„We wish to BECOME something special“

Die Universität Stuttgart hat der ägyptischen (Ex)präsidentengattin Suzanne Mubarak vor sieben Jahren die Ehrenbürgerwürde verliehen. Ich habe an dieser Stelle kürzlich bedauert, dass die Laudatio, die die Bertelsmanntante und bekennende Mubarakfreundin Liz Mohn damals hielt, online nicht mehr abrufbar ist. Ein freundlicher Leser hat mir nun die Laudatio samt anderer Redebeiträge anlässlich der Würdenverleihung zukommen lassen (Reden und Aufsätze 68, hg. im Auftrag des Rektorats der Universität Stuttgart).

Im Folgenden ein paar Highlights daraus, auch wenn die Reden so realsatirisch (oder doch eher zynisch?) sind, dass die Auswahl schwer fällt. Kurzfassung für den eiligen Leser: Frau Mubarak war so sozial wie sonst kaum jemand, tat alles für ihr Volk, ist großes und fast unerreichbares Vorbild für uns alle. So eine Art arabischer Ghandi.

Es ist ein schönes Beispiel für die Verlogenheit der politischen Klasse in Deutschland.

Den Anfang macht auf englisch der Rektor der Uni Stuttgart, Dieter Fritsch, der betont, warum ausgerechnet Frau Mubarak die Ehrenbürgerwürde verdient hat:

„Ehrenbürger is only given to public figures whose work sets an dexample for all to follow, whose dedication to the welfare of society is unique. You, Excellency, have set a unique standard in visions and missions for your country…

Her Excellency Mrs Mubarak has rendered examplary services to the welfare society in many ways, in particular through her commitment at an international level to supporting vocational training for young people and to the rights of children and women.“

Auch nicht schlecht: Mubarak „has shown great dedication to social concerns…“

„Thank you for your restless commitment for your country and for the Egyptian society. You are a great example for courage, power, visions and missons to design innovative social projects.“

Frau Mubarak ist laut Fritsch Vorbild für uns alle:

„…to be a role model for us, not in a academic or entrepreneurial sense, but in her striving for social justice…“

Dass Mubarak die Ehrenbürgerschaft annimmt,

„does not mean that WE think of ourselves as BEING something special. Instead, we hope that Her Exellency Szuanne Mubarak´s example will guide our actions and thoughts, and, spurred on by the model of our Honorary Citizen, we wish to BECOME something special.“

Durch das Vorbild Mubarak zu etwas besonderem werden. Ich vermute eine unbewusste Affinität Fritschs zu dem 40-Milliarden-Dollar-Vermögen der Mubaraks. Wer sich mit einem popeligen Rektorensold herumschlagen muss, will natürlich größeres.

Nächster Redner war der damalige Minister im Staatsministerium von Baden-Württemberg, Ulrich Müller (CDU). Seine christlich-demokratische Verbindung zum Mubarakclan erklät er so: Die Auszeichnung von Mubarak…

„entspricht einer guten Tradition in unserem Land! Die Verbindung von Bildung für alle, sozialem Engagement und unternehmerischem Handeln ist nämlich in Baden-Württemberg traditionell sehr stark ausgeprägt.“

Die traditionelle Verbindung zu Frau Mubarak sieht er konkret in der Person von Robert Bosch:

„Mit einem hohen Anspruch an Menschlichkeit wollte er nicht nur Not lindern, sondern vor allem zu einer Verbesserung der gesundheitlichen Verhältnisse sowie des sittlichen und geistigen Niveaus der Menschen beitragen.“

Klar: Frau Mubarak ist für Herrn Müller…

„ein großes Beispiel und Vorbild für die Bekämpfung von Armut und Elend der Menschen!“

Liz Mohn haut so richtig auf die Pauke. Die Präsidentengattin habe gearbeitet

„für den Ausgleich zwischen den sozialen Schichten, Geschlechtern und den Generationen; für die Verständigung und Aussöhnung zwischen den Völkern, Kulturen und Religionen und damit für den Frieden in der Religion und in der Welt!“

Mohn durfte

„die First Lady eines Landes erleben, die mit einem außerordentlichen Verantwortungsbewusstsein, mit einer unermüdlichen Tatkraft und Energie, mit sehr viel Kreativität, aber auch einer ungeheuren Motivation ihre Ziele verfolgt. Und die Ziele wurden von ihr immer bewusst hoch gesteckt.“ Mubarak habe erkannt, dass „Lesen ein Menschenrecht“ sei.

Die anderen Menschenrechte sind dann offenbar nicht so wichtig.

Weiter im Geschwurbel:

„Es ist daraus eine gedankliche Verbundenheit – ja, ich darf wohl sagen: eine Freundschaft – entstanden, die mich darin bestätigt hat, welche Wirkungen Toleranz, Einfühlungsvermögen und soziales Gewissen erzielen können.“

Frau Mohn entdeckt ihr soziales Gewissen und führt als Vorbild Suzanne Mubarak an. Was soll man da noch kommentieren?

„Nicht Ruhm, Eitelkeit oder Prestige haben dich geleitet, sondern der Wille und die Verantwortung, für dein Land und dein Volk etwas zu leisten und einen Weg in eine bessere Zukunft aufzuzeigen.“

Ein letztes Zitat:

„Motiviert hat dich dabei immer die große Sorge und die Angst um dein Land und seine Bevölkerung. Viele Entwicklungen werden auch Ägypten und seine Gesellschaft in den nächsten Jahren verändern: Die Globalisierung und die Technologisierung werden weiter voranschreiten. Sie werden eine große Gestaltungsaufgabe für die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft bilden. Ich weiß, dass du eine Leitfigur in diesem Prozess des Wandels bist. Ich bin überzeugt, dass du auch weiterhin ein Vorbild für die Menschen sein wirst, die großen Herausforderungen dieses Landes anzunehmen und seine kulturellen Errungenschaften fortzuschreiben, aber auch seine Folge in ihrer Tragweite zu erkennen.“

Das sagt die alles aus freien Stücken. Wir sollten diese Gestalten Ernst nehmen. Rektor Fritsch, CDU-Protagonist Müller, Medienadelige Mohn. Allesamt neoliberal bis ins Mark und somit antidemokratisch, menschenverachtend, führeraffin. Mir fällt (weil im Blog von Bersarin gerade Thema) ein Text eines Liedes von BAP ein, „Lisa“. Es geht um eine Frau, die in ein psychiatrische Klinik eingeliefert wird, während „Mörder, die als Biedermann getarnt“, frei herumlaufen.

Und das nicht nur bis 2004. Nochmal zurück zu Ulrich Müller, der seine ganz eigenen Ansichten über Gewalt hat. Der Träger des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse war jüngst auch Ombudsman im baden-württembergischen Untersuchungsausschuss, der sich mit dem Polizeieinsatz vom vergangenen September auf dem Stuttgarter Schlossplatz gegen die S21-Gegner beschäftigte. Hinsichtlich der Polizeigewalt fragte er: „Was wäre die Alternative gewesen?“ und gab gleich die Antwort:

„Die Herrschaft der Straße und das Ende des Rechts.“

P.S.: Wer den Aufsatzband komplett lesen will, dem schicke ich das Ding als PDF gerne zu.

Dieser Beitrag wurde unter Aufmerksamkeitsökonomie, Politik abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

15 Antworten zu „We wish to BECOME something special“

  1. InitiativGruppe schreibt:

    Ein kleiner Vorgeschmack auf die kommende Welt der Aristokratie, die uns bevorsteht. (Ich werd’s nicht mehr erleben – den jüngeren wünsch ich viel Vergnügen.)

    Die Superreichen sind inzwischen so reich, dass sie sich schon ihre eigene Welt haben einrichten können. „Richistan“. Jetzt geht es noch darum, sich nach und nach den Rest der Welt unterzuordnen.

    Die Art der Beweihräucherung, die man hier am Beispiel Mubarak entdeckt, dürfte nur noch einer relativ kleinen Minderheit der Deutschen sauer aufstoßen. Viele werden sagen, ooch, ihr seid ja bloß neidisch!

    Der alte mittelständische Sinn, dass man Lob nur für Leistung verdient, nicht für den Status, den man hat, schwindet in der Bevölkerung allmählich dahin.

    Der Träumer und die Träumerin identifizieren sich sentimental mit der Geehrten – und wenn wir kritisch über die so schön geehrte Frau herfallen, stößt man auf gereiztes Unverständnis. Wir Kritiker sind Spielverderber. Traumverderber.

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  2. Nihilist schreibt:

    Sie haben Spassverderber vergessen. Aber da bin ich auch aktiv, mit meinen Klagen den Typen beim Jobcenter den Spass zu verderben. Und der Richterin am Sozialgericht werde ich den Spass auch noch verderben, meine Klagen abweisen zu wollen.

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  3. InitiativGruppe schreibt:

    Noch ein Beitrag aus München, der dazu passt, auch wenn es nicht um perverse Elogen geht:

    Gaddafis Sohn X – ich hab vergessen, welcher – hat bis vor kurzem in München gewohnt. Er ist wegen Trunkenheit am Steuer, illegalem Waffenbesitz und Bedrohung anderer mit dem Tode bei der Polizei angezeigt worden.

    Was passiert bei einem Normalsterblichen? Oder bei einem kleinen linken Demonstranten zum Beispiel? Zero Tolerance!

    Was passiert, wenn jemand G E L D hat?

    Da denken Polizei und Staatsanwaltschaft plötzlich ganz lang und ganz tief nach.

    Der Polizeipräsident begibt sich persönlich zu dem geldigen Diktorensproß, um ihn freundlich über unsere Rechtsordnung zu belehren.

    Die Staatsanwaltschaft rutscht einige Zeit auf ihrem Stuhl hin und her, dann fragt sie brav bei der libyschen Botschaft in Berlin nach, ob das in Ordnung sei, wenn man Gaddafi jr.s Wohnung durchsuchen würde. – Aber nein, natürlich nicht – machen Sie nur. In ein paar Tagen.

    Erstaunlich, man findet tatsächlich keine Waffen in der Wohnung des Angezeigten.

    Das war’s dann.

    Geld und Macht brauchst du, und unsere Behörden gehen in die Knie. Demütig.

    Bei Gaddafi jr. kommt es zufällig auf, weil sich das politische Blatt gewendet hat. Andernfalls ist das der uns nicht bekannt werdende Normalfall.

    Auch in Zukunft.
    In Zukunft immer noch mehr.

    Sanktionen gibt’s nur, wenn man sich gegen die da oben traut. Wenn man sie schützt und es kommt raus, ist es ein bisschen peinlich, aber was soll’s.

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  4. InitiativGruppe schreibt:

    Sorry, Korrektur nötig:
    DiktAToren;
    und: … ob das EIN PROBLEM sei, wenn man …

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  5. genova68 schreibt:

    Das ist ja eine pessimistische Sicht, IG. Ich glaube nicht, dass „den Deutschen“ das Geplappere von Mohn und Co. nicht sauer aufstoßen würde. Sie kriegen es nur nicht mit, da außer diesem Blog niemand darüber berichtet. Die Diskrepanz zur Realität ist da einfach zu groß. Die Reden von Honecker und Co. waren die objektive Wahrheit dagegen. (Ich fände es spannend, die genannten Typen heute mit ihren Reden von damals zu konfrontieren.)

    Ich würde so auch den Erfolg der Grünen erklären, zumindest teilweise. Die Verlogenheit der Etablierten geht einem auf den Keks.

    Dass wir in eine Art Neoaristokratie schlittern, ist gut möglich. Gerade das Gerede von mehr Bürgerbeteiligung etc. läuft ja heute auf einem unerträglichen Niveau, da sollte man nicht allzu viel erwarten. Die NPD findet das auch toll.

    Danke für die Geschichte von Gadafis Sohn. Davon habe ich noch nie etwas gehört. Gibt es denn Zeitungsberichte darüber?

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  6. InitiativGruppe schreibt:

    Jetzt hat es die Süddeutsche doch auch online:

    http://www.sueddeutsche.de/muenchen/saif-al-arab-gaddafi-muenchner-justiz-wegen-gaddafi-sohn-in-der-kritik-1.1080368
    und schön detailiert
    http://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen-die-akte-gaddafi-1.1080405

    Dieser Saif al-Arab Gaddafi hatte noch mehr auf dem Kerbholz, als ich gedacht habe … ein „Intensivtäter“!

    Ach, wenn doch alle Ausländer so sensibel behandelt würden! Dann könnte man als Deutscher richtig neidisch auf sie werden.

    Schon auffallend, dieses Schwanken der Bayerischen Polizei und Staatsanwaltschaft zwischen Zero Tolerance (für normalsterbliche Ausländer, Linke, etc.) und ca. 90% Tolerance für einen, der Geld und Macht hat. (Immerhin fehlen da noch 10% … )

    Geld & Macht machen nicht nur sexy, sie machen auch immun.

    Wie heißt es doch so schön grundgesetzlich? – Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich. Das war immer schon ein frommer Wunsch und eine verdammte Lüge, aber inzwischen wuchert sie.

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  7. frank peso schreibt:

    ja, man schlackert nur noch mit den ohren, heutzutage, hiezulande.

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  8. Pingback: Frau Mohn hält eine Rede « Kritik und Kunst

  9. genova68 schreibt:

    Interessante Zeitungsartikel, danke.

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  10. chriwi schreibt:

    Man sieht wie kurz das Gedächtniss der Menschen ist. Wofür Mubarak stand war die Jahre vorher schon klar. Er wurde akzeptiert, weil er Isreal akzeptiert und US freundlich war.

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  11. Lara schreibt:

    Ich würde das PDF gerne haben. Hast du schon mal ein paar einschlägige Redaktionen angeschrieben und ihnen das als Geschichte angeboten? Wenn nicht: machen.

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  12. genova68 schreibt:

    Ich werde ein paar Zeitungen im Südwesten Links zu diesem Artikel schicken, das sollte reichen. Die Geschichte steht ja hier im Blog, das ist doch auch etwas, oder? Dem Herrn Müller von der CDU habe ich den Link zum Artikel übrigens jetzt schon zweimal geschickt und ihn zu einer Stellungnahme aufgefordert. Er schweigt beharrlich.

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  13. Rainer schreibt:

    P.S.: Wer den Aufsatzband komplett lesen will, dem schicke ich das Ding als PDF gerne zu.
    Suzanne Mubarak
    Könnte ich dieses PDF bekommen?
    Würde mich sehr freuen.

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  14. genova68 schreibt:

    Hallo,
    ist unterwegs. Das PDF hat sechs MB, sehe ich gerade.

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