Jargon der Verachtung: Nicht nur Kernspaltung ist gefährlich

Schön ausgedrückt im Freitag:

Es ist enttäuschend, wie wenig Grüne und Sozialdemokraten ihre Mehrheit in der Bevölkerung nutzen, um soziale Inklusion und gleichwertige Teilhabe als Leitbilder in der Gesellschaft zu verankern. Sie drücken sich vor der historischen Aufgabe, das Schulsystem aus seiner ständischen Tradition zu befreien und zu demokratisieren. Dabei ist nicht nur Kernspaltung hochgefährlich, sondern auch ein gespaltenes Schulsystem, das die vorhandene gesellschaftliche Kluft vertieft.

Das sagt Brigitte Schumann, von 1990 bis 2000 bildungspolitische Sprecherin der Grünen im Landtag von NRW. Ein Teil der bürgerlichen Wähler, die Grüne und SPD in Regierungen wählen, bevorzugen offenbar ein „Schulsystem aus ständischen Traditionen“ und gegen bei Bedarf mit Bürgerentscheiden gegen dessen Abschaffung vor. Die Gucci-Eltern in Hamburg haben es vorgemacht. „Das Gymnasium und die frühe Trennung der Kinder nach Leistung und Herkunft wurde mit einer aggressiven Angstkampagne verteidigt“, schreibt Frau Schumann zur Hamburger Volksinitiative vom letzten Jahr weiter.

Neoliberale Politik und Demagogie sorgen seit vielen Jahren dafür, dass Fundamente bröseln, vor allem in den Köpfen. „Sachzwänge“ sorgen erst dafür, dass die da unten immer weiter deklassiert werden, woraufhin Lösungsansätze skurrilerweise immer unmöglicher werden. Da kommen auch Bildungspolitikerinnen wie Frau Schumann und die sicher noch vorhanden sozialpädagogischen Ansätze in der SPD  nicht weiter. Man muss halt erstmal an sich denken:

Die Hamburger Vorgänge passen zu den Forschungsergebnissen des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer über den neuen Rechtspopulismus bei Besserverdienern. Zu den dabei beobachteten „Deutschen Zuständen“ gehört die schwindende Bereitschaft in den oberen Statusetagen, sozial Schwächere zu unterstützen. Stattdessen werden die eigenen Privilegien immer aggressiver verteidigt. Es hat sich ein Jargon der Verachtung, der Legitimation sozialer Ungleichheit breit gemacht – in der Politik, den Medien, der Wirtschaft und auch der Wissenschaft.

Stattdessen: Ersatzthema Atomkraft. Es ist halt einfacher, sich für die Abschaltung der AKWs auszusprechen und sich damit als irgendwie sozial zu positionieren.

AKW und Klimapolitik als weiche Bekenntnismöglichkeiten in Zeiten, die härter werden.

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5 Antworten zu Jargon der Verachtung: Nicht nur Kernspaltung ist gefährlich

  1. Nihilist schreibt:

    ich sehe es nicht, das die Zeiten härter werden. Die Zeiten waren und sind immer so hart gewesen.

    Nur, der einzelne Mensch (kognitive Dissonanz) will es nicht erkennen, so lange er selber nicht zu den endgültigen Opfern gehört. Bis zu dem Zeitpunkt der Erkenntnis, es wird für mich nicht mehr besser, glaubt er, redet es sich schön (uns geht´s ja noch Gold – Kempowski), es trifft ja nur die Anderen. Mitmenschlichkeit wird ja schon früh ausgetrieben.

    Und so entsteht dann unter anderem die Politikverdrossenheit, oder Wahlverweigerung, schlimmstenfalls das Abdriften in Extremismus, und da ist auch die Religion eine Methode Extremist zu werden.

    Meine Ansicht, Demokratie kann nicht funktionieren (erkannte schon Platon) und entwickelt sich automatisch zur Tyrannis. Und zur Zeit leben wir nach meiner Meinung in der Tyrannei des Kapitals. Da befürworte ich eben eine Diktatur der Vernunft. Was mir schon Sperrungen oder Sperrandrohungen in Foren oder Bloggs eingebracht hat, die ich dann freiwillig nicht mehr nutze.

    Wie war der Ratschlag: Frage dich bei allem was geschehen mag, wer hat einen Nutzen davon.

    Nicht für diesen Blog, aber ich muss das mal loswerden. Ich habe den Eindruck, keiner liest die Daten im Impressum und googelt die dortigen Namen. Da können einem manchmal die Zweifel an der Ehrlichkeit der Beiträge des Bloggbetreiber. Unter falscher Flagge segeln da so einige. Wie war das mit den Pferden und der Apotheke?

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  2. genova68 schreibt:

    Die Sperrungsandrohung in einem Blog wegen der Befürwortung einer „Diktatur der Vernunft“ ist wahrscheinlich aus vernunftsdiktatorischen Gründen erfolgt. Lies mal die „Dialektik der Aufklärung“, vielleicht siehst du dann die Problematik des Begriffs. Oder rekurrierst du auf Heinrich Mann?

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  3. Nihilist schreibt:

    Lesen? Oh Mensch, ich hab so viele Bücher, die ich eigentlich noch lesen möchte, nach dem Tode meines Vaters „geerbt“, aber seitdem ich Internet habe fehlt mir die Zeit.

    Hab aber inzwischen wenigstens schon die Buddenbrooks und Ulysses durch.

    Aber ich bin wirklich für eine Diktatur, denn sehe einen großen Unterschied zwischen einer Tyrannis und einer Diktatur.

    In einer Tyrannis, nein, da möchte ich nicht leben. Dumm nur, das ich in einer solchen doch leben muss, den Harakiri will ich nicht machen. Oder bestreitet hier jemand das wir Weltweit in einer Tyrannei des Kapitals leben?

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  4. twmia schreibt:

    Einfach mal applaudier, denn genau das trifft die Situation unserer deutschen Schullandschaft perfekt. Die Hamburger Vorgänge verdeutlichten vielmehr, dass hier inzwischen verschiedene Bürgerliche Lobbies ihre Interessen durchzusetzen versuchten. Und wer sich die verschiedenen Positionen genau angesehen hat. Egal wie der Volksentscheid ausgegangen wäre, es wären die Kinder aus den sozial tieferen Schichten auf der Strecke geblieben.
    Das war das erschreckende an den Hamburger Vorgängen, dass es nur darum ging welche der bürgerlichen Gruppierungen am Ende bevorzugt dasteht.

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  5. genova68 schreibt:

    Ich leite den Applaus an Brigitte Schumann weiter ;-)

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