Kein Gespür im Nahen Osten

Kurze Aktualisierung meines vor gut einem Jahr geschriebenen Blogartikels zum Nahostproblem.

Die eine Seite: Vor ein paar Tagen ermordeten Mitglieder der Al-Aksa-Brigaden in Itamar, einer israelischen Siedlung im Westjordanland, drei israelische Kinder und ihre Eltern. Die im Gazastreifen regierende Hamas findet die aufgeschlitzten Kinder okay, denn „sie unterstütze jedwede Aktion, die sich gegen israelische Siedler richte“.

Die andere Seite: Der israelische Innenminister Eli Ischai von der religiösen Schaspartei fordert nun, man solle für jeden Mord an einem israelischen Siedler nicht nur 500 Siedlungsneubauten im Westjordanland errichten, sondern 1.000. Strafe muss sein. Woran erinnert mich diese Art von Zahlentheorie nur?

Idioten auf beiden Seiten.  Ich zitiere mich aus obigem Blogartikel mal selbst:

„Wenn Hardliner auf beiden Seiten das Sagen haben, muss man sich nicht wundern. Wobei es psychologisch ja nachvollziehbar ist, dass sich in Spannungssituationen extreme und somit strukturell nicht friedensfähige Positionen gegenseitig hochschaukeln und dann auch noch fast nur testosterongeschwängerte Männer Gehör finden.“

Die Voraussetzung für Frieden in der Region, wenn ich das so staatstragend formulieren darf, ist, dass ein Gespür entwickelt wird für diese Hardliner und ihr objektiv gewaltstiftendes Handeln. Dem Willen zur Aggression, zur strukturellen Gewalt, zum Mord an einer ganzen Familie die Fassade des politischen Handelns nehmen, die angeblich dem Allgemeinwohl dient.

Wobei ich den Hinweis, dass man da als Deutscher die Klappe halten sollte, nicht von der Hand weise. Zumal die verkaufte Auflage des Buches von Sarrazin und die drohende Wiederwahl des korrupten Blenders Stefan Mappus und seiner devoten Zofe Tanja Gönner in Baden-Württemberg sowie die Unterstützung für Guttenberg zeigen, dass die Deutschen, wie man sagt, schon bei weit läppischeren Herausforderungen scheitern.

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16 Antworten zu Kein Gespür im Nahen Osten

  1. MondoPrinte schreibt:

    Und was mich erschrickt – auch an mir selbst: Dass man jede Katratrophenmeldung über das nächste Blutbad gar nicht mehr als Mensch wahrzunehmen in der Lage zu sein scheint, sondern als Verfechter einer bestimmten Solidarität. Anzuerkennen, dass die Tötung einer Siedlerfamilie Mord an Menschen ist, fordert viel zu vielen Beobachtern scheinbar Herkuleskräfte ab… Finde ich absolut bedrückend.

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  2. genova68 schreibt:

    Hi, Mondoprinte,

    ja, absolut richtig. Das ist ja das Unangenehme an dem Nahostkonflikt, man muss anscheinend parteiisch sein. Ich hatte mich bis vergangenes Jahr nie um das Thema Naher Osten gekümmert, es war mir zu unübersichtlich und ich hatte das Gefühl, dass sich da nur voreingenommene Menschen äußern, die ein anderes Süppchen kochen. Als ich hinfuhr, war mein Interesse naturgemäß ein anderes.

    Ich habe deinen Artikel zum Thema vorhin gelesen und deine Betroffenheit. Im Prinzip keine Kritik, aber ich mache mir „Fassungslosigkeit“ nicht zu eigen. Ich bin wegen Itamar nicht fassungslos. Fassungslosigkeit würde streng genommen dazu führen, dass man keinen Blogartikel mehr schreiben kann, ohne Fassung geht nichts mehr.

    Die Wahrnehmung als Mensch ist m.E. ab dann schwierig, in dem man Zugang zu Informationen der ganzen Welt hat. Betroffenheit über Ägypten, Betroffenheit über Japan, Betroffenheit über die Siedler in Itamar, Fassungslosigkeit als Dauerzustand. Das geht nicht.

    Aber dieses „als Mensch wahrnehmen“ ist andererseits eine Herangehensweise, ohne die die Technokratie ihren Siegeszug antreten würde. Wohl ein anthropologisches Problem.

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  3. InitiativGruppe schreibt:

    Als ich ein Junge war, war ich zu 100 Prozent Indianer. Da les ich dann, dass Indianer gelegentlich weiße Frauen und Kinder massakriert haben bei dem Versuch, den Weißen Mann aus ihren Gebieten rauszuhalten.

    Wie löst man so ein ethisches Problem, wenn man ein 13jähriger Junge ist?

    Ich hab mir damals gedacht: Wenn ich dabei bin, dann mach ich sowas nicht. Man muss keine Kinder und keine Frauen umbringen, wenn man einen Kampf gewinnen will. Mann kämpft auch besser, wenn man dabei anständig bleibt.

    Aber, so hab ich weiter gedacht, man kann die Schuld für so ein Massakrieren von Frauen und Kindern nicht uns allein in die Schuhe schieben. Diese Weißen haben in unserem Land nichts verloren. Sie nehmen es uns weg, sie bringen uns um. Wir wehren uns gegen Eindringlinge, und das ist unser gutes Recht. Wenn meine Kriegerkameraden also ein weißes Kind umbringen, dann werde ich mich deshalb nicht von ihnen oder vom Kampf abwenden. Ich werde die böse Tat akzeptieren.

    So ungefähr hab ich mir das in den Zeiten meiner Jugend gedacht. Ungefähr so denke ich bis heute. Ein Element kommt hinzu: Die Indianer des Wilden Westens haben einer ganz anderen Kultur angehört – mit anderen Werten als den unseren. Wär ich wirklich einer von ihnen gewesen – hätte ich dann die Distanz zum Massakrieren von „Zivilisten“ überhaupt haben können? Vermutlich schon, aber man müsste dazu die Psychologie der „Naturvölker“ in Betracht ziehen, um herauszufinden, unter welchen Voraussetzungen ein Cheyenne-Krieger des Jahres 1850 Frauen und Kinder des Todfeindes schonen könnte.

    Wie kann man nun, vor diesem Hintergrund, den fünffachen Mord von Itamar verstehen und beurteilen?

    In meinem Kopf bleibt – egal, welche Form und welches Ausmaß eine verbrecherische Gegenreaktion annimmt – immer im Vordergrund: Ursache des Gesamtkonflikts, zu dem das einzelne Mordgeschehen gehört, ist die kriminelle Landnahme Israels in Palästina.

    Das rechtfertigt – für mich – nicht jede Form des Widerstands.

    Ich selber würde der Weisung des Sokrates folgen: Besser ist es, selbst zu sterben, als so zum Mörder von Kindern zu werden. Aber das ist meine persönliche Entscheidung. Moral kann ich nur von mir selbst verlangen, und die Moral selbst besteht nicht in irgendwelchen Theorien, Worten, Gedanken, sondern darin, was man tatsächlich tut. Oder nicht tut.

    Ich würde also als Palästinenser ungerührt weiter kämpfen, wissend, dass in diesem Kampf noch viel unschuldiges Blut fließen wird, auf beiden Seiten. Es geht um das Überleben meiner Gemeinschaft.

    Diese Gemeinschaft steht über mir, dem Individuum. Denn der Mensch ist ein soziales Wesen – auch dann, wenn er es vergisst und sich zum absoluten Individuum vergöttlicht.

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  4. Nihilist schreibt:

    Eine Eskalation wird immer dann stattfinden, wenn auf beiden Seiten die Gewaltbereiten das sagen haben. Das zeigte auch Nordirland.

    Auge um Auge, Zahn um Zahn, da sind dann zuletzt alle Blind und Zahnlos.

    Das reale Leben ist nun einmal kein „ACME-Tom+Jerry-oder Koyote+Roadrunner-Spektakel“.

    So nun mach ich mich bereit gleich an der Mahnwache teilzunehmen.

    http://www.ausgestrahlt.de/mitmachen/fukushima.html

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  5. genova68 schreibt:

    IG,
    als Palästinenser „ungerührt weiter kämpfen“, wäre nicht mein Rat. Gerade wegen des Mordes wäre Rührung angebracht, und daraus folgend eine Handlungsänderung.

    Dass die Gesellschaft über dem Individuum steht, nun ja, das sind so Ausagen… Ich dachte mir jedenfalls schon in den Achtzigern, dass ich bei einem Krieg möglichst schnell abhauen würde, egal, was die „Gesellschaft“ davon hält. Ich hoffe, ich hielte es heute genauso. Ich brauche nichts, was über mir steht.

    Nihilist,
    viel Erfolg!

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  6. rauskucker schreibt:

    „ermordeten Mitglieder der Al-Aksa-Brigaden“ …
    Ich finde diese Tat abscheulich, und auch ich fürchte, daß wirklich palästinensische Aktivisten die Täter waren. Aber: ich habe bisher noch nichts gehört, daß es dafür irgendwelche Belege gäbe. Denkbar ist dagegen auch etwas ganz Anderes. Darum fehlt hier dringend ein „vermutlich“, oder auch „angeblich“.

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  7. Pingback: Verstummen (Postmoderne und Tatsachenbegriff) « Kritik und Kunst

  8. genova68 schreibt:

    rauskucker,
    die Al-Aksa-Brigaden haben sich, wenn ich das richtig gelesen habe, ganz offiziell zu dem Anschlag bekannt. Warum sollte ich an diesem Bekenntnis zweifeln?

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  9. Ghassan schreibt:

    Hallo Genova,
    die Brigaden ließen verlauten das Kindermord inakzeptabel sei. Selbst der israelische Hardliner Gil Yaron schreibt bei SPON, dass deren „Bekennerbrief“ wenig glaubwürdig sei.
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,750935,00.html

    Auch die Zeitung Al-Quds al-‚Arabi schreibt, dass die Al-Aqsa Märtyrerbrigaden eine Verantwortung an den Morden verneint haben. Bisher habe sich keine Gruppe zu der Tat bekannt.
    Die Hamas erklärt auf ihrer Homepage unter Berufung auf palästinensische Journalisten, dass der Täter ein „asiatischer Tagerlöhner“ gewesen sei, den die Familie beschäftigte und nicht bezahlen wollte.
    Da läuft es nach der Logik, dass Kinder zu töten falsch sei, Israel aber selbst tausende Kinder getötet habe. In den arabischen Texten der Hamas werden die Kinder wie die Erwachsenen auch, als „zionistische Usurpatoren“ bezeichnet. Dennoch distanzierten sie sich von der Tat.

    Ganz schlimme Sache das Ganze.

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  10. MondoPrinte schreibt:

    @ genova68
    Für den Moment bin ich wirklich fassungslos. Und auch wenn sich das auf unangebrachte Weise genießerisch anhört: das gönne ich mir auch. Besser gesagt: Manchmal halte ich das für mehr als angebracht, auch als Blogger…

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  11. genova68 schreibt:

    Ghassan,
    danke für den Hinweis und die Differenzierungen.

    MondoPrinte,
    mir ging es um die sprachliche Schieflage: Fassungslos und gleicheitig einen Text in die Tastatur tippen geht nicht. „Fassungslos“ ist zur Politikerfloskel verkommen.

    Aber es ist klar, was du meinst, ich will das nicht zerpflücken.

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  12. InitiativGruppe schreibt:

    Genova68,
    ich halte mich nicht für so wichtig, dass ich unbedingt alles überleben muss.
    Die Frage ist natürlich, muss auch die Gemeinschaft, zu der ich gehöre, unbedingt überleben?
    Muss – letztlich – die Menschheit überleben?

    Nichts muss. (In dem Sinne, in dem hier „muss“ gebraucht wird: als zwingendes Sollen.)

    Aber auch dann würde ich sagen, dass mir das Überleben meiner Gemeinschaft und letztlich der Menschheit mehr wert sein sollte als mein eigenes.

    Ich hab ja schon an anderer Stelle geschrieben, dass ich unsere Unfähigkeit, den Tod als normalen, fassbaren Bestandteil unseres Lebens zu betrachten, für ein Grundübel unserer Gesellschaft und Kultur halte.

    Da ich kein Missionar bin, werde ich nicht versuchen, dich vom Davonlaufen abzuhalten. Für mich ist das übliche Davonlaufen halt ein Indiz dafür, dass wir als Gesellschaft nicht mehr wirklich lebensfähig sind.

    Es kommen wahrscheinlich schon einige auf die Behauptung, dass Gesellschaft grundsätzlich kein Gefühl für Gesellschaft mehr braucht, keine Opferbereitschaft und dergleichen. Und dass so eine Gesellschaft trotzdem krisenresistent ist. Ich glaub das nicht, aber ich würde es auch nicht ausschließen.

    Persönlich bin ich in dieser Hinsicht froh, so richtig altmodisch kollektivistisch zu ticken. Die Gemeinschaft ist wichtiger als mein aufgeblähtes krankes Ego. Und meine persönliche Existenz ist nicht so wichtig wie die der Menschheit.

    Eigentlich sollten uns doch 100 000 Jahre menschliche Anthropologie und Kulturgeschichte überzeugen, dass wir SOZIALE Wesen sind. Dass die extreme Individuierung, die im 19. und 20. Jahrhundert sich ständig radikalisiert hat, eine anthropologische Revolution bedeutet, bei der man mal genauer hinschauen sollte, wozu sie am Ende führt.

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  13. genova68 schreibt:

    IG,
    ich antworte darauf jetzt mal nicht, zumal es mit meinem Artikel nichts zu tun hat. Eigentlich liegt es mir fern, bei jeder Detailbeobachtung ein Fass mit weltanschaulichen Grundsatzpositionen aufzumachen. Ich glaube, das führt zu nichts. Mir geht es hier viel mehr um die Mikroperspektive, Makroperspektiven sind mir schon immer verdächtig gewesen. Was dich nicht davon abhalten soll, hier solche anzubieten.

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  14. MondoPrinte schreibt:

    @ genova68 Stimmt, ist es zur Floskel verkommen… aber dennoch ;-)…

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  15. InitiativGruppe schreibt:

    Nichts mit dem Thema zu tun?
    Das Thema hat mit dem Tod zu tun. Wie man zu ihm steht.
    Und mit dem Töten – zur (vermeintlichen) Verteidigung der Gemeinschaft, der man angehört.

    Wie bewertet man das Verbrechen des Mörders von Itamar?
    Ich bewerte es grundsätzlich anders, als das in Deutschland üblich ist – meine Perspektive steht jener der Palästinenser (und – spiegelverkehrt – der Israelis) näher: sie ist nicht beschränkt individualistisch.

    Da wären wir mitten in dem Thema, das du angeschnitten hast: dem „Gespür“ im Nahen Osten.

    Das ist eine andere Welt. Man kommt ihr verstehend nur näher, wenn man sich auf das Kollektive und auf das wohl etwas andere Verhältnis zum individuellen Tod einließe.

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  16. genova68 schreibt:

    Wie man zum Tod steht? Na, ich schätze, dass es wenig Kulturen auf der Welt gibt, die zum Aufschlitzen unbeteiligter Kinder im Schlaf aufrufen oder das tolerieren. Weder die palästinensische noch die israelische. Mir ging es in dem Artikel darum, dass dort Leute an der Macht sind, die offenbar nicht einmal in dieser Situation etwas zur Mäßigung beitragen können. Und mit „Gespür“ meinte ich, dass diese Typen ja immerhin gewählt wurden, auf beiden Seiten. Ein Gespür, dass den Deutschen abgeht, wenn sie Guttenberg so toll finden etc. Ein Gespür für Seriosität eben, unabhängig von der Ausrichtung des Inhalts, das im Zuge des Fortschreitens des Neoliberalismus in der entwickelten Welt immer weiter abhanden kommt, scheint mir. Beispiel Tea-Party.

    Aber ich möchte keine Interpretation vorgeben. Wenn du den Artikel anders aufgefasst hast, in Ordnung.

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