„Die langsamste Bahnfahrt mit dem unsichersten Fahrplan des Jahres“

schreibt die französische Zeitung Journal du Dimanche über die Fahrt des Castorzuges. Laut taz beginnt auch in Frankreich „die Stimmung zu kippen“. Das ist ja mal ne Meldung.

Respekt jedenfalls für die Blockierer entlang der gesamten Strecke, die den Arsch hochgekriegt haben bzw. ihn fest auf den Gleisen ließen. Und die Bauern, die mit ihren Traktoren mal flott Wasserwerfer einkreisen und ihnen damit den Effekt nehmen. Bemerkenswert auch die irgendwie sympathisierende Berichterstattung vieler etablierter Medien, die wohl damit zusammenhängt, dass die Korruptheit der Bundesregierung bei der Laufzeitverlängerung der AKWs zu offensichtlich wurde.

Andererseits merke ich, dass ich bei der Betrachtung der TV-Bilder an diese komische deutsche Lust an der Apokalypse erinnert werde. Ein Familienvater, der, neben den Gleisen sitzend, weinend von seinem durch den Castor gefährdeten – nicht anwesenden – vierjährigen Sohn erzählt, ist mir suspekt und ich vermute, dass Papis überbordende Emotionalität den Sohn mehr überfordert und noch überfordern wird als es der Castor je vermag. „Contenance!“, ruft da der Franzose in mir, und zwar nicht, weil man sich immer beherrschen müsste, sondern weil die Bedeutung eines Castor-Transportes fürs Individuum dessen Tränen nicht rechtfertigt.

Des Individuums Tränen rechtfertigen würden diese Szenen hier und ich finde es irritierend, dass sie keine weitere Aufregung verursachen:

Staatsvertreter, die einfach so auf friedliche Leute mit dem Schlagstock einprügeln. Könnte auch in Birma passieren. Nur, dass die da nicht gefilmt werden.

Derzeit wird ja auch über „L´insurrection qui vient“ diskutiert, das jetzt als „Der kommende Aufstand“ übersetzt vorliegt. Ist mir (wohlgemerkt: auf den ersten Blick) zu pubertär, dieser Sabotageansatz, aus dem dann irgendwas Vernünftiges werden soll. Hat was von Wohlstandskinderphantasien, denn wie die Kluft zwischen Alltagssabotage und Basisdemokratie überbrückt werden soll – die ja genau dann kommen müsste, wenn die Sabotage erfolgreich ist -, bleibt diffus.

Wie auch immer, es bleibt spannend.

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2 Antworten zu „Die langsamste Bahnfahrt mit dem unsichersten Fahrplan des Jahres“

  1. InitiativGruppe schreibt:

    Ein Familienvater, der, neben den Gleisen sitzend, weinend von seinem durch den Castor gefährdeten – nicht anwesenden – vierjährigen Sohn erzählt, ist mir suspekt und ich vermute, dass Papis überbordende Emotionalität den Sohn mehr überfordert und noch überfordern wird als es der Castor je vermag. “Contenance!”, ruft da der Franzose in mir, und zwar nicht, weil man sich immer beherrschen müsste, sondern weil die Bedeutung eines Castor-Transportes fürs Individuum dessen Tränen nicht rechtfertigt.

    Es erleichtert mich, mal ein so vernünftig nüchternes Urteil über unsere Sentimentale Linke lesen zu können.
    Contenance!
    Besonnenheit!
    Humorvolle Distanz zu sich selbst und zu den eigenen Leidenschaften!

    Gibt es etwas, das uns dazu erziehen kann? Das einzige, was es gibt, ist, wenn man die Sentimentalen mit der eigenen Nüchternheit konfrontiert und zeigt, dass diese Nüchternheit durchaus mit leidenschaftlichem Engagement einhergehen kann.

    Nüchternheit ist eine Voraussetzung für kluges strategisches, also kompetentes politisches Handeln.

    (Es gibt die Sentimentalen Hysteriker links und rechts. — Das wäre ein peinliches Thema für uns … )

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  2. genova68 schreibt:

    Wobei ich in dem geschilderten Fall die Instrumentalisierung seines Sohnes am unangenehmsten fand.

    Das ist halt alles medial vermittelt, was ja gerade eine aufgeklärte Linke kapieren müsste: Politik gegen bestimmte Verhältnisse und Widerstand gegen Castor etc. sicher, aber doch nicht mit der Apokalypse. Da ist bei mir einiges aus den Achzigern hängen geblieben, wo ja auch täglich die Welt unterging. Es ist die Aufmerksamkeitsökonomie der Medien, die da ordentlich mitmacht und somit ganz antiaufklärerische Impulse setzt, die diese „sentimentale Linke“ noch verstärkt und somit erst recht antiaufklärerisch wirkt.

    Wobei ich durchaus finde, dass Erregung und Empörung im politischen Geschäft angebracht sind, beispielsweise in dem im nächsten Artikel angeführten Fall der Nahrungsmittelindustrieschützerin.

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