Knapper Hinweis zum Thema Kapitalismus und Meinungsfreiheit

Weil ja gerade soviel über die angeblich nicht mehr vorhandene Meinungsfreiheit eines Bestsellers und Talkshowdauergastes diskutiert wird:

Die bislang linksliberale (wie man sagt und ich mir sagen ließ) Basler Zeitung hat einen neuen Eigentümer, das ist der Investor Tito Tettamanti. Tettamanti scheint es aber, ganz unkapitalistisch, nicht alleine um die Rendite zu gehen: Er kaufte 2002 die Schweizer Wochenzeitung Weltwoche. Das bis dahin ebenfalls linksliberale Blatt bekam fast zeitgleich als Chefredakteur Roger Köppel vorgesetzt, der das Blatt bekanntlich schwarz-braun ummodelte. Die Weltwoche ist „politisch weit nach rechts und intellektuell abgerutscht“, schreibt die Berliner Zeitung. Seitdem freut sich die Weltwoche über Blocher und SVP, über Minarettverbote und Leute wie Broder sind Gastautoren. Köppel ist natürlich auch Sarrazin-Fan.

Ist jetzt die Basler Zeitung dran? Immerhin wurde der Chefredakteur Matthias Geering spontan rausgeschmissen (er durfte sich nicht einmal von seiner Redaktion verabschieden). Nachfolger ist Martin Somm. Der war bisher Stellvertreter von Köppel bei der Weltwoche. Ich vermute, so dreist könnte man das in Deutschland nicht machen.

Die Schweiz hat etwas von einer Bananenrepublik. Aber das passt zum deutschen Schweizbild, das sich in den letzten Jahren gewandelt hat. Seit der Minarettgeschichte dient das Land den deutschen Vollpfosten als letzter Hort in Europa, wo die schweigende Mehrheit noch zu ihrem Recht kommt. Es wird mit Blick auf die Schweiz nun eine Basisdemokratie per Volksabstimmungen gefordert, die, gemeinsam mit der Bild und den übrigen kapitalistischen Mediengeschützen, dem braun gefärbten Bodensatz (liberal-konservativ heißt das heute) zu mehr Beachtung verhelfen soll. Jetzt sind plötzlich Leute wie Bolz, Matussek und Baring demokratiebesorgte Bürger.

Somm und Tettamanti wird es freuen. Kritische Reflektion hat der Rendite ja schon immer eher geschadet.

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10 Antworten zu Knapper Hinweis zum Thema Kapitalismus und Meinungsfreiheit

  1. frank peso schreibt:

    worin genau soll der bananenmäßige unterschied bestehen?

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  2. genova68 schreibt:

    Unterschied zwischen was und wem?

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  3. InitiativGruppe schreibt:

    Hat eigentlich die Weltwoche ihre Leserschaft gehalten – oder entsprechend der Richtung verändert?

    Außerdem fällt mir auf, dass alle unsere Nachbarn parlamentsstarke rechtspopulistische, explizit anti-muslimische Hetzparteien haben – aber wir, ausgerechnet wir nicht. Auch die BILD traut sich wohl nicht so recht, zum Sprachrohr einer neuen populistischen Partei rechts von der CDU zu werden.

    Deutschland – du hast es besser?

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  4. genova68 schreibt:

    Von der Weltwoche weiß ich weiter leider nichts. Aber eine rezeptionspraktische Untersuchung wäre da sicher interessant. Wobei man das in Teilen auch mit dem deutschen Spiegel machen könnte.

    Das mit der rechten Partei, da tut sich ja etwas derzeit. Dass Steinbach jetzt auch noch die Kriegsschuldfrage auspackt und die Möchtegernvertriebene einem ehemaligen KZ-Insassen einen schlechten Charakter bescheinigt mit der Begründung, er habe einen Brief nicht beantwortet, das sind alles keine Zufälle. Wäre Sarrazin in der Lage, zwei Sätze ohne Stottern zu sprechen, gäbe es die neue Partei vielleicht schon.

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  5. InitiativGruppe schreibt:

    Ich bin da optimistischer.
    Gründen könnte sich so eine Partei schon – aber bestehen könnte sie (vorerst) nicht. Ich werde darüber mal einen kleinen Essay schreiben, warum das – eben vorerst – nicht möglich ist.

    Eine interessante Schwierigkeit scheint mir zu sein, dass es zu wenig politik-fähige Personen unter den rechtspopulistischen Krakeelern gibt. Eine Partei, die sich behaupten will, braucht eine beträchtliche Menge von Leuten, die fähig sind, einer Organisation kompetent zu dienen … KOMPETENT ZU DIENEN. Die Islamophoben sitzen einsam und anonym und egozentrisch hinter ihren Computern, überschwemmen die Welt mit ihren mehr oder weniger ideosynkratischen Meinungen – und denken gar nicht daran, sich ein dauerhaftes persönliches Engagement als fruchtbarer Teil einer Organisation zuzumuten. Sie wären dazu auch gar nicht fähig.

    Warum die Etablierung einer rechtspopulistischen Partei grade in Deutschland besonders schwierig ist? – Weil bei uns fast alle, die was können, sich von einer Politik fernhalten, die zu sehr an die Nazis erinnert. In Italien, Frankreich, Holland, Dänemark, Österreich und der Schweiz ist man damit weniger belastet, es finden sich also etwas mehr „gute“ (ich meine damit ganz neutral: politik-fähige) politische Menschen. Obwohl – dass Wilders die PVV als Ein-Mann-Partei führt, zeigt schon auch das Problem. Mit Spinnern, wenn sie zahlreich genug sind, kann man in Wahlen gut abschneiden, aber keine Parteiorganisation gestalten.

    Mit den Jahren werden auch bei uns die Chancen für die Populisten wachsen, weil meine Generation ausstirbt, der Nachwuchs für kompetente Arbeit in Organisationen ausdünnt und darum auch bei uns das passieren wird, was man in den USA heute schon beobachten kann:

    Millionäre/Milliardäre finanzieren einen professionellen organisatorischen Rahmen, und der Pöbel füllt ihn virtuell und analog aus, ohne allzu viel mit Organisation und wirklicher Politik belästigt zu werden. Grad dass man mal sein persönliches Schildchen für die TeaPartyDemo bastelt, à la „Obama is a Socilist“ oder „The Marked is the Sollution“.

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  6. Nihilist schreibt:

    @ IG

    nun, ich hab mir das mal durchgelesen und meine Meinung zu dem Thema hinterlassen.

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  7. SirJohn schreibt:

    Der Wind dreht sich und um bestehen zu können, müssen sich die Medien der (berechtigten) Mehrheitsmeinung der Leser anpassen – nicht umgekehrt. In der Schweiz genauso wie mittelfristig in Deutschland. Sarrazin war nur der Anfang. Für Leute wie Sie wird’s zunehmend eng werden, genova68. Die linke Meinungshoheit bröckelt weiter. Und das ist auch gut so.

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  8. frank peso schreibt:

    also alles banane. wie vermutet.

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  9. genova68 schreibt:

    IG,
    wir sind nicht weit auseinander, wenn ich das richtig sehe. Es geht ums Personal, da ist in Deutschland derzeit nichts vorhanden.

    SirJohn,
    dass es für Leute wie mich „eng“ werden wird, ist eine aufschlussreiche Formulierung. Aber das hatten wir ja alles schon einmal.

    Aber es ist schon möglich, dass sich der Wind derzeit dreht. Gut nur, dass die „schweigende Merheit“ in der Regel zu dämlich ist, um irgendwas geregelt zu kriegen (außer bei Bedarf Progrome wie in Hoyerswerda oder Lichtenhagen).

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