Nazis 2.0 auf Auslandstour

„Wenn islamische Kinder Gebetsräume in Schulen bekommen, dann können wir den Hindus ja auch den wunderschönen Brauch der Witwenverbrennung erlauben.“

Das sagte Henryk Broder am Montag Abend bei einer Podiumsdiskussion in London.

Und:

Einer Studentin mit Migrationshintergrund, die schilderte, auf der Straße in Deutschland bespuckt worden zu sein, sagte Broder, sie möge aufhören, sich zu beklagen.

Und:

Broder bezeichnete eine sachliche Diskussion als so etwas wie „Sex in der Ehe“, damit könne man gleich wieder aufhören.

Man könnte das ja lustig finden, schwarzer Humor und so. Doch irgendwann nicht mehr. Broders sogenannte Schlagfertigkeit geht komplett und ausschließlich und immer wieder zu Lasten von Minderheiten und wird von seinem Stammtischpublikum umso bewundernder aufgenommen, je rassistischer er sich gebärdet. Süffisant grinsende Egostärkung und Gehaltsaufbesserung auf Kosten irgendeiner anonymen Masse da unten.

Thilo Sarrazin nahm natürlich auch teil an der Diskussion, deren Leiter Jan Fleischhauer war, also das dritte Arschloch und das zweite süffisant grinsende im Bunde. Sarrazin kommt in seiner rhetorischen und mimischen Unbeholfenheit ja fast mitleidserregend rüber, die anderen beiden genannten nicht. Denen geht es eben nicht um das ernsthafte Analysieren von Problemen, um Lösungsvorschläge, um Verständnis, um Einsicht, um Kritik, von mir aus auch um Pragmatismus. Sondern um verbalen Rassismus, vermeintlich intelligent und sprachwitzig verpackt, dessen Zynismus aber kaum zu verbergen ist. Jeder Religionskritiker ist gesellschaftlich sinnvoll, solange er seinen Job ernsthaft erledigt. Dauerintregieren dagegen sollte gesellschaftlich sanktioniert werden. In Deutschland ist bekanntlich seit einer Weile das Gegenteil der Fall.

Ein wesentlicher Unterschied von Fleischhauer, Broder und Co. zu gewalttätigen Nazis besteht darin, dass erstere beim Prügeln schlechter aussähen als letztere beim Reden. Jeder hat so seine Mittel. Die einen schaffen das gesellschaftliche Klima, die anderen schreiten zur Tat. Man sollte das so langsam doch einmal so klar sagen.

An der Diskussion in London nahmen außerdem Hellmuth Karasek und der Vorsitzende des Islamrats in Deutschland, Ali Kizilkaya teil. Die beiden kamen erwartungsgemäß gegen die routinierten Dampfplauderer nicht an. Kizilkaya ging es wohl wirklich um die Sache, und genau dieses Anliegen macht ihn im Dunstkreis von Broder, Fleischhauer und Sarrazin zum Underdog. Gegen ein Dauerfeuerwerk von Sottisen hat man da keine Chance. Doch es geht hier nicht um Nachwuchskabarett.

Die Diskussion wurde initiiert von der London School of Economics. Warum diese Ökonomen Pöbler einladen, deren Wissenschaftlichkeit sich reduziert auf zusammenhangslose und technokratisch inszenierte Zahlenreihen („Deutschland in 100 Jahren“) bzw. Aussagen wie oben, wissen die hoffentlich selber nicht.

Das mal so flott von der Leber geschrieben.

Mehr zu Broder, Fleischhauer und Sarrazin via Sucheingabe oben rechts.

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17 Antworten zu Nazis 2.0 auf Auslandstour

  1. hanneswurst schreibt:

    „Sarrazin kommt in seiner rhetorischen und mimischen Unbeholfenheit ja fast mitleidserregend rüber, die anderen beiden genannten nicht. Denen geht es eben nicht um das ernsthafte Analysieren von Problemen, um Lösungsvorschläge, um Verständnis, um Einsicht, um Kritik, von mir aus auch um Pragmatismus.“

    Das soll jetzt nicht bedeuten, dass es Sarazzin Deiner Meinung nach tatsächlich um „ernsthaftes Analysieren“ usw. geht, oder? Meine Rangliste der Schädlichkeit der Diskutanten in solchen Debatten ist (die schädlichsten zuoberst):

    1) Die Sarrazins (halbwegs intelligente Populisten mit Reputation)
    2) Die Broders (halbwegs intelligente Populisten)
    3) Die Haiders (dämliche Populisten)
    4) Die Mahlers (geisteskrank, aber von einigen Intellektuellen bewundert)
    5) Die Nazis (dämlich, krank und ohne Reputation)

    Wobei ab Rang drei die Gefährlichkeit wegen des eingebauten Selbstzerstörungspotentials überproportional abnimmt. Eine geeignete Abwehrmaßnahme wäre übrigens, die Mahlers und die Nazis gegen die Sarrazins und Broders aufzuhetzen („die verderben den reinen Nationalismus“ usw.). Die Haiders vernichten sich ja eh selber oder werden von den van der Graafs abgeknallt.

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  2. genova68 schreibt:

    Nein, das soll es nicht bedeuten, aber ich sehe gerade, dass das missverständlich ausgedrückt ist. Danke für den Hinweis. Wie gesagt, flott und erregt geschrieben. Ich habe bei Sarrazin ein wenig den Eindruck, dass das wirklich ein extremer Technokrat ist, der hat wohl schon als Finanzsenator nicht begriffen, warum der Satz mit dem dicken Pulli nicht geht. Hat etwas autistisches. Der meint wohl wirklich, dass er mit seinen Zahlenreihen so etwas wie Aufklärung betreibt. Broder und Fleischhauer WOLLEN provozieren und Schaden anrichten. Aber vielleicht ist diese Interpretation auch zu wohlwollend Sarrazin gegenüber.

    (Übrigens: http://www.youtube.com/watch?v=L2rVy6kt-WM
    Die Aufnahme ist fünf Jahre alt und Sarrazin redete da fließend. Was ist mit dem seitdem passiert? Hatte er einen Schlaganfall?)

    Mahler ist nur punktuell gefährlich, weil ihm nur ein paar völlig irregeleitete Ossis folgen. In den betroffenen Gegenden ist das sicher übel, vor allem für die betroffenen Minderheiten, aber solche Leute werden keine Breitenwirkung erzielen. Zu durchgeknallt. 1,2 Millionen Auflage schafft der nicht.

    Diese meine Einschätzungen sind auch sehr subjektiv gefärbt, weil ich noch nie irgendwo gewohnt habe, wo ich waschechte Nazis wahrgenommen hätte oder die bei Wahlergebnissen über die Nullkomma hinausgekommen wären. Nur in der U-Bahn zu Hertha und in Zügen in Ostdeutschland waren sie erkennbar. Da geht dann allerdings gar nichts mehr.

    Die vermeintlich bürgerlich-liberal auftretenden Hetzer sind m.E. schlimmer, gerade weil die es mit immer größerer Breitenwirkung schaffen, sich als eine Art heroische Verteidiger „westlicher Werte“ darzustellen.

    Bei Haider würde ich nicht sagen, dass die Gefährlichkeit schon abgenommen hat. Der ist in Kärnten ein Volksheld. Aus dem Selbstzerstörungspotenzial wird da einfach eine Verschwörungstheorie.

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  3. frank peso schreibt:

    die bertelsmann-broder-sarrazin-connection sitzt im nobelhotel in london und lernt in der bar von odu lendenbirg, wie man mit schnaps bunte-republik deutschland malt. da wirkt dm-werner schon glaubwürdiger und „ich sach ma, sozzssagen“ als mensch. möglicherweise sind ideen wie seine der grund für die gesteigerte panikrepublik der ideologen:

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  4. genova68 schreibt:

    Der Typ links ist ja ein ganz besonderes Kaliber. Sehr schön die Gestik Müllers bei 0.36.
    Ist das Satire oder Ernst gemeint?

    Zurück zum Thema. Noch ein Detail von der Veranstaltung:

    ————————-

    Student zum Moderator: „Im Panel ist keine gemäßigte Position vertreten.“

    Broder: „Ich vertrete eine gemäßigte Position. Es sind Sie, die keine gemäßigte Position vertreten.“

    Student: „Ach ja?“

    Broder: „Ja, Sie sind ein ungemäßigtes Arschloch!“

    Student: „Sie bezeichnen mich also als Arschloch?“

    Broder: „Ja, Du bist ein ungebildetes Riesenarschloch!!!“

    – Unruhe im Publikum –
    Broder: „Du mit deinen Positionen bist ein blöder Lümmel (Pause), du bist ein linker Penner!“
    – Unruhe –
    Student: „Würden Sie mir nochmal ins Gesicht sagen, dass ich ein Arschloch bin?“

    Broder (wiederholt vier bis fünf mal): „Du bist ein ungemäßigtes doppeltes Riesenarschloch.“

    Dann habe Broder den Studenten noch als Mitglied der Waffen SS und der Stasi bezeichnet.

    ——————————-
    Broder merkt dazu im Tagesspiegel an:

    Zu seiner „Einlassung mit Arschloch, Doppelarschloch und Superarschloch“ steht Broder. Der Student habe ihm dann mit einer Anzeige gedroht. „Daraufhin gab ich ihm den Rat, er soll mich ruhig anzeigen, am besten bei der Stasi, und wenn da keiner wäre, dann bei der Waffen-SS. Ich habe nicht gesagt, er sei bei der Stasi oder der Waffen-SS.“

    http://www.tagesspiegel.de/politik/einlassung-mit-arschloch-doppelarschloch-und-superarschloch/3846826.html

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  5. frank peso schreibt:

    es dient eben alles grundsätzlich der pr. stichworte stasi, waffen ss, arschloch, ausschwitz, jude, antisemitismus – kommen immer jut. regel nummer 1: es gibt keine schlechte pr. je öfter der name broder/sarrazin irgenwo steht, umso besser. die grundlagen der massenmanipulation kann man sehr schön im standardwerk von 1928, immerhin 2008 in deutschland erschienen, studieren:

    Edward Bernays Propaganda: Die Kunst der Public Relations

    berney ist der erfinders des begriffs PR. den begriff propaganda haben die jesuiten in die politik eingeführt (geisler s21).

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  6. InitiativGruppe schreibt:

    Was steckt bei Broder und bei Sarrazin hinter der polemischen, destruktiven Art, mit der sie gegen die Menschlichkeit in den Krieg ziehen?

    Bei Broder hab ich mir von Anfang an gedacht: Er will auf Teufel komm raus Israel verteidigen, und das geht in Europa am besten, indem man die Islamfeindschaft anheizt.

    Bei Sarrazin finde ich den Begriff „Autismus“ passend. Da wird einer alt und verliert an Geschmeidigkeit, die Welt bewegt sich an ihm vorbei, die Zukunft schrumpft – das macht manche bitter und böse, sie ziehen sich in sich selbst zurück. Sie verstehen die Welt nicht mehr – aber da findet Sarrazin eine – für ihn – geniale Lösung: SEIN Frust, sein Ressentiment, sein Hass zündet bei Millionen von anderen. Das bestätigt ihn. Er lässt sich immer weiter hineintreiben in seine Frusthaltung. Sie bringt ihm Anerkennung! Was für ein Trost, wenn man so wie er altersbedingt abbaut!

    Im Falle Broders war schon immer eine Lust am wilden Polemisieren da, die über Fakten steigt wie über Leichen.

    Beide genießen die gewaltige Resonanz. Sie gibt ihnen das Gefühl, recht zu haben.

    Das ist doch bei den meisten Menschen so: Wenn einem viele Leute enthusiastisch recht geben, hat man gar keinen Grund mehr, selbstkritisch nachzudenken, ob man wirklich recht hat, und was man mit seiner Äußerung in der realen Welt anstellt.

    Daraus folgt der Rat von Leo dem Weisen: Wann immer dir jemand in einer Sache recht gibt, nutze die gute Gelegenheit, kritisch zu prüfen, inwiefern du in der Sache trotzdem unrecht haben könntest.

    Eine gute Gelegenheit ist es, weil die Bestätigung durch den anderen natürlich mein Selbstgefühl hebt, Selbstkritik aber nur dann vernünftig funktioniert, wenn sie auf der Grundlage eines verlässlichen Selbstgefühls erfolgen kann.

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  7. genova68 schreibt:

    Bernays, ja. In der SZ stand mal ein nützlicher Artikel zu dem:
    http://www.sueddeutsche.de/politik/2.220/die-geburt-der-pr-der-beginn-des-doktor-spin-1.929018

    IG, ich gebe dir Recht :-)

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  8. Nihilist schreibt:

    Nun, ich ziehe mein Selbst“wert“gefühl daraus, dass ich alle gegen mich habe. Denn wenn ich alle gegen mich habe MUSS ich im Recht sein, da keine Seite mit dem Standpunkt zufrieden ist, den ich vertrete.

    Wie sang einst Hüsch – und kochen sich auf dir ihr Süppchen und wenn du nicht der Löffel für sie bist, schmeissen sie dich auf den Mist.

    Und ich will kein Löffel sein.

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  9. frank peso schreibt:

    @IG: geh mal auf die
    http://henryk-broder.com/
    damit du mal weißt, wie böse die welt zu broder ist. denn er gehört zur
    Die Achse des Guten und da hat er doch vollkommen recht:
    „Du mit deinen Positionen bist ein blöder Lümmel (Pause), du bist ein linker Penner!“ vielleicht sollte man broder noch den begriff „Gammler“ souflieren. der fehlt heute entschieden im rechten vokabular.

    also meines erachtens versucht du ideologische strategien zu individualisieren. was willst du mir damit sagen?

    @genova: danke für den sehr guten verweis:
    „Doch war Bernays‘ Wissen um die Beeinflussbarkeit der Massen in langer Vorbereitungsarbeit entstanden. Fast zwei Jahrzehnte lang hatte er mit Symbolen (!), Events (!) und Inszenierungen (!) experimentiert.“ „Er verkaufte nicht in erster Linie Produkte, sondern änderte Konventionen und Verhaltensweisen.“

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  10. genova68 schreibt:

    Ja, vor allem hat Bernays das schon unglaublich früh erkannt.

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  11. InitiativGruppe schreibt:

    Frank Peso,

    natürlich individualisiere ich immer, wenn ich es mit Individuen zu tun habe. Das bedeutet durchaus nicht, die strukturelle und ideologische Dimension außen vor zu lassen. Aber zuerst ist ein Mensch immer ein Mensch. Und zuletzt ist er es auch wieder. Das gilt grundsätzlich für alle Menschen.

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  12. frank peso schreibt:

    ich habe allerdings den eindruck, dass man beim bertelsmann-komplott, so nenn ich jetzt mal pauschal die medien- und bewußtseinsindustrie, immer mehr personalprobleme kriegt. wenn wir uns hier mit bruder broder auseinandersetzen müssen, ist deren ziel schon erreicht. das halt ich für bedenklich.

    um das strategische zu verdeutlichen:
    Der deutsche Genius
    ein neues buch des krimiautors peter watson. die titelunterzeile ist: Eine Geistes- und Kulturgeschichte von Bach bis Benedikt XVI.. auf der umschlagrückseite heißt es noch einmal: Von Bach bis Henze. das ist doch schon mehr goebbelsmann als bertelsmann.

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  13. MondoPrinte schreibt:

    Broder, Sarrazin – nun ja… aber dass sich noch kein Konservativer gefunden hat, um sich von Fleischhauer laut und öffentlich zu ditsnzieren – das verstehe wer will.

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  14. frank peso schreibt:

    Patrick Bahners, faz und so . . .
    bei der debattenlage drängt sich die hypothese auf, dass ohne feindbild gar nichts geht, henrik broder also der retter des abendlandes ist?!.,-

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  15. genova68 schreibt:

    frank peso, du meinst, der Broder wird uns nur als Aufmerksamkeits-Häppchen hingeworfen, an dem wir uns empörend abreagieren können?

    Und warum soll sich ein Konservativer finden, der sich von Fleischhauer distanziert? Der hat sich doch gerade von den Linken distanziert. Weil er so arrogant arschlochmäßig rüberkommt?

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  16. Pingback: pussyimploder – art under pressure » Blog Archive » mal anders erzählt

  17. frank peso schreibt:

    . . . abreagieren können? besser . . . abreagieren sollen! und es funktioniert bestens. sos österreich!

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