Vom Chaos und vom darin versinken

El Dschasira ist in Ägpyten verboten, Internetzugang behindert, Schwerverbrecher offenbar in Massen aus Gefängnissen ausgebrochen oder freigelassen, Plünderungen, 150 Tote, bewaffnete Bürgerwehren, verwüstete Krankenhäuser, Molotow-herstellende Ärzte, scharf schießende Polizisten. Die im überregulierten Deutschland so beliebte, weil insgeheim herbeigesehnte Sprachfigur, etwas „versinkt im Chaos“ (bei zehn Zentimeter Neuschnee Berlin beispielsweise), scheint für Ägypten gerade zuzutreffen.

Die Selbstorganisation der Menschen in Kairo ist schon in Friedenszeiten beeindruckend. Was da wohl jetzt abgeht? Und was sagen die vielen konservativen Besserverdienenden in ihren neuen Vorstädten?

Das Militär sitzt auf Panzern und schüttelt hin und wieder eine Hand. Erinnert ein wenig an die Nelkenrevolution 1974 in Portugal. Dort ging es ja recht flott. Hoffen wir mal, dass die SPD und die Friedrich-Ebert-Stiftung sich dieses Mal heraushalten.

Bei Überlandfahrten in Ägypten fallen nicht endenwollende Mauern in immergleicher Bauweise auf. Dahinter militärisches Sperrgebiet mit skurrilen Bauten. Die Frage, wozu das viele Militär unterhalten wird, könnte jetzt beantwortet werden. Oder auch nicht.

Und ein Land weiter südlich wird gerade geteilt.

Alles Gute.

(Fotos: genova 2010)

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10 Antworten zu Vom Chaos und vom darin versinken

  1. genova68 schreibt:

    Sehr sehenswert ist die englische Ausgabe von Al Jazeera: http://english.aljazeera.net/watch_now/

    Die halten den ganzen Tag auf den Tahrir-Platz und telefonieren dabei mit Journalisten, Aktivisten, allen möglichen Leuten, die ihre unterschiedlichen Perspektiven schildern. Kaum wertende Kommentare. Ein ganz anderes Fernsehen, in Deutjschland nicht möglich: Mal kurz n-tv und n24 eingeschaltet. Das übliche Trash-TV und ausführliche Dokumentationen über den 2. WK. rtl 2 für Nachrichtenjunkies.

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  2. genova68 schreibt:

    Weil in dem anderen Kommentarstrang gerade von Mut und Disziplin die Rede ist:

    Unglaubliche Szenen, was Polizeibrutalität angeht (die fahren mit ihren Autos über Menschen) wie auch was den Mut und die Disziplin und die Organisiertheit der Demonstranten angeht. Mein Respekt.

    Überhaupt gibt es m.E. eine Zweiteilung: Die meisten Bilder, die man sieht, zeigen freundliche, lächelnde, engagierte, auch wütende Menschen. Gleichzeitig hört man von 100 Toten und 1000 Verletzten. Wo sind die? Einen unmittelbaren Bericht dazu gibt es hier:

    http://www.nwzonline.de/index_regionalausgaben_artikel.php?id=2529607&amp

    Ein deutscher Tourist, der wohl zwischen die Fronten kam. Dass es angesichts solcher Zustände nicht viel mehr Wut gegen die Behörden gibt, wundert mich.

    Wenn die Opposition heute wirklich eine Million Menschen auf die Straßen bringt plus Generalstreik, das wäre unglaublich. Viel Glück!

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  3. genova68 schreibt:

    40 Milliarden Dollar besitzt die Familie Mubarak, weltweit gebunkert und investiert, bei Banken in GB, CH, D, USA, Immobilien etc. Wäre gut, wenn die zwei Millionen Demonstranten das in den Blick rücken würden.

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  4. che2001 schreibt:

    Wir sind ja nicht so sehr oft einer Meinung, aber hierfür Dank und Respekt. Verfolgte das Alles gerade zusammen mit Leuten aus dem Jemen, die auf eine Revolution bei sich hoffen.

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  5. genova68 schreibt:

    Danke, che, freut mich, das gebe ich für die Links zum Thema bei dir gerne zurück.

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  6. genova68 schreibt:

    Extrem übel: Die staatliche Repression verstärkt sich heute wieder, angeführt von Suleiman, der vom Westen als Garant für Stabilität gefeiert wird:

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,743955,00.html

    Zwei Auszüge:

    „Am Wochenende schürte der Geheimdienst Angst, indem Mitarbeiter die großen Hotels abtelefonierten und nach ägyptischen Mitarbeitern westlicher Medien fahndeten. Die Botschaft: Wer mit Ausländern zusammenarbeitet, begibt sich in Gefahr, schon bald in einem der berüchtigten Gefängnisse des Landes zu landen.“

    Die Propaganda folgt offenkundig der Linie des neuen starken Manns, dem Geheimdienst-Chef Suleiman. Vom Westen als eine Art Erlöser gefeiert, wiederholt auch er bei jedem Interview die These, Ausländer seien für die Gewalt in Ägypten verantwortlich. So schürt Suleiman Aggressionen.“

    Es ist zum kotzen. Selbst jetzt sind Folterdrohungen kein Grund für Merkel und Co., ein paar eindeutige Formulierungen zu gebrauchen. Und diese Tusse erzählt noch was von ihren angeblichen Revolutionserfahrungen, um zu punkten.

    Mehr Sorgen macht man sich in Deutschland offenbar um den armen Mubarak. Er soll in einer privaten Luxusklinik einen „Gesundheitscheck“ bekommen:

    Die Luxusklinik genießt einen hervorragenden Ruf und wirbt auf ihrer Internetseite damit, neben „erstklassiger medizinischer Versorgung“ den „Komfort und Service eines Spitzenhotels“ zu bieten. Die Patienten werden in „großzügigen Räumlichkeiten“ von 20 bis 200 Quadratmeter untergebracht.

    Es ist wegen der „Würde“, erfährt man:

    so könnte dem 82-Jährigen ein würdevoller Abgang aus dem Präsidentenpalast ermöglicht werden.

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,743966,00.html

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  7. genova68 schreibt:

    Ich sammle hier mal weiter Fundstücke, auch wenn es keinen interessiert.

    Die Ferner-liefen-Meldungen sind ja oft die aufschlussreichsten. Aus der FAZ von heute:

    „Der Nachrichtensender Al Arabija berichtete unterdessen, die ägyptische Oberstaatsanwaltschaft habe ein Verfahren gegen den früheren Innenminister Habib Adli eingeleitet. Seine Rolle bei dem Terroranschlag auf eine koptische Kirche in der Neujahrsnacht in Alexandria solle untersucht werden. Der Anwalt Ramzi Mamdouh hatte eine Klage eingereicht, in der es hieß, Adli habe als Innenminister den Anschlag selbst angeordnet, um mehr Unterstützung für den Kampf gegen den islamistischen Terrorismus zu bekommen. Adli war bei der Kabinettsumbildung in der vergangenen Woche abgelöst worden.

    Die Untersuchung prüft den Gehalt britischer Geheimdienstberichte, wonach Adli ein Netzwerk von Islamisten und Drogenhändlern aufgebaut habe, um Sabotageakte durchzuführen. Im Fall der Kirche von Alexandria habe ein Offizier des Innenministeriums über den Extremisten Ahmad Muhammad Chaled, der elf Jahre in ägyptischen Gefängnissen inhaftiert gewesen war, Kontakt zur Terrorgruppe „Dschundullah“ (Soldaten Allahs) aufgenommen haben, um den Anschlag auszuführen. Der Offizier habe Waffen für den Anschlag bereitgestellt und als Ziel die „Disziplinierung der Kopten“ genannt. Der Offizier sei selbst an der Ausführung des Anschlags beteiligt gewesen.

    Das Innenministerium als möglicher Initiator des Anschlags in Alexandrien. Bei dem aktuellen Tohuwabohu geht sowas glatt unter.

    http://m.faz.net/Rub87AD10DD0AE246EF840F23C9CBCBED2C/Doc~EA6795EB1F1B04206AD13CBB7D28E6EC6~ATpl~Epartner~Ssevenval~Scontent.xml

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  8. genova68 schreibt:

    Die Unruhen in Ägypten vor knapp drei Jahren:
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,547640,00.html
    Ursache: Hohe Lebensmittelpreise, hohe Mieten etc.

    Klingt aktuell:
    „Trotz Streikverbot protestierten dort Zehntausende zwei Tage lang gegen die Preissteigerung. Randalierer schürten – vermutlich im Auftrage des Staates – den Volkszorn, Schulen und Geschäfte brannten. Die Polizei griff hart durch, Hunderte wurden verhafttet, mindestens ein Jugendlicher starb.“

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  9. genova68 schreibt:

    „In diesem Komitee sitzen nur alte Männer, allesamt Juristen.“

    Die ägyptische Frauenrechtlerin Nawal al Saadawi über die aktuellen politischen Zustände in Ägypten.

    http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article12603861/Das-sind-alles-Mubarak-Maenner.html

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