„Vielleicht Pappeln“

„Die Beiräte sind übereinstimmend der Meinung, das wenig ansprechende Gebäude der Brenzkirche müsse durch einige grössere Bäume (vielleicht Pappeln) abgedeckt werden“

Das schrieb die Stadt Stuttgart 1938 über die moderne Brenzkirche. Eine bestimmte Architektur wird als Schandfleck definiert und durch „Natur“ überdeckt. Lebensunwerte Häuser sozusagen. Vielleicht Pappeln, Kastanien sind effektiver, siehe Berlin: Kaum ein innerstädtischer Kiezplatz, der nicht zugewuchert ist mit Gestrüpp und ca. 30 Meter hohen Bäumen. Drunter ist es nicht schattig, sondern duster. Man nimmt den Platz also gar nicht mehr wahr, weil man die städtebaulichen Begrenzungen nicht sieht. Man hat weder Über- noch Durchblick. Kein Raumgefühl, alles zugedeckt. Spazieren gehen, sich bewegen auf dem Platz als Teil einer Stadt ist nicht möglich, weil der Platz fürs Individuum nicht mehr existiert. Es existieren nur noch visuell streng abgegrenzte Bereiche im Dickicht: Hier der Spielplatz, dort die Rentner, ganz hinten der Trinkertreffpunkt. Alle voneinander streng abgeschirmt.

Was machen eigentlich die Plätze in italienischen Städten aus, die doch auch deutsche Touristen ganz toll finden? Was ist mit der Piazza del Campo in Siena oder dem Hauptplatz in Lucca (Bild)? Unvorstellbar, stünden dort Bäume über die Dächer hinaus. Woher kommt das fast zwanghafte Verhalten in Berlin, vor möglichst jedes Haus einen Riesenbaum zu stellen, sodass man in den Wohnungen auch mitten im Sommer ganztägig künstliches Licht braucht? Die gemäß dem gesunden Berliner Volkswillen auszusprechende Strafe gegen den Baumfällforderer liegt gefühlt nahe dem Genickschuss.

Jetzt soll der Gendarmenmarkt umgebaut werden. Eines der üblichen reaktionären Bauvorhaben, um DDR-Geschichte auszulöschen. Der gerade aufblühende Protest richtet sich aber nicht gegen diesen Aspekt, sondern gegen die Absicht, dort Bäume zu fällen.

Ähnlich verklärt agiert die Initiative Mediaspree versenken, die sich kritisch mit der Investorenbebauung an der Spree auseinandersetzt. Mediaspree versenken will einen breiten, frei zugänglichen Uferstreifen und befürchtet Gentrifizierungstendenzen in den angrenzenden Kiezen, natürlich völlig zurecht. Aber gleichzeitig fordern sie, dass die neuen Gebäude nicht höher als 20 Meter werden dürfen, Berliner Traufhöhe also. Was ist gegen ein Gebäude einzuwenden alleinig wegen einer Höhe von 40 oder 60 Metern?

Es ist dieser komische deutsche Romantikbezug, der Städte nur als notwendiges Übel sieht, also am besten hinter Bäumen verstecken. Schon die Nazis kannten die Funktion der Unschuld von Natur, mit der man das Andere bedeckt und damit entfernt. Heute sind sich da der Schrebergärtner mit dem 36er Akademikeröko und dem Gothic-Freak einig, mit mainstreampolitischer Absolution, weil man so ja auch was tut gegen den Klimawandel.

Gestrüpp vorm Haus als banalisierte Form vermeintlicher Sehnsucht zur Natur, rationalisiert als ökologisch korrektes Verhalten. Schnell weg nach Lucca.

(Foto: Wikipedia)

Dieser Beitrag wurde unter Alltagskultur, Architektur, Berlin, Rechtsaußen abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu „Vielleicht Pappeln“

  1. HF schreibt:

    Nicht von einem Extrem ins andere fallen – zuwuchern ist sicher falsch, aber keine Bäume in der Stadt ist selbst in Italien sehr, sehr selten.
    Die Plätze zuwachsen lassen ist Unsinn – die Bäume sollten Teil des Gesamtkonzeptes sein und würden dann nicht den negativen Effekt erzielen, der im Artikel bedauert wird.

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  2. hartmut schreibt:

    Zwitscher ab nach Lucca, lieber Genova, es sei Dir gegönnt (ich kann nicht, ich bin gerade restlos pleite ;-) ). Wie immer interessante Gedanken über Architektur.

    „Schon die Nazis kannten die Funktion der Unschuld von Natur, mit der man das Andere bedeckt und damit entfernt. Heute sind sich da der Schrebergärtner mit dem 36er Akademikeröko und dem Gothic-Freak einig, mit mainstreampolitischer Absolution, weil man so ja auch was tut gegen den Klimawandel.

    Gestrüpp vorm Haus als banalisierte Form vermeintlicher Sehnsucht zur Natur, rationalisiert als ökologisch korrektes Verhalten. “

    Genau so isset. Allerdings möchte ich schon dazu sagen, dass ich persönlich Blumen und Gärten über alles liebe. Hoffentlich eröffnen irgendwelche Feld- Wald- und Wiesendekonstrukteure jetzt keinen flamewar gegen mich, in welchem mit stringent und unter Einbeziehung neuester transgender-Aspekte nachgewiesen wird, ein BluBo-Heini zu sein… (okayoaky, der musste jetzt sein!).

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  3. genova68 schreibt:

    lol. Ich bin aber auch pleite und werde mich deshalb weiter im Gestrüpp verheddern.

    Nur Extremeinstellungen fallen überhaupt noch auf, lieber HF.

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  4. HF schreibt:

    @genova68
    Ja dann – tun wir es extrem! ;-) (Nutzt sich aber auch irgendwann ab)

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  5. DJ Tüddel schreibt:

    Von wegen Mediaspree versenken und so: Ich kann hier nur für diejenigen in dem Initiativkreis sprechen, die das Investorenvorhaben Mediaspree ablehnen, weil es undemokratisch ist, die Privatisierung öffentlicher Güter vorantreibt und via kommerzieller Aufwertung zum Problem für die einkommensschwachen Bewohner_innen der umliegenden Kieze wird. Mal grob vereinfacht jetzt.

    Eine Konsequenz aus dieser Analyse war, Mediaspree stoppen zu versuchen. Und da Bürgerbegehren an dieser Stelle nur schwer einhaken können, wurde das Baurecht als Hebel gewält: Möglichst wenig Bebauung zulassen, um das Projekt Mediaspree so wenig lukrativ wie möglich zu machen. So erklären sich die taktischen Mittel 50m-Baufreiheit, 20m-Traufhöhe und Verzicht auf Hochhäuser.

    Warum einige Versenkungs-Aktivist_innen diese taktischen Mittel dann irgendwann wortwörtlich nehmen mussten, ist mir selbst eher unbegreiflich und intern immer wieder kritisiert worden.

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  6. genova68 schreibt:

    Warum einige Aktivisten diese taktischen Mittel wortwörtlich genommen haben, hängt wohl mit dem im Artikel Erwähnten zusammen: deutsche Romantik, Städte als Übel, zurück zur Natur mit C. D. Friedrich. Danke für den Hinweis, dass es ursprünglich taktische Bewandnisse hatte, die Einschränkungen zu fordern. Es stellt sich die Frage, wieso man keine ernstzunehmenden Einwände gegen das Projekt erheben darf aus sozialen Gründen, also aus denen, um die es ja real geht (Gentrifizierung etc.)

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