Jagdhunde in Neukölln

Am deutschen Wesen soll die Welt genesen, dieses Mal sind es die bösen Raucher in Berlin-Neukölln. Die Initiative „Frische Luft für Berlin“ will ein totales Rauchverbot in Berlin durchsetzen, ähnlich der Regelung in Bayern. Da will jemand Berlin etwas schenken, und dann auch noch frische Luft. Toll!

Eine lustige Truppe, die Initiative: Die Mitglieder kommen aus den gutbürgerlichen Vierteln (wie man sagt) Lichtenrade, Steglitz, Zehlendorf. Und drei von ihnen fahren derzeit abends nach Neukölln, um zu missionieren. Die dortige Weserstraße ist für diese modernisierten Zeugen Jehovas ein sündiges Pflaster, denn in den vielen Kneipen tun die Menschen etwas, was unvorstellbar ist: rauchen!

Die Weserstraße ist seit einiger Zeit eine der angesagten Feiermeilen der Stadt … Die drei Nichtraucher-Aktivisten sind nicht zum ersten Mal hier unterwegs. Vor einiger Zeit haben sie die Kneipen im Kiez angesehen, um zu prüfen, wie es um den Schutz für die Nichtraucher bestellt ist. Das Fazit: „In 20 von 25 Gaststätten wurde geraucht. Es tut mir in der Seele weh“, sagt Spatz.

Spatz heißt mit Vornamen Johannes, ist Mediziner und hat mit 15 selbst mal ein halbes Jahr lang geraucht. Der weiß also, wovon er redet. Dass ihm das alles „in der Seele wehtut“, nimmt man ihm sofort ab. Der meint das Ernst.

Die konkrete Vorgehensweise muss man sich so vorstellen:

Spatz ist beim Gang durch die Weserstraße immer der Erste, der in die Bars stürmt – freundlich lächelnd, aber wie ein Jagdhund, der eine Spur gewittert hat. Der Mediziner hat eine Mission, ihm geht es um die Gesundheit der Menschen.

Ja, ihm geht es um die Gesundheit „der Menschen“. Um „die Menschen“ geht es diesen Selbstlosen ja immer. Liebe deinen Nächsten, aber nur rauchfrei.

Ganz schlimm wird es dann am späteren Abend:

„Selbst Kneipen, die rauchfrei sind, stellen nach 22 Uhr Aschenbecher auf. Die wissen, das dann keine Kontrolleure vom Ordnungsamt mehr auftauchen. Und Clubs, die erst nach 22 Uhr aufmachen sind jenseits von Gut und Böse.“

Das sagt die 39-jährige Tanzpädagogin Laura Hoffmann, auch Mitglied in der Frischluft-Initiative. Wahrscheinlich ist sie beim pädagogisierenden Tanzen mal über einen Zigarettenstummel gestolpert und hat sich etwas gezerrt. Vielleicht sogar in der Weserstraße. Das kann traumatisieren. Ja, nach 22 Uhr läuft dort alles aus dem Ruder. Dort wird also jenseits von Gut und Böse geraucht! Oder meint Frau Hoffemann da nicht nur das Rauchen? Besser früh ins Bett gehen. Oder Sperrstunde um zehn, dann können die Clubs auch nicht mehr erst um 22 Uhr öffnen, wo doch jeder weiß, dass es nach zehn drunter und drüber geht. Oder ist Frau Hoffmann nur neidisch, weil bei ihr nichts mehr drunter und drüber geht?

Ganz wichtig natürlich, dass streng kontrolliert wird, vor allem nach zehn, vor allem in Neukölln:

„Die sind hier unheimlich lahmarschig mit den Bußgeldern. Das Ordnungsamt kontrolliert nicht viel.“

So sieht das der Spatz, der mit 15 ein paarmal inhalierte. Spatz war früher Gesundheitsstadtrat in Charlottenburg-Wilmersdorf.

In der Tat, da brauchen wir die totale Kontrolle. Auch der letzte heimliche Raucher, der nachts um drei in einem Weserstraßenkeller verschämt seine Zigarette in der Handmuschel versteckt, muss künftig gestellt werden. Am besten von einem scharfgemachten Jagdhund, der auf den Namen Spatz hört. Wo kommen wir sonst hin?

Es geht hier nicht ums Rauchen. Dass Rauchen gesundheitsschädlich ist, weiß jedes Kind. Dennoch wird geraucht. Die Frage ist doch eher: Wie kommen erwachsene Menschen auf die Idee, 20 Kilometer von ihrem Wohnort entfernt Kneipen aufzusuchen und dort zu missionieren? Kneipen, die sie ohne Mission nie betreten würden, ob mit oder ohne Rauch? Und jetzt per Gesetz durchboxen zu wollen, dass in keiner Kneipe, am besten an keinem öffentlichen Ort in Berlin mehr geraucht werden darf? Es geht um Tugendterror. Diese Leute wähnen sich im Besitz der absoluten Wahrheit, deshalb sind sie zur Mission berufen. Da darf man dann auch fordern, dass nachts Horden von Kontrolleuren durch die Kneipen ziehen.

Es geht nicht ums Rauchen. Es geht um eine moderne Form von Kontrolle, gerade dann, wenn sich bestimmte Situationen besorgten Lichtenradern als „jenseits von Gut und Böse“ darstellen. Es gab Restaurants in Kreuzberg, die stellten Aschenbecher auf den Tisch, nachdem die Küche zugemacht hatte. Alle waren zufrieden. Irgendwann kam das Ordnungsamt vorbei. Die Strafe für den Wirt belief sich auf eine vierstellige Summe.

Es ist eine Form totaler Kontrolle. Die Vorläufer dieser Haltung waren die christlichen Missionare im weltweiten Gefolge imperialistischer Politik und das koloniale Herrendenken, wonach den Wilden Manieren beigebracht werden müssen. Sie wissen es halt nicht besser. Wer so unvernünftig ist zu rauchen, obwohl der Mediziner Spatz doch weiß, dass das ungesund ist, darf bedrängt werden. Auch und vor allem nach 22 Uhr in der Weserstraße. Denn der hat einfach keine Argumente mehr.

In einer immer aseptischer werdenden Gesellschaft ist Rauchen eine Provokation. In einer immer ohnmächtiger werdenden Gesellschaft, die neoliberale Mechanismen immer weniger durchschaut, geschweige denn, sich ihnen entgegenstellt, ist der Kampf gegen das Rauchen in der Weserstraße konkret, greifbar. Der Feind sitzt an der Theke. Es ist ein weiteres Beispiel für eine Dialektik der Aufklärung, in der eine rationale Erkenntnis in eine hyperrationale Praxis umgesetzt wird und damit umschlägt in einen rationalistischen Irrationalismus. Das immergleiche Spiel. Das einem Mediziner mit Spatzenhirn zu erklären, ist wahrscheinlich aussichtslos.

Andererseits: Ich bin ganz froh, dass es solche Trottel gibt. Einfacher kann man gesellschaftliche Fehlentwicklungen in einem flotten Blogartikel kaum darstellen. Und der Weserstraße ist das schätzungsweise eh wurscht.

Bezeichnende Notiz am Rande: Johannes Spatz ist Mitglied der Grünen. Nicht, dass mich das jetzt wundern täte. Und die Antwort auf die Frage, wie groß die Schnittmenge ist zwischen den Antirauchfanatikern und den Baumspendern von Holy Wood, würde mich interessieren, führt hier aber zu weit.

Typischer Kneipentisch in Neukölln, und das schon vor 22 Uhr:

(Foto: genova 2010, alle Zitate aus dem Tagesspiegel-Artikel)

Dieser Beitrag wurde unter Berlin, Gentrifizierung, Gesellschaft, Kritische Theorie, Lebensweisen abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

13 Antworten zu Jagdhunde in Neukölln

  1. hanneswurst schreibt:

    Diese Missionarstypen erhoffen sich einfach, dass sie sich EINMAL für etwas einsetzen, und nachher darin bestätigt werden. Das kann ich irgendwie nachvollziehen, wenn man zum Beispiel schon von der Demonstration gegen den Irakkrieg, gegen Atomkraft, gegen Start- und Landebahnen usw. gezeichnet ist ohne je einen Teilerfolg errungen zu haben, dann möchte man vielleicht EINMAL auf der Siegerseite sein, und Nichtraucher sein, das heißt momentan Sieger sein.

    Ich verstehe nicht, warum es nicht wirklich sinnvolle Regelungen zum Nichtraucherschutz gibt. Zum Beispiel: geraucht werden darf in Lokalen, die ausdrücklich als Raucherlokal gekennzeichnet sind (schwarzer Totenkopf mit roter Zigarette) und die erst ab 18 betreten werden dürfen (oder ab 14 – bei gleichzeiter anscheinlicher geistiger Reife – kleine Anspielung auf §182).

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  2. genova68 schreibt:

    Ich glaube, in der Berlin ist genau das die Regel, was du im zweiten Absatz beschreibst.

    Apropos Missionarstypen: Hat das auch etwas mit Missionarsstellung zu tun? In dem Tagesspiegelartikel (Link im Vorspann und hier: http://www.tagesspiegel.de/berlin/rauchverbots-missionare-mit-langem-atem/4148854.html?pageNumber=2#kommentare) steht noch, dass Frau Hoffmann gerne mal in den Kitkatclub gehen würde, es aber nicht tut, weil man dort rauchen darf. Zum „Tanzen“. Der Kitkatclub ist ein Fetischsexclub. Irgendwie hängt doch alles zusammen.

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  3. Nihilist schreibt:

    Ich war auch mal naiv (auf den Kommentar Kitkatclub bezogen) und habe eine „Kneipe mit Musik“, Disco möchte ich das Etablissement nich nennen“ besucht und dort getanzt. Und das war dann eine Hascherkneipe, davon hab ich erst was bemerkt als ich dort in eine Razzia geraten bin und plötzlich der Boden voller ….

    … über zwei Stunden hab ich dann in der Kontrolle warten müssen, da meine Papiere im Auto lagen und die Polizei erst die Anwesenden „bearbeitete“.

    Ich war ja sowas von naiv. Hätte es früher merken können. Denn ich wurde mal angesprochen ob ich ein Heft hätte. Was soll ich in ner „Dico“ mit einem Heft war meine Gegenfrage, neeee ein Heeefffftttt war die Antwort. Ich hab denn dann ignoriert in der Annahme das sei ein Spinner. Später hat mich mal ein Bekannter informiert – in deren Sprache ist ein Herft 100 Gramm gewesen. Der muss mich für einen Dealer gehalten haben. Oder das war ein verdeckter Ermittler der sich nicht vorstellen konnte das ein „fast normaler Mensch wie ich“ in so eine „Kneipe“ geht um dort abzurocken. Denn die Musik dort war SPITZE. Keine „Discomusik“ sondern Zappa und Konsorten, Hartrockkneipe eben.

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  4. hanneswurst schreibt:

    Etwas Ähnliches habe ich auch einmal erlebt, auf Mückonos, vor dem Eingang der Disco stand eine Holzbude für den Kartenverkauf. Sagt der Typ in der Bude: kanonikó í taxí? Ich habe nichts geschnallt: „Taxi?“ Gibt er mir eine kleine Eintrittskarte mit einem Engelchen darauf und will 15.000 Drachmen haben, ne Menge Holz, Alter. Ich dachte naja das ist so ein Edelschuppen, zahle und ab ins Getümmel. An der Bar sehe ich, dass man für den Eintrittsbon wenigstens ein Bier bekommt, aber mit meinem Engel schicken sie mich in den ersten Stock. Ich denke, dass „taxi“ wahrscheinlich Cocktail auf Griechisch heißt oder so. Im ersten Stock wurde mein Bon angenommen und ich wurde zu einer kleinen Nische geführt in die man sich bequem hereinlegen konnte. Mir wurde so eine komische folkloristische Wasserpfeife gebracht und an mehr erinnere ich mich nicht.

    Aufgewacht bin ich in einem Holzsarg in Mexiko. Mir fehlte eine Niere und meine Brieftasche war auch weg. Später habe ich dann erfahren, dass „Taxi“ auf Mückonos so viel bedeutet wie „Betäube mich, raube mich aus und klau mir eine Niere.“ Dumm gelaufen. Seitdem sehe ich mich im Ausland vor.

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  7. genova68 schreibt:

    Das tut mir sehr leid mit der Niere. Bitte sei künftig vorsichtiger. Wobei, ehrlich gesagt: Die Bedeutung von „taxi“ steht mittlerweile in jedem Reiseführer.

    Bei den Griechen muss man echt aufpassen: Die klauen nicht nur unsere Euros, sondern auch unsere Nieren.

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  8. genova68 schreibt:

    Die Unterstützerliste der Missionare ist aufschlussreich:
    http://www.frische-luft-fuer-berlin.de/buendnispartner.html

    unter anderem:
    Der grüne Bürgermeister von Kreuzberg, Franz Schulz, der in den zehn Jahren seiner Amtszeit den Beweis erbracht hat, dass man ein halbwegs intaktes Radwegenetz komplett verlottern lassen kann. Politische Inkompetenz wird ersetzt durch Aktionismus.

    Der Kreisverband Pankow/Prenzlauer Berg der Grünen ist auch ganz begeistert von den Missionaren.

    Und: IPPNW, die Ärzte gegen den Atomkrieg, sind auch gegen das Rauchen in der Weserstraße. Wahrscheinlich sind die der Meinung, dass jemand, der fahrlässig mit seiner Gesundheit umgeht, auch flotter mal eine Atombombe zündet.

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  9. Nihilist schreibt:

    Wird doch Zeit das denen mal einer erklärt, sie sollen sich für ein Autofahrverbot in den Städten einsetzen. Denn was de Autos so alles in die Luft ablassen, da sind Raucher Waisenknaben. Schlimmer sind nur rauchende Autofahrer.

    Ein weiteres Gebiet wäre das Verbot von Flugverkehr um und nach Berlin. Und der „gesunden Luft“ zu liebe sollten alle Autobesitzer enteignet werden (Artikel 14 (2) Grundgesetz) da das Autoeigentum NICHT zum Wohle der Allgemeinheit benutzt wird, sondern durch die Abgase die Allgemeinheit, insbesondere Kleinkinder, leiden.

    Es sollte eine Initiative ins Leben gerufen werden, die dann das Recht auf saubere Luft, reines Trinkwasser, gesunde Nahrung sowie Friedhofsruhe, in das Grundgesetz aufgenommen haben will. Denn auch Lärm macht krank.

    Kampf dem Raucherhusten!

    ;-))

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  10. summacumlaude schreibt:

    In Friedrichshain warn se auch schon unterwegs, schauten bedeppert nach meinem Hinweis auf Savonarola. Dieser besagte Dominikanermönch hatte es ja fertig gebracht, dass selbst Botticelli himself seine Bilder – als tugendlos gebrandmarkt – auf dem florentiner Markplatz verbrannte. Intellektuelle, die sich selbst abschaffen, gibt es nicht erst seit dem Stalinismus. Da hat Herr Spatz eine weitgreifende Verwandtschaft.

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  11. genova68 schreibt:

    Wie kommst du darauf, dass Herr Spatz jemals intellektuell war? Da fehlt mir das Hintergrundwissen.

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  12. summacumlaude schreibt:

    Ich neheme es an. Die Unbarmherzigkeit des Konvertierten weist ihn als ehemaligen Intellektuellen aus. Aus einem weitgespannten, hochtrabenden Entwurf für eine bessere Welt wird nach einiger Lebenserfahrung der unerbittliche Kampf für….. na z.B. rauchfreie Zonen. Und diese Zone ist dann das Paradies. Ein Bausparkassenspießer von Anbeginn mit Leere und Ordnung im Leben käme niemals auf diese absurde Idee. Aber die intellektuelle, grüne Mittelschicht schon.

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  13. genova68 schreibt:

    Ein interessanter Aspekt. Da könnte was dran sein. Die Bausparkassenspießer kümmern sich um ihren Garten und da ist Schluss. Die werden nur aktiv, wenn ihnen einer da reinpinkelt oder so. Ein Hoch auf die Bausparkassenspießer.

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