Friedrich Engels und die Wahrheit

Vor ein paar Tagen zufällig gefunden, ein Zitat von Friedrich Engels aus dem „Anti-Dühring“, etwa von 1877:

„Die Souveränität des Denkens verwirklicht sich in einer Reihe höchst unsouverän denkender Menschen; die Erkenntnis, welche unbedingten Anspruch auf Wahrheit hat, in einer Reihe von relativen Irrtümern; weder die eine noch die andre kann anders als durch eine unendliche Lebensdauer der Menschheit vollständig verwirklicht werden.“ (MEW, Bd. 21, S. 80)

Da es keine unendliche Lebensdauer gibt, gibt es auch keine Wahrheit. Beruhigend. Da man einen unbedingten Anspruch auf Wahrheit hat, will man ihn zumindest denken können, was wiederum nur unsouverän möglich ist. Unendliche Lebensdauer lässt ans Jenseits denken, womit man sagen kann, dass Engels das Einlösen der absoluten Wahrheit dem überließ, was man gemeinhin Gott nennt.

(Foto: genova 2003)

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10 Antworten zu Friedrich Engels und die Wahrheit

  1. hanneswurst schreibt:

    Engels postuliert im Nachgang sehr wohl ewige Wahrheiten, z.B. in der Mathematik, diese sind nur schwer auszumachen und werden in den Wissenschaften gerne verfälscht. Interessanterweise scheint für Engels nur das relevant, was sich innerhalb der Grenzen der möglicher Erkenntnis befindet; eine Forderung der sich Heidegger vierzig Jahre später ja anschließt. (Oder? Hier muss vielleicht Herr Bersarin einmal prüfend gegenlesen.) Jedenfalls scheint für Engels in diesem Kontext „wahr“ so viel zu bedeuten wie „in der Summe aller jemals existierenden (menschlichen?) Gedanken für richtig befunden“. Dass auch diese gedankliche Essenz aus einem anderen Bezugsrahmen betrachtet wiederum gänzlich falsch sein könnte (z.B. weil die Sprache nur ein Virus aus dem All ist), das scheint Engels nicht weiter zu interessieren, was ja völlig vernünftig sein mag oder weil dies thematisch im 19. Jahrhundert nicht en vogue war. Die Youngsters von heute dagegen lernen solches „out of the box“ Denken schon durch Filme wie „Horton hört ein Hu“ und werden daher sicherlich zu dem Schluss kommen, dass eine endgültige Wahrheit auch jenseits der transzendentalen Horizonts nicht zu erblicken ist.

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  2. mondoprinte schreibt:

    Dann ist alles konstruiert und Engels einer der Urväter des Kontruktivismus? Ist also auch das Unrecht, dass den Geknechteten und Entrechteten (huch, ein Reim ;-)) im Hier und Jetzt widerfährt bzw. die Notwendigkeit, dieses Unrecht zu überwinden, nichts Wahres? Auch der Umstand, dass Opfer gefordert, gemacht und angehäuft werden? Alles „relative Irrtümer“?
    Oder steh ich einfach auf der Leitung?

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  3. hartmut schreibt:

    Hi

    nun, Engels wird man eher als variante (im rahmen des Marx/Engelschen Praxisbegriffs) der Wahrheitsauffasung des Pragmatismus als des Konstruktivismus verstehen können. Der Pragmatismus (s e h r verkürzt!) sagt so in etwa „wahr ist, was sich in der Gemeinschaft bewährt hat und als nützlich erwies“, womit er, zumindest wäre das meine Deutung, immer noch von so etwas wie einem Weltbezug zu einer zwar nicht mehr objektivem, aber quasi-objektiven Welt ausgeht. to do as if realism is true sozusagen.

    Zu Heidegger: Hmmm, nö. Genauer: H. wollte in „Sein udn zeit“ die alte Ontologie radikal reformieren, indem er die Zeitachse einführte, vo deren Hintergrund er das Sein ausgelegt wissen wollte. „Was ist Metaphysik“: Preisgabe des Konzepts. Dekonstruktion der Metaphysik. Mal sehr vereinfacht und in dieser Vereinfachung so natürlich nur rudimentär brauchbar. bersarin, übernehmen Sie. NaturWissenschaftliche Wahrheit(en) spielen in H. Kulturkritik eine massive Rolle, aber als Gegenstand der Kritik. NW können nicht klären, was die Dinge s i n d.

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  4. hartmut schreibt:

    edit: der wiki-Artikel zu heidegger ist mE ganz brauchbar:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Heidegger

    (jaja, ihr Spezis, was zu meckern findet man immer!)

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  5. bersarin schreibt:

    @ Genova
    Deine Deutung des Engels-Zitates ist problematisch. Ich bin mir bei einer flüchtigen Lektüre nicht einmal sicher, ob es sich bei den Sätzen um Engels eigene Position handelt. Es würde mich dies sehr verwundern, bzw. es müßte das Zitat in weitere Kontexte gestellt werden. Für eine umfassende Sichtung (zunächst einmal in guter hermeneutischer Absicht) müßte ich den ganzen Text lesen, was zeitlich bei mir nicht geht.

    Das Problem bei solchen Zitaten liegt darin, daß sie als vereinzelter Text in viele Richtungen gelesen werden können, was für eine Lektüre der Dekonstruktion sicherlich interessant ist, aber gleichfalls (sozusagen bei ungeübtem Gebrauch) zu Verirrungen und Verwirrungen bzw. Lektüremißverständnissen führen kann. Insbesondere bei einem Text mit dem Titel Anti-Dühring.

    Hinzuweisen sei noch darauf, daß sich der Text in MEW 20 befindet.

    „Interessanterweise scheint für Engels nur das relevant, was sich innerhalb der Grenzen der möglicher Erkenntnis befindet; eine Forderung der sich Heidegger vierzig Jahre später ja anschließt.“

    Heidegger würde sich dieser Forderung gerade nicht anschließen. Natürlich fällt er nicht hinter Kants Kritik zurück, aber das, was sich in der Wissenschaft abspielt, ist für Heidegger in einem philosophischen Sinne nicht wesentlich. So auch ist sein Satz zu verstehen „Die Wissenschaft denkt nicht.“ Sie geht auf Seiendes als Seiendes, bewegt sich – sozusagen immanent – im Bereich des Vorhandenen, nicht aber geht die (Natur-)Wissenschaft auf das Sein, sie kann dies auch gar nicht mit ihrem bordeigenen Mitteln: Wissenschaft spart wesentliche Bezirke aus und muß sie auch aussparen. Das vorstellende Denken ist ein reduziertes, das der (zu über- und verwindenden) Metaphysik entstammt. Ein wenig kann man die Fragen zur Erkenntnis bei Heidegger in den Davoser Disputationen mit Ernst Cassirer nachlesen.

    „Ich verstehe unter Neukantianismus die Auffassung der Kritik der reinen Vernunft, die den teil der reinen Vernunft, der bis zur transzendentalen Dialektik führt, erklärt als Theorie der Erkenntnis mit Bezug auf die Naturwissenschaft. Mir kommt es darauf an zu zeigen, daß das, was hier als Theorie der Wissenschaft herausgenommen wird, für Kant unwesentlich war. Kant wollte keine Theorie der Naturwissenschaft, sondern wollte die Problematik der Metaphysik zeigen, und zwar der Ontologie.“ (Kant und das Problem der Metaphysik, S. 275. Man wird in dem Buch sicherlich noch mehr Stellen finden, die eine solche Lesart nahelegen. Natürlich spricht Heidegger hier im Dialog mit Cassirer und in der Lektüre der KdrV sehr pro domo.)

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  6. hanneswurst schreibt:

    Wenn Sie im Traum an einer Promenade entlanggehen und eine Person kommt auf Sie zu, dann werden Ihnen vielleicht plötzlich alle möglichen Begebenheiten einfallen, die Sie mit dieser Person verbinden. Das Gehirn benötigt im Traum keine zeitliche Sukkzession von Ereignis und Erinnerung, vielmehr wird die Erinnerung adhoc produziert.

    Dem gegenseitigen Verständis der Menschen zuliebe verliert sich diese Fähigkeit meist im Wachzustand.

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  7. InitiativGruppe schreibt:

    Eine schöne Beobachtung, hanneswurst, mit feiner Pointe.

    Diese Transformation lässt sich vielleicht auch beziehen auf „Bauchgedanken“ wie Ressentiments. Das Hirn lässt in diesem Fall das mentale Ereignis (z. B. „Oh Schreck! Die Muslime überwältigen Deutschland!!!“) im Zustand des Traums – lässt es nicht diskursiv werden. Und ich renne dann wie ein Blödmann dagegen an mit meinen diskursiven Versuchen und argumentiere und argumentiere … Gegen die Traumlogik hilft aber nur wiederum Traumlogik … Ich muss einen Weg finden, wie ich mich in das Traumgebilde des Ressentimentträgers hineinschmuggeln kann.

    Zum Engelszitat:

    Engels als Konstruktivist, Wertrelativist, Pragmatiker?

    Ich habe Marxengels schon immer so verstanden, dass sie einen gewissen historischen Relativismus mit einem unhistorisch anmaßenden HierundjetzthabichABSOLUTrecht verbinden. Im Feudalismus herrschen andere „Wahrheiten“ als im Kapitalismus als im Kommunismus, aber in dieser vorrevolutionären Zeit herrschen in meinem sozialistischen Kopf die dieser Zeit genau angemessenen Wahrheiten.
    Überraschend ist dann nur, dass dem Kommunismus zugetraut wird, sich mit der fortschreitenden Zeit so weiter zu verändern, dass sich auch das, was im Kommunismus wahr ist, noch einmal und ständig verändern wird.

    „Die Souveränität des Denkens verwirklicht sich in einer Reihe höchst unsouverän denkender Menschen.“
    – Das ist die marxengelsche Version der „unsichtbare Hand“ von Adam Smith. Was wir als Sozialisten der vorrevolutionären Zeit richtigerweise als wahr erkennen und was sich mental der Realität souverän und wirkungsvoll gegenüberstellt, damit wir sie verändern können, stellt sich hinter unserem Rücken (= unbewusst) her und ist ein Kollektivprodukt.

    Ich selber also denke als Individuum (zunächst?) unsouverän. Würde Engels das auch von seinem eigenen Denken behaupten? – Müsste er doch wohl, oder? Aber wenn dieses Denken, eingebunden ins Kollektiv derer, die aufgrund der gegebenen Produktionsverhältnisse die praktische Wahrheit verkörpern, auf die richtige Weise praktisch wird, wird dieses zunächst unsouveräne, irrtumsbehaftete Denken richtig: in der erfolgreichen Umgestaltung der Produktionsverhältnisse.

    Wenn das Zitat so zu verstehen ist, brauche ich bezüglich Marxengels nicht umzulernen.

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  8. genova68 schreibt:

    Meine Deutung des Engels-Zitates ist problematisch, das glaube ich gerne. Aber ich sehe diesen Blog nicht als Medium für ausgefeilte Texte (wobei es die hier dennoch hin und wieder gibt), ich schreibe hier drauflos, was ich sonst nicht darf. Das Zitat habe ich gefunden in der Einführung in die kritische Psychologie des Schmetterlingsverlags, in der ich vor einer Weile ein wenig gelesen hatte. Die Stelle unmittelbar vor der zitierten kann ich auch noch anbieten:

    „Dem Denken [jedes Einzelwesens] können wir nur insofern Souveränität zuschreiben, als wir keine Macht kennen, die imstande wäre, ihm im gesunden und wachenden Zustand irgendeinen Gedanken mit Gewalt aufzunötigen. Was aber die souveräne Geltung der Erkenntnisse jedes Einzeldenkers angeht, so wissen wir alle, dass davon gar keine Rede sein kann, und dass nach aller bisherigen Erfahrung sie ohne Ausnahme stets viel mehr Verbesserungsfähiges als … Richtiges enthalten.“

    Das Denken des Einzelnen ist nur souverän im Sinne von „Die Gedanken sind frei“, nicht im Sinne einer denkbaren Wahrheit. Es ist MEW 20, richtig. Dass es sich bei dem Zitat nicht um Engels Meinung handelt, müsste man nun aber sehr genau belegen. Ansonsten würde ich erst einmal das Gegenteil annehmen, denn dass das Zitat von ihm stammt, ist wohl unbestritten. Es war für mich gerade deshalb interessant, weil ich diese Perspektive bei ihm nicht vermutet habe. Und hier wird ja ein grundlegendes Problem sichtbar: Bei Leuten, die zigtausend Seiten vollgeschrieben haben, ist es einfach, jede Zeile durch eine andere widerlegen zu können, vor allem dann, wenn sukzessive jeder private Brief veröffentlicht wird. Wenn ich mal berühmt werde und die Nachwelt alle meine privaten Mails veröffentlicht, wird die Forschung des öfteren kontrovers diskutieren…

    Und ich weiß nicht, ob das Zitat wirklich so sonderbar ist und für Verwirrungen sorgt, denn man könnte es doch ganz gut mit einer dialektischen Erkenntnistheorie zusammenbringen. Es gibt für den Einzelnen Grenzen der Erkenntnis, die sich erweitern, wenn man sich die Erkenntnisse vieler anschaut. Gerade wenn ich einen Weltgeist ablehne, kann ich auf dem Boden, auf dem ich mich (mit anderen) bewege, zu den Engelsschen Einsichten kommen.

    IG,
    Engels müsste das unsouveräne Denken auch auf sich beziehen. Inwieweit solche Leute dieses Handicap dann wirklich verinnerlichen, steht wohl auf einem anderen Blatt.

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  9. bersarin schreibt:

    Genova, sei getröstet: es gibt in Deinem Blog ausgefeilte und sehr gute Texte. Deshalb schaue ich da ja auch jeden Tag hinein. Auch sichte ich viele gute Photographien dort.

    Irgend etwas paßt in diesen Passagen trotzdem nicht. Um das herauszufinden, bräuchte der hermeneutisch geschulte Special Agent Zeit. Die hat der Dale Cooper der Philosophie momentan aber nicht, zumal er fieberhaft an Benjamin und am nächsten Teil zu „Kunst und Geschmack“ sitzt.

    Über die Sichtung Deines Nachlasses müßten wir noch einmal gesondert sprechen. Meine Spezialisten von der IT haben schon einmal auf Deine Accounts und den Rechner zugegriffen. Wir schauen uns da gerade ein wenig um. Wenn das nicht ok ist, mußt Du nur sagen.

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  10. genova68 schreibt:

    Vielen Dank für deine aufmunternden Zeilen, Bersarin. Man muss ja auch nicht alles bis zum Grund diskutieren. Anreißen und weiter, letztlich bleibt immer etwas hängen als Eindruck.

    Schau dich ruhig um auf meiner Festplatte, wobei ich dir leider mitteilen muss, dass du und deine Spezialisten nicht viel finden werden. Das meiste ist ja dem Diebstahl zum Opfer gefallen.

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