Broder: hochbrisant und hochbekloppt

Eigentlich sollte man den Krawallpublizisten Henryk Broder ignorieren. Er schreibt in aller Regel fremdenfeindlichen Blödsinn für den rechten Stammtisch, skurrilerweise gerne als „pointierte Polemik“ bezeichnet. Immerhin, er hat mich gestern kurz genervt, das muss man ja auch erstmal schaffen, deswegen flott ein paar Zeilen.

Broder hat kürzlich in der Welt gezürnt, Thema war der Rücktritt des Projektleiters von Stuttgart 21, Hany Azer. Er wurde offenbar bedroht und angefeindet, wohl von unbekannt.

Dazu Broder:

Der neue Verkehrsminister von Baden-Württemberg, Winfried Hermann, selber gerade ein paar Tage im Amt, kommentierte den Vorgang mit den Worten, der Rücktritt des Projektleiters zeige, wie “hochbrisant” das Projekt Stuttgart 21 inzwischen sei.

Wir halten fest: Das einzige Wort, mit dem Broder den neuen Verkehrsminister zitiert, lautet „hochbrisant“. Dass das Projekt S 21 hochbrisant ist, ist ein Allgemeinplatz, den Befürworter wie Gegner unterschreiben würden. Eine Nullaussage, Politikersprech. Was macht Broder daraus? Das hier:

Nein, Sie haben sich nicht verlesen, das hat er gesagt, und weder sein Ministerpräsident noch irgendein anderer Politiker hat ihn für dieses Statement zur Ordnung gerufen.

Ja, wir haben uns nicht verlesen. Das ist ja das Problem. Denn wofür genau hätte man Hermann zur Ordnung rufen sollen? Vielleicht meint Broder ja, die Bundeskanzlerin (oder besser gleich der Bundespräsident?) hätte Hermann erklären sollen, dass S 21 gar nicht hochbrisant ist?

Broder weiter:

Das Gruselige des Vorgangs liegt in der Gelassenheit, mit der ein grüner Minister über den Tatbestand der Nötigung hinweggeht. Er stellt sich nicht hinter den gemobbten Ingenieur, übrigens: einen Deutschen mit Migrationshintergrund, sondern rechtfertigt das Mobbing mit der “Brisanz” des Projekts.

Echt gruselig. So geht das: Jetzt hat Broder das Wörtchen „hochbrisant“ direkt mit Mobbing in Verbindung gebracht und es auch noch geschafft, dem Verkehrsminister die Rechtfertigung des Mobbings zu unterstellen. Das ist für Broder der Startschuss für eine, äh, Gesellschaftsanalyse:

Diese Miniatur aus dem Land der sauren Kutteln und Maultaschen passt gut in ein größeres Bild. Der deutsche Staat hat sein Gewaltmonopol weitgehend aufgegeben …. Im Südwesten wird Nötigung nur noch dann verfolgt, wenn sie ökologisch nicht vertretbar ist. Zwar gelten noch immer die allgemeinen Gesetze, das Nähere aber bestimmt der grüne Mob.

Nicht schlecht: Der Untergang des Gemeinwesens, des Staates ist nicht mehr aufzuhalten. Wir werden regiert von einem Mob, ob braun oder grün ist wohl egal. Eine Öko-Diktatur, merkwürdigerweise verbunden mit somalischen Verhältnissen, was das Gewaltmonopol angeht. Warum? Weil der baden-württembergische Verkehrsminister S 21 als „hochbrisant“ bezeichnet hat. So geht Analyse, Argumentation und Meinungsbildung im Springer-Verlag.

Entweder ist Broder debil und er verliert beim Schreiben schnell den Überblick. Das kann ich nicht ausschließen. Dann kann er es nicht besser und er nichts dafür. Oder er weiß, dass sein Geschreibsel Bullshit ist. Dann sollte man Klartext sprechen.

Das Problem ist nicht (wie in diesem Blog schon mehrfach geschrieben), dass es narzistische Neurotiker wie Broder gibt. Das Problem ist, dass offenbar Millionen Menschen narzistischen Neurotikern applaudieren und ihre Hetzerei lesen WOLLEN. Feindbildbestätigung, Selbstentlastung. Die Tea-Party lässt grüßen. Dass Broder-Fans mehrheitlich dem intellektuellen Prekariat zuzuordnen sind, ist sicher richtig, sollte aber keine Rolle spielen. Jeder Hilfsarbeiter ist prinzipiell in der Lage, die Brodersche Argumentationslogik zu entlarven.

Es gibt einen Markt für rassistische, volksverhetzende, demagogische Propaganda. Die Erfolge rechter Parteien in ganz Europa zeigen das. Voraussetzung dafür ist ein gesellschaftliches Klima, in dem der rechte Stammtisch nicht mehr isoliert ist, sondern immer größere Akzeptanz erfährt. Der bewusste Verzicht auf Geist, die gewaltvolle Deformierung realer Zusammenhänge ist gewünscht, weil so am einfachsten Hass entsteht. Die dauernde Wiederholung falscher, aber gezielter Analysen führt irgendwann zu deren Akzeptanz. Das ist wohl auch eine Form des Extremismus der Mitte. Das Ergebnis kann man in einschlägigen Interneforen nachlesen, wo die Broder-Fans Linke, Grüne, Moslems, Islamisten etc. als lebensunswertes Gesockse bezeichnen. Die Bilder „grüner Mob“ und „böser Ausländer“ werden nach ähnlichen Prinzipien skizziert.

Broder macht sich da natürlich die Finger nicht schmutzig, er zündelt nur, die Welt ist ein Medium dafür. Das angebliche intellektuelle Flaggschiff von Springer bindet meines Erachtens solche Krawallbeiträge bewusst ein.

Fade out.

So sieht er aus, der, laut Broder, Chef des „grünen Mobs“: Winfried Hermann, grüner Verkehrsminister in Baden-Württemberg.

(Foto: Wikipedia)

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9 Antworten zu Broder: hochbrisant und hochbekloppt

  1. hanneswurst schreibt:

    „Dass Broder-Fans mehrheitlich dem intellektuellen Prekariat zuzuordnen sind, ist sicher richtig, sollte aber keine Rolle spielen. Jeder Hilfsarbeiter ist prinzipiell in der Lage, die Brodersche Argumentationslogik zu entlarven.“

    Als Schwellenintellektueller wüsste ich gerne, was das intellektuelle Prekariat ist, und worin seine besondere Beziehung zur Hilfsarbeit besteht.

    Der Broder-Kritik stimme ich ansonsten natürlich vollkommen zu, die geistige Horst Mahler Verwandtschaft wird wieder deutlich. Allerdings ist Horst Mahler wenigstens noch in Ansätzen originell. Als besondere Provokation sollte man Herrn Broder mitteilen, dass der Posten des S21 Projektleiters jetzt hochvakant ist.

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  2. genova68 schreibt:

    Die Frage nach dem intellektuellen Prekariat ist gut. Sie wird völlig unterschiedlich beantwortet:
    http://www.google.de/#sclient=psy&hl=de&source=hp&q=intellektuelles+prekariat&aq=0&aqi=g1&aql=&oq=&pbx=1&bav=on.2,or.r_gc.r_pw.&fp=e56c8652f58720b

    Manche meinen, das seien Geisteswissenschaftler, die keinen Job finden, andere meinen, das seien Politiker ohne praktische Berufserfahrung, wieder andere sagen, das sind Leute wie Till Schweiger: studiert und trotzdem ressentimentgeladener eitler Fratz.

    Meine Definition hier geht in die Richtung: Leute mit geringem institutionellem Bildungshintergrund, Hauptschule, kein Studium, Bildleser etc., so mal als Klischeevorstellung. Das ist aber, wie gesagt, bei Broder egal, weil man das Billige seiner Analyse begreift, wenn man lesen kann und seriös urteilen WILL. Ich hatte auch im Kopf, dass Ressentimentanfälligkeit nichts mit formaler Bildung zu tun hat.

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  3. Nihilist schreibt:

    Buuuuuhhhhhh. Ich habe Volksschule besucht – so nannte man das damals noch – dann Lehre – lese nie Bild – äh, nur Computer-Bild-Spiele als Zocker, habe Die Zeit und Spiegel gelesen, als man die noch lesen konnte, „lese“ nun Nachdenkseiten …

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  4. genova68 schreibt:

    Ja, das war auch sehr holzschnittartig, was ich da schrieb.

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  5. HF schreibt:

    Der Helm schuetzt ja gegen Angriffe – insoweit ist Hermann ja gewappnet! :-)

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  6. genova68 schreibt:

    Das schreibt die Seite politblogger zum Thema:

    ———————

    Unbestritten ist zwar, dass weder Azer noch der Düsseldorfer Architekt Christoph Ingenhoven zu den erklärten Lieblingen der Projektgegner zählen, sie sind bisher aber keineswegs das Ziel persönlicher Anfeindungen gewesen oder wurden gar bedroht – obwohl es gerade Ingenhoven an Provokationen in Richtung der Stuttgart-21-Gegner nicht mangeln ließ. Azers Rücktritt dürfte vielmehr etwas damit zu tun haben, dass das Verhältnis zwischen íhm und dem Konzern spätestens seit dem Bekanntwerden eines Schreibens von Azer an den Vorstand der DB Netz AG als belastet gilt, weil der verantwortliche Chefplaner darin unmittelbar vor der baden-württembergischen Landtagswahl vor weiteren erheblichen Kostenrisiken gewarnt hatte. Insofern sind die dummdreisten Anschuldigungen der Bahn in Wahrheit nichts anderes als der x-te erfolglose Versuch, die Stuttgart-21-Gegnerschaft auf erbärmlich durchschaubare Art und Weise zu kriminalisieren.
    —————–
    http://www.politblogger.eu/stuttgart-21-entgleist-schon-wieder/

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  7. Märklin schreibt:

    „Geringer institutioneller Bildungshintergrund“

    köstlich:
    das könnte heißen dass Leute die sich audodiktatisch bilden und selbst was auf die Beine stellen mit Leuten, die 5 Jahre den HiWi und dann noch 10 Jahre den Doktoranden bei Professor von Lindenblatt machen, nicht mithalten können.

    Ansonsten wird in dem Artikel ganz schön viel gebellt:
    „Feindbildbestätigung!“, „Selbstentlastung!“, „rechter Stammtisch“ Wau! Wau!

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  8. genova68 schreibt:

    Ja, wauwau.

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