Foltern in „Einklang mit dem Bildungsauftrag“: Stellungnahme der Uni Stuttgart zum Fall Mubarak

Vor ein paar Wochen habe ich einen Artikel über die skandalösen Reden geschrieben, die anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerwürde 2004 an Suzanne Mubarak, der Frau des kürzlich, äh, zurückgetretenen Präsidenten gehalten wurden. Ich habe den Artikel anschließend an die Erwähnten geschickt, also an Dieter Fritsch, Rektor der Uni Stuttgart, an Ulrich Müller, seinerzeit Minister im Staatssektretariat von Baden-Württemberg (CDU), und an Liz Mohn von der Bertelsmann-Stiftung.

Müller und Mohn haben es auch nach viermaliger Erinnerung vorgezogen zu schweigen. Die „Abteilung Hochschulkommunikation“ der Uni Stuttgart dagegen hat geantwortet.

Die Mail im Wortlaut:

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Sehr geehrter Herr xxx,

hier die Stellungnahme der Universität Stuttgart zur Verleihung der

Ehrenbürgerwürde an Suzanne Mubarak:

Die Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Suzanne Mubarak im Jahr 2004 erfolgte im Lichte der kooperativen Beziehungen zwischen Ägypten und Deutschland und wurde nach sorgfältiger Prüfung vom damaligen Senat nach bestem Wissen und Gewissen beschlossen. Die Auszeichnung erfolgte aufgrund des Engagement Suzanne Mubaraks im Sozial- und Bildungsbereich, unter anderem beim Aufbau der German University in Kairo sowie bei einer Initiative für den freien Zugang von Kindern und Jugendlichen zu Unterricht und Lernmitteln. Dieses Engagement steht im Einklang mit dem Bildungsauftrag der Universität.

Wir beobachten die weitere Entwicklung in Ägypten mit großer Aufmerksamkeit. Sollten neue Erkenntnisse um Suzanne Mubarak eine Neubewertung angezeigt erscheinen lassen, haben darüber die Universitätsgremien zu befinden.

Beste Grüße

xxx

Universität Stuttgart

Abteilung Hochschulkommunikation, Dez. I

xxx

Wissenschaftsreferentin

Tel. +49 (711) 685-82122

Fax +49 (711) 685-82188

———————————

Nach bestem Wissen und Gewissen und nach sorgfältiger Prüfung hat die Uni Stuttgart also die Ehrenbürgerwürde verliehen an eine Frau, deren Mann seit Jahrzehnten einem korrupten Staatsapparat vorstand, der dafür sorgte, dass er und seine Familie viele Milliarden an öffentlich erwirtschafteten Geldern privat abzweigen konnten, und dass eine winzige Minderheit extrem reich und die Masse extrem arm wurde bzw. blieb. Und verliehen an die Frau eines Diktators, der in den 30 Jahren seiner Herrschaft dafür sorgte, dass tausende Menschen totgefoltert wurden.

Das ist bei der Bewertung der sozialen Ader von Frau Mubarak offenbar Nebensache, denn sie hat ja beim Aufbau einer Uni geholfen. Mit wessen Geld eigentlich?

Worin besteht der strukturelle Unterschied zwischen diesem Gefasel und dem, was Diktatoren oder Mitläufer so alles erzählen, um sich reinzuwaschen, wenn die Diktatur zum Aufgeben gezwungen wurde? Husni Mubarak hat ja auch kurz vor seinem Abtritt noch via TV beteuert, dass er doch nur das Beste für sein geliebtes Volk wollte, sicher auch mit Wissen und Gewissen.

Der Unterschied ist vielleicht der, dass die Uni Stuttgart bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde aus freien Stücken gehandelt hat. Und weder Müller noch Mohn noch Fritsch wurden gezwungen, sich mit anbiedernden Reden auf die Seite einer folternden Diktatur zu stellen. Die haben das freiwillig gemacht. Und heute keine Spur des Bedauerns, nicht einmal die leiseste Kritik, sondern eine ausdrückliche Verteidigung, verpackt in eine Sprache, die mich nicht zufällig an George Orwell denken lässt.

Als weitere Kandidatinnen für die Ehrenbürgerwürde der Uni Stuttgart schlage ich vor: Die Frauen von Alexander Lukaschenko, Umar al-Baschir und Kim Jong-il. Die haben bestimmt auch schon mal irgendwo eine Uni miteröffnet oder zumindest einen Kindergarten. Natürlich nur nach sorgfältiger Prüfung und mit Wissen und Gewissen und allem drum und dran.

Aber vielleicht erhält die sympathische „Abteilung Hochschulkommunikation“ ja demnächst „neue Erkenntnisse“ über Frau Mubarak, da die ja die Entwicklung „mit großer Aufmerksamkeit“ beobachten. Wahrscheinlich wussten die bis jetzt gar nicht, dass Suzanne während der kompletten 30 Jahre die Frau von Husni war! Man kann ja nicht alles wissen.

P.S.: Ich gehe nicht davon aus, dass sich der CDU-Müller und die Bertelsmann-Mohn weniger heuchlerisch geäußert hätten.

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11 Antworten zu Foltern in „Einklang mit dem Bildungsauftrag“: Stellungnahme der Uni Stuttgart zum Fall Mubarak

  1. Nihilist schreibt:

    Ach Genova, was hast Du denn erwartet? Einsicht? Und wovon träumst Du Nachts? Oder geht es Dir wie mir, so wie es Heine ging: Denk ich an Deutschland in der Nacht …

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  2. bersarin schreibt:

    Noch viel interessanter an diesem Fall ist, daß solche Dinge von (kleinen) Blogs unternommen werden müssen und daß in den Medien, die das Immergleiche berichten, nichts geschieht. Ich denke, daß im Bereich des kritischen, investigativen Journalismus mehr und mehr Blogger eine Rolle werden spielen. (Und Aktionen wie diese gehören eigentlich viel mehr verbreitet.) Zeitungen wie „Die Zeit“ taugen allenfalls noch im Feuilleton. Mittlerweile lese ich dort nicht einmal mehr den Politikteil.

    Aber die Zeitungen werden sich aufgrund ihrer Abhängigkeiten von Bertelsmann und von den Anzeigenkunden hüten eine Schlagzeile wie „Mohn und Mubarak“ zu bringen, die – nebenbei – auch noch wunderbar alliteriert.

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  3. genova68 schreibt:

    Wir werden sehen, ob das jemanden interessiert. Die beiden großen Stuttgarter Zeitungen (Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten, beide gehören bemerkenswerter Weise zum selben Verlag) haben jedenfalls gerade jeweils eine Nachricht von mir erhalten.

    Meines Erachtens müsste alleine die Tatsache, dass der CDU-Müller sich hartnäckig weigert, sein Geplapper von damals zu kommentieren, einen Artikel wert sein. Wenn es diesen Zeitungen um ernsthaften Journalismus geht, wovon ich natürlich ausgehe…

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  4. Pingback: Genova über Suzanne Mubarak revisited « Kritik und Kunst

  5. summacumlaude schreibt:

    Congratulation

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  6. genova68 schreibt:

    Für meine furchtlose Recherche und Investigation? ;-)

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  7. summacumlaude schreibt:

    Für das Finden des Themas. So etwas findet nur der, der eben nicht krampfhaft sucht, sondern einfach nur die Augen offen lässt.

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  8. genova68 schreibt:

    Das stand vor ein paar Monaten in einem Nebensatz in der FAS, danach hat mich ein Student der Uni Stuttgart mit den online nicht mehr verfügbaren Redemanuskripten anlässlich der Preisverleihung versorgt. Diesem jungen Mann, dessen Name mir entfallen ist, gebührt Dank.

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  9. summacumlaude schreibt:

    …und demjenigen, dem vor ein paar Monaten ein Nebensatz in der FAS auffiel. Wieso eigentlich gibt es das Manuskript nicht mehr online? Da kontrolliert doch nicht etwa eine unbekannte Instanz das Internet?

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  10. genova68 schreibt:

    Doch, doch, eine unbekannte Instanz. Wahrscheinlich hängen die Amis und die Juden mit drin….

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  11. summacumlaude schreibt:

    … na dann! Kein Wunder!

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