Ein paar Ergänzungen zu Stuttgart 21

In der Debatte um das Projekt Stuttgart 21 kommen täglich neue Details ans Licht, die lohnen, zusammengefasst zu werden. Für das Kapital scheint in der Tat einiges auf dem Spiel zu stehen.

1. Nachdem in den 1994 von 2,5 Milliarden Euro Gesamtkosten für S21 die Rede war, spricht das Verkehrsberaterunternehmen Vieregg und Rößler (das seinerzeit die Transrapidkosten-Berechnungen als zu niedrig entlarvt hat) nun von 18,7 Milliarden Euro.

2. Dasselbe Büro sagt zu der Neubautrasse von Stuttgart nach Ulm, es müsse durch „porösen, feuchten Karst“ gebaut werden: „Das geht an die Grenze des technisch Machbaren.“

3. Das bislang durch Gleise belegte Areal direkt neben dem Stuttgarter Hauptbahnhof will ein Konsortium aus dem „Projektentwickler“ (wie das heißt) ECE, der Strabag und anderen mit Hotels, Büros, Shopping-Center und ein paar Wohnungen bebauen. Volumen: 500 Millionen Euro. „Ein Baustopp oder gar ein komplettes Aus für S-21 wäre verheerend – für die Stadt, aber erst recht für die ECE.“

4. ECE hat eine Stiftung namens „Lebendige Stadt“ gegründet (das ist so, als wenn Greenpeace eine Stiftung für mehr Atomkraftwerke gründete), in deren Vorstand Friederike Beyer sitzt, das ist die Lebensgefährtin von Ex-Ministerpräsident Günther Öttinger. Dem Stiftungsrat gehören die baden-württembergische Umweltministerin Tanja Gönner an (die sich vehement für das Projekt einsetzt) sowie der Architekt von S21, Christoph Ingenhoven.

5. Die Herrenknecht AG aus B-W baut Tunnelbohrmaschinen und soll nach dem Willen von Öttinger und dem aktuellen Landeswirtschaftsminister (FDP) auch die Strecke nach Ulm bohren. Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens mit dem sinnigen Namen ist Lothar Späth. Firmenchef Martin Herrenknecht spendete der CDU im vergangenen Jahr 70.000 Euro.

6. Rudolf Häussler bietet mit seinem Unternehmen komplette Bürogebäude an und ist in dieser Eigenschaft „Projektpartner“ von S21. Häussler ist auch ehemaliger Arbeitgeber von Bahnchef Grube und Duzfreund von Öttinger.

7. Der Spiegel berichtet aus einem internen Papier der Bahn AG, wonach die Landesregierung von B-W die finanzielle Grenze für eine politische Durchsetzbarkeit von S21 bei 4,5 Milliarden Euro sieht. Das war die Vorgabe für alle Finanzplanungen der Bahn. Die Kosten seien heruntergerechnet worden durch „Optimierung der Bauwerke“ und durch geologische Annahmen, die die Stahlmenge in Tunneln erheblich reduziert.

8. Bahnchef Grube will S21 mit allen Mitteln durchsetzen. Er hat Grund dazu: Die freiwerdenden Gleisflächen hat ihm die Stadt Stuttgart schon abgekauft zu einem Preis, der 2009 weit über ein Drittel des Konzerngewinns ausmachte. Platzt S21, muss Grube zurückzahlen.

9. Stuttgarts Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU) ist vehementer S21-Befürworter und sitzt im Beirat der Baufirma Wolff & Müller. Die ist mit dem Teilabrisss des aktuellen Bahnhofs beauftragt.

Angela Merkel mischt sich derzeit auffällig oft in die Diskussion um S21 ein und behauptet, daran mache sich die „Zukunftsfähigkeit Deutschlands“ fest. Und sie benutzt ein Argument, das in der Tat zitierenswert ist:

„Wenn man nur an sich denkt und nicht an kommende Generationen, ist das ein Problem für unser Land.“

Volle Zustimmung.

Das sind nur ein paar Punkte, die ich auf die Schnelle und nicht geordnet zusammengefasst habe.

Bemerkenswert ist, neben dem offensichtlichen Korruptionssumpf, wie die Befürworter von S21 vorgehen: Nachdem der Versuch, den Widerstand zu kriminalisieren, gescheitert ist, versucht man es jetzt mit dem Vorwurf des Egoismus und der Ewiggestrigkeit und einem „Richtungsentscheid für Deutschland“ (Mappus). Die Leute sollen eingeschüchtert werden. Wer sich gegen S21 engagiert, versündigt sich an der Zukunft, an unseren Kindern. Wer sich gegen S21 engagiert, nimmt eine staatsbürgerliche Last auf seine Schulten, die er nicht tragen kann.

Wahrscheinlich versucht die herrschende Klasse so, die Zauderer, die Ängstlichen unter den Gegnern dahin zu kriegen, wo sie ihrer Meinung nach hingehören: weg von der Straße. Und demnächst zum Shoppen in das neue, lebendige ECE-Center.

Dieser Beitrag wurde unter Aufmerksamkeitsökonomie, Kapitalismus, Neoliberalismus, Politik abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

17 Antworten zu Ein paar Ergänzungen zu Stuttgart 21

  1. hanneswurst schreibt:

    WAS? Das ist ja ein unglaublicher Filz. Öttinger hat eine Lebensgefährtin? Mich schüttelt’s.

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  2. genova68 schreibt:

    Sei bitte nicht so ignorant gegenüber meinem umfangreichen Faktencheck, wie man das heute nennt. Aber nach zehn Jahren OB Erwin ist man korruptionsmäßig abgehärtet, kann ich verstehen.

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  3. hanneswurst schreibt:

    Fakten, Fakten, Faktencheck? Wird es auch im Exportabel Blog bald nachgestellte Redaktionssitzungen zu sehen geben?

    Natürlich konnte Erwins Regierungszeit (bei uns ist der OB König) mich nicht gegen Korruption abhärten. Denn er war ja gar nicht korrupt. RIP. Korruption steht erst fünfzig Kilometer rheinaufwärts in voller Blüte. Ich komme absichtlich mit diesem Regionalismus, um von den verdammten Schwaben abzulenken.

    Klar gilt es, den umfangreichen Filz von Politik, Bahn und Bauwirtschaft jederzeit und überall zu bekämpfen. Trotzdem meine ich, dass diese Fakten im Kontext der S21 Diskussion nicht wertvoller sind, als zum Beispiel Informationen über den Drogenkonsum der wortführenden Demonstranten. Propaganda eben.

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  4. Verena schreibt:

    Die Kosten sind natürlich immens und ich kann auch verstehen, warum sich viele gegen das Projekt wehren, besonders die sehr „grünen“ Mitbürger, doch S21 wird im Endeffekt den täglichen Arbeitsweg erleichtern und den Bahnverkehr in Baden-Würtemberg allgemein verbessern.

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  5. genova68 schreibt:

    Du meinst die täglichen Sitzungen der Exportabel-Redaktion? Ich und mein Mitarbeiterstab? Wenn Interesse besteht, übertrage ich die Sitzungen live ins Netz. Wir haben nichts zu verbergen.

    „Klar gilt es, den umfangreichen Filz von Politik, Bahn und Bauwirtschaft jederzeit und überall zu bekämpfen. “

    Vielen Dank für das Lob meiner unermüdlichen Blogarbeit.

    Ist Verena Spam? Es hört sich so vorgeschrieben an, noch dazu mit dem bürgernahen Argument der erleichterten täglichen Arbeitswege. Hannes, du kennst dich doch mit künstlicher Intelligenz aus!

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  6. genova68 schreibt:

    Verena ist tatsächlich Spam. Beim Spiegelfechter heißt sie Nadja:

    http://www.spiegelfechter.com/wordpress/4247/stuttgart-21-der-bahnhof-den-niemand-will-und-niemand-braucht#comment-86393

    Interessante Sache.

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  7. frank peso schreibt:

    tja, die herrschende klasse und ihre nummercodes: s21. aber was red ich.

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  8. PeWi schreibt:

    In Leipzig ist’s der City-Tunnel, wo sich ein gewisser Herr Tiefensee ein Denkmal setzen wollte. Er ist x-mal teurer geworden, als er sollte. Man hat Probleme mit dem Grundwasser gehabt. Während der Bauphase soff er ab, da Leipzig durch seinen Braunkohlenuntergrund auch damit Probleme hat. Letztendlich weiß man nicht wirklich, wer dadurch fahren soll, weil er nicht für alles zugelassen ist. Vorherige Generationen wollten diesen Tunnel auch, aber die konnten noch Kosten-Nutzen ausrechnen und haben sich den Tunnel verkniffen. Übrigens hatte auch schon die Staatsanwaltschaft ermittelt, wegen der explodierenden Kosten, aber im Sachsensumpf kam da nichts raus.

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  9. Nihilist schreibt:

    Menschen die Denkvermögen besitzen, können die negativen Aspekte nicht ignorieren und/oder schönreden. Nicht nur im Bezug auf S21. Erinnert an Agenda 2010. (A lles G egen E inen N ormalen D eutschen A rbeitsmarkt) (Die „Übersetzung“ ist von mir). Und das hat Schröder bis 2010 doch auch erreicht, er ist aber früh genug abgetaucht.

    Mir kommt das langsam alles so vor, als seien ALLE Politiker nur Marionetten. Kohl, Koch und Konsorten, das war mir schon vor 1998 klar, sind Marionetten des Kapitals. Aber das die auch die SPD dann gekauft haben … und die Grünen …

    Leider hat damals (1999) keiner meine Idee aufgenommen, das Arbeitslose monatlich 1 DM spenden, um mit den 4 Millionen DM den Kanzler Schröder zu kaufen um das Sparpaket zu verhindern.

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  10. frank peso schreibt:

    ideen muss man eben zum richtigen zeitpunkt starten. der 20.10.2010 wäre so ein datum. und dann sollte jeder 2 x 1,21 spenden. da erreicht man die massen. oder auch nicht.

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  11. InitiativGruppe schreibt:

    Gibt’s jetzt einen Baustopp (egal wie man ihn nennt, ich meine die Sache) – oder gibt’s keinen? Was ist da der letzte Stand?

    Ich schätze mal, wenn’s den Baustopp gibt, dann dauert er für den Rest des Bestehens der Stadt Stuttgart. Drum ist der Grube unbedingt dagegen und riskiert es, die Schlichtung in Frage zu stellen und damit den Schwarzen Peter zu ziehen. Und zu behalten.

    Oder seh ich die Sache zu optimistisch?

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  12. Bersarin schreibt:

    „Du meinst die täglichen Sitzungen der Exportabel-Redaktion? Ich und mein Mitarbeiterstab? Wenn Interesse besteht, übertrage ich die Sitzungen live ins Netz. Wir haben nichts zu verbergen.“

    Das klingt gut. Wenn an diesen Sitzungen 27- bis 36-Jährige Redakteurinnen mit kurzen (bzw. halblangen) schwarzen oder langen blonden Haaren (wahlweise auch Bob) teilnehmen, möchte ich zum Redaktionsstab von Exportabel überwechseln. Ich bewerbe mich für diesen Fall als Redaktions- oder Ressortleiter Feuilleton Schwerpunkt Philosophie/Ästhetik und gebe meinen Blog auf.

    (Ich hoffe, das Taxi mit den beiden Playmates ist inzwischen bei Dir angekommen.)

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  13. hanneswurst schreibt:

    Der Herr Bersarin – immer für eine Altherrenzote zu haben.

    @Genova: Ja, ich vermute auch dass es sich um eine Roboterfrau handelt (Schwester heißt Ada). Das ist aber keine Aktion des Großkapitals. Das Großkapital manipuliert anständig mit Angst und dem Appell an niedere Instinkte, keine Notwendigkeit plumpe Roboterfrauensprüche auf wenig frequentierten Foren loszulassen.

    Übrigens habe ich die Kosten für Stuttgart 21 heute noch einmal mit Excel überschlagen. Ich komme bei seriöser Kalkulation auf Kosten von nur 995 Mio. Euro, es gibt also sogar noch eine solide Reserve.

    @frank peso: Ich vermute auch einen Zusammenhang mit der guten alten SS20. SS20 – 1 S = S20; S20 + 1 = S21! S (ASCI oktal) = 123, [123] + [21] = 12321, TODESKULT!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

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  14. Pingback: Argumente für S21? - Roberts Kolumne

  15. frank peso schreibt:

    ja, sehr gut. die „Accelerated Strategic Computing Initiative (ASCI)“ kannt ich noch gar nicht.

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  16. genova68 schreibt:

    PeWi,
    Tiefensee, der Typ hat seinerzeit versucht, die Bahnprivatisierung bei der SPD mit allen Mitteln durchzukriegen, Stichwort Parteitag Hamburg. Das Grundübel ist, dass nur wenige Bürger über solch außerordentliche Menschenkenntnis verfügen wie ich und deshalb Deppen wie Tiefensee, Mappus, Söder, Hitler etc. immer wieder an die Macht kommen können.

    Nihilist,
    Schröder würde ich auch nicht kaufen wollen. Was soll ich mit dem?

    Peso,
    die herrschende Klasse und ihre Nummerncodes: ein sicher unterschätztes Thema. Gut, dass Sie sich darum kümmern.

    IG,
    einen Baustopp wird es wohl nicht geben, höchstens so eine Art Teilbaustopp. Geisler will heute oder morgen etwas dazu verkünden. Ich schätze mal, die Strategie der S21-Befürworter ist nun, den Widerstand zu spalten: Stimmt man dem Kompromiss zu oder nicht?

    Bersarin,
    danke für die Bewerbung. Da ich Chefredakteur und Leiter Human Resources in Personalunion bin, liegt deine Mappe nun auf meinen Schreibtisch. Keine Frage, deine Qualifikationen sind beachtlich und die Frauen kann ich zum Frisör schicken. Allerdings wäre es schade um den Aisthesis-Blog, weswegen ich eine Ablehnung aus taktischen Gründen erwäge. Die Bezahlung erfolgte übrigens via Naturalien und Hartz-IV-Aufstockung. Dies nur als Hinweis, falls du mehr erwartet hast.

    Hannes,
    deine Excel-Kalkulation überzeugt mich. Und wer kann heutzutage bei „soliden Reserven“ schon nein sagen.

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  17. Pingback: S oder Marx21 | Exportabel

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