Aedes und die Macht der Form

Die Berliner Architekturgalerie Aedes Pfefferberg brachte kürzlich eine Ausstellung über Sanaa, ein ziemlich interessantes zweiköpfiges Architekturbüro aus Japan. Der Kubus auf der Zeche Zollverein in Essen und jetzt das neue Uni-Gebäude in Lausanne sind hierzulande wohl am bekanntesten. Es steckt inhaltlich sicher einiges hinter dem, was die machen, also auf zu Aedes, zumal so wichtige mediale Verstärker wie Spiegel und Süddeutsche über diese Ausstellung berichteten.

Nein, sie berichteten nicht über die Ausstellung, sondern über Sanaa. Mit gutem Grund: Bei Aedes erfährt man nichts. Es stehen in einem kleinen Raum ein paar Modelle herum, sehr vereinfacht und eher nichtssagend, und ein kurzer, auf englisch verfasster Text an der Wand. Das war´s. Eine google-Bildersuche brächte wohl mehr. Was treibt Sanaa theoretisch an? Welche Konzepte stecken dahinter? Woher kommen die Ideen? Wie funktionieren die Gebäude real? Mit welchem Bildungskonzept arbeitet das Gebäude der Uni Lausanne? Hängt das zusammen mit der offenen, mit jedem Schritt neue Perspektiven eröffnenden Architektur? Wer sind die Architekten? In welchem Bezug stehen die Gebäude zur Stadt? Nichts von alledem wird beantwortet. Ein Interview mit den beiden, auf Video aufgezeichnet, wäre eigentlich Standard.

Ich habe manchmal das Gefühl, dass Aedes zu einer Art flacher PR-Agentur für die Vermarktbarkeit von „Architektur“ im schicken Bürgertum mutiert ist. Die Aedes-Chefin Dr. h.c. Kristin Feireiss setzt dabei sich und andere Protagonisten in Szene.

In anderen Zusammenhängen ist das mehr als nur ärgerlich: Eine Ausstellung über „eine Vision für die Zukunft der Favelas in Sao Paulo“ wird im Rückblick mit diesen Bildern illustriert. Um Architektur geht es nur vordergründig. Um die Menschen in den Favelas – für die man sich ja angeblich engagiert – noch weniger. Zur Eröffnung haben gesprochen: Der brasilianische Botschafter, hochrangige Vertreter der Stadtentwicklungsbehörde in Sao Paulo und Berlin (!) und, natürlich und erstgenannt, Madame Feireiss. Wenn es nun einen Komplex gibt, bei dem Architektur nicht ohne den gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Kontext gelesen werden kann, dann sind es Favelas. Die Sprecherliste bildet lediglich die realen gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Machtverhältnisse ab und reproduziert sie damit.

Mal flott im Klartext: Favelas sind wesentlich dadurch gekennzeichnet, dass sie spontan durch squatting entstanden sind und entstehen, jenseits von Bauvorschriften und behördlicher Verfahren. Sie werden von unten tagtäglich weiterentwickelt, an den konkreten Bedürfnissen der Bewohner orientiert und in der Regel gegen den Widerstand von Behörden. Es entstehen dabei völlig unterschiedliche Strukturen innerhalb der Viertel, von basisdemokratisch bis autoritär-gewalttätig. Die Ökonomie verläuft in Teilen in abgeschlossen Kreisläufen, die das Viertel nicht verlassen. Wenn ich hier ansetze, um diese Situation gerade infrastrukturell zu verbessern, muss ich selbstverständlich die Betroffenen zu Wort kommen lassen. Und zwar nicht nur in irgendwelchen Umfragen. Gerade das informelle Squatten, also das Besetzen öffentlicher Flächen, das spontan und täglich passieren kann, würde eine ganz eigene Herangehensweise an das Thema erfordern.

Wie wäre es gewesen, der tolle brasilianische Botschafter hätte ein paar Bewohnern der Favela Paraísopolis – um die es in der Ausstellung vor allem ging -, die Flugtickets bezahlt und sie reden lassen? Samt einer Vortragsreise durch Europa? Und damit den Unterschied zwischen formellem und informellem Bauen deutlich gemacht? Warum gibt es überhaupt Favelas? Was bedeuten hier Exklusion einerseits und Kapitalismus bzw. die Eigentumsfrage andererseits? Und welche Rolle spielt bei alldem das Datum 2014, also das Jahr, in dem die Fußball-WM in Brasilien stattfinden wird?

Merkwürdig klingt der hier standardisierte Begriff der „urbanen Integration“, also der Integration der Favelas in den behördlich genehmigten Teil der Stadt. Woran sich die Frage anschließen müsste, wie das Verhältnis von Behörden und Favelas sich gestaltet, also die Frage nach der Mischung von Repression, polizeilicher Gewalt, Duldung und Hilfe. Geredet wird jedenfalls, wenn überhaupt, nur über die favelistas. (Vielleicht wird in Sao Paulo mit ihnen geredet. Das ließ sich kaum bei Aedes nicht einmal erahnen.)

Umgekehrt könnte man fragen, was überbürokratisierte Gesellschaften aus dem Favela-Prinzip „Informelle Stadt“ lernen könnten.

Und: In den seit Jahren laufenden Favela-Projekten hängen weltweit alle möglichen steuerfinanzierten Institutionen drin, Biennale in Rotterdam, viele angeschlossene Unis in Europa und mehr. Die alle profitieren von dem Charity-Ansinnen, „denen da“ in den Favelas zu helfen. Und die alle wissen sich darzustellen. Sicher haben viele der präsentierten Büros interessante Ideen: Erosionsschutz, Abwassersysteme, durch Befestigung illegale Bauten legalisieren, modernisierte Formen spontanen Bauens und mehr. Von den Bewohnern (immerhin ein Drittel der insgesamt 20 Millionen Einwohner im Großraum Sao Paulo) kriege ich nichts mit. Denen fehlen wohl die Kontakte.

Feireiss hat sicher gute Kontakte. Heraus kommt (zumindest manchmal) ein rein visuelles In-Szene-Setzen der ohnehin von Architekten selbst betonten ästhetisch-formalen Instanz. Das Inhaltliche, das Politische, gar das Sozialrevolutionäre, ist ein Effekt, der im Zweifelsfall wegästhetisiert wird.

Vielleicht ist das der Preis, der gezahlt werden muss, will man mit potenten Geldgebern Ausstellungen zu allem und jedem präsentieren. Hauptsache, Spiegel und Süddeutsche schreiben was drüber.

Sieht aus wie eine Fotomontage, ist aber keine: arm und reich in Sao Paulo, links die seit den Siebzigern existierende Favela „Paraísopolis“

(Foto: Wikipedia)

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2 Antworten zu Aedes und die Macht der Form

  1. InitiativGruppe schreibt:

    An dem Foto kann ich mich nicht sattsehen.
    Ist das, was die Favela materiell trennt von der Welt der Privilegierten rechts davon — ist das eine Mauer?
    Kann die überstiegen werden?

    Haben die rechts ihre Mittel, um die links davon abzuhalten, gelegentlich mal über die Mauer oder was da sonst als Begrenzungsvorrichtung dient, zu steigen, um sich was von der anderen Seite zu holen?

    Was denken sich die in dem Luxus-Wohnhaus, wenn sie rüberschauen – was denken sich die in den Hütten, wenn sie raufschauen?

    Könnte man sich in der Welt links einen kleinen Granatwerfer besorgen, um sich bei denen drüben zu revanchieren?

    Wieviel steuerlich gewonnene Infrastruktur-Mittel hat die Stadt Sao Paolo pro Kopf oder qm investiert in die Welt links und wieviel in die Welt rechts?

    Wo ist das Leben lebendiger, in der Welt links oder in der Welt rechts? Und inwiefern?

    Laden die links und die rechts sich wenigstens einmal im Jahr gegenseitig ein? „Kommt ihr mal rüber zu uns! Wir sind doch Nachbarn!“ (Wenigstens im Karneval? Oder in der evangelikalen oder katholischen Kirchengemeinde? Oder wenn’s Wahlkampf gibt?)

    Wissen die links, wie die rechts leben, und wissen die rechts, wie die links leben? Was wissen sie, was nicht? Was wollen sie wissen?

    Genug der Fragen. Wär eine ziemlich interessante Ausstellung bei uns, wenn bei ihr solche Fragen anschaulich beantwortet würden.

    PS: Was das Photo zeigt, ist sozusagen binär. Meine Fragen sind Versuche, vom Binären zu einer Betrachtung zu gelangen, die einer dreiwertigen Logik entspräche. Nur sowas kann das schlicht Entgegengesetzte, sich gegenseitig Ausgrenzende wenigstens gedanklich überwinden. Als Voraussetzung für eine entsprechende Praxis.

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  2. genova68 schreibt:

    Das wären Fragen, die man erstmal stellen könnte, bevor man sich überhaupt an Planungen macht. Ich kann dir konkret zu der Situation in Paraísopolis nichts sagen, ich war da noch nicht drin. Aber ich denke schon, dass das rechts alles gated ist. Beziehungen zwischen beiden Lagern gibt es wohl insofern, als dass die rechts eine Menge Bedienstete brauchen und außerden bei Bedarf ihre Lines und alles, was illegal ist, von links kriegen. Was die so denken, weiß ich nicht. Ich glaube, da ist nicht viel Kontakt, die Situation wird wohl von den meisten als gottgegeben hingenommen. Man kennt es ja nicht anders. Es wären eben alles Fragen, die in einer solchen Ausstellung eine Rolle spielen müssten. Aber Architekten sind ja meist eh recht begrenzt, was Fragestellungen jenseits von Kennzahlen angeht.

    Binär ist das insofern schon mal nicht, weil ja auch links Hierarchien herrschen, kriminelle Banden beherrschen das Viertel, da geht es vielen sicher ganz gut. Und ob man wirklich gut lebt, wenn man immer Angst haben muss um sein Hab und Gut, naja.

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