Emmanuel Lévinas: nichts und alles (Gastbeitrag)

„Du bist nichts, der/das Andere ist alles“,

schrieb ein User namens Philon kürzlich in dem Forum Architectura Pro Homine über ein angebliches Prinzip bei Denkern wie

„Lévinas, Lyotard, Derrida und vor allem Foucault; in Deutschland bei Marcuse, Adorno etc.; in Italien bei Vattimo und so weiter.“

Und weiter:

„Die einzige Haltung, die das Ich oder das Wir nach Lévinas gegenüber dem Anderen ethisch legitimerweise einnehmen würfen, ist die der totalen Unterwerfung unter den „Anderen“, und zwar nur deshalb, weil er Anderer ist.“

Philon hat das weiter ausgeführt. Ich stelle diese Ausführungen hiermit als Gastbeitrag ein (ohne sie mir inhaltlich zu eigen zu machen). Zum einen, weil mich das Thema des Perspektivwechsels derzeit interessiert, zum anderen, weil das Thema eine politische Dimension hat, wie Philon selbst ausführt.

Vielleicht interessiert es ja jemanden.

genova

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Das Prinzip von Lévinas‘ Philosophie ist die, übrigens erklärtermaßen undialektische Gegenüberstellung von „Selbem/Identität“ und „Anderem“. Das „Ich“ oder das „Wir“ bilden demnach das Moment eines Bezuges auf sich selbst unter Negation des „Anderen“. Diese Negation ist bei Gegenständen des täglichen Lebens, ebenso wie in der Erkenntnis, als im Hegel’schen Sinn „aufhebende“ Negation denkbar: das Andere wird in die Sphäre des Ego aufgehoben, d.h. in gewisser Weise aufbewahrt, das aber um den Preis der Vernichtung seiner Andersheit.

Beim „Anderen“ im eigentlichen Sinn, d.h. beim anderen Subjekt (obwohl Lévinas den Begriff nicht verwendet und von seinem Ansatz her nicht verwenden darf), sei es Gott oder ein anderer Mensch, ist das anders. Dieser „Andere“ fällt sozusagen von Außen in das Denken des Selben ein und sprengt es auf. Der „Andere“ ist insofern dann „unendlich“, als er die Sphäre der Selbigkeit des „Ich“ oder „Wir“ immer übersteigt, obwohl er gleichwohl (wie immer das funktionieren) soll, in Bezug auf ihn stehen soll (Lévinas redet paradoxerweise auch von der „beziehungslosen Beziehung“, was m.E. einfach Unfug ist). Der Andere kann daher auch nicht aufgehoben, sondern nur vollständig negiert werden, nämlich durch einen Mord.

Während jeder „Selbe“ immer endlich und gewaltsam ist, ist der „Andere“ immer automatisch, nur weil er „Anderer“ ist, unendlich und steht als solcher auch immer „unendlich höher“ (Lévinas‘ Begriff der „hauteur“ bzw. der „pointe“ oder des „au-delà de l’être“) als das Ich oder das Wir, das man selbst ist.

Die einzige Haltung, die das Ich oder das Wir nach Lévinas gegenüber dem Anderen ethisch legitimerweise einnehmen würfen, ist die der totalen Unterwerfung unter den „Anderen“, und zwar nur deshalb, weil er Anderer ist. Der „Andere“ darf alles und darf alles beanspruchen, einzig und alleine aus dem Grund, dass er Anderer ist. Ich oder Wir dürfen ihm gegenüber nichts beanspruchen, einzig und alleine, weil ich oder wir halt „ich“ oder „wir sind. Etwas überspitzt könnte man sagen, das Prinzip von Lévinas‘ Philosophie lautet: „Du bist nichts, der Andere ist alles“.

Der entscheidende Punkt ist dabei nun, dass die Frage nach den Ansprüchen, die jemand hat, nicht nach Gerechtigkeitsprinzipien entschieden wird, sondern alleine daran hängt, ob jemand in einer Konstellation „Ich/Wir“ oder „Anderer“ ist.

Zwar bin Ich für den Anderen auch wiederum Anderer und insofern gilt aus der Perspektive des Anderen, dass dieser Ich und somit einer ist, der sich mir, der ich für ihn „Unendlicher“ bin zu unterwerfen hat.

Diese Reflexion darf Ich als Ich aber wiederum laut Lévinas gar nicht anstellen, da ich damit seiner Auffassung nach den „Anderen“ wieder gewaltsam in eine „Totalität“ vereinnahme, in der er nur ein Moment des „Selbst“ wäre. Wenn überhaupt, bleibt die Perspektive der Reziprozität, ohne die Gerechtigkeit nicht denkbar ist, daher für Lévinas Gott vorbehalten (Lévinas sagt ausdrücklich, man sei nur „grâce à dieu“ Anderer für den Anderen und dürfe selbst diesen Gedanken nicht denken).

Dass in diesem Konzept Gerechtigkeit und Recht, die eben gerade auf reflektierter Reziprozität beruhen, nicht denkbar ist, dürfte klar sein und ist auch schon vielen vor mir aufgefallen; es gibt dazu eine ganze Reihe von Arbeiten.

Was mir ebenfalls evident zu sein scheint ist, dass diejenigen Denkstrukturen, die dasjenige Denken bestimmen, dass sich heute in Westeuropa „links“ nennt, von einem solchen Ansatz geprägt sind. Anders lassen sich vor allem die merkwürdigen Phänomene der Doppelmoral, wenn es etwa um alliierte Kriegsverbrechen an Deutschen oder um das Verhältnis zum Islam (den ich als solchen übrigens durchaus respektiere) nicht erklären.

Nun muss man Lévinas freilich noch insofern in Schutz nehmen, als seine Theorie nicht politisch gemeint ist, sondern primär (individual)ethisch (da birgt sie allerdings schon genug Probleme). Es ist aber leicht ersichtlich, dass sich genau die angedeutete Doppelmoral fast zwangsläufig einstellen muss, wenn man Lévinas auf den politischen Raum überträgt. Damit will ich nun wieder nicht sagen, dass irgendwo explizit und bewußt geschehen ist; wenn, dann eher unbewußt und auf verschlungenen Wegen. Aber Lévinas‘ Denken scheint mir doch der Schlüssel für das Verständnis der politischen Ideologie Europas der Gegenwart zu sein … bzw. ist Lévinas‘ Philosophie vielleicht in der Tat „ihre Zeit in Gedanken gefasst“.

Es ist übrigens, dies nur als Ausblick gesagt, auch klar, dass in Lévinas‘ Ansatz ein Aufbegehren gegenüber sozialen Ungerechtigkeiten unmöglich ist. Der Kapitalist ist für den Ausgebeuteten natürlich auch ein „Anderer“, gegenüber dem als solchem die totale Unterwerfung gefordert ist. Zwar müsste sich auch der Ausbeuter dem von ihm Ausgebeuteten „unterwerfen“, das darf der Ausgebeutete ihm aber gerade nicht seinerseits abverlangen …

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28 Antworten zu Emmanuel Lévinas: nichts und alles (Gastbeitrag)

  1. genova68 schreibt:

    Dass bei den Genannten das Andere thematisiert wird und dessen Anerkennung einen wichtigen Teil des Denkens darstellt (Vorrang des Objekts bei Adorno beispielsweise), ist sicher unstrittig. Mich interessiert, ob ernsthaft diese „nichts-alles“-Beschreibung zutrifft. Genau an dieser Stellte bricht auch der Text:

    „Die einzige Haltung, die das Ich oder das Wir nach Lévinas gegenüber dem Anderen ethisch legitimerweise einnehmen würfen, ist die der totalen Unterwerfung unter den „Anderen“, und zwar nur deshalb, weil er Anderer ist. “

    Belegt wird hier nichts. Begriffe wie „totale Unterwerfung“ scheinen mir hier erstmal unangebracht. Was sagt Levinas denn konkret?

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  2. El_Mocho schreibt:

    Hochinteressanter Beitrag. Diese Denkfigur spielt zweifellos eine große Rolle bei sog. „Linken“, Stichwort ist da wohl „Othering“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Othering).

    Ich war schon immer bass erstaunt darüber, mit welch offenkundigen Doppelstandards hier gearbeitet wird. Wenn Deutsche keine Lehrerin mit Kopftuch für ihre Kinder möchten, ist das Ausgrenzung und Rassismus, wenn der Zentralrat der Muslime muslimischen Frauen die Heirat mit nichtmuslimischen Männern untersagt („Der Islam unterstützt nicht die Ehe einer muslimischen Frau mit einem Nicht-Muslim. Die Frau stünde in diesem Falle nicht mehr unter dem Schutz des Islam.“ http://islam.de/1641.php#juc/mischehe02.html), Ist das ein berechtigter Ausdruck muslimischer Identität, den man nicht abweisen darf.

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  3. genova68 schreibt:

    „Wenn Deutsche keine Lehrerin mit Kopftuch für ihre Kinder möchten, ist das Ausgrenzung und Rassismus“

    So ist es, das wollen wir doch erstmal festhalten.

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  4. Nihilist schreibt:

    Nun, da bin ich ein klein wenig anderer Meinung – mit dem Kopftuch – acuh wenn Frauen sich freiwillig einem Zwang unterwerfen, der nichts mit der Religion zu tun hat, sondern aus dem Matriarchat stammt, so wie die Beschneidung von Mädchen, dann sind das so wie viele angeblich christliche Feste die nur übernommen wurden um nicht gänzlich mit alten Sitten zu brechen Mittel der Unterdrückung.

    Ich würde auch keine Lehrerin mit Perücke akzeptieren (das wird immer wieder übersehen – jüdische Frauen (ist ja auch da in der Gegend) dürfen ihre Haare auch nicht zeigen, die tragen dann aber kein Kopftuch, sondern eine Perücke) und auch eine Lehrerin in Nonnentracht würde ich ablehnen. Also JEDES religiöse Symbol hat nichts bei der Erziehung von Kindern zu suchen.

    So habe ich meine Kinder auch nicht taufen lassen – sie sollten selber entscheiden, wenn sie alt genug sind – ob sie einer Religion angehören wollen.

    Für mich ist jede Religion nur ein Mittel der Unterdrückung. Und jedes Symbol ebenfalls.

    Einfach gesagt: Imagine – John Lennon

    You may say that I’m a dreamer
    But I’m not the only one
    I hope someday you’ll join us
    And the world will be as one

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  5. Serdar schreibt:

    „Wenn Deutsche keine Lehrerin mit Kopftuch für ihre Kinder möchten, ist das Ausgrenzung und Rassismus“

    So ist es, das wollen wir doch erstmal festhalten.
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    Drehen wir die Situation doch mal um.

    Wenn türkische Sunniten z. B. unsere alevitischen Frauen beleidigen, weil sie kein Kopftuch tragen – oder uns Aleviten ganz allgemein, weil wir keine Moscheen haben, keinen Ramadan einhalten oder Schweinefleisch essen -wie nennt man das dann?

    Ausgrenzung? Rassismus (wobei Religion und Rasse meines Erachtens zwei verschiedene Sachen sind, nicht wahr…)?

    Nö, dafür gibt es offensichtlich in der öffentlichen Diskussion überhaupt keinen Begriff, denn so etwas wird einfach totgeschwiegen.

    Dieselben Leute von der Ditib, die hier immer von „Toleranz“ faseln, sind dafür verantwortlich, daß in der Türkei selbst in rein alevitischen Gemeinden Moscheen gebaut werden – als Gipfel der Perfidie bezahlt von uns Aleviten von unseren eigenen Steuergeldern.

    Vielleicht wollen Sie diese Fakten auch mal „festhalten“. Oder gar mal recherchieren und hier einen Artikel dazu verfassen. Aber wahrscheinlich fehlt Ihnen dafür einfach der nötige Mut…

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  6. genova68 schreibt:

    Serdar,
    mir fehlt nicht der Mut (den man in einem anonymen Blog eh nicht braucht), sondern das Wissen. Ich wusste nicht mal, dass Aleviten keine Moscheen haben.

    Wie man das, was Sie da beschreiben, nennt, sagen Sie doch selbst: Beleidigung. Und die Ditib habe ich nicht verteidigt. Es ging schlicht um den Begriff Kopftuch, sonst nichts. Nonne und Kopftuch sind auch erstmal zwei Paar Schuhe. Ich sehe übrigens in Deutschland viel eher das Problem, dass zuviele Pfarrer beider Konfessionen in Schulen herumturnen dürfen (egal, was die sich über den Kopf stülpen). Imame hab ich da noch nicht gesehen.

    Nihilist, akzeptierst du Lehrerinnen, die ein Kreuz als Kette tragen oder in Form eines Ohrrings oder ähnliches? (Aber das führt ja schon wieder weit ab zu diesem leidigen Thema)

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  7. bersarin schreibt:

    Ich will nur in aller kürze schreiben: Der Andere bei Lévinas ist eine sehr schwierige Figur. In der Abbreviatur des zusammenfassenden Textes erschließt das nicht. Der Text von Philon ist gut, aber nur für die, welche Lévinas bereits gelesen haben. Diese Rede vom Anderen ist ohne Grundkenntnisse des Judentums, der Philosophie Heideggers und Kenntnisse der Phänomenologie, insbesondere der Husserlschen, schlechterdings nicht zu verstehen. Man wird das dann für Mystik oder für Unsinn halten. Aber eine Annäherung an Lévinas ist der Text natürlich allemal und vor allem eine gute Einladung, sich mit Lévinas zu beschäftigen.

    Nun wird Du, Genova, sicherlich schreiben, daß man einen Text auch ohne Vorkenntnisse verstehen sollte. Vielleicht ist das so. Aber ich halte es für schwierig. Wer am Anfang der Philosophie steht, ist mit Lévinas nicht so gut beraten. Andererseits sollte man den Anfang mit dem machen, was einem gefällt. Zur „Lust am Text“ gesellt sich von ganz alleine die Arbeit des Begriffes.

    Als Einführung zu Lévinas würde ich den Gesprächsband „Ethik und Unendliches“ empfehlen, der in der Edition Passagen (Passagen Verlag, Wien) erschienen ist. Da legt Lévinas Aspekte seiner Philosophie dar. Ansonsten auch noch „Die Zeit und der Andere“ im Meiner Verlag. Wer dann noch weitermachen will, kommt um seine Hauptwerke natürlich nicht herum,.Dazu kann als hinführende Aufsatzsammlung sicherlich „Die Spur des Anderen“ dienen. Und dann geht es in Richtun„Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht“ und zu „Totalität und Unendlichkeit“.

    Die Schwierigkeiten, die ich mit Lévinas habe, obwohl ich die Rede vom Anderen oder vom Antlitz (das den Mord verbietet) für einen Aspekt halte, den es so in der Philosophie nicht gab, ist genau dieses undialektische Verfahren. Und insofern bleibt dann die Frage übrig, ob der Andere nicht immer der Andere bleibt. Daß etwas nicht aufgeht und ein unaufhebbarer Teil als Alterität verbleibt, finde ich im Nichtidentischen Adornos wesentlich besser vermittelt. Aber ich müßte mich da einmal wieder näher mit Lévians befassen. Die Lektüre seiner Texte liegt lange zurück.

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  8. genova68 schreibt:

    Bersarin,
    ich finde nicht, dass meinen einen Text grundsätzlich ohne Vorkenntnisse verstehen muss, schon gar keinen, in dem es um Philosophie geht. Einen journalistischen schon eher. Ich frage nur konkret nach dem „alles“ und „nichts“, weil das die Passage ist, die mich interessiert. Soweit ich Adorno verstehe, geht es da gerade nicht um alles und nichts, sondern um Anerkennung oder Auseinandersetzung unter der Prämisse der Anerkennung des Anderen oder um das Nicht-Identische, das ich nicht „begreife“ und nicht begreifen muss oder soll oder kann, will ich nicht identifizierend denken.

    Hintergrund war eine kurze Auseinandersetzung in diesem Architekturforum über einen Artikel von mir hier im Blog über Warschau und die Geschichte: https://exportabel.wordpress.com/2010/09/26/wm-2010-deutschland-gegen-polen/

    Da wurde mir dann vorgeworfen, dass ich („typisch für Linke“) nur das Andere lieben und das Eigene ablehnen würde. So kam Levinas ins Spiel, der demnach wohl der linke Übervater ist. Dieses Beharren auf dem starken Subjekt, dessen Stärke durch die spielerische Einnahme einer anderen Perspektive wohl leiden könnte, ist hingegen eher ein rechter Topos.

    Ich habe mir heute jedenfalls „Die Spur des anderen“ im Vorbeigehen aus einem AGB-Regal gezogen und schaue mal rein.

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  9. hanneswurst schreibt:

    Im Gegenteil ist der Andere doch eigentlich ich, auch wenn sich dies phänomenologisch ebenso peripher erschließt wie das Wachstum der eigenen Knochen. Ich kann nur jedem philosophisch interessierten Menschen dazu raten, die Phänomenologen und ihre Schüler komplett zu ignorieren. Schon mancher vielversprechende Student der Philosophie hat sich frohgemut dem Hauptwerk Heideggers genähert um schon kurze Zeit später auf eine Maurerlehre umzusatteln, weil Heideggers verdammten Verrenkungen den Sinn der Philosophie an sich fraglich werden lassen. Dabei hätten die durchaus gelungenen Ansätze auf 60 Seiten gut dargestellt werden können. Aber nein, es musste erst eine neue Sprache daher definiert werden. In dieser Hinsicht übertrifft nur Wittgenstein die Hybris Heideggers, Hegel hat beiden den Weg geebnet. Wer jedoch so weit geht und sich dann noch mit Levinas befasst, der ist wahrscheinlich schon so weit, dass er die scheinintellektuelle Arroganz der Phänomenologen selber adaptiert hat.

    Als Alternative bietet sich Derek Parfit an, der in Teil 3 von „Reasons and Persons“ die vernünftigsten Ansätze zu Identität und damit auch zur Natur des Anderen gibt. Dort beschreibt er richtig, dass der identische Gedanke mehrerer Menschen in der Tat derselbe Gedanke ist, was eine Trennung von Levinas unnützer Idee von den Anderen ermöglicht. Parfit ist außerdem ein Meister im Felde der Ethik, ich warte gespannt auf das Folgewerk „On What Matters“, dessen Erscheinen (mittlerweile 27 Jahre nach „Reasons and Persons“) leider immer wieder verschoben wird.

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  10. Nihilist schreibt:

    Also Genova, Religionen dienen der Unterdrückung. Deswegen bin ich gegen jede Form von „demonstration“ des eigenen Glaubens durch Symbole.

    Leider sind die Menschen nicht so vernunftbegabt, wie immer behauptet wird. Denn wäre es so, reichte der von Kant formulierte Imperativ. Religionsführer haben Menschen mit Angst vor Strafe und Belohnung für Folgsamkeit manipuliert. Selbst Luther war nicht frei davon. (Wider die räuberischen Bauern).

    Für mich ist die „mangelhafte Konstruktion“ des Menschen beleg für die Evolution und gegen eine Schöpfung durch ein „allwissendes“ Wesen. Denn dann wären wir besser ausgeformt worden.

    Es gibt nur das eine reale Leben, das ich hier und jetzt „erlebe“. Mich gab es vorher nicht, und was ich da alles verpasst habe, Menschen wie Tales, Platon, und viele mehr, und es wird mich irgendwann nicht mehr geben, und dann verpasse ich wieder einiges. Na und – mich haben auch viele „verpasst“ und werden viele dann „verpassen“. Deswegen, carpe diem – nutze den Tag so, als sei es dein letzter Tag.

    Nietsche hat einmal einen guten Text (nun auch andere Texte von ihm sind gut) dazu geschrieben.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Ewige_Wiederkunft

    Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts, ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: „Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge – und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht – und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!“ – Würdest du dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon verfluchen, der so redete? Oder hast du einmal einen ungeheuren Augenblick erlebt, wo du ihm antworten würdest: „du bist ein Gott und nie hörte ich Göttlicheres!“

    Nun, ich hätte kein Problem damit, alles erneut genau so zu erleben. Denn da ich mit mir im Reinen bin, war der Weg zu dem was ich nun bin der richtige Weg für mich. Denn auch meine Fehler und schlechten Erfahrungen formten mich. Da brauche ich keine Religion, sondern nur den Verstand. Mag sein, ich empfinde mich eh als Gefühlskalt, das ich deswegen mehr auf die Ration achte.

    Da trifft auch der Spruch zu den ich damals in Bremen:

    http://www.concordia-bremen.de/?Concordia:Geschichte

    beim Stück – Siegmunds Freunde – kennen gelernt habe – eine Rose ist eine Rose ist eine Rose, ich bin, was ich bin … ich hab das Stück damals mehrmals besucht – ein kleines Theater, die Schauspieler auf einer runden Bühne mitten im Publikum, es hat mich damals gejuckt, auf die Bühne zu stürzen und mich daran zu beteiligen – habe mich aber nicht getraut. Heute … vermutlich …

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  11. westphal schreibt:

    @Nihilist

    „Religionen dienen der Unterdrückung“, das hast Du sehr gut erkannt; so dient die „Mulitkulti-Religion“ der Unterdrückung der einheimischen Bevölkerung, die „Grüne – Religion“ der Unterdrückung der Landschaft (Windräder, Sonnenkollektoren) und die Religion der Atheisten der Unterdrückung Gottgläubiger Menschen.

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  12. genova68 schreibt:

    Meine Fresse. Westphal, kommst du auch von diesem Architekturforum?

    Hannes,
    „Schon mancher vielversprechende Student der Philosophie hat sich frohgemut dem Hauptwerk Heideggers genähert um schon kurze Zeit später auf eine Maurerlehre umzusatteln“

    Das ist doch ein schöner Plot, jetzt braucht es noch ein Drehbuch dazu, schön geerdet wie „Die Legende von Paul und Paula“.

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  13. bersarin schreibt:

    @ genova

    Da haben wir uns hinsichtlich des Verständnisses von Philosophie dann mißverstanden.

    Zwischen rechts und links (lassen wir das aus heuristischen Gründen mal in dieser Allgemeinheit stehen, obwohl das sehr unscharfe Begriffe sind) steht nicht der Bezug zum Subjekt („Dieses Beharren auf dem starken Subjekt, dessen Stärke durch die spielerische Einnahme einer anderen Perspektive wohl leiden könnte, ist hingegen eher ein rechter Topos.“)

    Die Ethik von Lévinas unmittelbar politisch zu nehmen, verfehlte jedoch große Teile seines Werkes. Insofern denke ich, daß in diesen Zusammenhängen, die Du beschreibst, die Figur des Anderen zu kurz greift. Namentlich deshalb, weil sich im Text Lévinas‘ über den radikal Anderen auch das Messianische koppelt. Aber dies sind sicherlich Detailfragen.

    Was ist eigentlich ein „AGB-Regal“?

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  14. bersarin schreibt:

    @ Hanneswurst

    Ihren Ausführungen zum Anderen und zur Phänomenologie kann ich nun gar nicht zustimmen.

    Ich denke aber, daß Sie in Ihrem Blog durch die Aufhebung der Trennung von Subjekt (in Ihrem Falle als Selbst konstituiert) und radikal Anderem (bei Ihnen als Gott konzipiert) Momente einer monologisch-monadischen verfaßten Subjektstruktur mit dem Äußersten der Theologie vermitteln und darin in einer Weise überführen konnten, daß man wohl von einer neuen Wissenschaft der Anthropotheologie wird sprechen können, welche unsere gute alte Metaphysik ablöst. Die Hochzeit von Subjektlehre und Theologie ist wohl noch nie auf eine solch schöne und vor allem knappe Weise vollzogen worden wie bei Ihnen. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, daß Sie die monologisch-monadische verfaßte Subjektstruktur trotzdem in einen Rahmen von Intersubjektivität einbetten konnten, da diese derart strukturierten Subjekte sich durch die Gleichheit in der Konstitution gerade vermittels dieses Momentes im Modus der Intersubjektivität eben verständigen können.

    Und wie nebenbei haben Sie durch die Vermittlungsleistung Nietzsches Übermenschen evoziert, ohne ihn auch nur zu erwähnen. Ich kann Ihnen meinen Respekt da nicht versagen.

    „… weil Heideggers verdammten Verrenkungen den Sinn der Philosophie an sich fraglich werden lassen.“ schreiben Sie. Über den Begriff der Destruktion der abendländischen Metaphysik, um Heidegger hier verkürzt und ohne die sicherlich notwendige Kritik daran wiederzugeben, soll es genau die Aufgabe des Denken sein, den herkömmlichen Begriff von Philosophie abzustreifen. Philosophie soll im Denken Heideggers wieder fragwürdig werden.

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  15. InitiativGruppe schreibt:

    Lévinas – ich hab vor langer Zeit mal einen schwachen Anlauf gemacht, ihn zu verstehen, bin gescheitert – und hab beim Lesen deiner Darstellung das Gefühl, dass ich da nichts versäumt habe.

    Also werf ich mal kurz einen Blick auf dieses Dilemma:
    (1) „Wenn Deutsche keine Lehrerin mit Kopftuch für ihre Kinder möchten, ist das Ausgrenzung und Rassismus“
    (2) „Wenn türkische Sunniten z. B. unsere alevitischen Frauen beleidigen, weil sie kein Kopftuch tragen – oder uns Aleviten ganz allgemein, weil wir keine Moscheen haben, keinen Ramadan einhalten oder Schweinefleisch essen -wie nennt man das dann?“

    Anders. Was in einer Gesellschaft und Kultur selbstverständlich ist, ist es in einer anderen vielleicht nicht. Da gibt es Ungleichzeitigkeiten. Treffen die zeitlich und örtlich aufeinander, werde ich das bei meiner Einschätzung berücksichtigen.

    Ich bin grundsätzlich großzügig und hab ein gewisses Vergnügen an den Differenzen zwischen uns Menschen, und zwar auch dann, wenn sie rassistisch oder tribalistisch oder egoistisch oder dogmatisch oder sonstwie pervers daherkommen. Wir sind nun mal Menschen, und solche Fehler sind menschlich. Es gibt nur die Menschheit, in der ich lebe, und ich messe uns nicht an fundamental verstandenen Idealen. Darum:

    (1) Wenn ich jemanden treffe, der das muslimische Kopftuch ablehnt, streite ich mich mit dieser Person, aber ich verstehe schon die Motive dahinter und respektiere sie.
    (2) Wenn ich jemanden treffe, der Aleviten abwertet, streite ich mit dieser Person, aber ich verstehe die kulturelle Prägung dahinter und respektiere sie.

    (1) Im ersteren Falle denke ich allerdings: Oh je, was für ein Rückschritt hinter die Aufklärung – noch dazu im Namen einer falsch verstandenen Aufklärung!
    (2) Im zweiten Fall denke ich: Nun, schauen wir mal, dass sich die Sache allmählich in die richtige Richtung entwickelt, in Richtung Aufklärung, Toleranz, Pluralismus. Dazu aber gilt es, dass ich das Andere erst einmal selber aufgeklärt respektiere, so wie es ist. (Was mir gottseidank leicht fällt – als Sohn meiner Mutter, die mir ein Beispiel dafür ist, wie wunderbar menschlich man religiös sein kann.)

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  16. Serdar Balci schreibt:

    „(2) Wenn ich jemanden treffe, der Aleviten abwertet, streite ich mit dieser Person, aber ich verstehe die kulturelle Prägung dahinter und respektiere sie. “

    Mit Verlaub – ist das nicht wieder einmal etwas sehr naiv? Mir wurde von anderen Aleviten, die in Großstädten wohnen, beispielsweise berichtet, daß ihre Kinder in der Schule von Sunniten beschimpft werden, daß beispielsweise im Ramadan alevitischen Kindern von sunnitischen Kindern auf das Essen gespuckt wird oder alevitische Mädchen als Schlampen beschimpft werden, weil wir uns eben um ein offenes Verhältnis zu allen Menschen und natürlich auch zu den Deutschen bemühen und eben gerade nicht selber ausgrenzen.

    In der Türkei ist das Alevitentum als Sekte verboten, es gibt religiös motivierte Anschläge und sogar Massaker wie den Anschlag von Sivas. Übrigens werden wir als Zaza auch ethnisch in der Türkei verfolgt… und dann kommt so eine wachsweiche Meinungsäußerung wie „Ich verstehe die kulturelle Prägung und verstehe sie“.

    Was „verstehen“ Sie denn? Daß das türkische Militär „kulturell so geprägt“ ist, daß es unsere Städte in Anatolien plattmacht? Und was „respektieren“ Sie? Daß dieselben Leute von der türkischen Religionsbehörde DITIB , die hier immer religiöse Toleranz einfordern, umgekehrt in der Türkei extrem intolerant sind?

    Wie wäre es denn mal mit einer klaren und eindeutigen Aussage wie:

    Gegen Rassismus, Intoleranz und Gewalt – auch wenn sie von türkischen Muslimen gegen Minderheiten ausgeht?

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  17. El_Mocho schreibt:

    „Gegen Rassismus, Intoleranz und Gewalt – auch wenn sie von türkischen Muslimen gegen Minderheiten ausgeht?“

    Die wird es nicht geben, denn die Türken sind für uns die „Anderen“, und denen dürfen wir uns nicht widersetzen.

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  18. Elisabeth schreibt:

    Na ja, ich weiß nicht – ich habe hier einige Tage lang mitgelesen, kann mich aber mit dem leicht unterkühlten bis zynischen Tonfall nicht so recht anfreunden, und das in einem „linken“ Blog, das doch für sich in Anspruch nimmt, die Welt besser zu machen?

    Hier lese ich viel von linken „buzz words“ wie „Neoliberalismus“, der angeblich für alles verantwortlich ist, während natürlich vor 1989 alles besser war. Aber natürlich auch nicht wirklich, wenn der Ostblock war ja nicht wirklich „links“. Überhaupt war offensichtlich nie irgendwo irgendein vermeintlich kommunistisches oder sozialistisches Regime wirklich „links“, sondern gab das immer nur vor. „Links“ ist irgendwie eine transzendente Heilsversprechung, fast so ähnlich wie beim Christentum. Wird sicher mal umgesetzt, aber bislang hat es einfach nicht geklappt.

    Gab es hier jemals einen Artikel, in dem Weißrußland oder die seltsame Abspaltung namens Transnistrien wegen Unterdrückung oder Menschenrechtsverletzungen kritisiert worden wären? Oder Kuba? Würde mich sehr wundern.

    Hier beklagt sich oben irgendjemand, daß kurdische (oder was weiß ich) Dörfer zerstört werden, und alles was folgt, ist Schweigen. Aber wenn irgendein böser Deutscher darauf hinweist, daß manche Frauen irgendwie nicht so ganz glücklich mit ihrer Rolle im Islam sind, dann kommt gleich die Rassismuskeule. Wofür gab es eigentlich den Feminismus? Oder gilt der nur für Deutsche? Türkische Frauen dürfen aber gern zuhause herumhocken, Hausarbeit machen und 12 Kinder bekommen. Sehr gern auch gegen ihren Willen. Ist dann Vielfalt und Bereicherung. Doppel-Grins.

    Ansonsten ein bißchen pseudo-intellektuelles Geschwafle zu Levinas, und sonst belanglose Platitüden wie zu Frau Aigner. Die finde ich zwar auch nicht toll, aber Lebensmittelkontrolle ist schlicht Landessache.

    Und wie die Lebensmittelampel funktionieren soll, verstehe ich auch nicht. Bekommt dann frisch gepreßter Bio-Orangensaft die rote Ampel (extrem viel Kalorien! extrem zahnschädlich aufgrund Säuren!)? Und was machen wir mit schönem Olivenöl? Noch mehr Kalorien? Auch rot? Aber Bier bekommt dann doch sicher eine gelbe Ampel? Weniger Kalorien, einige Vitamine und Mineralstoffe. Für die Zähne völlig OK. Und das extrem gesunde Döner aus Industrieproduktion und mit einer ganzen Latte an E-Zusätzen doch sicher die grüne, denn wir diskriminieren ja niemanden, nicht wahr?

    Dafür aber die böse Tiefkühlpizza. OK, es gibt zwar selbst bei manchen Discountern Pizza mit richtiger Mozzarella und Parmaschinken – und nicht mit Analogkäse und „Vorderschinken“ (einer ekligen Erfindung aus verklebten Fleischresten) wie in der Billig-Pizzeria um die Ecke, aber die Welt ist ja so einfach. Hier der gute Pizzabäcker, dort die böse Industrie.

    Na ja, mir egal. Aber allen Ernstes schreibt, daß Warschau „scheiße“ sei und damit auf den Gefühlen der Polen herumtrampelt, den kann ich sowieso nicht ernst nehmen.

    P.S. Sie müssen meinen Beitrag nicht veröffentlichen. Ich verabschiede mich hiermit sowieso von diesem „blog“.

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  19. hanneswurst schreibt:

    „Elisabeth“ – das ist doch wieder dieser verrückte Redford

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  20. bersarin schreibt:

    Oh, oh Herr Hanneswurst, der gute Redford: Don‘t mention the Redford. Sie wissen doch wie das ist:

    Elisabeths Feld hingegen ist die Produktion des geistigen Analogkäses.

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  21. InitiativGruppe schreibt:

    Serdar Balci,

    ich war 20 Jahre mit einer türkischen Alevi-Frau verheiratet; mein bester Freund seit 30 Jahren ist ein türkischer Alevi. Der Ehemann einer Verwandten meiner Frau ist in Sivas – bei dem Brandanschlag des dortigen sunnitischen Mobs – umgekommen. Ich hab einige Zeit in der Türkei gelebt, immer bei alevitischen Verwandten, die mir dadurch nicht nur vertraut geworden, sondern mir auch ans Herz gewachsen sind. Ich identifiziere mich also mit den Leistungen und mit dem Schicksal der Alevi in der Türkei.

    Vor diesem Hintergrund versuche mal zu verstehen, was ich gesagt habe.

    Ich weigere mich – und das unterscheidet uns eben, Serdar Balci – Menschen moralisch zu verurteilen. Es gibt Situationen, in denen man sich gewaltsam wehren muss, ich bin keineswegs Pazifist, ich glaube, ich wäre fähig zu töten. Aber das heißt für mich nicht, dass ich meinen Feind, der mein Leben bedroht, hassen muss. Mein Feind ist genauso wie ich überzeugt, dass er recht hat, dass seine Handlung richtig ist. Das werde ich vielleicht mal in der Hitze des Gefechts vergessen, aber doch nur vorübergehend, mein Geist kehrt rasch wieder zum ruhigen Respekt vor dem Feind zurück.

    DAS erlaubt es mir, ruhiger als andere zu berücksichtigen, WAS denn nun meine Feinde motiviert. Ich kann es analysieren – und ich komme zum Beispiel in vielen Fällen auf den Aspekt der historischen Ungleichzeitigkeit, etwa wenn meine westlich-moderne Auffassung vom Verhältnis zwischen Mann und Frau auf eine traditionale Auffassung trifft, bei der die Frau dem Mann zu gehorchen hat und bei der sie „rein“ zu bleiben hat, während der Mann sich durchaus sexuelle Abwege leisten darf, etc.. Ich könnte schwerlich in einer Umwelt leben, in der dieses traditionale Modell gültig wäre. Man würde auch rasch merken, dass ich die Selbstverständlichkeit dieser Kultur nicht teile. Ich würde also gezwungen sein auszuwandern. Aber alles das verbindet sich bei mir nicht moralischer Abwertung. Es ist eben das Zusammentreffen unvereinbarer Auffassungen des Verhältnisses zwischen Mann und Frau, und die anderen können aus meiner Sicht nichts dafür, dass sie die Dinge anders sehen als ich.

    Wenn das nun in Deutschland passiert, sehe ich relativ geduldig zu. Erstens muss ich mich ja nicht dem importierten Modell unterwerfen, zweitens sehe ich nicht ohne Vergnügen, wie sich die Einwanderer von Generation zu Generation ändern, ihre Auffassung vom Verhältnis zwischen Mann und Frau der unseren annähern.

    Das ist der Rahmen, in dem ich solche Sachen sehe, erlebe, beurteile. Es ist nicht dein Rahmen, natürlich, aber da kann man nichts machen, außer zu versuchen sich zu verständigen. Was ich hiermit versucht habe.

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  22. Serdar Balci schreibt:

    „Ich weigere mich – und das unterscheidet uns eben, Serdar Balci – Menschen moralisch zu verurteilen.“

    Darf ich dann wenigstens noch ausländerfeindliche Deutsche moralisch verurteilen, oder muß ich die auch in ihrem kulturellen Hintergrund annehmen und respektieren?

    „Es ist eben das Zusammentreffen unvereinbarer Auffassungen des Verhältnisses zwischen Mann und Frau, und die anderen können aus meiner Sicht nichts dafür, dass sie die Dinge anders sehen als ich. “

    Stimmt, die kulturellen Hintergründe sind einfach unterschiedlich, in einem Land werden Homosexuelle gesteinigt, im anderen Frauen ausgepeitscht, weil die Burka schief saß, aber da kann ja niemand etwas dafür. Hier in Deutschland ist man zum Glück sehr tolerant und hat für alles Verständnis, auch für Zwangsehen und Ehrenmorde, weil daraus ja kulturelle Vielfalt entsteht.

    Am besten, wir schauen da geduldig zu, alles klar. Hier in Esslingen wurde das Asylbewerberheim angezündet, eine Gruppe von Kurden nachts zusammengeschlagen, aber darüber berichten wir natürlich nicht, denn die Täter waren ja Türken. Am besten gründen wir eine Gesprächsgruppe und denken mal in Ruhe darüber nach, was unsere Feinde motiviert.

    Ich glaube, künftig poste ich lieber in einem anderen Forum, denn dieses naive Gutmenschentum weckt selbst in mir Aggressionen. Aber Sie würden doch sicher versuchen, meine Beweggründen zu verstehen, wenn ich mal etwas durchdrehe?

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  23. InitiativGruppe schreibt:

    @ Serdar Balci

    Moralisch urteilen tun die meisten, nicht wahr? Und warum auch nicht!
    ICH, Serdar, ICH urteile nicht moralisch. Wenn Sie moralisch urteilen möchten, tun Sie es! Sie tun es, weil Sie so sind, wie Sie sind, und es ist ja doch auch ganz normal.
    Nur erlaube ich, Leo Brux, es mir, hier einen anderen Weg zu gehen. Ich erlaube mir auch, ihn zu begründen.

    Was meine Reaktion im übrigen angeht, so haben Sie wohl nicht genau genug gelesen. Sie könnten auch auf meinem Blog genug Beispiele dafür finden, dass ich nicht fürs reine Zuschauen bin, wenn eine bestimmte Grenze überschritten wird. Eine dieser Grenzen ist das Strafrecht. Aber auch davor schon muss man deutliche Signale setzen. Lesen Sie zum Beispiel mal, was ich über Abu Adam, den Imam in München, der mutmaßlich eine seiner Frauen krankenhausreif geschlagen hat, geschrieben habe.

    Nicht moralisch zu verurteilen, das heißt nicht, tatenlos zu bleiben. Es hat den großen Vorteil, dass man auf das destruktive Verhalten anderer Menschen konstruktiv reagieren kann. Moralische Urteile sind in Gefahr, vorschnell gefällt zu werden und sich zu überhitzen …

    Bleibt noch die philosophische Begründung dafür, warum moralische Urteile logisch problematisch sind. Wenn gewünscht, wird sie geliiefert. Meine Begründung würde in einer Verbindung von Wittgensteins und Nietzsches Ablehnung von Moralphilosophie sowie philosophischen Konsequenzen der aktuellen Neurowissenschaft bestehen, aber auch aufgrund meiner taoistischen Neigung und Intuition.

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  24. genova68 schreibt:

    „Da haben wir uns hinsichtlich des Verständnisses von Philosophie dann mißverstanden. “

    Wer weiß. Vielleicht habe ich das ja mal behauptet, irgendwann. Man sollte halt versuchen, gut zu schreiben Kant kann man in jedem Satz folgen, weil er neue Begriffe erklärt und darauf aufbaut.

    AGB ist die Amerika-Gedenk-Bibliothek.

    Serdar,
    „aber darüber berichten wir natürlich nicht, denn die Täter waren ja Türken.“

    Wie oft und quasi nebenbei man heute solche Sätze liest, solchen Verschwörungs-Schwachsinn. Das ist wohl das, was man Extremismus der Mitte nennt. Da lob ich mir doch einen IG, der versucht zu verstehen.

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  25. genova68 schreibt:

    Elisabeth,
    danke für Ihre Anregungen. Auf Wiedersehen.

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  26. genova68 schreibt:

    „Zwischen rechts und links (lassen wir das aus heuristischen Gründen mal in dieser Allgemeinheit stehen, obwohl das sehr unscharfe Begriffe sind) steht nicht der Bezug zum Subjekt („Dieses Beharren auf dem starken Subjekt, dessen Stärke durch die spielerische Einnahme einer anderen Perspektive wohl leiden könnte, ist hingegen eher ein rechter Topos.“) “

    Wie soll dieser Satz, so allgemein gesprochen, nicht stimmen?

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  27. Der Denker schreibt:

    Dass mit der totalen Unterwerfung und der Alles und Nichts Behauptung ist fölliger Schwachsinn. Da hat jemand Lévinas gehörig missverstanden. In dem Moment, in dem sich mir der Andere mittels des Antliz offenbar wird, bin ich zwar selbst, für den Anderen jedoch der Andere. Ausgehend von mir als Selbst ändert sich meine Freiheit von absoluter in absolute verpflichtete Freiheit. Dieser Prozess verläuft jedoch auf beiden Seiten der sich Begegnenden. Die Folge ist ein ethisches Gefüge. Alles andere würde keinen Sinn ergeben.

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  28. genova68 schreibt:

    Denker,
    das denke ich mir auch. Der Autor Philon treibt eine Tendenz auf die Spitze. Die Anerkennung des Anderen bedeutet demnach die Verneinung des Selbst. Das ist eine der Versuch der philosophischen Begruendung eines (bekannten) rechten Ansatzes, demnach das eigene (Vaterland, Volk etc.) verleugnet und das andere unkritisch zum Ideal stilisiert. Das gibt es sicherlich, erklaerbar aus der deutschen Geschichte, aber diesen Ansatz von rechts zu kritisieren hiesse, den Teufel mit dem Belzebub austreiben.

    Die gegenseitige Bewegung zu betonen waere wichtig, ja. Fuer die politische Rechte ist aber alles, was das eigene nicht ueberhoeht, zu kritisieren. Erinnert ein wenig an den Paten von Coppola und die Bedeutung der dort.

    Leider hat sich Philon zu seinem Artikel nicht mehr geaeussert.

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