Vom „falschen, verdrehten Bewusstsein“

Nichts Neues, aber ungemein prägnant auf den Punkt gebracht. Der Adorno-Schüler Oskar Negt im Spiegel:

„Die gegenwärtig vorherrschende Form des falschen, verdrehten Bewusstseins, das, was ich die Ideologie betriebswirtschaftlicher Rationalisierung mit ihrer Umverteilung nach oben und dem Sparzwang nach unten nenne, läuft den traditionellen Emanzipationsidealen von Aufklärung, Gerechtigkeit, Solidarität, Gleichheit zuwider. Dieser verkürzte, auf Anpassung an das Bestehende ausgerichtete Realitätssinn höhlt die politische Moral aus und gefährdet damit das Fundament unserer Demokratie.“

Dem Marxschen „falschen Bewusstsein“ fügt Negt „verdreht“ hinzu. Sicher eine Folge der Postmoderne: Wer traut sich heute noch, kommentarlos von „richtig“ und „falsch“ zu sprechen?

Postmodern ist es auch, dass der Spiegel ohne zu Zögern einen fundamentalen Kritiker wie Negt ausführlich zu Wort kommen zu lassen und im nächsten oder übernächsten Artikel genau den neoliberalen Blödsinn zu fordern, den Negt kritisiert.

Alles ist möglich. Nichts hat Konsequenzen.

Man könnte sich ja eh mal fragen, wieso der ganze neoliberale Nonsense kurz nach Achtundsechzig wieder ausbrach, mit Bretton Woods und Pinochet und Reagan und Thatcher und rotgrün undundund bis zum von Negt erwähnten vorläufigen Höhepunkt der 480-Milliarden-Bankenrettung?

Alles im Angesicht der Adorno-Schüler.

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5 Antworten zu Vom „falschen, verdrehten Bewusstsein“

  1. frank peso schreibt:

    fand ich auch ausgesprochen gut. garnicht adornisch. menschlich.

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  2. chriwi schreibt:

    Ich finde erschreckend, dass knapp 80% streng genommen zu den Verlieren zählen, aber dennoch eine Mehrheit dieser Verlierer die Verursacher der Misere direkt oder indirekt unterstützen (Wahlen, Bildzeitung kaufen, gegen Arbeitslose am Stammtisch hetzen, etc.). Eigentlich ist das in meinen Augen absurd.

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  3. Nihilist schreibt:

    @ chriwi

    diesen 80 % geht es aber nicht gleich schlecht. Es gibt Abstufungen. Bewusst nach dem Motto – Teile und Herrsche – und so lange man noch Menschen sieht, denen es schlechter geht, so lange tritt man nach unten und buckelt nach oben. Jedenfalls wenn man seinen Gerechtigkeitssinn ausschaltet.

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  4. InitiativGruppe schreibt:

    Wieso identifiziere ich mich spontan eher mit den Verlierern? – Das ist ja nun eher die Ausnahme auf dieser Welt, wie es scheint: Die meisten Menschen neigen von vorne herein dazu, sich mit den Siegern zu identifizieren. Und wenn das auf ihre eigenen Kosten geht, merken sie es nicht, weil sie es nicht merken wollen oder weil es leicht ist, in dieser Hinsicht abgelenkt zu werden.

    Ist diese spontane Identifikation mit dem Sieger (= das „falsche“ Bewusstsein) nun eine anthropologische Konstante oder Produkt der Gesellschaft und insofern variabel? (Hat uns die Natur so gemacht – oder die Gesellschaft? Gibt es Gesellschaften, in denen es eher normal ist, sich mit dem Verlierer zu identifizieren?)

    Die meisten sind Rechtshänder, aber manche sind Linkshänder.
    Die meisten sind heterosexuell, aber manche sind homosexuell.
    Die einen neigen von „Natur“ aus zu Inklusion, die andern zu Exklusion.

    Da hat man nicht die Wahl. Im ersteren Fall ist es genetisch, in zweiten wohl nicht, aber doch so fixiert, dass es unveränderbar ist. Im dritten könnte ich mir sozialen Einfluss vorstellen, der die Orientierung ändert, trotz der vorgängigen Fixierung auf die eine oder andere Orienteirung.

    Wie verhält sich das nun bei der Identifikationsfrage Sieger-Verlierer? Kann man Menschen, die nicht von vorne herein schon dazu neigen, dazu bringen, sich als Teil der Verlierer zu sehen – und dass es klug ist, sich so zu sehen, wenn es nun mal auch der Fall ist; klug deshalb, weil dadurch solidarisches Handeln möglich wird?

    Könnte es sein, dass in den Zeiten der rabiaten Individualisierung das Verständnis für solidarisches Handeln schwindet und man sich deshalb nicht mehr retten kann in die Aussicht, durch solidarisches Handeln eine Niederlage zu überwinden – also darauf angewiesen ist, seine Ehre und seine Aussichten dadurch zu retten, dass man sich auf die Seite der Sieger schlägt?

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  5. genova68 schreibt:

    IG,
    lauter interessante Fragen. Die Identifikation mit dem Sieger oder nicht: Kann man das so ausschließlich beantworten? Ich würde auch spontan sagen, dass ich mich eher mit Verlierern solidarisiere, aber nicht unbedingt identifiziere. Da hat wohl jeder Anteile, beim einen ist der eine Aspekt stärker ausgeprägt, beim anderen der andere. Das ist auf alle Fälle gesellschaftlich bedingt, vielleicht aber auch mit anthrophologischen Anteilen.

    Dein letzter Absatz ist wahrscheinlich der springende Punkt: Je unsozialer die Verhältnisse werden, desto weniger Bereitschaft zum sozialen Handeln besteht. Hat etwas von der kapitalistischen Logik: Wer schon hat, dem wird gegeben. Und umgekehrt.

    Ein nettes Video, entfernt zum Thema:
    http://endlessgoodnews.blogspot.com/2010/08/willkur-des-staates.html

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