Junge Freunde, fürs System unbezahlbar

Der aktuelle Newsletter der jungekunstfreunde, Köln, wirbt für einen Stadtrundgang in Köln-Ehrenfeld

„Aus dem ehemaligen Arbeiterviertel nordöstlich der City ist zwischen ein anerkannter Produktions- und Umschlagplatz für internationales Design geworden – mit eigenen Netzwerkzentralen wie der Halle des Design Quartier Ehrenfeld und dem „popdesignfestival“ im Crossover von Musik/Design/ Urbanismus. Wie wollen mit den Drahtziehern der Szene sprechen und einen Blick in die Bürogemeinschaften der hier ansässigen Grafik- und Kommunikationsdesign riskieren.“

(Fehler im Original)

Faszinierend, wie jungen Freunde der Kunst eh aufgeweichte Begriffe vollends banalisieren. „Ehemaliges Arbeiterviertel“ klingt schon spannend, irgendwie, da, wo mal richtig zugepackt und hingelangt wurde, Industrieromantik; „internationales Design“ ist auch toll, „national“ klänge doch nach gestern; „Netzwerkzentralen“ ist sicher die hippe, wenn auch leicht widersprüchliche Fortführung der etwas angestaubten „Netzwerke“; „Design Quartier“ ist auch super, vor allem weil, ganz neudeutsch, auseinandergeschrieben; „popdesignfestival“, klasse, diesmal alles zusammen und klein, kommt auch gut, zumal dieses Festival total „crossover“ ist; „Drahtzieher der Szene“, mannomann, ob seines Bezugs zur Illegalität ganz schön gewagt, aber warum nicht, die jungen Freunde der Kunst müssen schon ein wenig provozieren. Musik, Design und Urbanismus: Dass letzterer Begriff hier auftaucht, zeigt, wie flexibel die jungen Freunde sind. Urbanismus wird gerade der wissenschaftlichen Sphäre beraubt und pr-konform modelliert.

Blablabla also. Was mich interessieren würde: Was ist denn das „ehemalige“ Arbeiterviertel jetzt? Wohnen da nur noch „Künstler“? Wo sind die Arbeiter? Gibt es die überhaupt noch, angesichts der tollen, dynamischen Szeneleute? Wie sehen denn die prognostizierten Wohnwertzuwächse in Ehrenfeld aus? Wie läuft es mit den Mieten? Was sagen die Leute, die dort wohnen? Um was für eine Kunst geht es eigentlich bei diesen Produktions- und Umschlagplatzspezialisten? Und wer sind diese jungekunstfreunde?

Eigenauskunft:

„Wir sind über 500 junge „Freunde des Museums Ludwig und des Wallraf-Richartz-Museums“ unter 28 Jahren. Wir sind aber auch ein Team von ca. 25 aktiven Programmgestaltern, das jederzeit durch dich erweitert werden kann. Dieses Team organisiert jedes Semester aktuelle und abwechslungsreiche Veranstaltungen nach dem Motto „von jungen Leuten für junge Leute“.“

Tolles Motto, dazu „abwechslungsreich“, „aktuell“ und „aktiv“ (wieso eigentlich nicht proaktiv?). Ein banalisiertes, sinnfreies Geplapper irgendwelcher nett und harmlos aussehnder Studenten, die zwecks Karriereplanung auf sich aufmerksam machen wollen, schätze ich mal. Was interessiert da schon Gentrifizierung oder die Rolle der Kunst unterm Kapital? Oder gar Kunst an sich, bevor sie auf den Begriff gebracht wird?

Ein sicher schon anerkannter Produktions- und Umschlagplatz für PR-Müll, diese jungen freunde. Kunst wird sofort und ohne Diskussionen zum Kunstgewerbe geformt. Kunst hat vor allem „spannend“ zu sein, denn wer alles spannend findet, der ist interessiert und somit auch interessant. Aber bitte nicht kritisch, bitte keine Fragen, denn dann lässt sich die Kunstliebe nicht so effektiv für die eigene Karriereplanung einsetzen. Immerhin sind die jungenkunstfreunde laut ihrer cv in der Kunstszene aktiv, haben schon Führungen organisiert und Ausstellungen.

Solche Freunde sind fürs System unbezahlbar. Sie stellen, ganz kostenlos, den erwünschten Bezug zwischen irgendwelchen „Künstlern“, Designern und sonstwie „kreativen“ Leuten einerseits und jungen, angehenden Akademikern andererseits her. „Kunst“ erst als Oberbegriff für alles, was irgendwie trendy ist, verfügen und dann ganz effizient instrumentalisieren. Das höchste, was die „riskieren“, ist „ein Blick in Bürogemeinschaften“, und es spricht leider nichts dafür, dass man es hier mit Ironie zu tun hat.

Warum soll man da noch nein sagen?

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Dieser Beitrag wurde unter Kritische Theorie, Kunst, Neoliberalismus abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Junge Freunde, fürs System unbezahlbar

  1. rp schreibt:

    Lustig ist auch der Link auf der Seite zu „Start, Kunst für Berufstätige“. Immer geht’s um die Produktion von „Atmosphäre“, in diesem Fall soll sie „locker“ sein. Sprich: Nicht nur Networking für „berufliche Neuankömmlinge“ wird versprochen, sondern Hoffnung auf die Beendigung des Single-Daseins geweckt. Wenn einer von den „jungen Kunstfreunden“ einem meiner Freunde, die wegen ihrer Kunst am Existenzminimum kleben, mal was abkauft, könnte mich der PR-Lounge-Talk auch locker stimmen.

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  2. genova68 schreibt:

    Ja, „Start“ ist noch krasser. Gibt es auch spezielle „Kunst für Arbeitslose“? Bei den „interessanten Kontakten“ dachte ich eher an solche aus der Berufswelt, aber wer weiß…

    Und es stimmt: Ein Künstler, der aus materieller Not heraus seine Kunst instrumentalisiert, ist noch eher zu verstehen als diese Freunde.

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  3. fk schreibt:

    gräm euch nicht so darüber. kunst ist halt kunst.
    was erwartet ihr denn? autentizität, erlösung, bessere menschen?
    mein aktueller kommentar dazu hier http://www.the-alpha-and-the-omega.com/

    von daher, einfach darüber freuen, dass sich das kunstsystem endlich als das offenbart was es schon immer war: ein gesellschaftlicher ort zur identifizierung, bändigung und unterwerfung kreativer und für uns unverständlicher – und damit natürlich auch gefährlicher – potentiale. aber sollen die doch kunst angucken bis sie scheckig sind. dann sind sie beschäftigt und kommen nicht auf dumme gedanken, übrigens für mich immer noch einer der klügsten gründe selber in dem bereich zu agieren: der angerichtete schaden ist überschaubar.

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  4. hanneswurst schreibt:

    Schade, dass ich schon weit über 28 bin und da nicht mitmachen darf. Köln ist zwar scheiße und hat in Sachen Kunst leider so gut wie gar nichts zu bieten, aber die Girlies auf der Webseite sehen alle aus, als wenn sie sich leicht poppen ließen.

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  5. HF schreibt:

    Ein Zitat von der Homepage der jungen Kunstfreunde: „Wir wollen zeigen, was Köln jenseits der angestammten Museen und fest verankerten Musentempel noch zu bieten hat.“ Was ist ein „angestammtes Museum“ oder ein „fest verankerter Musentempel“? Leeres Stroh wird da gedroschen – werden das die künftigen „Kunstmanager“?

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  6. fk schreibt:

    „Was ist ein „angestammtes Museum“ oder ein „fest verankerter Musentempel“?“
    ja, was könnte das denn wohl sein?
    was zur hölle können diese kunstverachtenden und offensichtlich auch sprachlich völlig verkommenen menschen wohl mit „angestammtes Museum“ meinen?
    ganz recht, hier das niederträchtigste zu vermuten! solche abgründigen fomulierungen, die können eigentlich nur von künftigen kunstmanagern kommen. wer solche wort nutz, lässt das schlimmste ahnen. schon andre breton hat in den „angestammtes Museum“ die gefängnisse der künstler verortet.
    wie wäre es einmal die jungen kunstfreunde anstelle des leeren strohs zu dreschen? auf dass diese niveaulosen heiden und feinde der wahren kunst einmal wieder zu verstand gebracht werden. und wenn sie dann weich geklopft sind, dann können wir ihnen ja mal zeigen wie man richtig und vor allem aber aufrichtig mit kunst umgeht!

    (weils mancher dann eben doch nicht bemerkt im raum der digitalen abstraktion und reduktion: hier verstecken sich ironie und sarkasmus.)

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  7. genova68 schreibt:

    Hansi,
    denPoppfaktor der Websitegirlies habe ich leider außer Acht gelassen, ich bitte um Entschuldigung. Andererseits ist das ja niedrigschwellige Poppen ja auch keine Kunst.

    fk,
    das, was du zur Unterwerfung kreativer und gefährlicher Potenziale schreibst, hat was. Wobei ich aber nicht weiß, inwiefern es in dem beschriebenen Ehrenfeld um Kunst geht oder einfach nur um Design, Pop und Netzwerke. Da bräuchte man dann auch nichts bändigen.

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  8. hanneswurst schreibt:

    Ich nehme alles zurück – ich würde die Kölner Schüsschen doch nicht poppen wollen, sind mir zu jung, naiv und angepasst.

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