„Nur so schmeckt der Cocktail über den Dächern Berlins“

Interessanter Artikel in procontra-online, der „Fachzeitschrift für Finanzprofis“. Es geht um Gentrifizierung und wie man da als Finanzprofi ordentlich absahnen kann. Bemerkenswert ist die Haltung: Thematisiert werden ausschließlich Profit, Geld, Rendite; es gibt keinerlei Empathie, keinerlei Bewusstsein dafür, dass man es hier mit Stadt, mit gewachsenen sozialen Strukturen, mit Menschen zu tun hat. Der Mensch als Verfügungsmasse des Kapitals. Charaktermasken überall. Eigentlich prima, dass das Kapital in Momenten, in denen es sich unbeobachtet fühlt, so offen ist.

Der Artikel teasert gleich munter drauflos:

Ein Trend geht um. In vielen deutschen Großstädten finden Aufwertungsprozesse (Gentrifizierung) statt. Investoren mit Interesse an ehemals benachteiligten Stadtteilen sollten mutig und rechtzeitig dabei sein.

Interesse an ehemals benachteiligten Stadtteilen, eine schöne Formulierung. Zum einen muss man wohl das „ehemals“ betonen, zum anderen ist das Interesse natürlich nur auf das Geld gerichtet, dass aus den Stadtteilen rauszuziehen ist.

Dem Leser wird dann geduldig ausgeführt, was Gentrification genau ist, wo sie stattfindet und worauf es dabei ankommt:

Aus Sicht eines Immobilieninvestors ist Gentrifizierung eine spannende Geschichte. Gentrifizierung [ist] potenziell überall möglich.

Aus Sicht der zu Vertreibenden ist es irgendwie auch spannend.

Schön der Satz:

Grundvoraussetzung für Gentrifizierung ist eine mobile Bewohnerschaft.

Genau, sonst kann eine Vertreibung ja nicht stattfinden. Die müssen schon mobil sein, die Bewohner. Im Moment sind sie allerdings damit beschäftigt, die Sarrazinschen Vernichtungsphantasien zu parieren, bevor sie aus ihren Wohnungen fliegen. Kampf an allen Fronten.

Doch dem Investor drohen auch Gefahren:

Luxusprojekte in „In-Bezirken“ sind stets mit einem Risiko verbunden. „Letztendlich kann es nämlich passieren, dass die Gentrifizierung abgeschlossen ist, wenn das Gebiet auf einem normalen Niveau angekommen ist“, warnt Schmidt. Aufwertungsprozesse sind also etwas für mutige Investoren, die sich von sozialen Protesten nicht abschrecken lassen. Aber es gilt wie so oft: Der frühe Vogel fängt den Wurm. Nur so schmeckt der Cocktail über den Dächern Berlins und anderswo.

Die Finanzprofis kommen sogar auf carloft zu sprechen, das seit langem in Kreuzberg für Unmut sorgt:

Es hätte so schön werden können. Das eigene schicke Auto direkt vor der Balkontür, im Hintergrund thront der Berliner Fernsehturm. Auf dem Sofa im fünften Stock mit dem Cocktail in der Hand ist die Welt noch in Ordnung. Wären da nicht die Farbbeutel, zerschlagenen Fensterscheiben und Steinwürfe unten im Erdgeschoss. Das Luxuswohnprojekt „carloft“ in Berlin-Kreuzberg, wo Mieter und Eigentümer ihr Auto mittels Aufzug bis hoch in die Wohnung nehmen können, stößt im Kiez auf heftigen Widerstand.

Danke, nun wissen wir aus erster Hand, nämlich vom Finanzprofi, wie man effektiv Widerstand leistet. Hoffen wir auf weitere, viele, viele Farbbeutel, die am besten zielgenau im Cocktail auf dem Sofa landen.

Dumm nur, dass vor dem carloft mittlerweile ein Polizeiauto steht. Das Kapital weiß sich zu schützen.

via Gentrification-Blog

P.S.: Das Blog „Kreuzberger Horn“ führt das Thema sehr schön an einem Beispiel aus.

(Foto: genova 2010)

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3 Antworten zu „Nur so schmeckt der Cocktail über den Dächern Berlins“

  1. hartmut schreibt:

    Besten Dank für den link! Ich werde Sie – wie immer – lobend erwähnen! ;-)

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  2. genova68 schreibt:

    Interessant auch der Autor des Procontra (was für ein bescheuerter Zeitschriftenname)-Artikels: Matthias Hundt:

    Jahrgang 1978, dann hat er eine Bankkaufmannslehre gemacht, dann hat er studiert, und zwar Kommunikationsmanagement. Das braucht man wohl, um so drauflosschreiben zu können.
    Hier gibt es ein Bild von dem jungen Mann:
    http://www.procontra-online.de/author/mhundt/

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  3. unschland schreibt:

    „Grundvoraussetzung für Gentrifizierung ist eine mobile Bewohnerschaft.“
    dieser satz wird hiermit für den goebbels-gedenkpreis für reformkomunikation vorgeschlagen

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