Gainsbourgianer

Wer hat La Boum mit Sophie Marceau seinerzeit nicht gesehen? Ich. War wohl der einzige. Ich weiß nicht, warum, mir fehlt die Erinnerung. Teeniekomödien haben mich wohl schon damals nicht interessiert, was mich jetzt über meine Sozialisation nachdenken ließe, was nicht hierher gehört. Erinnern kann ich mich aber an Charlotte Gainsbourg, von der ich in den Achtzigern alle Filme sah, die es in westdeutsche Programmkinos schafften. Einige gruben sich tief ein ins Hirn. Der Zementgarten, Das freche Mädchen, Die kleine Diebin, vielleicht noch Meine Tage mit Julien. Ein seltsames, feenartiges Wesen mit enttäuschend kleinen Brüsten (französische Nachwuchsschauspielerinnen mussten sich damals ausnahmslos vor der Kamera ausziehen). Und vor ein paar Jahren nahm sie mit 5:55 eine wunderbare Platte auf.

Marceau oder Gainsbourg. Zwei französische Schauspielerinnen, altersmäßig nicht weit auseinander, ich mittendrin. Die eine, 1966 geboren, spielte in La Boum nicht nur mit, sie war La Boum; die andere, 1971 geboren, hatte berühmte Eltern. Marceaus Vater war LKW-Fahrer. Das sagt sie heute im Wochenendinterview in der Süddeutschen Zeitung. Und das auch noch:

„Wir gehörten zur Arbeiterklasse, wohnten im Vorort und wenn wir nach Paris wollten, mussten wir die Metro nehmen. Und ja, mein Vater war zeitweise Lastwagenfahrer. Dann auch wieder Bauarbeiter oder Barkeeper. Gelegenheitsjobber eben. In der Welt, aus der ich stamme, ging es nicht um Fortbildung oder Kunst. Die Kinder wurden nicht dazu erzogen, Ärtze oder Anwälte zu werden. In meiner Welt fuhren Männer Trucks. Und Frauen wurden Kellnerinnen.“

Ein angenehmes Interview mit dem Foto einer ziemlich attraktiven Sophie Marceau (sie ist schmaler geworden). Obwohl heute viel mehr Männer Trucks fahren als damals, ist das Truckerthema keins mehr. Alle labern nur noch von Bildung und meinen Zurichtung zur Verwertung. Ob Trucks in Gainsbourgs Welt auch eine Rolle spielten?

Marceau oder Gainsbourg. So kommt mir das in der Erinnerung vor. Entweder sah man die eine oder die andere. Marceau habe ich kaum wahrgenommen. Die Zeit macht solche Gräben bedeutungslos. Ich werde mir demnächst La Boum anschauen. Und Fernfahrer wollte ich früher auch werden.

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9 Antworten zu Gainsbourgianer

  1. frank peso schreibt:

    voll abgefahrn!

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  2. InitiativGruppe schreibt:

    Ich hab La Boum ein paar Mal und mit Vergnügen gesehen — Sophie Marceau ist „mein Typ“.

    Mein Lieblingsfilm von ihr ist „Verborgenes Feuer“ (Firelight). Nachdem ich den auf DVD entdeckt habe, hab ich ihn mir ca. 50mal hintereinander angeschaut, innerhalb von 50 Tagen. Ich war ziemlich verliebt in „Elisabeth Laurier“…

    Der Film (spielt ca. 1840) hat eine ziemlich schwermütige Sister-Bronte-verwandte Story, aber mit Sex. Jedes Wort sitzt, jedes Bild sitzt und spricht, jede Szene hat Wucht, jeder Charakter Kontur und Intensität – auch alle (!) Nebenfiguren … und man kommt in eine seltsam fremd-vertraute dunkle Welt. Durch die Story hindurch ständig erlebbar sind existenzielle und ethische Herausforderungen – die durch bemerkenswertes Handeln gelöst werden.

    Es wundert mich nicht, dass der Film nur mittelmäßigen Erfolg gehabt hat und ihn nur wenige Leute kennen. Um ein großer Erfolg zu werden, dazu ist er zu gut – oder nicht gewalttätig oder sentimental genug.

    Eine meiner Lieblingsszenen: „Elisabeth Laurier“ begegnet zum ersten Mal ihrer eigenen Tochter … Da hast du mein Ideal von einer dramatischen Filmszene. Oder gegen Ende zu, als der Mord offenbar wird, der nötig war, um zur Lösung des dramatischen Knotens zu kommen … May God have mercy on us. Oder wie „Elisabeth Laurier“ als Gouvernante ihre grauenhaft verzogene Tochter bändigt und ihr das Lesen beibringt …

    Sophie Marceau spielt in diesem Film genial. Es wird nicht allzuviel gesprochen, man muss viel in den Gesichtern lesen, in den Gesten – und da in Sophie Marceau an Genauigkeit und Ausdruckskraft kaum zu übertreffen. Auch ihr Partner Stephen Dillane macht seine Sache gut.

    Charlotte Gainsbourg kenne ich (fast) nur aus Les Miserables. Auch so ein Film, der mir sehr gefallen hat. 355 min lang 19. Jahrhundert …

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  3. InitiativGruppe schreibt:

    Der Titel des Films sollte strong kommen … aber ich hab wohl aus Versehen strike gewählt … Ist aber keine Freud’sche Fehlleistung, oder?

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  4. bersarin schreibt:

    Auch ich sah „La Boum“ nicht. Die Gründe dafür lassen sich wohl ahnen. Meine damalige Lebensgefährtin jedoch liebte diesen Film aus mir unerfindlichen Gründen. Vieles sahen wir uns gemeinsam an, das jedoch nicht.

    Charlotte Gainbourg ist eine sehr gute Schauspielerin. Ich werde mir ihr Platte 5,55 anhören, hatte sie auch auf meiner Liste, vergaß sie wieder. Heute also schnell in den i-tunes-store geschaut.

    Ein Lob natürlich auf den großen Serge Gainbourg, den ich in manchem nachahmte.

    Ich finde ja, daß das eine schöne Welt war, als Männer Trucks fuhren. Und Frauen wurden Kellnerinnen. Seinerzeit.

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  5. genova68 schreibt:

    Bersarin,
    ist der Grund der, dass du auch Gainsbourgianer warst? Kellnerinnen und andere solcher Jobs waren früher geachteter,angesehener. So wie das heute noch in ausgeprägter Form in Italien zu finden ist, wo der Chefkoch selbst bedient, wenn er sein Essen mag. Kein Diener, sondern ein lukullischer Ernährungsberater auf Augenhöhe, wie man heute sagt. Eine interessante Dialektik: Je prekärer die Bezahlung, desto mehr schwindet das Ansehen des betreffenden Jobs. Je prekärer die Lage armer Menschen, umso verächtlicher schaut die Mittelklasse und die weiter oben auf sie herab, laut Heitmeyer. Ist wohl psychologisch so angelegt.

    IG,
    du bist dann wohl eher Marceauianer. Klar, wenn man sich einen Film 50 mal anschaut ;-) Du schaust wohl gerne Historienfilme. Ich habe von Marceau nur LOL gesehen, glaube ich, und in das betreffende Kino wurde ich reingezogen, ohne zu wissen, um welchen Film es geht. Naja. Ist eigentlich eher TV, wenn man sich entspannen will.

    Mal generell: Ich habe vor Kino nach wie vor großen Respekt und betrachte das als einen Ort der Kunst und als Möglichkeit des Gegensatzes zum TV. Da kann man sich in Berlin Gott sei Dank viel anschauen und sich von UCIs komplett fernhalten. Wenn ich Pöbel sehen will, gehe ich in eine Spielothek, da stören die Zwischenrufe nicht. So ein richtiges Mitgehkino, wie es sie wohl in Indien und anderswo gibt, würde ich allerdings gerne mal besuchen.

    Und noch ein Filmtipp zum Sonntag: „Orly“, der neue Film von Frau Schanelec. Das ist Avantgarde, die den Begriff verdient. Von dem Film wird man in 20 Jahren reden wie Bersarin heute von „A bout de souffle“.

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  6. InitiativGruppe schreibt:

    Ja, Genova68,
    ich seh gern Historienfilme, so, wie ich auch überwiegend Autoren vergangener Welten und Zeiten lese.
    Ich habe schließlich genug Zeitgenössisches um mich herum, in der Arbeit, beim Blogschreiben, in der täglichen Web- und Zeitungslektüre.

    Abtauchen in frühere Welten – das ist sowas von Erholung … und je weniger die Filme oder Texte anachronistisch sind, desto besser geht’s. Die Odyssee zum Beispiel finde ich einfach umwerfend. Oder Shakespeare. Bei historischen Filmen stören immer und immer wieder die (teilweise unvermeidlichen, überwiegend aber opportunistischen und dummen) Anachronismen.

    Darum lese ich ganz besonders gern die klassisch gewordenen Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts: Sie schreiben „realistisch“ über ihre — uns total fremd gewordene — Welt, sie machen das in einer Sprache, die der unsrigen heute überlegen ist an Rhythmus, Metaphorik, Genauigkeit, Farbenreichtum – an Spachmusik. Da kann ich eintauchen in die fremde Welt, mich auf Zeitreise begeben und zugleich Kunst genießen.

    Die vor allem englischen Historienfilme zum 18. und 19. Jahrhundert (meist Verfilmungen der Klassiker – Austen, Dickens, Eliot, Hardy, Gaskell, Bronte, Thackeray, etc.) unterstützen meine Zeitreisen. Meistens sind es Serien, das heißt sie nehmen sich viel Filmzeit. Sie haben gute Schauspieler, sie gehen sorgfältig um mit den Äußerlichkeiten, sie folgen einigermaßen getreu der damaligen Sprache – und die immer großartige Textvorlage sorgt dafür, dass die Charaktere interessant und die Dialoge stark sind.

    Ich hab zuhause wohl fast alle DVDs von dieser Sorte … und wenn ich mir mal was anschauen will, dann ist es fast immer nur sowas.

    Wenn die Lindenstraße zum Beispiel im Weimar der Goethezeit oder in Berlin 1806 spielen würde, wär ich ein Fan … Aber nur, wenn dabei auf allen Anachronismus verzichtet würde. Männlein und Weiblein müssen sein, wie sie damals waren – nicht, wie sie heute sind oder wie sich geschichtsnaive Menschen vorstellen, dass sie damals waren.

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  7. Nihilist schreibt:

    (Bin wieder da – war eine Woche im Krankenhaus)

    Ich hab mir solche Filme auch nie angesehen. Nicht einmal im TV. Was aber krass war in der letzten Woche – das TV-Verhalten der Zimmergenossen – Doku-Soaps wie diese Salesch und so … und dann die Simpsons.

    Gut das ich zwei Bücher dabei hatte und meine Höhrgeräte ausstellen konnte.

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  8. genova68 schreibt:

    Willkommen zurück, Nihilist. Ich hoffe, du bist jetzt beschwerdefrei. Ich habe vor vier Jahren einmal aus Testzwecken zehn Stunden RTL am Stück geguckt. War eine interessante Erfahrung, was das mit dem eigenen Sinnesapparat macht. Seitdem betrachte ich jeden, der sich solche Sender täglich anguckt, als potenziellen Zombie.

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  9. Nihilist schreibt:

    Danke für die Wünsche. Leider bin ich Allergiker und die vermehren sich eher, als das sie verschwinden.

    Inzwischen auch Nahrungsmittelallergien .- gegen Kasein unter anderem – kein Käse mehr . MIST. Dabei habe ich als „Fastvegetarier“ bisher auf Brot nur Käse gegessen.

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