Blogkidnapping oder: ein kleiner Einblick ins moderne Unternehmertum

Kurz die Vorgeschichte: Der populäre Blog nerdcore berichtete kritisch über ein Düsseldorfer Unternehmen namens Euroweb, die mahnten deshalb den nerdcore-Betreiber René Walter ab, der ignorierte den Gerichtstermin. Daraufhin bekam Euroweb offenbar die Rechte an der Domain. Dem Blogger wurde der Blog weggenommen.

So weit, so skurril. Was ich daran aber wirklich interessant finde, ist die Eigenwerbung von Euroweb:

Eine einzige Ansammlung von Klischees, modischer Kameraführung und gestelztem Geplapper. Natürlich sponsern sie trendige Sportvereine. Der Laden ist unseriös, das spürt man eigentlich nach ein paar Sekunden und weiß es spätestens nach der Lektüre vieler Medienberichte, die in den vergangenen fünf Jahren dazu erschienen sind, zusammengefasst vom Spiegel und der taz. Da ist viel von Täuschung die Rede. Lustig dabei ist, dass die Internetexperten von Euroweb schnell juristisch auf Kritik reagieren, worauf Blogs darüber berichten, worauf Euroweb juristisch reagiert, worauf noch mehr Blogs darüber berichten und schließlich auch die etablierten Medien. Klasse Strategie, um Informationen zu unterdrücken!

Solche Knallköppe werden in Deutschland und insbesondere in Düsseldorf mit Auszeichnungen überhäuft. Euroweb hat es beispielsweise ins Finale von „Entrepreneur des Jahres 2010“ geschafft. In der Jury sitzen unter anderem Lothar Späth, eine Vertreterin der Würth-Gruppe, der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft und der Enkel von Konrad Adenauer. Deloitte hat sie auch ausgezeichnet, ebenso wie die Bundesagentur für Arbeit. Die alle halten offenbar die beiden Freaks aus dem Video für seriös. Wobei: unter Kabarettaspekten könnte man darüber nachdenken.

Nerdcore hatte übrigens gebloggt, Euroweb verlange zu viel Geld für eine „minderwertige Website“ und sei eine Firma, die „mit minderwertigem Webdesign auf Kosten von Bildung und Mittelstand Reibach macht“.

Ich gebe zu, dass ich Euroweb vor fünf Minuten noch nicht kannte, aber mal ehrlich: Wer würde nach der Rezeption des Videos da oben von denen auch nur ein Paar Schnürsenkel kaufen? Leider viele.

Und es schließt sich die Frage, warum so viele unseriöse Firmen ausgerechnet in Düsseldorf residieren, an, für deren Beantwortung ich jetzt keine Zeit habe.

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20 Antworten zu Blogkidnapping oder: ein kleiner Einblick ins moderne Unternehmertum

  1. hanneswurst schreibt:

    Das sind ganz anständige Düsseldorfer Jungs, diese Leute haben unsere Stadt zu dem gemacht, was sie ist. Was können wir Düsseldorfer dafür, wenn der Rest Deutschlands zu doof ist, mit wenig Aufwand den dicken Reibach zu machen oder (Beispiel WBB) kreative Geschäftsmodelle zu entwickeln.

    Es ist richtig, dass es Euroweb gelingt, durch geschicktes Marketing Webdienstleistungen zum zehnfachen des marktüblichen Preises zu verticken. A fool and his money shall soon depart. Diese Mini-Madoffs aus dem Rheindorf sind die nützlichen Mistkäfer des Webs, denn sie sorgen für den Abschied der größten Volltrottel unter den geschäftlichen Internetnutzern. Das Geld dieser Leute ist dann nicht weg, es hat nur jemand anderes, hoffentlich jemand, der sorgfältiger damit umgeht.

    Wem das nicht passt, der kann immer noch die beiden xxx aufsuchen, beiden einen xxx in den xxx xxx, alle xxx xxx und an die xxx xxx. Das ist hier so üblich, da pfeift kein Schwein nach.

    ……………
    zensiert von mir, da die beiden Herren beim juristischen Vorgehen gegen Blogs nicht zimperlich sind, und ich auf solche Auseinandersetzungen, auch aufgrund einschlägiger Erfahrung, keine Lust habe.
    g.

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  2. genova68 schreibt:

    „diese Leute haben unsere Stadt zu dem gemacht, was sie ist.“

    Das befürchte ich auch.

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  3. rauskucker schreibt:

    Der eine guckt so wie der eine Junge in „Funny Games“. Sojemandem sollte man keine Eier anvertrauen.

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  4. Fred schreibt:

    Man sollte nochmal auf die Praktiken dieser netten Firma eingehen:
    http://rutube.ru/tracks/3766801.html?v=3a1cc84606a422ebc6d340719d40a3c2

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  5. genova68 schreibt:

    Danke für den link zu der MDR-Sendung, Fred. Dort werden die Gestalten „miese Geschäftemacher aus Düsseldorf“ genannt.

    Heftig jedenfalls, dass die Qualitätszeitungen FAZ und das Handelsblatt noch 2009 in großen Artikeln uneingeschänkt positiv über Euroweb berichteten. Dabei hätte doch das Video oben gereicht… Man braucht heute offenbar wirklich Blogs.

    Wer mehr zu Eurweb wissen möchte,google unter „Euroweb“ und „Betrug“ oder „Abzocke“ oder „Erfahrungen“ :-)

    Es ist jedenfalls ein schöner kleiner Einblick in eine Facette des modernen Unternehmertums: Um Seriosität zu suggerieren und gesellschaftliche Akzeptanz zu bekommen, braucht es kein seriöses Agieren im Kerngeschäft, das ginge ja auf Kosten der Bilanz. Stattdessen fördert man den Jugendsport und sponsort via der „Euroweb-Stiftung“ den „Socialday Düsseldorf“. Dieser Socialday wiederum ist eine „Kooperationsveranstaltung“ des Jugendrings Düsseldorf, des BDKJ, der Evangelischen Jugend und – wirklich wahr – der „Sozialistischen Jugend Deutschlands – die Falken“.

    Da kann man doch nicht meckern.

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  6. hanneswurst schreibt:

    Wir Düsseldorfer wissen eben, wie man Euch Dummies das Portemonnaie leert. Mit dem Geld der tumben Berliner pflastern wir uns die Kö mit eitel Granitstein. Dann beobachten wir von unserem Porsche aus wie die Tusen aus Mettmann und Holland angestöckelt kommen und wichsen uns voll einen ab. Ein geiles Leben ist das Alter, geil geil geil.

    Und kommste uns mit Recht und Ehre? Wir haben ja auch noch Recht, da kannste Klagen wie Du willst, wir sind zwar Arschlöcher, aber illegal ist das nicht, Jungchen. Aber wehe wenn wir Dir mit irgendeiner Scheiße an den Kragen können, wir haben auch gute Anwälte und – schnapp! – bist Du selber geliefert, Du Knallkopp.

    Wir sind auch gut organisiert hier, wir haben etliche Karnevals- und Schützenvereine, eine umtriebige Scientology Filiale (Klaus Kempe & Friends) und nicht zuletzt den Verena Pooth Klan. Oder, naja, eigentlich doch zuletzt.

    Düsseldorf ist einfach ein Anziehungspunkt, zum Beispiel für labile und intellektuell eher unterdurchschnittlich gesegnete junge Leute, die jedoch ein stark überproportionales Geltungsbedürfnis haben. Das sind genau die richtigen Wirtschaftskatalysatoren, Witzfiguren die sich der FDP oder dem Scientology Club anvertrauen und dann richtig Kohle verdienen und dennoch leicht steuerbar bleiben.

    Mein Lieber: gegen uns hilft kein Gericht, keine Presse, erst recht kein scheiß Blog, sondern nur die Volkert van der Graaf Methode.

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  7. Nihilist schreibt:

    Nerdcore „war“ wie das Kind das rief, der ist ja nackt (Des Kaisers neue Kleider). Komisch, das aber die „da Oben“ nicht hingucken, sondern immer noch so tun als liefe der „Kaiser Euroweb“ in Superklamotten rum.

    Vielleicht weil denen klar ist, sie selber laufen ebenso nackt durch die Welt, das aber bisher noch kein „Kind“ genau hingeschaut hat, das auch auszusprechen. Gleich zu Gleich … so eben auch Politiker zu Maschmeier und so weiter und so weiter – und wenn sie nicht gestorben sind, laufen sie immer noch nackt durch die Gegend aber die Menschen trauen sich nicht den Mächtigen zu widersprechen.

    Es sind leider zu wenig Menschen die sich an die „Pflicht zum Ungehorsam“ halten, Gandhi war einer, Martin Luther King ebenso. Geprägt auch durch Henry David Thoreau.

    Und zur Rechtssprechung – wie war die Forderung (französische Revolution) das nur Gleiche über Gleiche richten. So müssten bei den Sozialgesetzen nicht gutbetuchte Richter über sozial Schwache richten, die dann selber Wein saufen und den Klägern nur Wasser gönnen. Real, das könnte ich durch einen Beschluss eines Sozialgerichtes belegen – dort wurde mir erklärt, ich könne meinen Flüssigkeitsbedarf mit billigen Mineralwasser (1,5 l zu -,17 € = 6,80 im Monat – also 60 l bei 2 l täglich) decken und deshalb sei der Regelsatz für die Ernährung ausreichend.

    Mit dem Hinweis auf die Rechtssprechung beziehe ich mich auf das Urteil des Gerichts, das dem Kläger die Webseite zugesprochen hat.

    Justizia soll ja blind sein, aber nicht blind vor den Taten, sondern blind gegenüber dem Stand der Streitparteien. Aber wenn selbst das Bundesverfassungsgericht nur blind ist, wenn es um die Unterdeckung geht, nicht aber wenn Banken Geld brauchen …

    Mist, alleine machen sie dich ein – auch wenn du dich auf Artikel 20 (4) des Grundgesetz berufst.

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  8. Nihilist schreibt:

    @ Hanneswurst 00:47

    Düsseldorf – der Name wird wohl falsch geschrieben – aber eine Sängerin hat das mal treffend gesungen – wärst du Dussel doch im Dorf geblieben (na nicht genau so aber das wurde dann so umgemünzt).

    Also hin zu den Ortsschildern und die Ü-Punkte überkleben – oder ist die Mehrzahl von Dussel = Düssel? Dann würde es ja stimmen.

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  9. genova68 schreibt:

    00:47: Danke für den Beitrag, Herr Preuß.

    Den Ex-Nerdcore-Betreiber Walter würde ich nur bedingt bemitleiden. Der ist zwar wegen der auf die Euroweb-Boys gemünzten „Arschgeigen“ von Euroweb verklagt worden, hätte sich aber sicher aus der Affaire ziehen könnnen. Stattdessen ignoriert er das Verfahren und erscheint nicht vor Gericht. Er sollte dann die Gerichtserfahren übernehmen, hat er auch nicht gemacht. Das Verfahren war schon im August. Dann hat das Gericht die Möglichkeit der Pfändung.

    Interessant dabei ist doch, dass man einen Blog pfänden kann. Was ist ein Blog wert?

    Nerdcore hat schon eine neue Heimat:
    http://www.crackajack.de/
    und kommentiert die aktuelle Lage mit passender Musik.

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  10. Pingback: Der Ruhrpilot | Ruhrbarone

  11. hanneswurst schreibt:

    hey, peso, wo bist, du hund

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  12. hanneswurst schreibt:

    PESO komm raus

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  13. hanneswurst schreibt:

    kapott peso, kapott

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  14. genova68 schreibt:

    Sehr gute Performance. Der WP8-Besuch hat wohl gemundet.

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  15. chriwi schreibt:

    Da befindet sich der Blog ja in guter Gesellschaft. Man muss nur die Geschichte mit der ARD und Maischmayer betrachten. Die größten Diebe werden als die Helden der Nation gefeiert.

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