Humboldt-Uni hofiert den neoliberalen Propagandisten Axel Börsch-Supan

Ein kleines Beispiel, wie geschickt neoliberale Propaganda funktioniert.

Axel Börsch-Supan ist Volkswirt an der Uni Mannheim und seit einigen Jahren Direktor des „Mannheim Research Institute for the Economics of Aging“ (MEA). Das MEA wird finanziert vom Land Baden-Württemberg und vor allem von der deutschen Versicherungswirtschaft und der Deutschen Bank (weitere Informationen hier). Das MEA ist also kein seriöses wissenschaftliches Institut, sondern abhängig von privaten Geldgebern, die sicher genau wissen, was sie für ihr Geld erwarten. Börsch-Supan erfüllt diese Erwartungen. Albrecht Müller von den nachdenkseiten formuliert es deutlich:

„Der Professor ist vor allem Lobbyist der Versicherungswirtschaft und Polemiker gegen die gesetzliche Rente.“

Einen kleinen Eindruck seiner reinen Lehre bekommt man, wenn man sich das Interview anschaut, das die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (wer die nicht kennt, bitte googeln) mit ihm geführt hat. Auf die Frage, was wir angesichts des demographischen Wandels tun sollen, antwortet er:

„Da gibt es drei ganz simple Regeln:

1. Mehr sparen und privat vorsorgen

2. Mehr arbeiten und damit mehr Volumen schaffen, und

3. offener und optimistischer sein“

Alles klar. Jeden dieser Punkte könnte man auf der Stelle wiederlegen. Es ist, als Handlungsanleitung für die deutsche Gesellschaft, kompletter Nonsens (wenn man mal davon absieht, dass Offenheit und Optimismus natürlich ok sind). Doch so ähnlich hat Börsch-Supan sicher gestern bei einem Vortrag an der Humboldt-Universität in Berlin argumentiert:

Ich habe mir den Vortrag nicht angehört, aber warum sollte Börsch-Supan da etwas anderes erzählt haben, als er es seit Jahren tut: Wir werden immer älter, müssen deshalb privat vorsorgen, am besten bei den Geldgebern seines Instituts. Das übliche neoliberale, korrumpierte Geplapper halt, tausendfach widerlegt, dennoch und deswegen tausendfach wiederholt.

Eingeladen hat den Dampfplauderer die Helmholtz-Gemeinschaft, also die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands, die über ein jährliches Budget von mehr als drei Milliarden Euro verfügt. Eine weithin angesehende Institution stellt also sicher, dass ein Interessenvertreter der Versicherungslobby seine Lobbyarbeit im Schein der Wissenschaftlichkeit durchführen darf.

Warum macht die Helmholtz-Gemeinschaft das? Dazu muss man wissen, dass von den erwähnten drei Milliarden Euro nur zwei Milliarden von Bund und Ländern kommen, also eine Milliarde jährlich von privaten Geldgebern eingeworben werden müssen.

Wetten, die Deutsche Bank zahlt an Helmholtz? Und die Allianz? Und andere hochrangige Vertreter der Versicherungswirtschaft? Das sind Vermutungen, aber begründete.

Es ist eine perfide, aber erfolgreiche Strategie. Die vor allem von der Schröder-Regierung propagierte private Altersvorsorge ist seit Jahren zunehmend Anlass von Kritik: unsicher, hohe Gebühren, uneffektiv, vor allem eine Goldgrube für unseriöse Finanzhaie wie AWD etc. Es ist schlicht ein Konzept, dem Kapital weitere Mittel zur Verwertung zuzuführen. Was macht die Branche? Sie hängt sich via Geldzahlungen an eine Universität ran, in dem Fall die Uni Mannheim (die übrigens bei BWLern einen guten Ruf hat), und erreicht damit, dass ein Propagandainstitut wie das MEA den Schein von „Wissenschaft“ erhält. Das ist im obrigkeitshörigen Deutschland die halbe Miete. (Einen ähnlichen Fall gab es vor Jahren an der Uni Düsseldorf.)

Helmholtz macht mit, die Humboldt-Universität macht mit, alle, die vom Kapital Geld brauchen, machen mit. Wes Brot ich ess.

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9 Antworten zu Humboldt-Uni hofiert den neoliberalen Propagandisten Axel Börsch-Supan

  1. hanneswurst schreibt:

    Noch in anderer Hinsicht grenzt dieser Versuch, die Rentenkassen zu erleichtern, an Betrug: Die Fonds (Versicherungen und Banken verwenden vor allem Fonds für die Altersvorsorge) sind reine Geldtransfermaschinen, vor allem werden Spareinlagen in Gebühren umgewandelt, die Rendite ist dabei auch noch unterdurchschnittlich. Siehe dazu: http://www.sueddeutsche.de/geld/geldanlage-fondsmanager-die-billionen-vernichter-1.1092800

    Natürlich betrifft das erst einmal Leute, die überhaupt eine Altersvorsorge haben. Das noch größere Problem ist, dass sich immer mehr Menschen darauf einstellen müssen, im Alter vom Existenzminimum zu leben (egal ob da ein Rentenanspruch über 300 oder 500 Euro mtl. vorhanden ist). Aber auch der Kleinsparer hätte vielleicht die Möglichkeit, eine vernünftige Altersvorsorge aufzubauen, wenn er vernünftig beraten würde. Eine effektive Diversifikation (z.B. die Talmut-Diversifikation: 1/3 in Immobilien oder Rohstoffe, 1/3 in Aktien, 1/3 in liquide festverzinsliche Papiere) wird ein deutscher Vermögensberater niemals empfehlen, weil er damit zu wenig verdienen kann. Er wird stattdessen mit schwierigen Lebensversicherungs- und Sparverträgen oder noch schlimmer mit verschwurbelten Zertifikaten kommen, die nur den Sinn haben, dass es am Ende heißt: Ihr Geld ist nicht weg! Aber es hat jetzt jemand anderes.

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  2. genova68 schreibt:

    Ja. Das betrifft ja die erste der „ganz simplen Regeln“, die heutzutage als Wisschenschaft durchgehen. Vielleicht hättes DU ja den Vortrag für die Helmholtz-Gesellschaft halten sollen. Aber dann wären wohl die Drittmittel futsch und das MEA müsste dichtmachen.

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  3. Chucky schreibt:

    Guten Tag,
    also ich kann diese „Neo-Liberalismus Kritik“ nicht mehr hören!!
    Wir leben wohl am nächsten im Sozialismus, wenn man sich die EU und deren Auswüchse anschaut!
    Nach liberalem Gedanken wären auch keine Banken gerettet und verstaatlich worden, die wären dann eben Pleite! Wer in einer Marktwirtschaft schlecht wirtschaftet der geht eben den Bach runter!!
    Man braucht sich nur unsere Politiker und deren Vergangenheit anschauen…dann kommt man schnell dahinter aus welcher Richtung der Wind weht!! Und da gibt es nicht wirklich einen Unterschied ob CDU, SPD, GRÜNE, LINKE oder FDP! Führende Köpfe enspringen oft „lInken“ gar Kommunistischen/Sozialistischen Kadern, wie Merkel(Stasi), Trittin, Kretschmann(KPD/KB), Barosso(Sozialistische Partei Portugals), Fischer(Frankfurter Schule) usw usw.
    Die NWO wird eine Sozialistisch/Kommunistische sein!!

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  4. hanneswurst schreibt:

    @Chucky: Schön, mal einen Kommentar von einem konservativen Verschwörungstheoretiker zu lesen. Ich nehme an, bei Ihnen sind es also nicht „Black“ sondern „Red Helicopters“.

    Einige Aspekte finde ich an der Theorie der sozialistischen Unterwanderung jedoch nicht ganz überzeugend (so sehr ich mir wünschte, Sie hätten Recht). Zum Beispiel wird immer noch viel von Elitenförderung gefaselt und es wird hingenommen, dass eine dünne Schicht aus Wirtschaftsteilnehmern, die nichts auszeichnet außer dem unbedingten Willen so viel Geld wie möglich zu verdienen, dringend benötigtes Kapital in orgiastischer Manier in sich hineinsäuft. Warum geht die Stasi-Agentin Merkel da nicht mit der Sense durch?

    Schröder als Agenten der Öl-Mafia lasse ich noch durchgehen, aber Merkel als heimliche Kommunistin scheint kläglich zu versagen.

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  5. genova68 schreibt:

    Interessant, was Chucky da schreibt. Diese Tea-Party-Rhetorik, nach der Obama und überhaupt alle (Liste siehe oben) in Wahrheit Sozialisten sind, die sich zusammen verschworen haben und heimlich die „NWO“ einführen. Eine Verschwörungstheorie auf geradezu avantgardistisch gehobenem Niveau. Aber klar, Westerwelle entspringt einem kommunistischen Kader. Das ist offensichtlich, da hätte ich auch selbst drauf kommen können.

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  6. genova68 schreibt:

    Die Humboldt-Uni ist erfahren, was Korruption und Bestechung angeht, nicht nur im Fall Börsch-Supan:

    http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,765337,00.html

    „Berliner Unis ließen sich ein Institut von der Deutschen Bank bezahlen. In einem Geheimvertrag wurde den Bankern viel Mitsprache eingeräumt: bei Lehre, Forschung und Personal. Kritiker sprechen von gekaufter Wissenschaft.“

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  7. Uwe Peters schreibt:

    Also, Börsch-Supan einen Vertreter der Versicherungswirtschaft zu nennen ist ja wohl schon sehr weit hergeholt. Der Mann hat sich große Meriten in der Wissenschaft verdient (Harvard-Absolvent, American Economic Review Editor, unzählige Publikationen und ähnliches).
    Und das in Zeiten einer immer älter werdenden Bevölkerung mit immer weniger Erwerbstätigen mit immer geringerer Arbeitszeit die gesetzliche Rente nicht hochgehalten werden kann, sollte tatsächlich allen klar sein (am Beispiel Griechenland mit deutlich zu hohen Pensionen und zu geringem Renteneintrittsalter wird ja schnell klar, wie es nicht laufen kann…).

    Und ich nehme mal nicht an, dass Börsch-Supan eine bestimmte Versicherung empfiehlt. Und da die Konkurrenz hier immer noch groß genug ist, kann wohl jede Versicherung nur von der großen Gießkanne verdienen. Und das ist wohl jetzt auch diesem Mega-Trend „Alterung“ geschuldet.

    Im übrigen gibt es an der Uni Mannheim mit Prof. Weber z.B. einen BWLer der quasi der Propagandist des „passiven investments“ ist, d.h. keine Investition in einzelne Wertpapiere oder gar Versicherungen sondern schön einfach Investitionen in Index-Fonds. Davon verdient kaum einer was und der Anleger kriegt eine schöne Rendite.

    Aber wenn jemand sein Geld lieber unter dem Kopf der Inflation zum Fraß vorwerfen will, soll er das gerne tun…

    Im übrigen würde ich gerne wissen, wie eure Argumentation ist, dass Börsch-Supan Lobbyismus betreibt nur weil er private Vorsorge propagiert. Ein Lehrer der Bildung propagiert ist ja auch kein Vertreter der Schulbuchbranche. Oder ein Ernährungsberater wird auch nicht von der Gemüsewirtschaft bezahlt. Von daher sollten eure Argumente stichhaltiger sein als solche hannebüchene Vorverurteilungen…

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  8. genova68 schreibt:

    Uwe Peters,
    ob Börsch-Supan sich irgendwo Meriten verdient hat, ist nicht Gegenstand des Artikels. Ansonsten werden deine Fragen im Artikel schon beantwortet:
    Sein „wissenschaftliches“ Institut wird zu großen, existenziellen Teilen von der Deutschen Bank und der deutschen Versicherungswirtschaft finanziert. Die haben Interessen, sonst zahlen sie nichts. Dass Börsch-Supan sich in seiner „wissenschaftlichen“ Arbeit prompt für die private Altersvorsorge ausspricht, könnte zu denken geben, oder? Der Vergleich mit dem Lehrer ist schief: Es geht ja nicht darum, ob Börsch-Supan überhaupt Altersvorsorge propagiert oder nicht, sondern es geht um die Form. Richtig wäre der Vergleich mit einem Lehrer, der ausschließlich Bücher einer Verlagsgruppe propagierte, die ihm zufälligerweise auch noch in wesentlichen Teilen sein Gehalt bezahlt.

    Börsch-Supan leistet die Arbeit für die Deutsche Bank und die Versicherungswirtschaft, weil die mit seinen Publikationen prima ihr Geschäft verbessern können. Da ist vorher klar, was bei seinen Forschungen rauskommt, sonst ist sein Institut futsch. Ähnlich wie Raffelhüschen und andere, auch alle einschlägig bezahlt. Man könnte so ein Verhalten auch korrupt nennen.

    Über Weber habe ich nichts geschrieben, der tut hier nichts zur Sache.

    Deine Sachinformationen aus dem ersten Absatz sind allesamt faktisch falsch. Weder haben die Griechen ein real niedrigeres Renteneintrittsalter, noch haben wir wenig Erwerbstätige wegen der Demographie. Schon mal was von real fünf Millionen Arbeitslosen gehört? Und die Rente wird nicht mehr, weil wir sie jetzt über die Kapitalmärkte finanzieren. Fragen Sie mal die Chilenen und nun auch die Amis. Aber das ist ein weites Feld.

    Weitere Informationen gibt es hier:
    http://www.nachdenkseiten.de/?s=b%C3%B6rsch+supan&Submit.x=0&Submit.y=0

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  9. Pingback: LabourNet Germany: Treffpunkt für Ungehorsame, mit und ohne Job, basisnah, gesellschaftskritisch » Brauchen wir eine Rente mit 69 – oder nur die Versicherungswirtschaft?

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