Ganz persönlich und aus tiefstem Herzen

Die Rede von Mubarak vergangenen Donnerstag Abend hatte ja etwas. Er redete die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz mit „meine Söhne und Töchter“ an und versprach ihnen, ihre Forderungen zu erfüllen. An einem Ampelmast auf dem Platz baumelte eine Mubarak-Puppe wie am Galgen. Irgendwie hatte der Mann einen ganz speziellen Humor. Andere Teile seiner von einem Teleprompter in der Beta-Version abgelesenen Fernsehansprache an sein geschätztes Volk waren auch nicht schlecht:

„Ich spreche aus tiefstem Herzen zur Jugend von Ägypten, die ich als Symbol einer neuen Generation auf der Suche nach einer besseren Zukunft ehre.

Das Blut Eurer Märtyrer wird nicht vergeblich vergossen worden sein und ich werde ernsthaft, streng und nicht nachsichtig bei der Bestrafung der dafür Verantwortlichen sein.

Ich sage den Familien der Opfer, dass ich den ganzen Schmerz gefühlt habe, den auch Ihr fühlt.“

Sein PR-Berater saß bestimmt im Hintergrund und schlug die Hände vorm Gesicht zusammen. Westerwelle hat in Mubarak ganz klar seinen Meister gefunden.

Zwei Tage später hielt der indische Außenminister Krishna vor der UNO in New York auch eine bemerkenswerte Rede, genauer gesagt, die falsche. Er hatte versehentlich das Skript seines Amtskollegen aus Portugal in die Hände bekommen und merkte das nicht einmal, als in „seiner“Rede von einer „persönlichen Anmerkung“ die Rede war:

„Als persönliche Anmerkung sei mir gestattet, meine tiefe Zufriedenheit darüber auszudrücken, dass zwei portugiesischsprachige Länder, Portugal und Brasilien, heute hier anwesend sind“

Indiens ständiger Vertreter bei der UNO unterbrach ihn schließlich. Krishna entschuldigte sich mit dem Satz:

„Es lagen zu viele Zettel vor mir.“

Wahrscheinlich hätte man Krishna besser weiter vom falschen Zettel vorlesen lassen sollen. Es hätte keiner gemerkt.

Der eine hat zu viele Zettel vor sich, der andere einen sonderbaren Teleprompter-Text.Vielleicht hat ja auch ein renitenter TV-Redakteur in Kairo einen selbstgeschriebenen Text in den Teleprompter eingegeben, der vor allem so absurd sein sollte, dass der alte Mann sich lächerlich macht.

Vielleicht ist das auch ein Zeichen, warum sich die arabischen Regime nicht mehr halten können: Die investieren viel Geld und Augenmerk in Prügelpolizisten, Foltermethoden und -gefängnisse, aber haben kein Geld übrig für Krisen- und Reputationsmanagement, und das in Zeiten von Handys, Al Jazeera und youtube. Da sind Schröder, Merkel, Westerwelle und Co. weiter. Die sind smarter, keine Frage. Gemein ist ihnen mit Mubarak, dass im Zweifelsfall ein böser, außenstehender Feind identifiziert wird, gegen den man zusammenstehen müsse.

Wie auch immer, es geht um Ernsteres. Von einer bewundernswerten Selbstorganisation und der Thematisierung der Eigentumsfrage in Ägypten, lese ich hier. Und genau das wäre zu wünschen, denn das System Mubarak ist ja keineswegs am Ende. Ein, zwei, drei Millionen Menschen haben darin sehr gut gelebt. Und auch, wenn die Frau auf dem Bild glücklich scheint, wäre die Frage nach ihrer Beziehung zu dem Auto daneben zu stellen. Das eine ist nicht ohne das andere zu haben.

Damit das Blut der Märtyrer wirklich nicht umsonst geflossen ist.

(Foto: genova 2010)

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2 Antworten zu Ganz persönlich und aus tiefstem Herzen

  1. hanneswurst schreibt:

    Hosni hat das Stilmittel der erlebten Rede eingesetzt, und Du hast es nicht geschnallt, wie schon damals: http://de.wikipedia.org/wiki/Rede_am_10._November_1988_im_Deutschen_Bundestag

    Ich wette übrigens, dass Hosni oder Gamal bei freien Wahlen in sechs Monaten wieder gute Chancen haben, falls die Junta sie nicht teert und federt. Dann gucken wieder alle blöd in die Kamera und werfen sich gegenseitig vor, dass sie nicht rechtzeitig das Richtige gesagt oder getan hätten. Als wenn das wirklich relevant wäre. Lasst endlich die Ägypter in Ruhe!

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  2. genova68 schreibt:

    „Ich wette übrigens, dass Hosni oder Gamal bei freien Wahlen in sechs Monaten wieder gute Chancen haben, falls die Junta sie nicht teert und federt.“
    Lass endlich Ägypten in Ruhe!

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