Holy Wood: Vom guten Gefühl, etwas für Berlin getan zu haben

Derzeit stoße ich alle Nase lang auf Hinweise zum Thema „Ökologie als Ersatzhandlung“. Man kümmert sich um vermeintlich ökologische Belange, um das Soziale, das Politische links liegen lassen zu können. Man könnte das eine Form von psychischer Entlastung nennen.

Jüngstes Beispiel: Baumpatenschaften für Berlin. Man höre und staune, sowas gibt es wirklich. Holy Wood nennt sich die Sache, höhö. Die Initiatoren sind der Meinung, dass es in Berlin zu wenig Straßenbäume gibt. Ich würde zwar die Wette anbieten, dass es weltweit keine Stadt mit mehr Straßenbäumen gibt als Berlin und bin als raumästhetisch sehender Mensch der Meinung, dass man aus ebensolchen raumästhetischen Gründen mindestens ein Viertel davon fällen müsste (und durch sowas wie unten auf dem Bild ersetzen könnte), aber nun gut. Die Deutschen und der Baum, da ist Schluss mit lustig. Der heilige Wald eben.

Jedenfalls sucht Holy Wood jetzt Baumpaten:

„Eine Baumpatenschaft kostet 1000 Euro. Diese 1000 Euro beinhalten den Kauf, die Pflanzung und die Pflege des Baumes für die folgenden drei Jahre. Ihre Spende wird vollständig für einen neuen Straßen-Baum verwendet. HOLY WOOD vermittelt zwischen Ihnen und den verschiedenen Grünflächenämtern der Stadt Berlin, um einen Standort nach Ihren Wünschen zu finden.

Wenn Sie eine Baumpatenschaft übernehmen möchten, überweisen sie bitte 1000 Euro auf nachfolgend genanntes Konto:“

Mich würde schon mal interessieren, wie jemand aussieht, der da 1.000 Euro locker macht. Egal. Bürgermeister Wowereit jedenfalls findet die Aktion toll („etwas für den Klimaschutz tun“), aber der findet ja auch toll, dass die Neumieten in ehemaligen Arbeitervierteln derzeit um zehn oder zwanzig Prozent jährlich steigen. Gleichzeitig findet eine Art gemäßigte Deportation von Menschen in Problemviertel statt. Das sind die, denen das „Amt“ diese Mietsteigerungen nicht finanzieren will und die deshalb abgeschoben werden in die ganz spezielle Ecken in den Vorstädten. Aus dem Blick. Das interessiert Wowereit wahrscheinlich weniger als die neuen Bäume. Und die Ökodeppen unterstützen ihn dabei. Vielleicht finden die es auch in Ordnung, dass unter den neuen Bäumen keine Gesockse mehr herumhockt.

Einer der Organisatoren von Holy Wood heißt Ralf Schmerberg, nennt sich Künstler und sagt:

„Wir haben gelernt, dass das Geld einfach alle ist und eine Auswirkung ist natürlich „Bäume“. 430.000 stehen, 10.000 fehlen.“

Genau, das Geld ist einfach alle. So lernt man das. Oh Schreck, was sollen jetzt die armen Bäume machen! Der Künstler plappert hier den gleichen neoliberalen Blödsinn daher wie ein Kurator der INSM. Aber er ist für Bäume, dann wird es schon in Ordnung sein. (Mal konkret: Für die geforderten 10.000 Bäume müssen die zehn Millionen Euro einsammeln.)

Noch besser: Gegründet wurde Holy Wood von einer Gruppe, die sich Mindpirates nennt. Echt subersiv, die Sache. Meine Fresse.

Man muss sich das mal vorstellen: Da zahlen Menschen in einer Stadt, in der es wuchert wie die Sau, 1.000 Euro für einen weiteren Baum und zehn Millionen insgesamt, während reihenweise soziale Projekte dichtgemacht werden, weil die Mittel für Stadtförderung um prognostizierte 50 Prozent zusammengekürzt werden, in der der soziale Wohnungsbau seit mindestens zehn Jahren nicht mehr stattfindet und in der Wohnungsbaugesellschaften wie die Gagfah oder die GSW privatisiert und renditemaximiert werden. Die Häuser sind im Arsch, aber Hauptsache es steht ein Baum davor. Es ist eine organisierte Asozialität, die sich unterm grünen Mäntelchen da breit macht.

Es ist die immergleiche Haltung: In einer unübersichtlichen Zeit, in der man sich politisch am liebsten überhaupt nicht positioniert, kümmert man sich um „die Natur“. Wenn einem gar nichts mehr einfällt, zahlt man 1.000 Euro für einen nagelneuen Baum in Berlin. Weil Baum ist irgendwie Natur und Natur ist irgendwie Umweltschutz und Umweltschutz ist irgendwie voll wichtig. Und meine neue Baumpatenschaft kann ich bei jeder Party rumerzählen, ich bin engagiert. Und von der Steuer absetzen kann man´s auch noch. Und die Initiatoren ergänzen:

„…neben dem guten Gefühl, etwas für Berlin getan zu haben, bekommt jeder Baumpate auch noch ein kleines Schild mit seinem Namen neben dem gespendeten Baum.“

Na, dann… Unterstützt wird das gute Gefühl von Motor.FM, einem trendigen Berliner Radiosender mit guter Musik. Die werden schon wissen, was in ist.

Aus raumästhetischer und sozialethischer Perspektive das Gegenteil der Holy-Wood-Scheiße: die vielen kleinen, individuellen, bunten, sorgfältigen, sensiblen Gehwegbebuntungen in Neukölln, Kreuzberg und anderswo:

(Foto: genova 2011)

P.S.: Aktuell zum Thema Mietsteigerungen etc. ein Artikel aus der Berliner Zeitung: „Monopoly in Kreuzberg“


Auszug:

„Es ist zu einem lukrativen Geschäftsmodell geworden, Mietshäuser zu erwerben, in Eigentumswohnungen aufzuteilen und die Einheiten mit großem Profit weiterzuverkaufen“, sagt der Bürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz (Grüne). Diese Entwicklung sei einer der Motoren sozialer Verdrängung.

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13 Antworten zu Holy Wood: Vom guten Gefühl, etwas für Berlin getan zu haben

  1. genova68 schreibt:

    Eine Ergänzung zum Thema: Der Spiegel-Artikel vom Februar 2011 gibt die Situation ganz gut wieder:

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-77222586.html

    Auszug:

    Sozialpolitik heißt auch Wohnungspolitik. Die Berliner Mischung – Reiche in den Vorderhäusern, Arme im Seitenflügel oder im Hinterhaus – war von den Stadtplanern Mitte des 19. Jahrhunderts als Rezept für einen engen Zusammenhalt der Stadt entwickelt worden. Manchester mit seinen Arbeiterslums galt ihnen als abschreckendes Beispiel. Ihr Programm lautete: Die Stärkeren stützen die Schwächeren.

    Und Wowereits Politik? Mit seinem damaligen Finanzsenator Sarrazin verkaufte er zwischen 2002 und 2007 rund 110 000 stadteigene Wohnungen. Außerdem wurde die sogenannte Anschlussförderung für 28 000 Sozialwohnungen gestrichen. Damit fehlt Wowereit nun ein wichtiges Instrument, um gegen die Entmischung vorzugehen. Jeder vierte von Mieterhöhungen betroffene Berliner, so eine aktuelle Forsa-Umfrage, will in der nächsten Zeit umziehen. Steigende Mieten wertete dagegen Wowereit im Januar als gutes Zeichen. Man müsse sich daran gewöhnen, dass die Stadt nicht mehr so preiswert wie früher sei, die Einkommen müssten allerdings auch steigen.

    Politiker, die mehr mit der Basis zu schaffen haben als der Regierende Bürgermeister, erleben die Folgen dieser Haltung ganz unmittelbar. Das Kosmos-Viertel gehört zum Wahlkreis von Ellen Haußdörfer. Sie ist für die SPD im Berliner Abgeordnetenhaus, 30 Jahre alt und wohnt nur ein paar hundert Meter von den Plattenbauten entfernt.

    Vor kurzem ist sie für ein paar Tage nach Paris gefahren, um sich dort die Banlieue anzusehen: Vorstädte mit Jugendlichen auf den Barrikaden und brutalen Polizeieinsätzen. Haußdörfer war schockiert: „Ich habe ein Bewusstsein dafür erlangt, wie es kommen kann, wenn man in Berlin nicht gegensteuert.“

    Sozialdemokratie heute: Mit Vorsatz und in vollem Bewusstsein Banlieue-Verhältnisse produzieren und gleichzeitig in den aufzuwertenden Vierteln Bäume pflanzen.

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  2. Nihilist schreibt:

    „Mein Haus“, also genauer, das Haus in dem ich NOCH wohne, soll modernisiert werden. Steigerung der Miete NUR um 42 %! auf 243 €, da der Vermieter freiwillig auf ca. 22 € verzichten will (ohne Rechtsanspruch) denn sonst wäre es von Nettokalt 171 € auf 265 €.

    Jobcenter erklärt, angemessen seien nur 233,50 €, will aber die 243 € übernehmen, sollte jedoch kein Verzicht des Vermieters erfolgen, also dann nach der „Modernisierung“ doch 265 € gefordert, dann würde die Miete nicht mehr voll übernommen.

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  3. genova68 schreibt:

    Nihilist,
    Misst das Jobcenter die Miete nicht warm? Aber 233 nettokalt ist ein Scherz, wo gibt es denn noch so niedrige Mieten? Ich meine zu wissen, dass in Berlin das Jobcenter die Miete bis etwa 370 warm übernimmt.

    Was passiert denn, wenn das Jobcenter die Miete nicht mehr voll übernimmt? Musst du dann den Rest selbst bezahlen (was eigentlich definitionsgemäß nicht möglich ist, da Hartz IV ja das Existenzminimum darstellt) oder musst du umziehen?

    Ich rate dir erneut, schwarz zu arbeiten und dich mit diesem Amt nicht weiter herumzustreiten. Das ist vergeudete Lebenszeit. 100 oder 200 Euro schwarz nebenher und du bist aus dem Schneider. Gartenarbeit, Nachhilfe, was auch immer. Da muss doch etwas zu machen sein.

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  4. Nihilist schreibt:

    Lieber eine Antwort per Mail – grins.

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  5. Pingback: Der Ruhrpilot | Ruhrbarone

  6. hanneswurst schreibt:

    Dieses Blog fördert die Schwarzarbeit, ich darf es leider nicht mehr lesen.

    TÖTET SARKOZY
    NATO ZERSCHLAGEN!

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  7. genova68 schreibt:

    Ja, ist ja gut.

    Aber jetzt gibt es ja endlich eine Erfolgsmeldung: Zwei von Gafadis missratenen Söhnen sind ums Leben gekommen. Hoffen wir, dass die NATO auch den Rest der Sippe kriegt. Ich verstehe gar nicht, wieso sich die NATO jetzt dafür entschuldigt. Die sollen sämtliche Präsidentenpaläste und Zelte der Sippe in Schutt und Asche legen. Die Wahrscheinlichkeit eines schnellen Kriegsendes würde sich dadurch erhöhen.

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  8. hanneswurst schreibt:

    Grundsätzlich bin ich Deiner Meinung. Ich finde es aber schon schade, dass sie den armen Obama mit einem Kopfschuss erledigt haben, auch wenn es vielleicht hilfreich ist, die Köpfe der kriegstreibenden Nationen rollen zu lassen.

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  9. Nihilist schreibt:

    Das mit Osama war doch der miserablen Finanzlage der USA zu danken. Die wollten den Gehaltsscheck an Osama nun sparen. War doch ein Mitarbeiter der USA. Oder eher eine Marionette. Wenn die ihre Schuldigkeit getan hat wird sie eben ausgemustert.

    Überlegt doch einmal. Die Terroristen in Deutschland sind doch auch oft nur von Mitarbeitern des Geheimdienstes angestachelt worden, damit die ein Gefährdungspotential aufbauen das die Beschneidung der Bürgerrechte ermöglicht.

    Und da passt doch wirklich – ein freudscher Versprecher? – die Aussage

    Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU):
    „Mit den Festnahmen zeigt sich, wie sinnvoll etwa die Übertragung von Aufgaben des internationalen Terrorismus auf das Bundeskriminalamt im Jahre 2009 war“.

    Also Terror zu Erzeugen ist die Aufgabe des BKA! Klappt ja auch, wenn man an S21 denkt. Zivilpolizisten provozieren.

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  10. genova68 schreibt:

    Osama war Mitarbeiter der USA, monatlich bezahlt, jo. Was mich an Verschwörungstheorien interessiert, sind weniger die Theorien an sich, sondern die Gründe, warum sie für viele Zeitgenossen so attraktiv sind. Der Hang zur einfachen Erklärung der Welt (was immer schon die Konkretisierung des Bösen bedingte) könnte einer sein.

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  11. Nihilist schreibt:

    Verschwörungstheorien sind nicht einfach, sie sind kompliziert. Denn jede Theorie die stimmt hat Gegner, die diese Erkenntnis verhindern wollen. Und nichts ist einfacher zu Widerlegen wie falsche Argumente von den Gegner eingebracht, um so die ganze Theorie als unglaubwürdig abzutun.

    Mensch 1 behauptet, die Amis waren nie auf dem Mond – leicht zu widerlegen. Mensch 1 behauptet, er habe ein Ufo gesehen – da wird es schon schwerer das zu widerlegen, aber da er bei der „ersten Theorie“ so daneben gelegen hat ist er nicht mehr SO glaubwürdig. Und nun stellt Mensch 1 eine Theorie auf, die stimmt, wer nimmt das nach den Erfahrungen noch ernst?

    OK, Obama hat Osamas Tötung live mitbekommen. Sozusagen Egoshoterperspektive. Er gab den Befehl, den die US-Einheiten damals in Afghanistan erwartet haben, als er in den Bergen vor ihren Läufen zu sehen war, der von Bush nicht gegeben wurde. Komisch oder. Damals wurde Osama noch als Feindbild gebraucht. Der alte Freund, der so gut die Russen aus Afghanistan vertrieben hat.

    Wer denkt da nicht an den Schah, Saddam, Noriega und so weiter. Und der Baron von und zu G… – hatten wir vielleicht großes Glück?

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  12. genova68 schreibt:

    Dass die Taliban von den USA hochgepäppelt wurden, damit sie gegen die Sowjets in Afghanisten kämpfen, ist ja mittlerweile bekannt. Dass der amerikanischen Rüstungs- und Ölindustrie der 11. September gelegen kam, sicher. Das sind soweit keine Verschwörungstheorien. Verschwörungstheoretisch wird es aber m.E., wenn man davon ausgeht, dass bin Laden auf der Payroll der Amis stand und wenn man außer Acht lässt, dass die Welt ein wenig komplizierter ist. Wer wann welchen Befehl gab oder auch nicht: Mir fehlt da der Überblick.

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  13. Nihilist schreibt:

    Für Berlin wäre es noch besser, der „Hosenanzug“ würde aus dem Verkehr gezogen werden.

    Wer erinnert sich noch an die Aufregung über den „Mescalero-Brief“ mit der „klammheimlichen Freude“ was das für ein Eklat war.

    Hosenanzug hat über eine Ermordung nicht nur eine klammheimliche Freude gezeigt …

    Ekelhaft. Aber wie sagte schon mein Vater früher – wenn zwei das gleiche tun, ist es noch lange nicht das selbe.

    Und eine Erinnerung an den Vergleich von Sir Ustinov – Krieg / Terror

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