Linke fordern: Keine Ampeln mehr in sozialen Brennpunkten

Der Journalist Jörn Klare hat ein Buch über den Wert des Menschen geschrieben. Passt ja zur aktuellen Sarrazinschen Mehrwert- und Wenigerwertdebatte. Demnach sind ungebildete Menschen ökonomisch wenig Wert. Doch mit solchen Urteilen sollte man vorsichtig sein, sagt Klare in einem Interview, denn:

„Sonst könnte man zu dem Schluss kommen, dass es volkswirtschaftlich sinnvoll ist, Ampeln nicht an sozialen Brennpunkten, sondern nur vor Universitäten und in Bankenvierteln zu bauen.“

Je mehr Bewohner sozialer Brennpunkte überfahren werden, desto ökonomischer, die kosten „uns“ dann nämlich nichts mehr. Das ist sozusagen die Konsequenz aus der Haltung, wonach die Moslems uns eh mehr kosten als sie bringen, weil sie genetisch bedingt dumm sind. Oder sind sie es nur kulturell? Und ist daran ein Kultur-Gen Schuld? Das wohlmöglich noch eine fiese Verbindung mit dem Intelligenz-Gen eingehen kann?

Zuerst die Dummheit diagnostizieren, dann die Ampeln im Umfeld der Dummen abschalten, auf dass die sich nicht vermehren. „It´s the economy“, wobei das hier gemeinhin angefügte „stupid“ eine ganz neue Bedeutung bekommt.

Allerdings kann man die ökonomische Nutzenrechnung wohl nur um den Preis der Einführung des Paradieses abschaffen. Kann man sagen, dass sie dem Menschen inhärent ist? Hat das etwas mit dem Prinzip der Selbsterhaltung zu tun? Schon beim Kauf eines Päckchen Kaugummies überlege ich, ob sich die achzig Cent für mich lohnen, in welcher Weise auch immer. Wir haben also ein Dilemma. Jörn Klare will das auflösen, indem er die Privatwirtschaft weiter ökonomisieren lässt und dem Staat den „Kompass der Gleichheit“ auferlegt. Ein Teil der Gesellschaft darf auf sozialdarwinistischer Grundlage mathematisieren, ein anderer Teil hält dagegen, als hier im Blog schon zitiertes humanistisches Fundament. Soziale Marktwirtschaft.

Wie auch immer, dazu passt auch das Ergebnis einer aktuellen und repräsentativen Emnid-Umfrage: 18 Prozent der Deutschen können sich vorstellen, eine „Sarrazin-Partei“ zu wählen, bei den Wählern der Linkspartei sind es sogar 29 Prozent. Die linke Wählerschaft als Vorreiterin eugenischer Politikphantasien. Ich schätze, dass überproportional viele Linkswähler aus Ostdeutschland Sarrazin satisfaktionsfähig finden, dort ist es ja auch noch Usus, „dem Polen“ unveräußerliche Eigenschaften wie „klaut Autos“, „ist hinterhältig“ und „raffgierig“ unterzuschieben. Das wusste man ja schon in der DDR. Übrigens ein weiteres Beispiel dafür, wie verbreitet rechte Tendenzen bei der Basis der Linkspartei nach wie vor sind. Anderen Umfragen zufolge können sich auch relativ viele Linkenwähler vorstellen, die NPD zu wählen. CDU-Wähler sind laut Emnid unterdurchschnittlich oft bereit, die Sarrazin-Partei zu wählen.  Mir fallen spontan die katholischen Hochburgen vom Anfang der 1930er Jahre ein, wo die Nazis kaum Unterstützung bekamen, Westfalen und weite Teile Bayerns, beispielsweise.

Finden Linke eigentlich auch, dass Ampeln in sozialen Brennpunkten nichts zu suchen haben?

Die erwähnte Emnid-Umfrage offenbart noch mehr verwirrendes: So können sich 25 Prozent der Deutschen vorstellen, eine „Gauck-Partei“ zu wählen, von den Grünen-Wählern sogar 35 Prozent.

Die politischen Dispositionen, Präferenzen und Feindbilder, mussten nach 1989 neu geordnet werden. Momentan sind wir offenbar in einem Stadium der Orientierungslosigkeit.

Fade out.

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8 Antworten zu Linke fordern: Keine Ampeln mehr in sozialen Brennpunkten

  1. Karl Marx II schreibt:

    Materie und technologischer Fortschritt bestimmen das Bewussstein. Die materialistische Dialektik akzeptiert kein Primat des Geistes. Körperliche und umweltliche Verfassung sind allbestimmend. Das Individuum ist bloß die Gesamtheit aller sozialen Relationen.

    Das Bewusstsein beruht alleine auf materiellen Phänomenen, dem Gehirn. Der Aufbau des Gehirns ist alleine durch Umwelt und Gene bestimmt. Der Körper des Individuum ist auch nur ein Teil eines größeren Kollektivs. Dieses Kollektiv hat den Vorrang. Erziehung und Arbeit müssen vergesellschaftlicht werden um das Individuum aufzulösen und im Kollektiv aufgehen zu lassen. Der wahre kommunistische Mensch muss bereit sein, sich für das Kollektiv, den Gesamtorganismus zu opfern.

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  2. andi1789 schreibt:

    Weil ökonomische Kalküle sich quasi mit allen Entscheidungen, die man als Mensch trifft, vereinbaren lassen, was anderes hat die „Forschung“ der Ökonomen in letzter Zeit eigentlich nicht gemacht, so gibt es eine Abhandlung über die Nutzenfunktion einer Selbstmörderin von ihrem Gatten, einem Ökonomieprofessor, hat es fast den Anschein als sei diese Art der Motivation die einzig denkbare. Allein, es gibt auch Menschen, die den Verführungen des Konsums erliegen, ohne dass sie tatsächlich kalkulieren. Zumal, das hat die Finanzkrise offenbart, auch die Leute, die angeblich alles so toll kalkulieren, nicht mehr Herr der Lage waren, so dass sie sich auf Kosten der Allgemeinheit freikaufen mussten. Irgendwo ist in der Totalisierung der Buchhaltung doch der Wurm drin….

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  3. andi1789 schreibt:

    […] freikaufen lassen mussten. […]

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  4. genova68 schreibt:

    Das heißt, die totale Buchhaltung wird irrational, der Mensch ist nicht vollständig berechenbar. Ist ein Teil des Menschen berechenbar und ein anderer Teil nicht? Spannendes Thema. Ein Teil des Problems ist wohl, dass ein Mathematiker das Bestreben hat, eine Lösung zu finden, Variablen also zu konkretisieren. Und wenn es nicht passt, wird es passend gemacht.

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  5. InitiativGruppe schreibt:

    Dieser Karl Marx II ist vielleicht einer vom bluthilde – Blog … dem es dort allmählich langweilig geworden ist?

    Es ist eine Sache, sich vage eine mit einem Namen verbundene ideale Partei vorzustellen – und eine andere, die irdisch-allzu-irdisch gewordene Partei zu wählen.

    Es bedürfte der charismatischen Figur, die alle irdischen Schwächen durch persönlichen Glanz überstrahlt. Wenn man einen F Ü H R E R hat, sieht man keine Schwächen mehr. Wir haben also eine starke, aber auch diffuse Grummelminderheit, die auf einen F Ü H R E R wartet.

    Wie war das mit Hitler? Wär er im 1. Weltkrieg totgeschossen worden (was bei seinem Job als Meldegänger wahrscheinlich gewesen war), hätte es wohl keine NSDAP und kein 3. Reich gegeben. – Oder doch? – Nein, ich glaube nicht. Ob in einer Zeit, die nach einer charismatischen Führerfigur schreit, auch eine solche zur Verfügung steht, ist Zufall. Vermutlich. Meine Hand lege ich für diese Annahme nicht ins Feuer.

    Aber das kann man wohl mit Sorgenfalten festhalten: Die sehnsüchtige Nachfrage nach dem charismatischen F Ü H R E R (oder der charismatischen F Ü H R E R I N ?) ist da und wartet auf ein überzeugendes Angebot.

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  6. InitiativGruppe schreibt:

    Zur Nutzenkalkulation im Kollektiv:

    Wäre ein Kollektiv überhaupt noch lebensfähig, wenn es sein schwächeres Drittel einfach ausmerzen würde?
    Eine Firma kann das machen, per Entlassung, ein Fußballverein auch – aber eine Nation? Ein Volk? Firma und Verein sind ja nur Teilkollektive in einem Gesamtkollektiv. Was passiert mit einem Volk, das sich sagt: Unsere Fußkranken lassen wir auf dem Weg zurück, sollen sie doch krepieren! Einem Volk, das sich das nicht nur sagt, sondern es auch tatsächlich in Politik umsetzt?

    Ich weiß es nicht. Aber ich vermute: So ein Volk zerstört sich selbst. Es zersetzt sich selbst von innen her. Empathie ist eine Eigenschaft, die durchaus nutzbringend ist, und wenn ein Volk davon zu wenig hat, zerstört es sich selbst durch Entfremdung der Teile voneinander. Das Eliminieren hört dann an der Grenze Nützliche Bürger – Nicht-nützliche Bürger nicht auf.

    Außerdem: Die da oben brauchen die da unten als billige und willige Diener sowie als Bestätigung dafür, dass sie oben sind. Eliminiert man das untere Drittel, ist nun peinlicherweise das mittlere Drittel unten, und die oben sind nicht mehr so hoch oben wie vorher.

    Außerdem zum Zweiten: Was passiert, wenn das unnützliche eliminierungsbedrohte Drittel anfängt zu merken, dass es nichts mehr zu verlieren hat?

    Außerdem zum Dritten: Die da oben – ein Teil davon wenigstens – brauchen doch Empfänger ihres karitativen Wohlwollens. Auch Elitenangehörige wollen gute Menschen sein. Also brauchen sie dankbare Arme, die vor Glück strahlen, wenn ihnen von oben herunter etwas Gutes getan wird.

    Aus diesen Gründen kann man davon ausgehen, dass keine Eliminierung der Unnützlichen, sondern nur eine Marginalisierung auf dem Plan steht.

    Die Unnützlichen haben eben doch auch ihren unverzichtbaren Nutzen.

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  7. genova68 schreibt:

    Stimmt, IG.

    „Eliminiert man das untere Drittel, ist nun peinlicherweise das mittlere Drittel unten, und die oben sind nicht mehr so hoch oben wie vorher. “

    Das ist auch interessant. Eine Gesellschaft, die von ihrer ganzen Ausrichtung – ökonomisch wie ideologisch – immer ein unteres Drittel braucht, das dann absteigt (deshalb lieben wir ja die Bundesliga so), kann eben ohne dieses Drittel nicht leben. Bestenfalls kann man es in ein Viertel oder Fünftel umwandeln.

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