S oder Marx 21

[Ein wirrer Text. Ich bitte schon an dieser Stelle um Entschuldigung.]

Vor ein, zwei Jahren waren wir hier weiter. Im Schatten der Finanzkrise, wie man sagt, diskutierte man öffentlich und gesamtgesellschaftlich über den Kapitalismus, über Strukturen, sogar ein wenig systemisch. Marx spielte plötzlich wieder eine Rolle und beantwortete ein paar Fragen. Marx 21 sozusagen.

Die Zeiten sind vorbei. Zeitgleich zum Geplapper über den gigantischen wirtschaftlichen Aufschwung geht es jetzt wieder ganz gewohnt darum, dass irgendwelche Gruppen ganz unten dafür verantwortlich sind, dass irgendwas schiefläuft. Da übernimmt die CSU die erprobte Rolle einer Teilzeit-NPD. Und die, die gegen einen neuen Bahnhof anrennen, sind strukturkonservative Egoisten oder mutige Bürger, je nach Sichtweise. Das Systemische, die ökonomisch-sozialen Grundlagen sind wieder aus dem Blickfeld geraten. Ist ja auch zu kompliziert für Anne Will.

Dabei kann man diese Logik bei S21 so klar darlegen: Die Deutsche Bahn hat nicht das Ziel, Menschen oder Güter auf der Schiene von A nach B zu bewegen. Die Deutsche Bahn hat nur ein Ziel: Rendite erwirtschaften. Womit sie das am besten schafft, ist egal. Derzeit schafft sie es nicht so gut mit einem effizienteren Güterverkehr, mit einem verbesserten Regionalangebot, mit mehr Pünktlichkeit, weniger dämlichen Bordansagen oder günstigeren Preisen. Derzeit schafft sie es, indem sie einen unterirdischen Bahnhof baut, wo unter der Erde Milliarden Steuergelder verbuddelt werden und über der Erde ein Investor bereit ist, Unsummen für ein Filetgrundstück in der Stadt zu bezahlen, um dort ein Shoppingcenter, Büros und ähnlich dringend benötigte Stadtaccessoires zu bauen. Wichtig für den Profit der Bahn ist, dass möglichst viel Geld aus der öffentlichen Hand ins Unternehmen gepumpt wird. So wie bei S21. Und wenn diese nette Hand erwartungsgemäß sämtliche anfallenden Mehrkosten gegenüber der Projektion übernehmen wird. Dann ist es auch nicht schlimm, wenn aus vier Milliarden plötzlich zehn oder 15 werden. Papi zahlt´s ja. Dass der Bahn der Transport von Menschen und Gütern auf der Schiene egal ist, ist zwar merkwürdig, aber systemisch völlig in Ordnung. Denn sie wurde ja faktisch bereits privatisiert, das heißt, sie soll gar nichts anderes machen als Rendite. Womit, ist egal.

Die offensichtliche Korruption, die immer dann auftritt, wenn es um die Bahnprivatisierung geht, reicht weit: Die Verflechtungen zwischen Politik und S21-Wirtschaft wurden schon erwähnt. Die absonderlichen Vorgänge auf dem Hamburger SPD-Parteitag vor drei Jahren, als es um die Bahnprivatisierung ging, zeigen, wie sehr die kapitalistische Logik in gewachsene Strukturen eingreift und sie korrumpiert.

Zu diesem Filz aus Wirtschaft und Politik gehört auch der Polizeieinsatz vom 30. September, bei dem es immer mehr Hinweise darauf gibt, dass die brutale Polizeilinie von ganz oben angeordnet wurde, wie Monitor zeigt und die Stuttgarter Zeitung schreibt. Würde ich drastisch formulieren wollen: Das Kapital nimmt zur Durchsetzung seines Ziels S21 Tote in Kauf. Einen Blinden haben sie schon auf dem Konto.

Eine Kehrseite der Medaille der Profitmaximierung: Eine der wichtigsten europäischen Güterstrecken, Karlsruhe-Basel, befindet sich seit 1987 im Ausbau, mit der Fertigstellung kann man so gegen 2050 rechnen. Die Pyramiden von Gizeh wurden schneller errichtet.

Städtebaulich hat diese Privatisierung in Stuttgart einen originellen Effekt: Da die Bahn jetzt als privatwirtschaftliches Unternehmen möglichst effizient wirtschaften soll, MUSS sie das Filetgrundstück an den Höchstbietenden, also den Shoppingcentererbauer verkaufen. Täte sie das nicht, bekäme sie Stress, momentan wohl noch vom Bundesrechnungshof, im richtigen Leben später von den Aktionären. Sinnvoll wäre für Stuttgart natürlich anderes: Vielleicht bezahlbare Wohnungen, eine Müllverbrennungsanlage, generationenübergreifendes und ökologisches Wohnen, Platz für Kultur und kapitalismuskritische Aufklärung, mehr Grün, mehr Puffs, was auch immer, darüber könnten sie diskutieren, die Stuttgarter, das liegt ihnen ja offensichtlich. Müssen sie aber nicht, da eh nur das realisiert werden kann, was am meisten Geld bringt. Ganz kapitaldemokratisch. Dieser Hinweis nur, weil jetzt gerne von den „städtebaulichen Chancen“ geredet wird, die S21 biete. Früher wurde die Bahn als Teil des Staates betrachtet, die dem Gemeinwohl förderlich zu sein habe. Vorbei, wie man an S21 sehen kann. Eine nette Dialektik: Die Privatisierung der Bahn hat nicht nur Auswirkungen aufs Zugfahren, sondern, viel krasser, auf bauliche und soziale Belange in Städten, die in ihren Dimensionen kaum diskutiert werden. Alte Gleisanlagen gibt es überall.

Kurzum: Sinnvoller als das Lamentieren über S21 wäre ein Hinweis auf die Bahnprivatisierung und darauf, dass diese Privatisierungslogik nach und nach die ganze Gesellschaft aushebelt.

Und am Horizont irrlichtert ein Adeliger mit zehn Vornamen, der Kanzler werden soll, falls die Zeiten noch ein bisschen unübersichtlicher werden. Zumindest, wenn es nach dem Willen des Spiegel und anderer Vertreter der vierten Macht geht. Die wichtigsten Argumente: Er hat ein großes Schloss, seine Frau hat große Möpse und ist gegen Kindesmisshandlung. Wer kann da schon nein sagen? Eine deutsche Lösung.

Dieser Beitrag wurde unter Aufmerksamkeitsökonomie, Deutschland, Neoliberalismus, Politik abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

17 Antworten zu S oder Marx 21

  1. Jörg Kremer schreibt:

    „Die wichtigsten Argumente: Er hat ein großes Schloss, seine Frau hat große Möpse und ist gegen Kindesmisshandlung. Wer kann da schon nein sagen? Eine deutsche Lösung.“

    Eigentlich lese ich die Texte hier gerne. Weil hier wenig solcher Sätze und entsprechender Reaktionen darauf zu finden sind.

    Wer anderen beim Thema Integration vorwirft, sie reflektierten nicht genug und urteilten vorschnell, sollte eben dies nicht selbst auf so schlechtem Niveau vorleben.

    Und dies einfach mal nur so zum Nachdenken: Warum müssen Politiker immer Lehrer und Anwälte sein? Was soll daran grundsätzlich besser sein? Darüber ließen sich auch endlose Tiraden schreiben. Warum müssen deutsche Politiker auf internationalem Parkett immer so aussehen, als gäbe es in Deutschland keinen Stil? Warum ist ein stilsicheres Auftreten per se verwerflich? Ist stilloses Auftreten das Markenzeichen politischer Gutmenschen? Oder könnte es sein, das sich das politische Volk in seinem eigenen Kleiderschrank und seiner Stillosigkeit zu sehr ertappt fühlt, wenn da plötzlich jemand ist, der sich neben dem Was auch dem Wie widmet.

    Die körperlichen Nachteile hunderter Politikergattinen waren noch nie Thema in der politischen Diskussion. Und man hätte viel Schlimmes berichten können. Körperlich und stilistisch. Jetzt tauchen mal zwei Frauen auf dem Parkett auf, über die man Schönes schreiben könnte. Man könnte respektvoll schwärmen. Aber sofort rutscht der Ton auf ein Niveau, das man als Stimmtischniveau bezeichnen möchte – gegen Ende des Stammtischabends.

    Und genau an dieser Stelle, wo so platt gedacht und geschrieben wird, hier, wird sonst um Offenheit und Bereitschaft gebeten, wenn es um die Betrachtung und Bewertung anderer Kulturen geht.

    Der eine oder andere sollte erst mal bei der eigenen Kultur über, um sich dann fremden zu widmen.

    Das war wahrlich ein wirrer Text. Wirrer, als er eigentlich schon selbst als wirr erkannt worden ist.

    Liken

  2. Tom schreibt:

    Betriebswirtschaftlich gesehen dürfte der neue Bahnhof (und andere derartige Projekte) ein dickes Plus auf der Aktivseite der Firmenbilanz zaubern, finanziert vom Steuerzahler. Ein Schritt weiter auf dem Weg zum Börsengang.

    Dieses Ziel definiert das wirtschaftliche Handeln des Konzerns: Bilanz aufhübschen um jeden Preis. Nicht vergessen: Die Bahn wurde zur Kontrolle ihrer Fahrwerke vom Dingenskirchenamt gezwungen. Bis dahin bestand Gefahr für Leib und Leben der Passagiere, da die Überprüfungsintervalle zu lang waren!

    Liken

  3. Tony schreibt:

    „Warum müssen deutsche Politiker auf internationalem Parkett immer so aussehen, als gäbe es in Deutschland keinen Stil?“

    Warum will man einen Kapital-Vertreter, nein, einen Kapitalisten ins Bundeskanzleramt schicken? Und sich das auch noch schön reden? Also für mich hätte das noch mehr Nachteile als jetzt schon die Merkel, für Dich sicher auch. Oder lebst Du von Deinen Kapitalerträgen?

    Liken

  4. Jörg Kremer schreibt:

    Mein Leben hat noch kein Bundeskanzler beeinflussen können. Ich habe mich nie auf den Staat verlassen, sondern immer sehr selbstverantwortlich gehandelt.

    Um es zu beantworten: Ich lebe nicht von Kapitalerträgen.

    Ich kenne Kapitalvertreter, die mit Kapital sehr verantwortlich umgehen können. Weil sie diesen Job beherrschen. Viele haben es sich erarbeitet, vom Kapital leben zu können. Diesen Menschen spreche ich mehr Kompetenz zu als so manchem Lehrer in der Polititk.

    Dieses holzschnittartige Reagieren ist das, was am Ende niemandem hilft. Besonders nicht der Sache…

    Liken

  5. frank peso schreibt:

    ein titel, der gefällt. antizipatorisch und witzig.

    Liken

  6. Pingback: Tweets that mention S oder Marx21 | Exportabel -- Topsy.com

  7. mondoprinte schreibt:

    So schlümm war’s jetzt auch nicht, lieber genova68 ;-)

    Liken

  8. Nihilist schreibt:

    @ Jörg Kremer

    Sie kennen also Kapitalvertreter. Nun, woher stammt das Kapital?

    Ist der wie im Lied (Degenhart) jeden Morgen 10 Kilometer zum Milchholen gelaufen und hat so das Fahrgeld gespart und so seine erste Million gemacht?

    Ist Ihnen nicht diese Ausage bekannt:

    Brecht – Reicher Mann und armer Mann ,standen da und sahn sich an.
    Und der Arme sagte bleich: Wär ich nicht arm, wärst Du nicht reich.

    Und Artikel 14 (2) Grundgesetz steht auch nur auf dem Papier. Privatvermögen anhäufen ist eben nicht im Interesse der Allgemenheit. Privatisierung ebenfalls nicht. Da stimmt wieder die alte These – Stamokap.

    Aber wer will schon Gerechtigkeit, doch nur die Schwachen und Wehrlosen.

    Da stimmt dann auch wieder:

    Marie von Ebner-Eschenbach – Das Recht des Stärkeren ist das stärkste Unrecht.

    Aber der Spruch Unrecht gut gedeihet nicht ist nur eine Verharmlosung von Unrecht, wenn sich die Schwachen einmal etwas Unrechtes leisten. Korupption und Vetternwirtschaft, Unrecht eben, dagegen in den oberen Kreisen sehr gut.

    Sie sollten mehr lesen, gute Sachen, wie Henry David Thoreau (Über die PFLICHT zum Ungehorsam gegen den Staat) oder auch August Strindberg (Lesebuch für die niederen Stände).

    Liken

  9. rauskucker schreibt:

    Nö, überhaupt nicht wirr. Im Gegenteil, klug und verständlich argumentiert. Das mit den Möpsen ist auch OK, hätte man aber weglassen können, weil es Leute gibt, die den Zusammenhang (Bildzeitung) nicht kennen.

    Korruption und Kapitalismus sind so sehr unsere Hauptprobleme, daß ich sie manchmal schon für zwei unterschiedliche Sichtwinkel der gleichen Erscheinung halte.

    Liken

  10. genova68 schreibt:

    rauskucker,
    danke für die Möpse-Verteidigung. Ich hätte vermutet, dass die Müllverbrennungsanlage mehr Unmut erregt.

    Jörg Kremer,
    stilsicheres Auftreten ist eine schöne Sache. Aber kein hinreichender Legitimationsgrund für die Forderung, jemand solle Bundeskanzler werden. Deshalb werden ja als Verstärkung der Guttenbergfans die sekundären Geschlechtsmerkmale seiner Frau mitangeführt. Doch selbst dann reicht es noch nicht ganz.

    Liken

  11. genova68 schreibt:

    Frank Peso,

    die Überschrift finde ich auch gut, allerdings hätte es „S oder M 21“ besser auf den Punkt gebracht, merke ich gerade.

    Liken

  12. InitiativGruppe schreibt:

    Das Wesentliche in Genovas Text ist nicht, was da über Herrn und Frau Guttenberg gesagt wird, sondern die Systemlogik, wie sie sich im Fall von S 21 und dem Verhalten der praktisch privatisierten Bahn zeigt; der Verlust, den die öffentliche Hand (und damit wir, der Wähler und Steuerzahler) durch die Privatisierung erleidet.

    Insofern habe ich Jörg Kremers Kritik daneben gefunden, obwohl ich auch dazu neige, flapsige ad-hominems mit Misstrauen zu betrachten. (Was nicht heißen soll, dass ich in dieser Hinsicht ganz unschuldig wäre.)

    Die systemische Betrachtungsweise ist den meisten, die heute über S 21 und ähnliches sprechen, so fremd wie die chinesische Sprache – umso wichtiger ist es für mich (und sicher für einige mehr), dass diese „Fremdsprache“ durch regelmäßigen Gebrauch wenigstens uns noch geläufig bleibt. Was man von den Gegnern von S 21 hört und liest, ist in erheblichem Maße moralistisch und und un- bzw. antipolitisch durchtränkt und verfehlt dadurch den Kern des Problems.

    Liken

  13. Jörg Kremer schreibt:

    Ich bitte zu respektieren, dass ich mich aus der S21-Diskussion absichtlicht raushalte und „mein Thema“ nicht in den Kontext S21 gestellt habe, sondern ganz stand alone behandelt habe. Es kann deshalb gar nicht „daneben“ sein.

    Liken

  14. hf99 schreibt:

    „und ist gegen Kindesmisshandlung“

    Irrtum vom Amte, Genova: Guttenbergs sind Mitglied /Sympathisanten der Partei, die 2000 g e g e n das Verbot der Prügelstrafe stimmte.

    Liken

  15. genova68 schreibt:

    echt? ich bezog mich auf die rtl2-show.

    Jörg Kremer,
    ohne Kontext muss es ja zu deinen Vorwürfen kommen. Ohne Kontext sind die Möpse ja nur falsch zu verstehen.

    Liken

  16. hf99 schreibt:

    das ist Kindesmissbrauch (unglücklicher Begriff). Kindesmisshandlung ist körperliche Gewalt gegen Kinder.

    Liken

  17. frank peso schreibt:

    die richtige numerologische antwort heißt: http://www.kopfbahnhof-21.de/

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.