Portugal: Breites Bündnis für Kommunisten

Coole Sache: Der portugiesische Architekt Álvaro Siza unterstützt bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen in Portugal Francisco Lopes, den Kandidaten der Kommunistischen Partei (der PCP, die seit langem bei Wahlen immer gemeinsam mit den Grünen antritt. Diese Liste nennt sich dann, um die Verwirrung perfekt zu machen, CDU, nur dass das C da für Coligaςão steht, für Koalition). Neben Siza bekennen sich 30 prominente Schriftsteller, Dichter, Musiker, überhaupt Kulturschaffende, Ärzte, Journalisten, Juristen für Lopes. Daneben gibt es eine weitere ziemlich linke Partei, den sympathisch daherkommenden, modernen Bloco Esquerda, der einen anderen Kandidaten unterstützt. Linke Zersplitterungen.

Scheinbar ist Siza seinem sozialen Engagement der portugiesischen Nachrevolutionsära treu geblieben. Schon damals baute er wunderbare Sachen: Durchdachter sozialer Wohnungsbau in einer von sozialistischen Ideen bewegten Gesellschaft, hervorragende Solitäre, nie formalistisch modern, sondern immer kontextualistisch verortet, dabei ohne jede Anbiederung. Ein bisschen erinnert er an die Tessiner Schule. Dagegen wirken Leute wie Mies oder Gropius formalistisch und dogmatisch. Aber auch deshalb sind die ja so bekannt. Überhaupt wäre es mal Zeit, eine ganze Reihe extrem guter portugiesischer Architekten zu loben: Eduardo Souto de Moura, Fernando Távora oder die jüngeren Pedro Mendes und Aires Mateus. Alle haben sie gemeinsam den Ortsbezug, der einhergeht mit einer ganz spezifischen Materialität, aber dabei ohne jede Anbiederung. Meterhoher Sichtbeton passt ja bekanntlich überall hin, und deshalb wird er auch eingesetzt. Es ist immer eine kritische, reflexive und behutsame Sicht auf die Gegebenheiten, was in einem bestimmten Sinn immer ein radikales Ergebnis zeugt, Architektur wird immer von innen heraus entwickelt, die Form ist das Ergebnis eines dialektischen Prozesses des Annehmens und Zurückgebens. Kein Abkupfern und eine geradezu selbstverständlich daherkommende Liebe fürs Detail. Gerade Siza hat ja schon früh einiges von dem vorweggenommen, was man heute Dekonstruktivismus nennt. (Und zwar ohne das Marketinggebaren von Coop Himmelblau etc.) Es ist eine Architektur, die politisch überhaupt nicht zu missbrauchen ist, weil sie sich jeder über den Gebrauchsnutzen hinausgehenden Instrumentalisierung verweigert. Und wie angenehm, dass es Siza scheißegal ist, dass der Regen die bis runter glattgeputzten Fassaden verschmutzt.

Ich schweife ab.

Merke aber, dass man da wirklich mal was schreiben müsste. Siza und die anderen genannten wären ein praktikabler Ansatz für eine kritische Theorie der Architektur.

Unter der neoliberalen und im wesentlichen von deutschen Imperialisten forcierten EU-Politik leiden viele Portugiesen ganz besonders. Umso angenehmer, wenn jemand wie Siza da politisch Farbe bekennt. Das in seiner Architektur ausgedrückte ästhetische und soziale Schaffen passt da gut hin. Und den Frampton muss ich auch noch lesen.

Teehaus von Álvaro Siza, 1958:

(Foto: Wikipedia)

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5 Antworten zu Portugal: Breites Bündnis für Kommunisten

  1. InitiativGruppe schreibt:

    Durchdachter sozialer Wohnungsbau – das würde mich interessieren. Wie sieht der bei Siza aus?

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  2. genova68 schreibt:

    IG,
    schau mal hier:
    http://www.housingprototypes.org/project?File_No=POR001

    Kurz: Es gab in Portugal nach der Revolution 1974 ein breit angelegtes Sozialwohnungsbauprogramm, verbunden mit einer Stärkung des Kooperativengedankens. Damals entstand die politisch motivierte lokale Wohnhilfe namens SAAL, die enormes geleistet hat. In Anbretracht der äußerst geringen finanziellen Mittel, die zur Verfügung standen, sind da wahre Wunderwerke an sozialem Wohnungsbau entstanden, in einer Zeit, in der hier noch Massensiedlungen gebaut wurden. Vieles von dem steht mittlerweile unter Denkmalschutz. Die bekanntesten Viertel sind wohl Quinta de Malagueira in Évora im Süden und Sao Vitor in Porto.

    Allerdings wäre es interessant, Ergebnisse heutiger Befragungen der Bewohner zu lesen. Ob es da Untersuchungen gibt, weiß ich nicht. Ich glaube dennoch, dass, gerade in Sao Vitor, der Ortsbezug der Architektur nach wie vor für jeden, der dort vorbeikommt, spürbar ist und ein Gefühl der individuellen Erfahrung hinterlässt.

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  3. InitiativGruppe schreibt:

    Damit ich im wirklichen Leben Realist bleiben kann, träum ich gern mal, und einer meiner Träume geht so:

    Beim Wiederaufbau der deutschen Städte ab 1949 hätte man jedem neuen Haus und jeder neuen Siedlung ein eigenes, ein lebendiges und unverwechselbares Gesicht geben können, zugleich in jeder Straße bzw. bei jedem Siedlungskomplex die soziale Interaktion als eines der Ziele setzen können – damit die Leute dort auch wirklich ZUSAMMENleben: etwa durch kleine Plätze, durch allerlei gemeinsame Aufenthaltsmöglichkeiten, durch die richtige Balance von Wohnen und Arbeiten und Einkaufen und Freizeit und Verkehr … Man hätte sich überlegen können, wie die Umwelt für Kinder der verschiedenen Altersgruppen anregend gestaltet werden könnte – was für eine Infrastruktur man da braucht, aber auch was für einen „Normalraum“.

    Siza belebt den melancholischen Traum, den ich seit den 70er Jahren träume. Wo ich wohne, gibt es zum Beispiel die Daiserstraße – eine schöne, lebendige und folglich beliebte Straße aus der Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik, und nicht weit davon die Esswurmstraße – typisch Nachkriegszeit: alles nach innen gekehrt und tot. Die reine Wohnmaschine.

    Man vergleiche die Aufenthaltsqualität! Es sind zwei ganz verschiedene Welten. Warum hat man sich ab 1949 dafür entschieden, den Raum nach außen (Fassade, Straßenbezug, Außenbereiche des Hauses) steril zu gestalten?

    Es war wohl eine Gegenreaktion zum Kollektivismus und zu den Öffentlichkeits-Obsessionen des Nationalsozialismus. Der Mensch will jetzt mal ganz ganz privat sein dürfen. Architekturelles Pokerface nach außen – alles Wesentliche spielt sich innen ab, im vor der Öffentlichkeit geschützen privaten Raum.

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  4. genova68 schreibt:

    1949 war der Geist der Charta von Athen en vogue, Funktionenteilung also plus autogerechte Stadt, ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für deinen Traum ;-)

    Wobei das historisch ja alles zu erklären ist, die Funktionentrennung und der Autovorrang. Ich bin da immer ganz leidenschaftslos, es hatte damals alles seine Gründe. Die Frage ist, was man daraus lernt. Du hast beispielweise in vielen deutschen Kleinstädten das Phänomen, dass in den letzten zehn oder zwanzig Jahren vor der Stadt Gewerbegebiete angelegt wurden, in denen nun der große Supermarkt neben Aldi neben Lidl neben DM und neben der Waschstraße steht. Die Innenstadt verkümmert.

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  5. Pingback: Berliner Blogs im Wikio-Ranking November 2010 – By Stefan Stahlbaum

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