Was mir bei Lamm mit Spinat auffällt

Ein Gespräch, das ich vor ein paar Tagen beim Mittagessen in einer Kreuzberger Gaststätte belauschte, natürlich rein zufällig: Eine Frau und ein Mann, beide Mitte, Ende Dreißig, unterhalten sich über einen Vortrag, den die Frau noch halten muss. Es geht um solidarisches Wirtschaften, grüne Ökonomie und sowas. Die beiden erzählen ganz vernünftiges Zeug, doch es fällt auf, dass ihnen die richtigen Begriffe fehlen. Zwei Beispiele:

Dem Mann fällt sofort der Begriff „Schuldner“ ein, doch leider nicht der Gegenbegriff „Gläubiger“ (bis ich ihm auf die Sprünge helfe). Meines Erachtens ein kleines Beispiel einer typischen Folge der langjährigen Herrschaft des neoliberalen Diskurses. Es wird der Öffentlichkeit eingebleut, von den bösen Schulden zu sprechen und den Zinszahlungen, die geleistet werden müssen. Alleine der Bund jedes Jahr 50 Milliarden Euro. Kaum thematisiert wird aber, wer das Geld kriegt. Wer von den Schulden profitiert. Da würde dann zu offensichtlich klar, wie Kapitalismus funktioniert.

Beispiel zwei: Die beiden Gaststättenbesucher fragen sich, warum die Stromkonzerne jetzt gegen die AKW-Abschaltung klagen wollen, da sie ihre Aktionäre doch gar nicht gefragt hätten. Der Begriff „Aktionäre“ fällt mehrmals, mit diesem Begriff versuchen die beiden, die Welt zu erklären, warum die AKWs vielleicht doch nicht abgeschaltet werden, es geht irgendwie um das Böse. Der Aktionär als der Weltenbeweger. Wohlspürend, dass das Böse mit dem Begriff des Aktionärs nur unzureichend erfasst wird. „Kapital“ wäre das Wort, mit dem das besser ginge. „Kapital“ fällt ihnen aber nicht ein, es ist in weiten Teilen aus dem aktiven Wortschatz getilgt, eben WEIL es so sinnvoll reale Zusammenhänge beschreiben könnte. „Aktionär“ verweist nur auf jemanden, der Geld gezahlt hat und dafür etwas bekommen will, also ein uns allen vertrauter Vorgang. Mit „Kapital“ könnte man da systemisch argumentieren.

Wenn einem die Begriffe genommen werden, kann man das, was man ausdrücken will, irgendwann nicht einmal mehr denken. Ganz praktisch, für den Gläubiger und fürs Kapital.

Systemisch denken ist aber eh out. Wäre das nicht so, wären die Grünen nicht derart populär, wie sie es gerade sind. Stoff für einen anderen Artikel.

Dieser Beitrag wurde unter Aufmerksamkeitsökonomie, Neoliberalismus, Politik abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

15 Antworten zu Was mir bei Lamm mit Spinat auffällt

  1. hANNES wURST schreibt:

    Mit „Doppelplusunschuldner“ könnten beide Begriffe vernünftig ersetzt werden. Dennoch kreide ich Dir an, dass Du die armen Kreuzberger beim Mittagessen aushorchst, Ihnen in ihre Gespräch reinquatschst und zwei Wortfindungsstörungen in Deine antineoliberale Theorie zwängst. Get a life.

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  2. genova68 schreibt:

    1. Ob das Kreuzberger waren, ist unklar. Herkunft des Mannes war sprachlich eindeutig der deutsche Südwesten (nein, nicht Namibia).
    2. Die waren nicht arm, sondern haben ordentlich gespeist und getrunken.
    3. Ich habe sie nicht ausgehorcht, sie saßen am selben Tisch. Ich besitze keine Ohrstöpsel.
    4. Ich habe nicht reingequatscht, sondern lediglich mit einem Begriff ausgeholfen, worauf mich die Frau dankbar anlächelte.

    Ergo: Kritik um der Kritik willen ist unkritisch und pubertär, mein Lieber. Geh noch mal drüber.

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  3. hANNES wURST schreibt:

    1) Sie waren so Kreuzberger, wie Kennedy Berliner war.
    2) Sie waren so arm, wie Prinzessin Diana als sich ihre Limousine in eine Tunnelwand bohrte. In diesem Fall es keine Tunnelwand, sondern Deine Tunnelblicke (auf das Dekolleté der Tischnachbarin – aber ich gebe zu, das ist Spekulation).
    3) Eine gewisse Privatsphäre gehört auch auf engstem Raum zum mindesten, was ein Mensch erwarten kann. Deine unerhörte Grenzüberschreitung kann ich nur Deiner persönlichen Dekadenz zuschreiben, oder auf einen allgemeinen Verfall der Sitten in Berlin schieben.
    4) Du hast Dich ungebührlich und überbordend aufgeführt, woraufhin die Dame ängstlich und gequält den Mund verzog.

    Nach dieser erneuten, eingehenden Analyse sehe ich nicht den geringsten Grund, meine Bewertung dieser als Blogeintrag getarnten Bandbreitenverschwendung zu revidieren. Dein Artikel wirft nicht nur ein ganz schlechtes Licht auf Deinen persönlichen Lebensstil, sondern diskreditiert die Wertigkeit Deines bisherigen Blogschaffens, ja sogar der ganzen Blogosphäre.

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  4. genova68 schreibt:

    Na, siehst du. Du kannst doch, wenn du nur willst.

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  5. reinhardt schreibt:

    „Aktionär“ verweist nur auf jemanden, der Geld gezahlt hat und dafür etwas bekommen will

    Der Aktionär will nicht „etwas“ dafür bekommen, sondern, konkret, Geld; Geld aus irgendwelchen intransparenten – und beileibe nicht immer koscheren – Gewinn-Zusammenhängen. – Der Treibstoff des Kapitals. Oder?

    Der Aktienhandel (also inklusive die „Aktionäre“) ist ein, wenn nicht das Instrument des Kapitals!?

    Wenn ich davon ausgehe, dass Deine Gesprächspartner (unbewußt) die (maßgeblichen) Großaktionäre meinten, lagen sie doch gar nicht so falsch, meine ich. – Wichtig ist doch die Einstellung, die zählt – Worte kommen da (später) von ganz alleine.

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  6. genova68 schreibt:

    Reinhardt,
    ja, der Aktionär will Geld, sonst nichts. Es ging bei dem Gespräch (soweit ich das mitbekommen habe) aber mehr darum, dass man die Aktionäre „fragen“ muss, ob sie nicht vielleicht auch den Atomausstieg wollen und dann bereit wären, auf ihre Rendite zu verzichten. Da wird es dann realitätsfern, da hilft der Begriff des Kapitals, das nur das eine Ziel kennt, nämlich sich zu rentieren, weiter. Der „Aktionär“ ist ja noch Mensch mit Gefühlen, der könnte in der einen Situation ja wirklich sagen: Ok, ich verzichte auf die Rendite und die AKWs werden abgestellt, aber real wird es darauf hinauslaufen, dass er seine Aktien verkauft, es sinkt also der Kurs.

    In einem System, das ökonomisch nur ein Ziel hat, nämlich die Rendite, ist der menschliche Aspekt bei der Analyse nur hinderlich. Wenn ein Rüstungskonzern einen großen Auftrag erhält, wird der Börsenkurs steigen, da kann es bei den Aktionären menscheln, wie es will.

    Und der Großaktionär kann sich das Menscheln noch viel weniger erlauben, da es in der Regel nicht sein Geld ist, das er da investiert.

    Falsch lagen meine Tischnachbarn sicher nicht, aber, wie gesagt: Ich hatte das Gefühl, dass sie die Lage nicht gründlich analysieren können, weil ihnen die Begriffe fehlen. Natürlich sind das marxistische Begriffe, die einem da am besten weiterhelfen. Dass genau die im grünen Milieu gemieden werden, ist das Problem.

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  7. reinhardt schreibt:

    Natürlich sind das marxistische Begriffe, die einem da am besten weiterhelfen. Dass genau die im grünen Milieu gemieden werden, ist das Problem.

    Die Grünen müssen sich politisch abgrenzen und meiden wohl von daher die marxistischen Begrifflichkeiten.

    Wobei ich mir nicht sicher bin, inwiefern die Grünen so eine freundliche Nähe zu den wirtschaftlichen und sozialen Belangen von Arbeitern und Angestellten tatsächlich ihre eigene nennen.

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  8. hANNES wURST schreibt:

    Diese Bewürfe des „Kapitals“ münden meiner Meinung nach in dieser Diskussion. Die Grundfrage ist, ob Ökonomie und Ethik überhaupt kongruieren. Sie korrelieren sicherlich, aber die eigentliche Kongruenz der Ethik besteht zur Politik, und das allerwichtigste ist, dass Ämter und Mandate nicht käuflich sind. Das größte Problem abgesehen von dieser Korruption ist daher der Lobbyismus oder allgemein die Verstärkung der politischen Gewichtigkeit durch Finanzmittel. Die Unternehmen jedoch müssen vor allem eines tun: sich an das Gesetz halten. Das wäre allemal moralisch genug. Ein Unternehmen, das sich durch sein moralisches Handel („Do no evil“) aus über dem Gesetz stehend sieht wird auch eine moralische Partizipation verlangen („Wir sind Deutschland“). Das geht mit Sicherheit irgendwann schief.

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  9. genova68 schreibt:

    „Die Unternehmen jedoch müssen vor allem eines tun: sich an das Gesetz halten. Das wäre allemal moralisch genug.“

    Das ist zu kurz gedacht, wie du ja selbst anführst: Lobbyismus führt dazu, dass die Unternehmen sich ihre Gesetze so schneidern, dass sie sich dann auch daran halten können.

    Wobei es mir hier eigentlich nur darum ging, den Versuch zu unterstützen, Zusammenhänge zu verstehen. Meines Erachtens ist das ein ganz wesentlicher Punkt der neoliberalen Ideologie: Sich selbst als unideologisch und quasi Naturgesetzen gehorchend darzustellen. Und marxistische Begriffe bei der Analyse aktueller Politik nicht zu verwenden, führt zu einem Ergebnis unter Wert. Man schaue sich die aktuelle bürgerliche Ökonomie und ihre Ergebnisse an: Das meiste ist auf dem Niveau von Sinn und Hüther, das ist Talkshowlevel, das kriegt jeder hin, der ein VHS-Rhetorikseminar besucht hat.

    Das mit dem moralischen Handeln ist schön und gut, aber wenn unmoralisches Handeln mehr Profit bringt, dann wird das eben ausprobiert. Sonst wäre der Kapitalismus ohne Sinn.

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  10. genova68 schreibt:

    reinhardt,
    die Frage ist interessant, ob die Grünen überhaupt sozial sind in dem von dir angesprochenen Verhältnis. Ich war bei den Grünen in den 80ern mal ein paar Jahre engagiert, wurde in einen Ausschuss des Stadtrats gewählt etc., noch als Oberstufenschüler. Da gab es noch die dauernden Realo-Fundi-Kämpfe, und auch wenn mir die Fundis mit ihrer Sturheit teilweise auf den Sack gingen, ist es doch ganz klar das politische Moment, das dort heute fehlt.

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  11. InitiativGruppe schreibt:

    Die Grünen sind Kinder ihrer Zeit. Diese Zeit hat es lieber theorie-fern, theorie-arm, theorie-flach, theorie-leer, theorie-kotz.

    Systemisch denken ist out — leider, ja, so ist es — aber wär es anders, würden eben die Grünen und zum Teil auch die Sozialdemokraten systemisch denken und zugleich pragmatisch handeln. Die linken Ränder kann man grundsätzlich vergessen, das sie keinen Sinn fürs Pragmatische haben und auch gar keinen haben wollen, dafür aber „Reinheit“.

    Die Grünen haben es nun schon beinahe geschafft, die Unionsparteien und einen größeren Teil der konservativen Wähler in Sachen Atompolitik und ökologische Energiepolitik zu sich herüber zu ziehen. Wenn das wirklich gelingen sollte, wäre es ein historischer Erfolg. Wenn das noch in der Integrationspolitik und in der Bildungspolitik gelänge …

    In sozialen Fragen stehen die Grünen auch eher auf der sozialen Seite. Immerhin. Auch wenn da nicht viel Kreatives kommt. Das wär eigentlich das Feld, in dem die SPD punkten müsste. Die Grünen können ja nun nicht alles allein übernehmen.

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  12. genova68 schreibt:

    Was sind denn die „linken Ränder“? Existieren neben den Grünen nur noch linke Ränder? Wir haben über das Thema ja schon einmal diskutiert, da kommen wir wohl nur bedingt zusammen.

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  13. frank peso schreibt:

    woran kritelt ihr eigentlich rum, wenn sich doch alle einig sind?

    „Die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD), der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der Bundesverband Musikindustrie (BVMI), die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (GEMA), die Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen e.V. (Produzentenallianz), die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO), der Verband Privater Rundfunk und Telemedien e.V. (VPRT) und das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) haben die Deutsche Content Allianz als Interessengemeinschaft der Medien in der digitalen Welt ins Leben gerufen.“

    Deutsche Content Allianz ins Leben gerufen | 13.04.2011 | 11:30 Uhr

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  14. Peter schreibt:

    „Wenn einem die Begriffe genommen werden, kann man das, was man ausdrücken will, irgendwann nicht einmal mehr denken. Ganz praktisch, für den Gläubiger und fürs Kapital.“

    Das wär‘ ja noch schöner, wenn die Herrschenden den Beherrschten die Begriffe beibringen würden, die zur Aufhebung der Beherrschung führen könnten.

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  15. genova68 schreibt:

    Stimmt. Aber es gab Zeiten, in denen die Beherrschten einen Vokabeltest bestanden hätten. Es ist viel verschüttet gegangen.

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