An einem Sonntag in Berlin

Mein Dilemma:

Während auf dem Podium am Sonntag Morgen der Zeigefingerzeiger Niko Paech über den umweltschädlichen Fleischkonsum wettert und die „desaströse“ EU-Subventionspolitik angreift, fällt mir ein, dass ich für das sonntägliche Grillen noch ein saftiges Steak besorgen muss.

Das ist das erste, was mir drei Wochen nach dem attac-Kongress „Jenseits des Wachstums“ an der TU Berlin dazu in den Kopf kommt. Das zweite ist, dass Niko Paech gut reden kann und sich gerne reden hört und wohl aus diesen beiden Gründen viel erzählt, auch viel grünen Blödsinn. Beispielsweise, dass jeder Einzelne sich um seinen Carbonfootprint kümmern solle, dann werde das schon. Jeder ist seines Fußabdrucks Schmied. Die Neoliberalen lassen grüßen. Professor Paech redet auch gerne von Verzicht als Tugend und von Durchschnittswerten. Man möchte ihm ein wenig Robert Pfaller vorlesen.

Die Paech-Fraktion ist stark vertreten auf diesem Kongress, was wohl damit zusammenhängt, dass er auch von der Heinrich-Böll-Stiftung finanziert wurde. Überhaupt haben die Stiftungen dem Kongress ihren Stempel überdeutlich aufgedrückt. Die vielen Einzelveranstaltungen sind eigentlich keine von attac, sondern entweder sozialistisch (Rosa-Luxemburg-Stiftung), gewerkschaftlich-kämpferisch (Otto-Brenner-Stiftung) oder eben elitenhaft-ökoliberal (Böll) bestimmt. Die ebenfalls finanzierende Friedrich-Ebert-Stiftung ist mir nicht weiter aufgefallen.

Besonders die Böll-Stiftung betreibt muntere Eigenwerbung. Es sind bei denen viele junge Menschen, für ihr Alter arriviert, studentisch, akademisch, die nun irgendwas von Verzicht erzählen, von green washing, und von Politik nichts begriffen haben. Es ist die Elite von morgen: weich, freundlich, sanft. Ihre Sprache ist ebenso und gefüllt mit Füllseln. „Räume zum experimentieren“ ist besonders beliebt, natürlich bildhaft gemeint. Dazu Frauen und Männer, die durchgehend in der -innen-Form reden. Der Sozialpsychologe Harald Welzer will diesen Menschen den Begriff der Entschleunigung näherbringen, muss dann aber schnell weg, weil er am Abend in Hannover noch Skat spielen will.  Mit dem ICE und Tempo 250 hat er es sicher geschafft. Der kritische Theoretiker Alex Demirovic sitzt auch auf einem Böll-Podium, hält sich aber zurück. Postwachstum scheint nicht so ganz sein Thema zu sein.

Jedenfalls sind sich alle einig, dass es mit dem „Wachstum“ so nicht weitergehen kann, denn die Erde ist endlich. Genauer gesagt, fast alle, denn den Gewerkschaftlern ist das schnurz. Dummerweise wird während des gesamten Kongresses kein einziges Mal ernsthaft die Frage diskutiert, was Wachstum eigentlich ist, insbesondere Wirtschaftswachstum, was quantitatives von qualitativem Wachstum unterscheidet und warum ausgerechnet jetzt die Zeit des Wachstums vorbei sein soll und nicht erst in, sagen wir, fünfzig Jahren oder warum sie nicht schon vor fünfzig Jahren vorbei gewesen ist.

Die Gewerkschaftler auf dem Kongress haben mir am besten gefallen. Ein Dierk Hirschel lässt sich von den Postwachstumsplapperern nicht so schnell aufs Glatteis führen, wissend, dass das Kapital genauso argumentiert. Volkstümlich heißt das „den Gürtel enger schnallen“. Gerade attac hat sich dieser Logik mit dem Claim „Es ist genug für alle da“ bislang widersetzt. Wollen wir hoffen, dass jetzt keine protestantischen Sauertöpfe das Regiment übernehmen. Ein Mensch, der die Welt retten will, ist mir suspekt.

Auf der Abschlussdiskussion am Sonntag Mittag wurde es dann schön gefühlig, vor allem, als das Lied zum Kongress erklang, das Wir sind Helden attac geschenkt haben: „Alles auf Anfang“, inklusive Video. Nett.

Nach dem Kongress, am frühen Nachmittag, gerate ich ein paar Kilometer von der TU entfernt, aber immer noch auf derselben Straße, die „Straße des 17. Juni“ heißt, in ein Radrennen. Tausende Menschen stehen bei schwüler Luft in der Sonne und warten darauf, dass Radfahrer vorbeiradeln. Nach einer Viertelstunde kommen sie, nach zehn Sekunden sind sie weg. In der Viertelstunde werde ich von einem Moderator zwangsinformiert. Er plappert pausenlos und über Lautsprecher verstärkt davon, dass Skoda das Rennen sponsort, darüber, mit welchen Modellen die da unterwegs sind, und er blickt dauernd auf die „Festina-Uhr“. Er ist wie ich der Meinung, dass dieses Berliner Publikum „unglaublich“ ist, wenn auch vermutlich aus anderen Gründen. Nach der Viertelstunde und vor den zehn Sekunden fragt er mit enthusiastischer Stimme: „Berlin, are you ready?“ Es ist dieser Typ Moderator, der einem im Privatradio begegnet, in Trailern von Filmen, die in UCI-Kinos laufen, und bei Home Shopping Europe, diese Menschen mit stählernen, unglaublich männlichen Stimmen, irgendwie faschistisch. Pausenlos reden, ohne auch nur eine einzige irgendwie sinnvolle Information zu vermitteln. Außer mir scheint das niemanden zu stören. Charaktermasken.

Aus den Lautsprechern dröhnt nicht nur der Moderator, sondern auch Wir sind Helden: „Bitte gib mir nur ein Wort“.

Die Polizistinnen und Polizisten, die herumstehen, tragen kugelsichere Westen. Auf meine Frage, warum, antwortet eine: „Det muss so sein, man wees ja nie“. Ich halte das für übertrieben. Der Moderator hätte die Weste dringender gebraucht. Zumindest, solange ich vor Ort war.

Oder die Mitglieder des Bild-Teams:

Thomas Bernhard hätte geschossen, denke ich mir, und auch, dass ich nicht Thomas Bernhard bin.

Weiter ein paar Kilometer die Straße entlang, die nun „Unter den Linden“ heißt. Dort befindet sich die Humboldt-Universität, wo an dem Wochenende ein Kongress zu Karl Marx ausgerichtet wird. In Berlin ist ja immer was los. Die Menschen bei Marx sehen anders aus als beim Radrennen, aber auch anders als bei attac. Viele junge Leute, ein paar alte DDR-ler, Frauen, die sich in ihrem Outfit an Rosa Luxemburg bzw. Sarah Wagenknecht orientieren und ein drahtiger Chinese im Feinripp-Unterhemd und Kappe mit rotem Stern drauf. Es geht an diesem Sonntag Nachmittag um dichte ethische Begriffe, die von dünnen abgegrenzt werden, und um Klassenkampf. Der kritische Theoretiker Alex Demirovic ist auch da, er sitzt jetzt nicht auf dem Podium, sondern unter den Zuschauern und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Ob er auf seinem Weg von attac zu Marx bei dem Radrennen und dem Moderator vorbeikam, ist nicht bekannt.

Während also auf dem Podium von dichten und dünnen Begriffen und von Klassenkampf die Rede ist, fällt mein Blick durchs Fenster des Senatssaals nach draußen auf die Dachterasse des Luxushotels „Roma“. Die „best available suite including breakfast and pillow menu“ kostet 650 Euro pro Person und Nacht, lese ich gerade im Netz. Dort übernachten vermutlich weder die attacies noch die Marxisten. Die Radfahrer wohl auch nicht. Höchstens der Moderator, der da oben unter einem Sonnenschirm das saftige Steak essen könnte, das ich mir doch nicht besorgt habe, weil ich mich zuerst mit den Radfahrern beschäftigte und  jetzt bei den Marxisten hocke.

In diesem Moment kommt unten auf der Straße eine kleine Demonstration vorbei:

Klassenkampf statt Weltkrieg, da stimmen die Marxisten garantiert zu. Die attacies auch, wobei die Böllianer mit dem Argument geködert werden müssten, dass ein Weltkrieg umweltschädlich ist, Ressourcen verbraucht und das Wachstum ankurbelt. Wie die Radfahrer zu der Forderung stehen, weiß ich nicht. Dem Bild-Team käme der Weltkrieg publizistisch sicher eher entgegen.  Der Moderator jedenfalls würde sowohl den Klassenkampf als auch den Weltkrieg moderieren. Hauptsache, Skoda sponsort das Event und Wir sind Helden machen den Song dazu.

Die Polizisten wären mit ihren kugelsicheren Westen so oder so auf der sicheren Seite. Man wees ja nie.

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7 Antworten zu An einem Sonntag in Berlin

  1. reinhardt schreibt:

    Thomas Bernhard hat aber doch immer nur verbal geschossen – so hoffe ich und meine mich zu erinnern.

    Aber Spaß beiseite: Thomas Bernhard finde ich einmalig und er ist eine Klasse für sich.

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  2. InitiativGruppe schreibt:

    Ich platziere mich da in der Mitte zwischen exportabel + Gewerkschaftern und den Grünen.

    Ich will beides:

    1. ökologisch radikale Umwandlung, Schrumpfungsprozesse bzw. Grenzen des Konsumierens, Willen zum Verzicht (also alles, was Anti-Grüne „Ökofaschismus“ nennen)

    aber auch

    2. soziale Gerechtigkeit und sinnlichen Lebensgenuss, mehr Mittelschicht und weniger Unter- und Oberschicht

    Beides nicht als Weltrettungsprogramm, sondern pragmatisch nach Möglichkeit und mit Vergnügen daran, dass es unterschiedliche Präferenzen gibt und dass man als Mensch nicht immer konsequent denken und handeln wird.

    1. setzt übrigens 2. voraus:

    Es ist eher die Mittelschicht, die ökologisch denkt, also muss Leo der Ökologe auf Leo den Sozialisten setzen, der die Armen reicher und die Reichen ärmer macht und so einen größeren Prozentsatz in der potentiell ökologischeren Mitte versammelt.

    Dass nur ein Genießer ein gesunder Mensch ist – diese epikuräische Einsicht liegt gerade einem Ökologen nahe. Stress macht krank, genauso wie Pestizide oder zuviel Radioaktivität. Kann man ein Ökologe sein und zugleich verbiestert genussfeindlich? Das gibt es natürlich auch, aber es scheint mir ein Widerspruch zu sein, grade so wie ein Sozialist im Mercedes.

    Ökologisches Verhalten kommt auch darin zum Ausdruck, dass man weniger arbeitet, dadurch weniger verdient, dadurch weniger kaufen kann, aber mehr Zeit hat, entspannt Sinnvolles zu tun, das nichts oder nicht viel kostet. Zum Beispiel das Leben genießen. Klar, dass das schwierig ist, wenn man alleinerziehende Mutter auf Hartz IV ist. Drum sag ich: 1 setzt 2 voraus.

    Aber ich möchte mit 1 nicht warten, bis 2 realisiert ist.

    (Das, genova68, wär meine KRITISCHE Anmerkung zu deinem sehr lesenswerten Text.)

    Politisch: Ich bin Grüner und bleib Grüner, aber ich wünsch mir eine starke, pragmatische, vernünftige soziale Linke, sei es als Die Linke, sei es als SPD. Ich will beides haben, 1 und 2.

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  3. genova68 schreibt:

    reinhardt,
    Thomas Bernhard hat oder hätte nur verbal geschossen. Ohne diesen Kunstgriff im Hinterkopf hätte ich die Anspielung nicht verwendet.

    IG,
    bleib du Grüner, da muss es ja auch ein paar Vernünftige geben ;-)
    Ich stimme dir auch in allem zu, was du da schreibst. Es war auf dem Kongress nur so, dass die Wachstumskritiker fast durch die Bank rein ökologisch argumentierten und nicht sozial, und das kann man halt eher, wenn man wie Paech eine nette Professur hat. Das Ökologische kann ohne das Soziale nicht gedacht werden, sonst ist man schnell bei Leuten wie Meinhard Miegel, der neuerdings auch behauptet, Wachstum sei nicht mehr drin und deshalb müssen Sozialleistungen gestrichen werden. Im übrigen hat Paech (ich glaube, es war Paech) auch gesagt, dass die Wähler der Grünen und die Leser der taz den größten Carbonfootprint haben.

    Wenn 1. Nummer 2 voraussetzt, dann ist die nächste Frage die der praktischen Umsetzung dieser Einsicht. Und da kann ich nicht den individuellen Fußabdruck als Maßstab nehmen, denn das ist nicht politisch, sondern Ausdruck neoliberaler Vereinzelungslogik, ökologisch eingefärbt. So gesehen ist der Hartz-IV-Bezieher vorbildlich und sollte in seiner Situation am besten verharren. Gerade in Deutschland halte ich so eine Haltung für problematisch, weil es hier ja die verbreitete Ansicht gibt, nach der der Mensch nicht so wichtig ist, Hauptsache der Wald stirbt nicht. Beides muss in Einklang zu bringen sein. Ob das über einen „green new deal“ geht oder nur, wenn man die Systemfrage stellt, ist die Frage.

    Ansonsten war der Artikel motiviert von dem postmodernen Eindruck dieses Sonntags. attac feiert mit 2.500 Menschen eine neue Politik, international ausgerichtet, ein paar Kilometer weiter feiert sich das kulturindustrielle Debakel und nochmal ein paar Kilometer weiter kulminieren diese Gegensätze geradezu grotesk. Der Moderator mit seiner kapitalgesteuerten Idiotie (kein Satz ohne Markennennung oder zwangshumoreske Durchhalteparolen) markierte für mich so eine Art Massenbewusstsein, auf das sowohl die attacies als auch die Marxisten Einfluss nehmen wollen.

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  4. Bersarin schreibt:

    Ich mache mal einen Like-Button, obwohl ich dieser Art der Kommunikation eher wenig denn viel abgewinnen kann. Doch momentan ist die Zeit knapp. Immerhin habe ich noch die Zeit gefunden, diesen Text zu lesen. Und auch zu Pfingsten wünsche ich saftige Steaks. Ich halte es genauso und pflege mit dem ehemals progressiven H. M. Enzensberger zu sagen: „Ich bin doch nicht der Lappen, mit dem man die Welt putzt!“

    So, und ich gehe mir jetzt einen Grauburgunder einschenken, verweise zudem in auf die Hedonistische Internationale in Berlin und auf den dort stattfindenden Kongreß:
    http://hedonist-international.org/worldcongress2011/

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  5. genova68 schreibt:

    Schöne Sache, dieser Hedonistenkongress. Vor allem, dass man da spontan Vorträge halten darf. Eine Veranstaltung für Blogger, sozusagen :-)

    Das mir dem Lappen ist ein guter Satz, werde ich mir merken.

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  6. genova68 schreibt:

    Interessanter Text zum Thema von dem attac-Prominenten Werner Rätz:
    http://blog.jenseits-des-wachstums.de/wp-content/uploads/2011/06/P07_Beitrag_Raetz_Kein_perso%CC%88nlicher_Verzicht.pages_1.pdf

    Einer, der den Überblick hat.

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  7. Besucher schreibt:

    Bei den Grünen Mittelstandsnachwüchslern wundert es einem immer wieder wie sie sich auf einem so hohen Niveau selbst belügen können. Aber es geht.
    Elite werden die definitiv nicht. Da muss man aus anderem Holz geschnitzt sein.

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