Subversive sowjetische Superstrukturen

Kurzer Hinweis auf eine Bilderserie zu hervorragender spätsowjetischer Architektur (dort habe ich auch die Überschrift geklaut), architektonisch einmalig, unglaubliche Sachen. Das meiste davon ist in der Peripherie der Sowjetunion entstanden und wohl deshalb bis heute kaum bekannt. Der Fotograf Frédéric Chaubin hat die Sachen ab 2003 fotografiert. Drei Beispiele:

Druschba-Freizeitzentrum, Jalta

Ukrainisches Institut für wissenschaftliche und technologische Entwicklung und Forschung, Kiew

Georgisches Straßenbauministerium, Tiflis

Die Gebäude sind allesamt später entstanden, als das der im Westen sozialisierte Architekturbeobachter vermuten würde: ab Ende der 1970er bis weit in die 1980er hinein. Es ist eine Art sowjetische Postmoderne, ein entstehender formaler Pluralismus, der vielleicht als erster Schritt zum Zerfall der UdSSR gesehen werden kann. Ein totalitäres System, das sich öffnet, zerstört sich notwendigerweise. Es ist eine Postmoderne, deren Absicht nicht darin besteht, in einem Gebäude einen möglichst großen und beliebigen Stilmischmasch unterzubringen, sondern in dem jedes Gebäude in sich stimmig, aber autonom daherkommt. Man spürt beim Betrachten den Einfluss der sowjetischen Avantgarde aus den Zwanzigern, man spürt, dass Leute wie El Lissitzky und Tatlin in der Sowjetunion Einfluss hatten. Die Stalinalleen dieser Welt wirken dagegen so unglaublich hausbacken. Man bekommt auch ein Gefühl für die Ernsthaftigkeit des damaligen Versuchs, Individualität in einer gewollten Massengesellschaft möglich zu machen. Veränderung der Welt durch Ästhetik.

Abgesehen davon ungemein wohltuend zu sehen, dass es seinerzeit noch die Möglichkeit gab, mitten in einen Wald hinein so ein imponierendes Gebäude zu stellen, ohne dass irgendwelche selbsternannten Ökos, die in Wahrheit nur Kulturfeinde sind, dies verhinderten.

Soweit ich weiß, ist keines der abgebildeten Gebäude Weltkulturerbe. An die Arbeit, UNESCO!

(Fotos: Frédéric Chaubin 2005)

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10 Antworten zu Subversive sowjetische Superstrukturen

  1. georgi schreibt:

    Na ja, das Gebäude von Bild Nr. 11 im Guardian-Artikel ist umstritten. Das gilt als Breshnews Schandtat, besonders auch deshalb, weil es sich an der Stirnseite der Königsberger Schloßallee befindet. Der monströse Betonklotz mit dem barocken Schloßpark davor bedeutet einen heftigen Stilbruch, meinen viele.

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  2. genova68 schreibt:

    Hi, Georgi,
    danke für den Hinweis. Das müsste man sich jetzt im Detail angucken, aber das Argument mit dem Stilbruch ist ja auch eins aus einer speziellen Perspektive. Was ist ein Stilbruch? Wenn ich meinen Kleidungsstil wechsle, ist das auch ein Stilbruch. Jede interessante Stadt hat Stilbrüche, Städte sind Abbild realer Geschichte. Insofern kann ich die „Schandtat“ kritisieren, aber das bedeutet nicht, dass ich HEUTE dieses Gebäude ablehnen muss. Der Kölner Dom hat seinerzeit auch andere Gebäude verdrängt, und über die Proportionen und Maßstäbe zur unmittelbaren Umgebung müssen wir wohl nicht reden. Ist der Dom eine Schandtat?

    Diese Stilbruchdiskussion ist in regressiven Zeiten sehr angesagt, weil so neues verhindert wird. Man muss sich dann ja immer an das alte anpassen. Beim Berliner Stadtschloss wird genauso argumentiert, es sind die immer gleichen reaktionären, politisch rechten Argumente, die letztlich auf einer Beschwörung der guten alten Zeit basieren.

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  3. georgi schreibt:

    Nun ja, ich komme aus Dresden. In meiner Jugendzeit noch zur Zeit der DDR hatten die Dresdner vielleicht einen Barock- und Sandstein-Faible.

    Der Palast der Republik jedoch wurde damals im Prinzip von großen Teilen des DDR-Volk angenommen. Dem Berliner Schloß haben wenige nur nachgeweint. Abgelehnt und schließlich abgerissen wurde der Palast der Republik, weil man die DDR ablehnte. Da dürften ästhetische Gründe keine Rolle gespielt haben.

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  5. HF schreibt:

    Als Solitäre interessant, aber die Einbindung in die Umgebung ….?

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  6. bersarin schreibt:

    Erstaunlich, was man mit Photoshop so alles machen kann. Ich prophezeite dies vor bereits 18 Jahren, was für dolle Dinge in diesem Programm stecken.

    @ georgi

    Ich freue mich jedesmal, wenn die Bauarbeiter etwas abreißen: egal was es ist, immer weg damit.

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  7. genova68 schreibt:

    bersarin,
    gut erkannt: Die Gebäude gibt es gar nicht, ich habe sie mittels Photoshop eingefügt. Man wird ja noch träumen dürfen.

    HF,
    siehe meinen Kommentar zwei obendrüber.

    georgi,
    den Barock- und Sandsteinfaible muss aber irgendwer in Dresden haben, wenn ich mir die Frauenkirche samt Platz drumherum angucke. Mit das Schlimmste, was ich an „Wiederaufbau“ jemals gesehen habe. Dazu gibt es hier im Blog irgendwo einen Artikel.

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  8. georgi schreibt:

    bersarin:

    Ich freue mich jedesmal, wenn die Bauarbeiter etwas abreißen: egal was es ist, immer weg damit.

    Du bist ja wie Ulbricht. Noch heute beklagen sich die Leute darüber, daß die SED die Leipziger Universitätskirche abreißen ließen, und daß sie die ostdeutschen Städte mit ihrem sozialistischen Realismus kaputtgebaut hätten, z.B. die Prager Straße und die Wallstraße in Dresden. Nach der Wende wurde das alles noch schlimmer. Da haben sie die Gebäude der Ulbrichtzeit durch noch Profaneres ersetzt.

    Findet ihr es schön, daß, rein aus DDR-Haß, im Prinzip also aus Daffke, der Palast der Republik abgerissen wurde, und dafür aus rein ideologischen Gründen das Berliner Schloß wiederaufgebaut wird, das kaum ein Berliner wirklich haben will?

    Und statt der Pädagogischen Hochschule in Dresden hätten sie auch was anderes abreißen können, um an deren Stelle das häßliche Gebäude des Sächsischen Staatsministeriums zu bauen.

    genova:

    den Barock- und Sandsteinfaible muss aber irgendwer in Dresden haben, wenn ich mir die Frauenkirche samt Platz drumherum angucke. Mit das Schlimmste, was ich an „Wiederaufbau“ jemals gesehen habe.

    Neumarkt (der Platz um die Frauenkirche herum) und Altmarkt waren vor der Wende Parkplätze. Wirkliche Attraktionen waren das nicht. Schloß, Taschenbergpalais lagen noch in Trümmern, das Polizeipräsidium erschreckte den Besucher durch seine häßliche Betonfassade etc. Die in Trümmern liegende Frauenkirche und das Martin-Luther-Denkmal hatten aber etwas Malerisches an sich.

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  9. bersarin schreibt:

    „Du bist ja wie Ulbricht.“
    Ich bitte zukünftig von weiteren Enttarnungen meiner Person abzusehen, georgi!

    Bezüglich des Palazzo Prozzo, der doch so harmlos protzte, daß noch die Bedienstetenklos von H.M. Schleyer oder Flick besser ausfielen, gebe ich Dir aber recht. Es ist dieser Abriß auch nicht wegen des Asbest vorgenommen worden, sondern weil man ein Stück Geschichte und ein Stück DDR-Identität in Filetstücklage loswerden wollte.

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  10. genova68 schreibt:

    georgi,
    „die Leute“ beklagen sich über so manches, und „schön“ ist in Sachen Architektur generell ein problematischer Ausdruck. Das ist ja ein oft gebrauchtes Argument für den Palast-Abriss: Der war doch nicht schön, das Schloss aber wird schön!

    Wie der Neumarkt in Dresden vor der Wende aussah, weiß ich nicht, ich war da nur mal als Zehnjähriger. Man muss auch beachten, dass Dresden ja wirklich unglaublich geschunden wurde durch die Bombenzerstörungen. Aber ich sehe, was aus dem Neumarkt und der Gegend drumrum gemacht wurde, und das ist objektiv grauenhaft. Es ist eine Kulisse von Stadt, das ist Freizeitpark. Ich habe dazu vor einer Weile etwas geschrieben:

    https://exportabel.wordpress.com/2011/01/01/rekonstruktion-und-geschichte-2-dresden/

    Es ist eine neoliberale Zurichtung von Stadt, Kulisse der heilen Welt, die komplette Entmündigung des Menschen und seine Idiotisierung. Es ist gerade vor dem Hintergrund der jahrundertealten Geschichte von „Stadt“ eine Katastrophe, dass sich offenbar die Interessen durchsetzen können, die die banalste Vorstellung von Stadt haben.

    Architektur ist immer ein geistiger Ausdruck dessen, der baut. Das ist der Maßstab.

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