S21: Angst vorm Sehen

An den jüngsten Protesten gegen den geplanten Stuttgarter Bahnhof finde ich dreierlei bemerkenswert.

Erstens das PR-mäßige Desaster. Bürgerkriegsbullen sprayen braven Bürgern und halben Kindern aus einem Abstand von einem Meter Pfefferspray direkt ins Gesicht (was ich noch nie vorher gesehen habe) und am Abend desselben Tages erzählt der Ministerpräsident Mappus im TV, die Gewalt sei von den Demonstranten ausgegangen. Die behaupteten geworfenen Pflastersteine entpuppen sich später als Kastanien. Hat der denn keinen Berater, der ihm sagt, dass es mittlerweile das Internet gibt und YouTube und filmfähige Handys, weswegen er keine Hoheit mehr hat über die Berichterstattung? Ich bin immer wieder erstaunt, dass auf dieser Ebene so ein Dilettantismus vorherrscht.

Zweitens der unbedingte Durchhaltewille der BW-CDU. Die wissen genau, dass ihre Macht bei den Wahlen nächstes Jahr flöten geht, wenn sie so weitermachen. Aber sie machen so weiter. Warum? Wer zwingt sie dazu? Ist der Druck des Kapitals dermaßen stark, dass sie den eigenen Untergang in Kauf nehmen? Wie mächtig sind eigentlich Baukonzerne in Deutschland?

Drittens die argumentativen Parallelen zum Neoliberalismus. Genau wie der immer behauptet, dass es zu der asozialen Politik leider keine Alternative gebe, weil sonst irgendwer (Chinese, Pole etc.) besser sei als „wir“, behaupten Mappus und Bahnchef Grube immer wieder, man könne da nichts mehr machen, selbst wenn man wolle, der neue Bahnhof müsse gebaut werden. Ein paar gefällte Bäume und eine halb abgerissene Fassade werden medial als quasi vollendetes Projekt verkauft. Grube behauptet in der Süddeutschen von gestern gar, dass sich „Deutschland international verpflichtet hat“, diesen Bahnhof zu bauen. Da isser wieder, der böse Fremde, der uns arme Deutsche zu solch unpopulären Aktionen zwingt. Wahlweise ist es die EU oder allgemein der Sachzwang. Mappus sagt laut Grube: „Wir haben hier einen Beschluss, der uns bindet“. Er kann halt nicht anders, der Ministerpräsident. Ebenfalls typisch neoliberal die Instrumentalisierung von Begriffen, die allgemein ein hohes Ansehen genießen. Grube:

„Jetzt sage ich: Demonstrationen ersetzen keine demokratischen Spielregeln.“

Nicht schlecht. Abstrakte „Spielregeln“ machen konkret brutale Politik, wofür ja auch niemand was kann, denn die Regeln sind halt da. Konkrete hunderttausende Menschen und somit Individuen werden als sich undemokratisch verhaltend denunziert.

Einen interessanten Einblick ins High-Tech-Ländle gibt der Stuttgarter Polizeipräsident Stumpf, wenn er meint, der Baumfälleinsatz sei beim Eintreffen der Schülerdemo im Schlossgarten nicht mehr zu stoppen gewesen, denn „die Baufahrzeuge rollten schon.“ Baufahrzeuge in Baden-Württemberg haben offenbar keine Bremsen. Vielleicht wurden sie vor dem Einsatz von Mappus und Grube schnell ausgebaut, damit man die Entscheidung über einen Stopp der Baumfällerei Tina und also dem lieben Gott überlassen kann.

Gefangen im System, so wird der Mensch von Gestalten wie Mappus, Stumpf und Grube dargestellt. Da kann man leider nix mehr machen. Ob Niedriglohnsektor oder Hauptbahnhof. Die Würfel sind gefallen. Wer das anders sieht, dem muss die Sicht genommen werden. Notfalls mit Pfefferspray.

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21 Antworten zu S21: Angst vorm Sehen

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  2. hanneswurst schreibt:

    @genova: Komisch, ich hatte vermutet, dass Du genau wie ich annimmst, dass eine reaktionäre Altbauviertelfraktion hinter den Protesten steht. Hildesheimer-Marktplatz-Renovierer, die ihren bescheuerten Kopfbahnhof und ein paar Bäume retten wollen, und vor allem auch einfach geizige Schwaben sind, die Angst vor der Modernität haben und denen bei den im Raum stehenden Milliardensummen schwindelig wird. Diese Leute sind – so vermute ich – in ihrem Leben noch nie für irgendetwas anderes auf die Straße gegangen, haben sich daran gewöhnt dass keine Finanzkriese so schlimm sein kann dass die Straußwirtschaften gefährdet wären, und haben schlicht Angst Teil einer Achse Paris/Budapest zu sein.

    Diese ängstlichen Spießer, die ohne faktische demokratische Legitimierung (hier geht es nicht um ein Projekt auf Kommunalniveau) ihre Kehrwocheninstinkte ausleben, kosten andere Steuerzahler eine Stange Geld und denken dabei auch noch, dass sie damit etwas „Gutes“ und „Richtiges“ tun. Natürlich stellt sich das Innenministerium denkbar dämlich an und schickt ein unangemessen agierendes Polizeikommando los, statt einen Ordnungsdienst, der die Personalien aufnimmt und ein Ordnungsgeld verhängt (20 Euro würden reichen), was einen umgehenden Stopp der Stuttgart 21 Proteste zur Folge hätte.

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  3. hanneswurst schreibt:

    Nachtrag: Noch etwas nervt mich an der S21 Diskussion, und zwar die opportunistische Haltung der Medien. Überall nur Oberstudienräte und Oberstufenkids mit vermatschten oder vertränten Augen. Die eigentliche Sachdiskussion steht gar nicht mehr zur Debatte, die Medien interessieren sich nur für Bürgerkriegsszenarien.

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  4. InitiativGruppe schreibt:

    Die Gründe für das Nein zum Projekt Stuttgart21 bleiben sich gleich, die kann man gelegentlich wiederholen, haben aber keinen Neuigkeitswert; die Demonstrationsereignisse haben hingegen Tagesaktualität, dazu liefern sie auch medial wirksam die starken Bilder, die persönlichen Erschütterungen.

    Meinem Eindruck nach sind bei S21 die Medien durchaus Ihrer Aufgabe nachgekommen. Ebenfalls meinem eigenen Eindruck nach sind es gute Gründe, warum so viele Bürger NEIN sagen und protestieren und die Geschäftsgrundlage, auf der die Entscheidung pro S21 getroffen worden ist, in Frage stellen.

    Allerdings verstehe ich auch diejenigen, die sagen, es gebe auch gute Gründe für das JA,und vor allem, die Sache sei nun mal entschieden, die Entscheidungen seien legitim getroffen worden, sie seien jetzt auf von den Gegnern hinzunehmen. — Ich bin in dieser Frage also nicht „fundamentalisiert“.

    Die brutale Überreaktion der Staatsgewalt bei der angesprochenen Demo war allerdings bemerkenswert, und es freut mich, dass das den Medien nicht entgangen ist. Ist doch schön, dass die Mainstream-Medien – das Informations- und Manipulationsinstrument der Oberschicht! – sich mal der Perspektive der Mittelschicht annimmt. (Dass die Unterschicht im Zweifelsfall immer in die Pfanne gehauen wird, stimmt schon, aber ich nehm das Positive, wie es kommt, und bei S21 ist es mal gekommen.)

    Eine Frage zur Strategie: War’s nur Versehen, Unaufmerksamkeit, Mangel an Übersicht, Mangel an Vorsicht, was zur Eskalation in Stuttgart geführt hat – oder ABSICHT?

    Mappus könnte so kalkulieren: Wir müssen die Gegner so provozieren, dass sie gewalttätig werden – dann kriegen wir den besorgten Bürger wieder hinter uns und schaffen uns doch noch die Mehrheit im März. Zu verlieren haben wir jedenfalls nichts mehr.

    Ich glaube schon, dass das möglich ist – beides, die Absicht und dass die Provokation am Ende zum Erfolg führt. Ein Problem mit der Volkswut ist es, dass sie leicht überschäumt. Ein paar flammende Idioten genügen …

    Kettet mal bitte die Berliner Autonomen an, damit sie nicht nach Stuttgart reisen können, um alles zu ruinieren!

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  5. „Ist der Druck des Kapitals dermaßen stark, dass sie den eigenen Untergang in Kauf nehmen?“
    Im Radio meinte jemand von der BW-CDU, dass sie bereit sei, für Stuttgart 21 notfalls auch in die Opposition zu gehen. Die Interessen, die da hinter stecken, müssen in der Tat mächtig sein.

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  6. genova68 schreibt:

    HannesWurst,
    ob ich für oder gegen den Bahnhof bin, habe ich gar nicht geschrieben. Der Entwurf von Ingenhofen (alter Düsseldorfer) ist sicher nicht schlecht, und die Gleisanlagen stellen ja eigentlich eine gigantische Stadtzerstörung dar, nicht nur in Stuttgart. Versuch mal, von Kreuzberg nach Schöneberg zu kommen, das ist wie seinerzeit im Transitverkehr.

    Allerdings geht selbst Frei Otto (Olympiapark München) auf Distanz zum Projekt S21, an dem er jahrelang mitgearbeitet hat, vor allem wegen der Geologie. Das könnte zu denken geben. Außerdem soll das ganze bis zu 18 Milliarden kosten, die müssen wieder reinkommen, durch hohe Mieten, hohe Fahrpreise etc. Wer hat etwas davon? Wo wird gespart?

    Aber es geht in dem Artikel ja um die Art der Auseinandersetzung. Wenn in Düsseldorf 50.000 oder 80.000 (das wäre schätzungsweise die Friedrichstraße vom Bilker Bahnhof bis zur Kö inklusive) Leute zu einer Demo gegen die neue U-Bahn kämen, unvorstellbar eigentlich, dann müsste die Politik darauf reagieren, egal wie sie sich irgendwann mal entschieden hat. Also Baustopp und dann weitersehen. Egal, ob die Demonstranten zum ersten Mal auf einer Demo sind oder welchen Beruf sie haben oder ob sie Hildesheim toll finden. 100.000 Demonstranten in dieser Situation haben eine faktische demokratische Legitimierung. Dass dies juristisch ignoriert werden kann, kann man den geltenden Gesetzen anlasten, sonst nix.

    Die Bäume sind mir natürlich auch wurst, aber das verbuche ich unter Symbolik.

    IG,
    das Legitimitätsargument halte ich für problematisch, weil in den letzten Jahren immer neue Fakten ans Licht kamen. Wenn zuerst von drei Milliarden die Rede war und jetzt von 18 Milliarden, dann ist das eine komplett neue Situation. Interessant finde ich hier ein Argument der Befürworter: Wenn wir S21 nicht durchkriegen, kriegen wir Ähnliches in Deutschland nie wieder durch. Eine leicht durchschaubare Strategie.

    Die Berliner Autonomen brauchen wir nicht in Ketten zu legen, die verheddern sich auf dem Weg nach Stuttgart schon in den Gleisanlagen zwischen Kreuzberg und Schöneberg.

    Guardian,
    eine skurrile Aussage: Die CDU kann gar nicht FÜR S21 in die Opposition gehen. Wenn sie nächstes Jahr dort sitzen sollten, ist S21 auf alle Fälle passé. Das sollte denen mal jemand sagen. Die sind offenbar genauso dinosauriermäßig informiert wie Mappus in Bezug auf Medienrealitäten. Auch das Kapital hat nichts davon, das ist ja das komische. Die müssten viel stärker auf Ausgleich bedacht sein, um es durchzukriegen. Vielleicht ist das ganze Personal dort wirklich dumm wie Brot. Ein Fall für Sarrazin.

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  7. genova68 schreibt:

    Bahnchef Grube in der Bild am Sonntag:

    „Am 20. Jahrestag unserer staatlichen Einheit lohnt es sich zu erinnern, wofür die mutigen Menschen im Osten gekämpft haben: für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.
    Was hat das mit dem Bahnprojekt Stuttgart 21 zu tun? Eine Menge!
    Bei uns entscheiden Parlamente, niemand sonst.“

    und

    „Ein Widerstandsrecht gegen einen Bahnhofsbau gibt es nicht!“

    http://www.bild.de/BILD/politik/2010/10/03/stuttgart-21/hg/gegenueberstellung.html

    Die Demonstranten in Stuttgart kämpfen also für Diktatur und Unrechtsstaat… Die DDR-Bürgerrechtler als Kronzeugen für die Technokraten Mappus und Grube. Die sollen ruhig so weitermachen, da brauchen die S21-Gegner sich gar nicht mehr anzustrengen.

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  8. Beate schreibt:

    Irgendwo in einer Hintergrund-Info über S21 habe ich gelesen, dass wohl die Automobilindustrie der Hauptprofiteur dieses Projektest ist. Wenn ich den Artikel wiederfinde, stelle ich den Link hier ein.

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  9. genova68 schreibt:

    Ja, gerne.

    Ein guter Bericht im stern, der die Hintergründe nennt. Bananenrepublik BRD:

    Klicke, um auf stern_korruption_stuttgart_21_juli_10.pdf zuzugreifen

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  10. hf99 schreibt:

    ein kleines Du!-Du!-Du! muss es aber setzen, lieber genova:

    „Drittens die argumentativen Parallelen zum Neoliberalismus. “

    Das ist keine Parallele. Das ist Identität. Und zwar Fregesche, also finale, nicht mehr aufbrechbare. Das I S T identisch, in jeder Hinsicht, also: Das I S T Neoliberalismus!

    lg

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  11. genova68 schreibt:

    Stimmt. :-) Völlig richtig. Wenn man den Bahnhof als eine Variante neoliberaler Politik sieht, was die Kapitalakkumulation angeht, richtig. Das ist ja auch so eine Art ppp. Irgendwo stand, dass die Erlöse, die durch den Verkauf des Gleisgeländes an die Stadt Stuttgart erzielt werden, einen Drittel eines Jahresgewinns ausmachen. Kein Wunder, dass Grube so insistiert.

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  12. InitiativGruppe schreibt:

    Faszinierender Text, dieser Stern-Artikel.

    Die Geschäftsgrundlage hat sich geändert – die Bürger wehren sich zurecht dagegen, dass die Sache jetzt einfach durchgezogen werden soll. Fakten zu schaffen, die nicht mehr rückgängig zu machen sind, das ist wohl jetzt die Parole der Befürworter. Werden sie DAS schaffen?

    Ich bin zu wenig Fachmann, um die Fachargumente im einzelnen wirklich bewerten zu können – das geologische Argument, das Fahrplan-Argument, das Gestaltungsargument, das Finanzargument. Ich habe nicht die Zeit, mir das Pro und Contra genau anzusehen. Aus der Ferne und mit meinen etwas schwachen Laienaugen gesehen überwiegt das NEIN – obwohl ich eigentlich ganz un-grün ziemlich oft für Großprojekte bin (in München zum Beispiel gehöre ich zur Pro-Olympia-Minderheit bei den Grünen).

    Auf der Ebene der politischen Auseinandersetzung als solcher sehe ich die Gefahr, dass man die Gegner durch Provokationen in die Gewaltfalle lockt, sowie die Gefahr, dass das Projekt noch schnell bis zur Wahl zum Punkt der Irreversibilität vorangetrieben wird.

    Gibt es eigentlich eine fachliche Erwiderung auf den Stern-Artikel?

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  13. genova68 schreibt:

    Fachliche Erwiderungen findet man sicher via google, denke ich. Oder im „mobil“-Heftchen der Bahn AG.

    Am besten nennt man das Ganze in Stuttgart 18 um, das trifft wenigstens die aktuelle Situation des VfB, da gibt es nichts zu streiten.

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  14. chriwi schreibt:

    Mich wundert ehrlich gesagt, dass die Landesregierung die Volksabstimmung nicht mitten im Sommer genehmigt hatte. Dort waren viele im Urlaub und die Masse hat es noch nicht so richtig interessiert. Jetzt sympathisieren natürlich viele mit den Gegnern. Es geht ja gut (die armen einzelnen Menschen) gegen schlecht (Willkür des Staates). Aus politischer Sicht kann ich das nicht nachvollziehen. Mich würden auch mal die Seilschaften zwischen Politik und Bauunternehmen interessieren. Wenn man weiß wer, wo verdient, dann versteht man auch das Verhalten der Landesregierung im Moment.

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  15. Nörgler schreibt:

    So wie Du das siehst, Hanneswurst, hatte ich das auch gesehen – bis ich in die Materie eingestiegen bin, weil ich wissen wollte, was da wirklich los ist.
    Genovas Bewertung stimme ich 100%ig zu.

    „Diese ängstlichen Spießer, die ohne faktische demokratische Legitimierung (hier geht es nicht um ein Projekt auf Kommunalniveau) ihre Kehrwocheninstinkte ausleben, kosten andere Steuerzahler eine Stange Geld und denken dabei auch noch, dass sie damit etwas „Gutes“ und „Richtiges“ tun.“

    Ich darf darauf hinweisen, daß angemeldete, genehmigte und gewaltfreie Demonstrationen sehr wohl demokratisch legitimiert sind.
    Die Projektgegner kosten den Steuerzahler auch kein Geld, sondern versuchen, dieses Geld zu retten.
    Die Projektgegner sind auch nicht fortschrittsfeindlich-sture Bewahrer, sondern haben längst den detaillierten und durchgerechneten Vorschlag „K21“ vorgelegt: Umbau und Erweiterung des Kopfbahnhofs, um den Bahnhof noch leistungsfähiger zu machen, zu einem Viertel der Kosten von S21.
    Einer der zahllosen trostlosen Witze von S21 ist ja, daß durch Verringerung der Gleise ein Nadelöhr erst entsteht. Gegenwärtig ist Stuttgart Hbf definitiv kein Nadelöhr. Das hätte ich gemerkt.
    Neuerdings hört man auch viel von „Bratislawa“ und „Magistrale“. Angesichts der bislang ungekannten und ungeheueren Wichtigkeit dieses Bratislawa, dem offenbar ganze Armeen von Reisenden sich entgegenwälzen, scheint mir da etwas entgangen zu sei, dachte ich. Nun hat der Ministerialdirektor, der in den 90ern Chef des Stuttgarter Hbf war, gesagt, man habe so 2 bis 3 Fahrkarten nach Bratiskawa verkauft – im Jahr.
    Wir verstehen: 3 Fahrgäste pro Jahr = europawichtige Magistrale.

    Das könnte ich ewig so fortsetzen. Also erst mal etwas auf den Sachstand kommen, Hanneswurst. Die Sprüche der S21-Befürworter (‚Gegner sind fortschrittsfeindlich‘, ‚große Gefahren, wenn Projekt nicht …‘) sind die drögen Sprechblasen, die wir seit den 50er Jahren hören: bei der Durchsetzung der „friedl. Nutzung der Kernenergie“, Rhein-Main-Donau-Kanal, AKW Whyl, WAA Wackersdorf, Startbahn West, Transrapid … – immer derselbe ranzige Käse. Und irgendwann sagt dann auch der brave Bürger aus dem Ländle: „We won’t get fooled again!“

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  16. hanneswurst schreibt:

    @Sehr geehrter Herr Nörgler,

    zunächst möchte ich meine Verwunderung aber auch meine Freude darüber ausdrücken, dass Sie einen solchen blumigen Kommentar zur Sache abgeben. Ich kenne Sie sonst nur von Ihrer kargen, aber nicht minder geschätzten Seite.

    Genau wie Sie habe ich die „Fakten“ zu Stuttgart 21 spät und sicherlich nicht in der gebotenen Ausführlichkeit gesichtet. Dazu kommt, dass ich mit einer gewissen Voreingenommenheit belastet bin. In meiner Heimatstadt Düsseldorf haben nämlich in den letzten Jahren zwei Bürgerbegehren zu wesentlich kleineren, aber teilweise artverwandten Projekten stattgefunden. Es ging hauptsächlich um eine innerstädtische Brücke, die unter Denkmalschutz steht und die durch einen Tunnel ersetzt werden soll, und um ein Rechenzentrum, dass auf einen Parkplatz gepflanzt werden sollte und in dessen Schatten dann ein Teil eines alten Friedhofs (eigentlich ein kleiner Park mit dorthin verlegten Grabsteinen) liegen würde.

    Ich durchquere diesen Park häufig und hatte auch meine Bedenken ob eines relativ massiven Gebäudes in unmittelbarer Nähe. Obwohl es nicht gerade so ist, als wenn dieser Park eine beliebte Erholungsoase wäre (zu gruselig). Heute steht der Bau jedoch (ist allerdings noch nicht in Betrieb) und ich meine, dass der Park kaum beeinträchtigt wird.

    Jedenfalls durfte ich auch an jener Bürgerbefragung teilnehmen, der ein Informationsblatt beilag, auf der die Initiatoren (die mittlerweile, aufgrund einiger Planungsänderungen, gar nicht mehr gegen das Projekt waren weshalb ich mich frage, warum die Befragung dennoch stattfand) und alle Parteien im Stadtrat ihre Empfehlungen zur Abstimmung abgaben. Dort fand ich ein Sammelsurium von allerobskursten Begründungsphantasien, unter anderem gab die von mir geschätzte Grüne Ratsfraktion den Hinweis ab, dass das neue Gebäude dazu führen könnte, dass nicht mehr genug Wind in mein Stadtteil eindringen könnte, welches dadurch zwangsläufig überhitzen müsste.

    Ich fühlte mich durch diese Befragung einerseits verarscht, da sich aus jenem Informationspamphlet eindeutig ergab, dass es längst nicht mehr um die Sache, sondern um politisches Kalkül ging. Andererseits fühlte ich mich eindeutig überfragt, da ich kein Bauingenieur, Konservator oder Ähnliches bin, der in einer solchen speziellen Frage vielleicht eine dedizierte Meinung haben könnte.

    Ich sehe Parallelen zu Stuttgart 21, räume jedoch ein, dass mein Wissen um Stuttgart 21 nicht einmal ausreicht, um zu entscheiden ob es gute Gründe für eine Demonstration gibt. Ich behaupte, dass diejenigen, die dort demonstrieren, auch nicht besser wissen ob das Projekt lohnt, als diejenigen, die sich 15 Jahre lang mit der Planung auseinandergesetzt haben. Außerdem behaupte ich, dass die Gründe der Opposition im Landtag wie immer rein taktischer Natur sind. Auch wenn ich politisch der CDU in keiner Wiese nahestehe und mich im Endeffekt freue, dass der Wind im Ländle vielleicht endlich einmal aus einer anderen Richtung wehen wird, kann ich in der Sache dem Protest gegen S21 nicht zustimmen. Wie gesagt, rein gefühlsmäßig. Meine dedizierten Vermutungen zum Charakter des Protests habe ich im ersten Kommentar deutlich dargestellt.

    Noch eine Anmerkung zu Ihren Parallelen: Die Auseinandersetzungen um die Startbahn West hatten ein äußerst tragisches Ende. Ich hoffe, dass die S21 Protestler sich nicht aufgrund einfacher Sinnleere in der persönlichen Lebensführung zu ähnlichen Exzessen hinreißen lassen.

    Hochachtungsvoll
    wURST

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  17. genova68 schreibt:

    Hannes,
    sicher steht bei S21 mehr dahinter als nur das sachliche Argument. Es geht auch um die da oben, die machen,was sie wollen. Aber wieso auch nicht. Ich finde diese Art Protest völlig ok, was ist schon objektiv und sachlich? Was die dennoch vorhandenen sachlichen Argumente gegen S21 angeht, so kommt man wohl nicht umhin, das Projekt anzuzweifeln, wenn man sich mit den Fakten beschäftigt. Die Argumente für S21 sind unglaublich dünn, das beste ist in der Tat die unbedingt nötige Vervollkommung der Achse Paris-Bratislava. Da frage ich mich auch wieder, wo die PR-Berater bleiben. Natürlich wird in Stuttgart kein Mensch wegen dieser Achse für S21 sein.

    Interessant doch auch, dass in den 90ern noch ähnliche Pläne für die Kopfbahnhöfe Frankfurt und München existierten und einvernehmlich gekippt wurden wegen Gigantomanie. Warum Stuttgart?

    Dein Vergleich mit dem Düsseldorfer Begehren gegen den Versicherungsneubau in Derendorf oder wo das war: Da hatte ich seinerzeit schon das Gefühl, dass da vor allem anwohnernde Großbürger ihr Terrain verteidigen mit fadenscheinigen Argumenten. Dass die Grünen mit dem Apokalypse-Thema Hitzetod mitmischten, kein Wunder. (Das zweite Begehren, Tausendfüssler, hatte andere Ursachen, würde ich sagen.) Mir ist eh noch kein vernünftiges Bürgerbegehren untergekommen, bei dem mit Umweltschutz argumentiert worden wäre. In Kreuzberg gründet sich ja sofort eine BI, wenn zwei Bäume am Kanal gefällt werden sollen. Dahinter steckt immer eine Allianz aus reaktionären Ökos und neokonservativen Gentrifizierern und ein paar mitlaufenden nichtsahnenden Deppen.

    Vielleicht kann man unterscheiden in zwei Typen von Bürgerbeteiligung: Eine, die Partikularinteressen von Großbürgern gegen die da unten verfolgt (Derendorf, Hamburger Schulpolitik) und anderen, wo ich S21 hinpacken würde. Achtzundsechzig hat auch dazu geführt, dass Protest generell schick ist, auch derjenige gegen eine soziale Bildungspolitik. Obrigkeitshörigkeit als Wert an sich ist passé.

    Abgesehen davon und nochmal: Wenn so viele Menschen immer wieder protestieren wie bei S21, dann sind Argumente erstmal wurscht, dann geht es um Baustopp und weitersehen. Alles andere ist diktatorisch, vor allem das Argument demokratischer Legitimiertheit mit dem Verweis auf irgendwann einmal stattgefundene Wahlen. Andererseits fände ich es schon ganz hilfreich, wenn sich die Auseinandersetzungen aufschaukeln und sich die Politik als reiner Erfüllungsgehilfe des Kapitals weiter demaskiert. Noch so ein paar „Bild“-Beiträge wie der kürzlich von Grube: nichts dagegen!

    Dass der Nörgler mir zu 100 Prozent zustimmt: Es geschehen noch Zeichen und Wunder.

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  18. Nörgler schreibt:

    Hanneswurst sagt:
    “ Ich behaupte, dass diejenigen, die dort demonstrieren, auch nicht besser wissen ob das Projekt lohnt, als diejenigen, die sich 15 Jahre lang mit der Planung auseinandergesetzt haben.“
    Dazu dies: Es gibt eine Kosten-Nutzen-Analyse der Bahn. Trotz ständiger und heftiger Forderungen, dieses Dokument zu veröffentlichen, weigert sich die Bahn, dies zu tun.
    Die (bekannten) Kosten-Nutzen-Analysen anderer deutscher Kopfbahnhöfe hinsichtlich einer Verlegung nach unten hatten regelmäßig ergeben: bringt nichts, ist viel zu teuer.
    Auch eine frühere Stuttgart-Prüfung der Bahn (das muß zu Zeiten des VV Dürr gewesen sein) hatte dazu geführt, dass man davon Abstand nahm.

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  19. genova68 schreibt:

    Diese S21-Auseinandersetzungen haben schon was. Die Argumente der Befürworter werden immer bizarrer, man spürt förmlich, dass ihnen die Gewalt fehlt, aufgrund derer sie ansonsten einem Protest die Legitimation absprechen. Hefty schreibt heute in der FAZ, weil S21 “ mit jeder Unterbrechung teurer wird, wäre nicht ein Baustopp vernünftig, sondern ein Proteststopp.“

    Demokratie ist also nur in Ordnung, wenn die Kasse stimmt. Wessen Kasse, danach fragt die Speerspitze der intellektuellen Kaptitallegitimation schon gar nicht mehr.

    http://www.faz.net/s/Rub7FC5BF30C45B402F96E964EF8CE790E1/Doc~E2268919EE7BC4940AFF7974090919439~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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  20. genova68 schreibt:

    Noch eine Ergänzung zu den ökonomischen Hintergründen von S21. Man sollte diesen Leuten für ihre unfreiwillige Demaskierung dankbar sein:

    http://www.tagesspiegel.de/politik/mappus-stuttgart-21-und-die-spaetzle-connection/1954030.html

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  21. Nörgler schreibt:

    Man sieht: Es geht nicht um die Bahn, nicht darum, bessere Möglichkeiten für Personen- und Güterlogistik zu schaffen. Die Neubaustrecke wird so steil sein, daß Güterverkehr garnicht möglich ist.
    Es geht darum, die Flächen oben freizukriegen um Privatgewinne zu ermöglichen, wobei die Kosten zur Schaffung der Voraussetzungen dafür der Steuerzahler trägt.

    Zur Kostenexplosion hier:
    http://www.stern.de/wirtschaft/immobilien/fast-19-milliarden-euro-kosten-fuer-bahnprojekt-stuttgart-21-schnellen-in-die-hoehe-1601267.html

    Kein parlamentarisches Entscheidungsgremuim hätte zugestimmt, wäre von 18 Milliarden die Rede gewesen. Daher hat man denen was von allerhöchstens 4,5 Mrd. erzählt.

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