Eon: „Nicht immer rentabel genug“

Falls jemand gerade nicht weiß, wozu neoliberale Politik gut ist: Einer zumindest weiß es. Die Süddeutsche von heute (Printausgabe, S. 25) schreibt anlässlich eines Interviews mit dem Eon-Vorstandsvorsitzenden Johannes Teyssen, dass die drei größten Energiekonzerne Deutschlands (wohl Eon, RWE und EnBW, wo bleibt Vattenfall?) zwischen 2002 und 2009 „mehr als 100 Milliarden Euro Gewinn“ gemacht haben. Gewinn, nicht Umsatz.

Darauf Herr Teyssen:

„…unsere 40.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tun auch viel für Deutschland und sind darauf zurecht stolz … Wir sind dabei aber, auch im Vergleich zu anderen Unternehmen, nicht immer rentabel genug. Und das müssen wir ändern.“

SZ: Der Gewinn soll weiter wachsen?

„Unsere Aktionäre, das sind auch viele Bürger wie Sie und ich, die ihre Ersparnisse angelegt haben, erwarten eine ordentliche Rendite, sonst entziehen sie uns das Kapital.“

Mich als Bürger wie Herr Teyssen und der andere freut das natürlich.

Die Hypo Real Estate hat in etwa genauso viel vom Staat, also von der Öffentlichkeit erhalten, allerdings pr-taktisch dilettantischer, es gab bekanntlich viel  Murren. Die Energiekonzerne stellen das geschickter an. Sie entziehen der Öffentlichkeit mal flott 100 Milliarden (das sind 34,25 Millionen Euro pro Tag) und kündigen an, das Tempo zu forcieren. Schön auch der Hinweis auf den Patriotismus der „Mitarbeiter“. Auch die so weltoffene neoliberale Politik kann mit nationalen Gefühlen etwas anfangen. Klar, wenn man so tolles für Deutschland leistet.

Als die Linkspartei dieses Jahr in NRW die Vergesellschaftung von Eon und RWE gefordert hat, wurde ihr Linksradikalismus vorgeworfen.

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7 Antworten zu Eon: „Nicht immer rentabel genug“

  1. InitiativGruppe schreibt:

    Diese 100 Milliarden haben wir Stromkunden gezahlt. Nicht nur in unserer häuslichen Stromrechnung stecken sie drin, auch in den Preisen von Waren und Dienstleistungen.

    Wir Bürger und Kunden sind halt unglaublich großzügig. Wir lassen uns ausnehmen, und die Energiekonzerne und ihre Aktionäre sagen nicht einmal dankeschön. Die Abzocke wird als großartige Leistung verkauft. Wie ein Taschendieb, der einen gewaltigen Beutezug hinter sich hat und triumphiert, keines seiner Opfer habe etwas gemerkt. Die glauben alle, sie hätten ihre Wertsachen einfach so verloren.

    Wenn wir schon so großzügig sind, als Kunden den jetzigen Preis zu zahlen – warum sollten die Energieunternehmen ihn nicht in den nächsten 7 oder 8 Jahren nochmal so erhöhen, dass ihr Gewinn aufs Doppelte steigt?

    Kokett, wie Teyssen darauf hinweist, mit den 100 Mrd sei man noch nicht rentabel genug.

    (Ich wähle grün, aber in dieser Sache wär’s mir recht, die Linke 51% würde der Wählerstimmen kriegen.)

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  2. genova68 schreibt:

    Ja, diese Koketterie ist nett, so authentisch. Das ist ja immer wieder reizvoll, wie weit sich diese Leute aus dem Fenster lehnen, ohne zu merken, wie das anderswo ankommt. Das ist bei Mappus ähnlich, aber der scheint gerade zu lernen. Vielleicht hätte ich noch schreiben sollen, dass es ja gar nicht um niedrigere Strompreise gehen muss. Steuern sollen ja steuern, also auch den Stromverbrauch. Aber vor 1995 wären diese 100 Milliarden im Bundeshaushalt gelandet, zum potenziellen Wohle aller. Wie sehr der Mainstream der öffentlichen Meinung diesen Wahnsinn verteidigt, ist schon verrückt. Zumal die Marktmacht der vier Energiekonzerne eine vernünftige Weiterentwicklung der reg. Energien verhindert. Typisch aber auch für die SZ-Wirtschaftsredakton, dass die nicht konträr fragen.

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  3. hanneswurst schreibt:

    Ich halte eine (Wieder-)(Teil-)Verstaatlichung für diskussionswürdig, finde jedoch in diesem Artikel keinen konkreten, stichhaltigen Vorwurf an die Energieversorger. Ähnliche Renditen bei einer ähnlichen Anzahl von Mitarbeitern wie E.ON fährt die Deutsche Bank auch ein (wenn nicht gerade Bankenkrise ist, aber die nächste Energieüberversorgung kommt auch). Bleibt die Frage, wer etwas gegen eine florierende, börsennotierte AG hat. Darüber, dass Apple inzwischen mehr an der Börse wiegt als Microsoft, hat sich ja auch keiner aufgeregt (und, monoman, saugen diese blöden Apps uns das Portemonnaie leer – bzw. mir nicht, denn ich habe ein HTC Mozart vorbestellt).

    E.ON gibt sich vielleicht ökologischer als sie tatsächlich operieren, aber immerhin verdienen sie ihr Geld nicht mit maroden Bohrtürmen – wie BP, und sind an Desertec beteiligt, eine der meiner Meinung nach ökologisch sinnvollsten und vielversprechendsten Initiativen die momentan ergriffen werden. Sie verdienen ihr Geld auch nicht zu einem großen Teil mit Rüstungsgütern – wie EADS – oder versuchen uns unbemerkt gentechnisch veränderte Produkte unterzuschieben – wie Nestle.

    Ethische Vermögensberatung ist eine Pseudowissenschaft. Es unmöglich, ein stets ethisch operierendes Unternehmen zu finden. Google ist ja sogar mit dem bekloppten Motto „Do no evil“ gestartet. Vielleicht meinten Brin & Page das sogar ernst, aber wer die heutigen Diskussionen um Datenschutz und Privatheit verfolgt, möchte kaum daran glauben.

    Ich möchte damit sagen: Ein Unternehmen ist meiner Meinung nach nicht per se gut oder schlecht, sondern das Unternehmen trifft gute oder schlechte Entscheidungen. Diese Entscheidungen zu bewerten ist berechtigt und sinnvoll. Eine hohe Rendite oder die Tatsache, dass diese Unternehmen in einem früher oft staatlichen Sektor operieren (aus dem sie meist teuer herausgekauft wurden, siehe Telekom) ist allein noch kein stichhaltiges Argument für oder gegen das Handeln der Unternehmung.

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  4. chriwi schreibt:

    „Unsere Aktionäre, das sind auch viele Bürger wie Sie und ich, die ihre Ersparnisse angelegt haben, erwarten eine ordentliche Rendite, sonst entziehen sie uns das Kapital.“

    Das ist totaler Blödsinn. Die Aktien sind bereits verkauft. Die Preise der Aktien kann den Unternehmen erst einmal egal sein. Sie werden in meinen Augen erst wieder interessant, wenn neue Aktien ausgegeben werden sollen. Da kann also überhaupt kein Kapital entzogen werden. Des Weiteren ist es sogar gut wenn die Preise sinken. Eon kann dann Aktien zurückkaufen. Das ist im Interesse der Aktionäre die geblieben sind, da sie dann mehr Rendite bekommen. Die Begründung des Eon Chefs sind also in meinen Augen falsch.

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  5. genova68 schreibt:

    chriwi,

    stimmt, die Bedeutung des Aktienkurses auf das Wohlergehen des Unternehmens wird überschätzt. Wäre dem nicht so, müssten Kursschwankungen von 90 Prozent, wie sie auf Zehnjahresbasis selbst im Dax vorkommen, unweigerlich zum Konkurs des Unternehmens führen. Tut es aber nicht. Es geht wohl mehr um die Kreditwürdigkeit und um die im Unternehmensbesitz verbliebenen Aktien. Je höher deren Wert, desto besser macht sich das in den Bilanzen.

    HannesWurst,
    ich habe überhaupt nichts gegen eine florierende börsennotierte AG, aber diese Perspektive geht am Problem vorbei. Die E-Unternehmen operieren nicht im Markt, sondern das ist eine ökonomische Oligarchie, eine faktische Monopolherrschaft. Mit dieser Logik kannst du morgen auch eine ökonomische Oligarchisierung des Bäckereiwesens installieren, den Brötchenpreis auf zwei Euro anheben und nach zehn Jahren behaupten, die neuen Bäckereien hätten erfolgreich gewirtschaftet.

    Apple funktioniert über das Branding, ähnlich wie Nike etc. Dass da auch vieles im Argen liegt, stimmt, wenn man sich die Löhne der Leute anschaut, die den Krempel herstellen.

    Du missachtest schlicht, dass das Kapital immer dann am meisten Mehrwert für sich verbuchen kann (in deinen Worten „florierend“ arbeitet), wenn möglichst kein „freier Markt“ vorhanden ist. Genau das aber ist die Monstranz, derer das Kapital bedarf. Die einzige Leistung der E-Unternehmen besteht in der, sagen wir, erfolgreichen Kooperation mit der staatlichen Bürokratie. Und mittlerweile sind die so mächtig, dass man dagegen praktisch nichts mehr unternehmen kann.
    Eine sinnvolle Entwicklung ökologischer Energieerzeugung wird von denen auch sabotiert, denn die bedingte Kleinteiligkeit. Das wäre ihr Tod.

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  6. hanneswurst schreibt:

    @chiwi: Ein fallender Aktienkurs hat zumindest zwei potentiell unangenehme Folgen für den Vorstand: ausbleibende bzw. niedrigere Boni und zunehmender Druck der Aktionäre, in der Konsequenz Verweigerung der Entlastung, Entmachtung, Entlassung, Spott des niederen Volkes.

    @genova: Da ist natürlich was dran, irgendwie, Du. Allerdings weiß ich nicht genau, woran Du die Monopolisierung / Kartellbildung festmachst. Natürlich ist der Marktzugang für Dich oder mich schwierig, aber jedes Industrieunternehmen kann problemlos im Energiemarkt mitmischen. Die Rohstoffe werden börsengehandelt (z.B. New York Mercantile Exchange, European Energy Exchange im schönen Leipzig) und die Leitungen müssen von den Besitzern zu marktgerechten Preisen überlassen werden (Bundesnetzagentur). Insofern ist der stark regulierte Energiemarkt in Deutschland ein schlechteres Beispiel für Ethikmangel im Unternehmen als zum Beispiel die Kredit- und Versicherungswirtschaft. Dort wird verarscht bis der Arzt kommt, aber das müsste ich auch stichhaltig begründen, wozu ich keine Lust habe. Die traurigen Schicksale von Alfred und Detlev sind mir Warnung genug.

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  7. genova68 schreibt:

    Was heißt „mitmischen“? Das sind dermaßen hohe Investitionen, da ist nix mit schnell mitmischen, es geht hier nicht um ein Büdchen am Eck. Das mit den marktgerechten Preisen ist ein Scherz, das funktioniert in der Praxis nicht. Das ist so wie die Landesmedienanstalt Bayern, die für 9Live zuständig ist. Es herrscht da eine Verflochtenheit, auch aus wirtschaftlichen Gründen, dass eine Kontrolle effektiv nicht existiert. Die Leipziger Strombörse hat nur noch wenig mit dem Strompreis zu tun, das ist derzeit ja großes Thema: Der Börsenpreis sinkt, der Strompreis steigt.

    Die vier großen E-Konzerne haben einen Marktanteil von 90 Prozent, inklusive ihrer Töchter wie yellow und E etc. Die Netze verkaufen sie teilweise, aber erst jetzt, nachdem sie sie jahrelang haben verrotten lassen.

    Außerdem ging es mir nicht um Ethikmangel, sondern um Systemlogik. Ich halte es nicht für unethisch, dass die vier E-Unternehmen 100 Milliarden verdient haben, sondern für volkswirtschaftlich negativ.

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