Rainald Götz über Ursula von der Leyen

Wenn die Allzuvernünftigen allzu vernünftig und grausam überlegen lächelnd ihre Vernünftigkeitsvorstellungen über den von ihnen nur noch gleich einzurichtenden Vernunftzustand der Welt dazulegen anfangen, fangen die allergrellsten Alarmglocken zu schrillen an, das ist der Kern meines Einwandes gegen eine Figur wie Ursula von der Leyen. Vernunft macht den Einzelnen auch verrückt, weil sie eine zwangsgewalt ist, die vorgibt, wozu zuzustimmen ist, weil ja einzusehen ist, dass es vernünftig ist. Wenn der Exorzismus der Unvernunft allzu maßlos wird, kommt die Stabilität des gesamten Systems, das seine Ordnung einer Vernunftherrschaft unterstellt hat, in Gefahr. Gesellschaftliche Ordnung muss auch genügend Raum für Unvernumft vorsehen, sonst drehen die Leute an den Rändern durch.

(Rainald Götz, Klage, 2008)

Der Kern eines Einwandes gegen eine Figur wie Ursula von der Leyen könnte natürlich ein politischer sein, es handelt sich ja um eine Politikerin. Aber vielleicht kann man jemanden wie von der Leyen besser greifen, wenn man auf genau das zu sprechen kommt: Ihre unerbittliche, zwanghafte und nur vermeintliche Vernünftigkeit, gepaart mit einem süffisanten Lächeln, das sie noch dem letzten Hart-IV-Hanswurst als Vorbild empfehlen soll: Seht her, macht es so wie ich! Bekommt sieben Kinder, verdient sieben Millionen und habt maximal sieben Falten im Gesicht, aber nur ganz leichte. Ihr schafft das! Eine 70-Stunden-Woche und trotzdem eine tolle Mutter für ihre sieben Kinder.

Diese Vernünftigkeit kommt deshalb zwanghaft rüber, weil ihre Ansprüche nicht erfüllbar sind, wie auch. Sie ist höchstwahrscheinlich eine Rabenmutter. So wie Politiker in solch einer Situation Rabenväter sind. Diese leyensche Vernünftigkeit passt prima zur neoliberalen Logik des allseits kapitalschaffenden Menschen, der alles schafft. Wenn nicht, ist er selbst Schuld.

Und das ist wahrscheinlich die Botschaft, die sie uns übermitteln will.

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3 Antworten zu Rainald Götz über Ursula von der Leyen

  1. hanneswurst schreibt:

    Schönes Pamphlet – eine oft unterschätze Stilrichtung. Warum sind die Leute im Ölgeschäft eigentlich immer so schmierige Typen?

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  2. genova68 schreibt:

    Weil es sonst nicht flutscht.

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  3. Nihilist schreibt:

    Ich hoffe jedenfalls, mit dem Link keine neue „Informationsquelle“ zu liefern.

    Ich schaue da täglich nach:

    http://www.wdr.de/radio/home/podcasts/channelausspielung.phtml?channel=vonderleyens

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