Sechs oder sieben Dinge, die ich von Bukarest weiß

Was mir innerhalb der ersten Stunden nach meiner Ankunft aufgefallen ist:

1. Jeder Bukarester hat seine eigene Stromleitung, die er munter und kreuz und quer oberirdisch durch die Stadt verlegt. Bei zwei Millionen Einwohnern ist das Ergebnis eine stadtweite gigantische Outdoor-Installation schwarzer, sich von Mast zu Mast hangelnder und kräuselnder Kabel, die manchmal sogar den Himmel verfinstern.

2. Bukarester lieben frische Schnittblumen. An jeder Straßenecke ein Blumenstand. Die Blumenverkäuferinnen telefonieren und rauchen. Meist gleichzeitig.

3. Jeder Bukarester hat zwei Autos. Das eine parkt er auf einem Bürgersteig, mit dem anderen fährt er zielgenau in den nächsten Stau.

4.  Wenn es in der Vielvölkerstadt Bukarest einen bestimmten Frauentyp gibt, dann ist er schlank mit fein gezeichneten, knochigen Gesichtern, großen, tiefen Augen und schmalen Händen.

[bitte selbst imaginieren, das Fotografieren dieses Sujets habe ich mich nicht getraut]

5. Bukarester Straßenhunde sind sympathisch, weil sie so sind, wie große Hunde sein sollten: ängstlich und devot. Und für eine Scheibe Salami sind sie den ganzen Tag dein treuer Partner.

6. Manche Buslinien fahren zur Endhaltestelle und dann direkt ohne Halt wieder zurück. Der ahnungslose Tourist finde sich somit nach einer Weile am Ausgangspunkt wieder und macht sich Gedanken über Raum-Zeit-Fragen. Ein respekteinflößender erster Eindruck.

Überhaupt ist Bukarest eine ungemein interessante Stadt, überall ist Geschichte, und zwar authentisch. Ein architektonisches Durcheinander aus Gründerzeit-Historismus, unglaublich viel moderner Architektur der 1920er, 30er und 40er Jahre, die an Lissabon erinnert und wohl auf das gemeinsame Vorbild Paris zurückzuführen ist. Dann Plattenbauten, die ihren Monotypus erfolgreich verbergen. Sie sind abwechslungsreich, weil mit Erkern und Balkonen ausgestattet, auch verglast und verschieden groß. Kein Vergleich zu WBS 70. Leider vieles in baufälligem Zustand, manches sicher nicht mehr zu retten. Zwischendrin immer wieder alte, wohl typische zweistöckige Bukarester Wohnhäuser mit kleinen Gärten. Und schließlich die natürlich sehenswerte Gigantomanie Ceausescus. Der ließ ganze Stadtviertel abreißen und schaffte es bis zu seiner, äh, Absetzung 1989 nicht, alles wieder zuzubauen. Ergebnis: Riesige leere Flächen, nur von Unkraut überwuchert und von Hunden bewohnt. Dennoch ist die Stadt an dem meisten Stellen dicht bebaut, ein Straßen- und Häusergewirr, keine einheitlichen Fassaden und schon gar keine einheitliche Traufhöhe, wenige gerade verlaufenden Straßen. Haussmann und Hobrecht würden speien. Eine Stadtplanung schien und scheint nicht zu existieren, wer Geld hat, baut. Das führt zumindest zu heftigen Kontrasten, sowohl im Zentrum als auch in reinen Wohngebieten. Große Boulevards gibt es kaum, große Plätze auch nicht (immer abgesehen von der Ceausescu-Phase), aber man vermisst die nicht, zumal sich städtisches Leben anderswo inszeniert.

Die Stadt ist voller Menschen und Autos und großen Hunden, was sofort eine Urbanität suggeriert, die auch wirklich vorhanden ist. Immerhin bin ich in den vier Tagen meines Aufenthalts zufällig in das Internationale Rumänische Filmfestival, das Animationsfilmfestival und die Bukarester Kunstbiennale gestolpert. Das ist zwar alles eine Nummer kleiner und vor allem weniger schick als hier, aber wer die Berlinale in den letzten Jahren mitbekommen hat, kann sich darüber sehr wohl freuen. Nicht zufällig bin ich in den Bukarester Teil von Knotland gestolpert, von dem ich leider nur die Eröffnung mitbekommen habe.

Die Bukarester haben es in der Regel eilig, alle müssen irgendwohin und etwas tun, Schnittblumen kaufen, zum Beispiel. Flanieren ist Luxus. Das unterstreicht den Eindruck, dass Bukarest auch eine harte Stadt ist. Zum einen viele arme Menschen, obdachlose Mütter mit knochigen Gesichtern und schmalen Händen halten am Straßenrand ihre Säuglinge auf dem Schoß, daneben protzige Neureiche, dumpf aus ihren SUVs schauende Männer, mal smart, mal dick, immer mindestens ein Handy am Ohr, die sich, laut der Aussage eines Rumänen, mit ihrem Geld „jedes Gesetz kaufen können.“ Es wird gerne gerast, vor allem nachts, weil sich der Dauerstau dann aufgelöst hat. Fußgängern wird das Überqueren der Straße oft nur ungeduldig erlaubt. Die Stadtverwaltung versucht, die Straßen vom Autoverkehr zu entlasten, indem sie aufgeständerte zusätzliche Straßen durch die City legt. Das ist natürlich eine Deppentaktik, aber da das Auto von weiten Teilen der Bevölkerung offenbar als das Messinstrument des Status angesehen wird, folgerichtig.

Das Kapital darf sich hier viel erlauben, wenn es überhaupt  nach Bukarest kommt. Unzählige Wohngebäude sind großflächig mit Werbeplakaten internationaler Konzerne verhängt. Was die Bewohner davon halten, weiß ich nicht.

Touristen trifft man nur in kleiner Zahl und eigentlich nur im Leipziger Viertel, das so eine Art touristengerechte Altstadt werden soll. Bislang ist allerdings nur ein kleiner Teil fertiggestellt, mit teuren Shops und Systemgastronomie. Im größeren Rest des Viertels sind die Straßen aufgerissen, und das seit Jahren. Man behilft sich mit verrottenden Holzstegen unter den zwei Millionen Stromkabeln. Irgendwas in der Planung ist wohl schiefgelaufen. Man sagt, die Kooperation zwischen den Behörden sei ungenügend, was die Nachwirkungen der seinerzeitigen Führerqualitäten Ceausescus unterstreicht, der hatte es mit Kooperation ja auch nicht so. Was ich aber in diesem Detail ganz sympathisch finde. Systemgastronomie gibt es ja genug. Systemstädte, in denen man vor lauter Glitzer-Glitzer nicht mehr über Raum-Zeit-Fragen nachdenkt, auch.

(Fotos: genova 2010)

Dieser Beitrag wurde unter Alltagskultur, Architektur, Städte abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Sechs oder sieben Dinge, die ich von Bukarest weiß

  1. InitiativGruppe schreibt:

    Würdest du sagen: Bukarest ist SCHÖN?
    Wie ist das mit den Roma: Sind sie gerade dabei, Rumänien zu erobern, so wie bei uns die Muslime dabei sind, Deutschland zu erobern?
    Hast du mal einen Radlfahrer in Bukarest gesehen?

    Liken

  2. bersarin schreibt:

    Soso, der Herr Herausgeber von Exportabel kann sich also eine Reise nach Runänien leisten; für ein raddatzmäßiges Feuilleton, das ich hier zauberte, gibt es jedoch nur den Aufstockerlohn. Aber so ist das wohl im Leben. Dann bleibe ich halt doch bei Aisthesis.

    Einen guten Aufenthalt in Bukarest und viele gelungene Photographien wünsche ich Dir. (Bring mir bitte die beiden Hunde mit.)

    Liken

  3. genova68 schreibt:

    IG,
    Schön, was ist schon schön. So schön wie München ist Bukarest nicht, es fehlt das einheitliche Stadtbild. Aber ich wage die Behauptung, dass Bukarest wesentlich spannender ist. Viele schöne einzelne Häuser, aber keine Ensembles. Ich bringe noch ein paar Fotos.

    Die Roma erobern Rumänien, integrieren sich nicht, nutzen den rumänischen Sozialstaat aus und lernen kein deutsch. GottseiDank hat kürzlich der der rumänische Autor und Dracula-Enkel Thilonescu Sarrazinescu ein Buch zum Thema geschrieben. Die Roma werden nun nach Indien abgeschoben, wo sie hingehören.

    Radlfahrer in Bukarest brauchen Mut, es gibt nur wenige. Auch dazu demnächst ein paar lustige Fotos.

    Bersarin,
    mach dir nichts draus, das ist hier wie im richtigen Leben. Der große Hund wäre ohne zu Zögern mitgekommen. Danke für die Wünsche, aber mein Aufenthalt in Bukarest ist seit zwei Wochen vorbei. Aber stimmt, durch den Einleitungssatz könnte man meinen, ich sei erst vor ein paar Stunden dort angekommen.

    Liken

  4. chriwi schreibt:

    Mich erinnern deine Bilder an Indien. Die Stromkabel sehen genauso aus, aber die Kühe fehlen ;).

    Liken

  5. genova68 schreibt:

    Die Kühe werden in Bukarest von den Hunden gespielt. Insofern ist Bukarest das Neu-Dehli Europas.

    Es geht doch nichts über passende Vergleiche.

    Liken

  6. stefanjurca schreibt:

    Ich weißen ja noch mehr Sachen über Bukarest, zum Beispiel, dass es keine Straßenhunde mehr gibt und das Stromleitungsknoten verboten wurden.

    Liken

  7. genova68 schreibt:

    Fragt sich nur, wie ein „Stromleitungsknoten“ definiert ist.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.