Überschrift ist aus der L´Unità geklaut)

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5 Antworten zu „Buongiorno Italia: c´è un Paese nuovo“

  1. HF schreibt:

    Wäre schön, wenn das den Abgang von B. beschleunigt!

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  2. Bunga Bunga schreibt:

    Ach, der Mann ist doch geil! Gibt Sexpartys, klüngelt herum, manipuliert… und ist immer noch Präsident! Ach ja, scharfe Stuten hat er auch. Ich meine, so etwas muss man erstmal schaffen. Als Mann und als Präsident ;-) Sein Volk kann einem jedoch durchaus leid tun.

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  3. genova68 schreibt:

    HF,
    ja, aber wichtiger finde ich die Erkenntnis, dass die italienische Zivilgesellschaft sich in entscheidenden Situationen nicht unterkriegen lässt. Dass Berlusconi mit seiner Medienmacht viele Anhänger generiert, wie soll man das in den Griff kriegen?

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  4. summacumlaude schreibt:

    Trotzdem ermutigend das Wahlergebnis.
    Ich habe übrigens das PHÄNOMEN Berlusconi noch nicht wirklich durchschaut. Worin besteht es? Offenbar ist er der Prototyp des Imperators im 21.Jhd.
    Er erleidet Niedrlagen – immer wieder – aber er ist noch da. Warum?

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  5. genova68 schreibt:

    Tja, das Phänomen Berlusconi. Ich kann nur schreiben, was mir dazu einfällt, ich bin ja selten vor Ort.

    Es hängt auf alle Fälle damit zusammen, dass, wie erwähnt, Berlusconi eigene TV-Sender besitzt und über manche RAI-Programme viel Einfluss hat. Der ruft ja sogar in Livesendungen an und beschwert sich über die Berichterstattung. Wenn über etwas nicht berichtet wird, das ist in unseren aufmerksamkeitsökonomischen Zeiten die beste Möglichkeit, das unter den Tisch fallen zu lassen.

    Es hängt wohl auch mit einem gewissen italiensichen Machismus zusammen, Berlusconis Frauengeschichten, seine Darstellung als omnipotenter Supermann. Das finden wohl insgeheim oder offen viele dort gut, das wäre hier im protestantischen Norden unmöglich. Andererseits spielen da auch unsere Klischees über Italien rein.

    Berlusconi stellt eine prima Mischung dar: Er ist Milliardär, also ein Vorbild für die, die sagen, dass ein Milliardär erfolgreich ist, weil er ja sonst keiner wäre, und schon deshalb regieren soll. Er ist Linkenhasser, was ihn für den Kleinbürger aus dem Milliardärsdasein heraus glaubwürdig erscheinen lässt, denn er ist ja auch deshalb Milliardär, weil er kein Linker ist. Er ist bei Bedarf volkstümlich und trällert vor laufender Kamera neapolitanische Volkslieder.

    Er hat schon immer die Tellerwäscher-Millionär-Story vertreten und ist somit Vobrild für all die Deppen, die das gerne schaffen möchten.

    Er kam nach oben, als das parteipolitische Italien sich aufgelöst hatte. Man stelle sich einmal vor, hier würden CDU und SPD und FDP sich auflösen, aufgrund extremer Verstrickung in die organisierte Kriminalität, Merkel würde angeklagt und nächtens ins Ausland fliehen, und dann kommt irgendsoein Springer- oder Berltelsmann- oder Holzbrinck-Milliardär. Was wäre dann?

    Die Italiener lesen kaum Zeitung, Informationsbeschaffung läuft übers Fernsehen. Die sind in Teilen überhaupt nicht informiert.

    Wahrscheinlich sind Italiener an Korruption auch eher gewohnt, wegen Mafia. Man kriegt das ja in Süditalien teilweise offen mit: In ein Restaurant kommt der örtliche Mafiosi mit seiner Familie und wird extrem zuvorkommend bedient.

    Wichtig dabei finde ich aber den Aspekt, dass in Italien nichts so heiß gegessen wird, wie man es kocht. Im Zweifelsfall wird eher vor Ort entschieden, was gerade geht. Und es gibt einen riesen Unterschied zwischen Nord und Süd. In Kalabrien erzielte Berlsuconi immer die besten Ergebnisse, wo arme Leute wohnen und der Machismo am stärksten ist. In der Toskana oder der Emiglia-Romana hatte Berlusconi nie eine Chance.

    Und es gibt auch sowas hier:

    https://exportabel.wordpress.com/2009/12/09/no-berlusconi-day-italiens-blogger-proben-den-aufstand/

    Wie sieht das in Deutschland aus?

    Soweit das, was mir gerade flott einfällt.

    Ansonsten:

    https://exportabel.wordpress.com/category/italien/

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