„Religion, Sitte, Ordnung und Anstand im Lande“ sind gewährleistet

Mal wieder viel zu spät, aber egal.

Michael Thalheimer inszenierte im Deutschen Theater in Berlin Anfang des Jahres Gerhart Hauptmanns Die Weber und Sigmar Gabriel sitzt im Publikum und applaudiert. Was ist da schiefgelaufen? Ist da was schiefgelaufen? Es geht hier ja nicht einfach um die Frage, was Kunst ist, soll, kann, sondern es geht um einen explizit politischen Ansatz von Kunst. Kunst muss nicht politisch sein, sie kann es aber, und vor diesem Hintergrund sollten Die Weber betrachtet werden.

Heute applaudiert Gabriel, wenn die Weber zur Revolution aufrufen, zum blutigen Sturz des Kapitalisten Dreißiger (Hauptmann nimmt hier Bezug auf den realen Fabrikanten Zwanziger und den Weberaufstand von 1844). Ein applaudierender SPD-Chef Gabriel wäre bei der Uraufführung des Stücks 1894, ebenfalls im Deutschen Theater, nicht möglich gewesen. Nicht in seiner jetzigen objektiven Rolle als Vertreter des Kapitals. Damals saß der SPD-Chef Wilhelm Liebknecht im Publikum, der vom Sozialistengesetz in Form von Ausweisungen und Gefängnishaft betroffen war. Es wäre wohl vorschnell, Gabriel Lust auf ein neues Sozialistengesetz gegen die, die sich heute Sozialisten nennen, zu unterstellen, aber irgendwie kam mir gerade der Gedanke.

Die Aufführung vor 117 Jahren war ein Politikum und schlug hohe Wellen. Der anwesende Kaiser Wilhelm II. kündigte ob des Stücks seine Loge, Liebknecht wehte mit einer roten Fahne herum und viele Kritiker riefen mehr oder weniger deutlich zum Verbot der Aufführung auf. So schrieben die Hamburger Nachrichten am 30. September 1894:

„Ich stehe, obwohl ich wahrhaftig keinerlei „reactionaire“ Neigungen besitze, entschieden auf dem Standpunkte, das es besser gewesen wäre, in Zeiten wie den heutigen ein solches Stücke nicht zu geben. Es ist immer gefährlich, mit dem Feuer zu spielen.“

Und Otto Elster meinte in der Neuen Preußischen Zeitung vier Tage zuvor:

„Auch der letzte Trost, der Hinblick auf die Ewigkeit, auf die göttliche Vorsehung, auf die ewige Vergeltung soll den Armen geraubt werden… Es gibt einen Trost selbst im tiefsten Leiden, und diesen Trost sollte wenigstens der Dichter dem Volke nicht zu rauben suchen.“

Die Auseinandersetzungen um die Weber wurden sogar im Preußischen Abgeordnetenhaus debattiert. Innenminister Ernst von Kröller war am 21. Februar 1895 der Ansicht,

„dass die Theater im Laufe der Jahrzehnte das, was sie sein sollten,  – eine Bildungsstätte zur Förderung von Sitte, eine Stätte zur Förderung historischer Erinnerungen, zur Förderung, kurz gesagt, alles Guten und Edlen – schon lange nicht mehr sind.“

Sondern Orte,

„denen es nicht mehr darauf ankommt, gute Sitte und edlen Sinn zu nähren und zu pflegen, sondern denen es darauf ankommt, möglichst viel zu verdienen, selbst auf die Gefahr hin, die Moralität des Volkes zu ruinieren.“

Deshalb solle man

„die Regierung unterstützen, für Religion, Sitte, Ordnung und Anstand im Lande wieder Boden zu schaffen und den Elementen, die das untergraben wollen, auf das allerenergischste entgegenzutreten.“(Lebhaftes Bravo rechts und im Centrum.)

Die Aufführung des Stückes wurde tatsächlich an vielen Orten verboten.

Thalheimer inszenierte das Drama zwar vordergründig aggressiv, es wird ständig gebrüllt, aber das war´s auch schon. Das Hauptproblem: Nichts erinnert an heute, die Weber sind historische Figuren, deren Elend klar zum Ausdruck kommt, aber eben eines von 1844. Dazu trägt bei, dass alle Figuren schlesisch reden, was zwar den Vorteil hat, dass man einmal zu Gehör bekommt, wie dieser Dialekt klang, aber das zu vermitteln ist nicht die Aufgabe der Weber. (Und man versteht nur die Hälfte.) Sie vermitteln bei Thalheimer eher das wohlig-schaurige Gefühl, wie schlimm es doch damals war und wie wenig Grund man heute hat, sich zu beschweren. Ein Anti-Weber sozusagen. Die bühnenbreite Treppe, die überdeutlich die Hierarchisierung der Gesellschaft aufzeigt, hat etwas Plakatives, das kein Schwein aufregt. Gabriel freute sich zurecht. Es muss ja keiner mehr einen Hund schlachten, weil er kein Geld für Fleisch hat. Der Sozialdemokratie sei Dank.

2005 inszenierte Volker Loesch die Weber in Dresden, und zwar wesentlich aggressiver. Er ersetzte die Weber durch Hartz-IV-Empfänger und rief zur Tötung von Sabine Christiansen auf. Die Reaktionen im Publikum und in der Öffentlichkeit waren ähnlich wie 1894. Ich will nun nicht behaupten, dass die Inszenierung eines Klassikers notwendig aktualisiert daherkommen muss, aber ich würde in diesem Fall schon das Pferd von vorne aufzäumen: Einem Stück wie die Weber wird der entscheidende Stachel genommen, wenn die herrschende Klasse es beklatschen kann. Und wie soll man mit einem naturalistischen Stück heute umgehen? Es ausstattungtechnisch „entnaturalisieren“, aber ausgerechnet die historische Sprache, den Dialekt, beibehalten?

Übrigens: Volker Kauder von der CDU hat die Weber auch gesehen. Er fand das Stück „toll“. Aber:

„Es eignet sich nicht für Klassenkampfparolen. Denn Verlierer sind ja nicht nur die Weber, sondern auch die Besitzer der Webereien, die noch keine Webmaschinen besitzen und pleitegehen, weil sie dem Konkurrenzdruck nicht mehr standhalten.“

Abgesehen vom ersten Satz ist das in der Tat eine Aussage von Hauptmann. Eine Kapitalismuskritik, die Kauder vermutlich versehentlich herausgerutscht ist. Dazu ließe sich soviel sagen, dass ich es bleiben lasse.

(Foto: abgeknipst von genova 2011)

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