Neues aus Scheißland

Nur, falls mal wieder jemand was vom ausufernden Sozialstaat faselt: Mittlerweile arbeiten 20 Prozent der Menschen in Deutschland für Niedriglöhne, schreibt die FAZ:

„Insgesamt 6,55 Millionen Arbeitnehmer sind in Deutschland im Niedriglohnsektor tätig – so viele wie nie zuvor. Das hat das Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) berechnet. „Kein anderes Land“ habe in den vergangenen Jahren ein derartiges Wachstum des Niedriglohnsektors erlebt, sagen die Studienautoren…

In europäischen Nachbarländern sei der Niedriglohnanteil in den vergangenen Jahren deutlich niedriger gewesen, teilte das IAQ mit. In Frankreich hätten im Jahr 2005 rund 11,1 Prozent der Beschäftigten einen Niedriglohn bekommen. In Dänemark läge der Niedriglohnanteil bei 8,5 Prozent.“

Die fleißigste Exportweltmeisternation, gleichzeitig das effektivste Menschenschinderland, in dem man stolz ist auf die geringe Zahl der Streiktage.

Der deutsche Sonderweg ist aktuell, nach wie vor.

Älteres zum Thema „Deutschland einig Scheißland“ gibt es hier.

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Dieser Beitrag wurde unter Deutschland, Kapitalismus, Neoliberalismus, Wirtschaft abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

22 Antworten zu Neues aus Scheißland

  1. hanneswurst schreibt:

    Die Arbeitslosigkeit liegt in D momentan bei 7%, F 10%, DK 6,6%. (http://epp.eurostat.ec.europa.eu/tgm/table.do?tab=table&language=de&pcode=teilm020&tableSelection=1&plugin=1)

    Das IAQ schreibt, dass der Niedriglohnsektor auch durch die gesunkene Arbeitslosenquote in D gewachsen ist, F steht also mit 10% Arbeitslosen nicht unbedingt besser da; Zahlen werden nicht genannt und ich konnte auch auf Eurostat nichts finden. Ich suche schon lange eine aussagekräftige Statistik über die Einkommensverteilung (EU / weltweit) – wer kennt was?

    Gründe für das gute Abschneiden der Dänen könnte unter anderem sein, dass die Arbeitgeberanteile zur Sozialversicherung ca. 45% niedriger sind als in D (http://epp.eurostat.ec.europa.eu/tgm/table.do?tab=table&init=1&language=de&pcode=tps00114). Auch mit restriktiverer Migrationspolitik und Abwendung von ökologischen Manifesten kann der Niedriglohnsektor verkleinert werde – ohne dass ich behaupte, dass die Dänen das tun. Dies soll nur verdeutliche, dass eine gesunde Lohnstruktur ein wichtiges, aber nicht das einzige gesellschaftliche Ziel ist.

    Die IAQ Studie arbeitet mit Zahlen bis 2008 und statuiert, dass der Anteil des Niedriglohnsektors seit 2006 unverändert ist – Auswirkung der Krise noch nicht bekannt.

    Ich wünsche mir die Einführung von Mindestlöhnen, es gibt dann aber voraussichtlich einen großen Mindestlohnsektor, der knapp an Hartz IV grenzt. Mindestlöhne in der EU: http://epp.eurostat.ec.europa.eu/tgm/table.do?tab=table&init=1&language=de&pcode=tps00155

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  2. genova68 schreibt:

    Hui, eine Menge Material. Das ist eine riesige Diskussion, klar. Ich ziehe mich da erstmal ganz bequem auf Grundsätzliches zurück:

    Eine halbwegs gerechte Gesellschaft vermeidet extreme Lohnspreizungen, wo man dann T. Albrecht hat und Niedriglöhner. Da geht es auch um Menschenwürde. In Dänemark ist die Abgabenquote bekanntlich viel höher, das Arbeitslosengeld liegt bei fast 100 Prozent des letzten Lohnes. Die sind einfach sozialer organisiert und es gibt wohl weniger neoliberale Arschlöcher in den Medien, die den Leuten ständig erzählen, dass es zum Sozialdarwinismus keine Alternative gibt. Warum das so ist, weiß ich nicht, da fehlt wohl der Sonderweg.

    Es geht mir um das unglaubliche Tempo, mit dem sich eine einst sozialstaatlich gefestigte Gesellschaft sozialdarwinistisch abwirtschaftet.

    Mindestlöhne und Hartz IV: Wir hatten das Thema ja kürzlich am Telefon: Die Mindestlöhner sind meiner Einschätzung nach unentbehrlich: Putzfrauen, Zimmermädchen, Wachleute, Gastronomie etc. Es ist schlicht eine Frage des Drucks, all diesen Leuten mindestens zehn Euro pro Stunde zu bezahlen. Würden die sich wehren, streiken, hätten die das Geld innerhalb von 24 Stunden. Die sind viel zu wichtig. Deren Bezahlung hängt schlicht von ihrem mangelnden gewerkschaftlichen Organisationsgrad ab.

    Mir gehen diese pseudorationalen Argumente mittlerweile auf den Sack: Ein Land wie Deutschland ist natürlich in der Lage, jedem einen Lohn von mindestens zehn Euro pro Stunde zu bezahlen. Das muss der Ausgangspunkt sein. Dann stellt sich nur noch die Frage, wie das gesellschaftlich am besten organisiert wird.

    Wer behauptet, das sei nicht möglich, unterschreibt gleichzeitig die Bankrotterklärung dieses Wirtschaftssystems. Nicht mehr und nicht weniger. (Aber da bin ich natürlich auch empfänglich.)

    Alleine der gigangtische technologische Fortschritt der vergangenen 20, 30 Jahre: Was soll der, wenn er nicht den Menschen zugute kommt?

    Schluss mit der technokratischen Argumentation.

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  3. genova68 schreibt:

    Noch was zu den Zahlen: Die Arbeitslosenquote liegt nach jahrelangen statistischen Manipuiationen bei 7 Prozent. In Wahrheit liegt sie bei deutlich über zehn Prozent (und wenn ich alle Leute einrechne, die an „Projekten“ arbeiten, aber in Wahrheit von Papi finanziert werden, sind es wohl eher 20 Prozent). Von dieser Zahl sollte man ausgehen, sonst macht man sich zum Büttel der Neoliberalen.

    Inwieweit die Zahlen in DK und F frisiert sind, weiß ich nicht.

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  4. hanneswurst schreibt:

    Ich kenne kein belastbares Material. Eine Statistik der Bevölkerungsstruktur und deren Einkommen im Vergleich zum Durchschnittseinkommen würden weiterhelfen. Da könnte man überprüfen, in welchem Maß Armut zunimmt. Ich lese immer nur so etwas wie in diesem FAZ Artikel, oft noch politisch gefärbt (was hier nicht der Fall ist). Eine einfache Studie der Einkommensentwicklung über die letzten 50 Jahre, das wäre was.

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  5. genova68 schreibt:

    Was du mit „Einkommensentwicklung“ bezeichnest, meint wahrscheinlich die Lohnquote, also den Anteil, den Arbeitnehmer von dem bekommen, was insgesamt erwirtschaftet wurde. Die Grafiken sprechen Bände:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Lohnquote

    Und selbst das ist noch geschönt, denn es gibt ja einen gewichtigen Teil besserverdienender Angestellter, die ihre jährlichen Zuwächse haben, nach wie vor. Die weiter unten würden in der Statistik noch viel stärker abstürzen. Dazu kommen weiter Belastungen wie die nicht mehr paritätische Krankenversicherung, die aufgezwungene private Rentenversicherung, die ja vom Nettolohn abgeht, Eigenleistungen bei den Krankenkassen etc. Die Verteilung von unten nach oben läuft ja seit vielen Jahren massiv, das bestreitet eigentlich niemand mehr.

    Interessant auch, dass Maschmeyer von AWD jetzt ganz offiziell mit dem Ex-„Wirtschaftsweisen“Rürup, der schon immer Befürworter der Privatrente war, eine „Beratungsgesellschaft“ gegründet hat, um jetzt die ganze Welt mit der privaten Rente zu beglücken: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/koepfe/neue-beraterfirma-maschmeyer-und-ruerup-stuerzen-sich-ins-abenteuer;2499877

    Es geht seinen Gang. Was mich daran interessiert ist, wieso mal wieder ausgerechnet in Deutschland diese neoliberale Politik so durchstarten kann. Es gibt, wenn ich glaubwürdigen Leuten glaube, europaweit kein Land, in dem so viele neoliberale Flachpfeifen als Wirtschaftsexperten anerkannt sind. Pfeifen, die nachweislich korrupt sind.

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  6. InitiativGruppe schreibt:

    „Ihr versteht ja nicht, worum es wirklich geht. Wer Arbeit finden will, findet sie, wer sich bilden will, bildet sich, wer gut bezahlte Arbeit kriegen will, muss eben ehrgeizig und findig sein, dann kriegt er sie. Jeder ist seines Glückes Schmied. Wenn Theo Albrecht Milliardär werden konnte, dann eben, weil sein Wille dazu stark genug war und weil er alles gut gemacht hat. Es liegt immer an jedem einzelnen, da soll sich mal keiner rausreden. Wer arm ist, ist selber schuld. Wer ungebildet und schlecht ausgebildet ist, ist selber schuld. Deutschland bietet dem Tüchtigen alle Möglichkeiten zum Erfolg. Der Erfolg zeigt dann eben, wer tüchtig ist, und der Misserfolg zeigt, wer untüchtig ist. Das ist nicht Sozialdarwinismus oder Neoliberalismus, Leute, das ist gesunde Moral. Jeder ist frei, das beste aus seinem Leben zu machen, und wer zu dumm und zu faul dazu ist, dem geschieht es recht, wenn er wenig verdient. Und er sollte froh sein, dass er über irgendwelche Sozialtransfers überhaupt etwas bekommt. Verdient hat er es eigentlich nicht. Aber man ist ja nicht so, man hat ja doch auch ein soziales Herz. So, und jetzt, genova und hanneswurst, Schluss mit der sozialistischen Jammerei! Fordert die Leute auf, fleißiger zu arbeiten! Fordert sie auf, flexibler in der Suche nach Arbeit zu werden. Da liegt eure Pflicht. Nicht darin, für die Versager und die Unfähigen Ausreden zu erfinden.“

    Puuuh. Ich musste mir das einfach mal von der Seele reden, nach so viel Sozialismus von euch.

    Aber nun mal Sarkasmus beiseite, was ist es, das so viele gerade auch junge Leute anfällig macht für diese individualisierende und moralisierende Art der Weltbetrachtung? Nehmen wir mal an, wir drei stünden in einem öffentlichen Wettstreit jemandem gegenüber, der in allem Ernst so wie ich oben (als advocatus diaboli) argumentieren würde – weitaus mehr Menschen würden sich von dieser individualistischen, libertären, moralistischen Perspektive angesprochen fühlen als von unserem Blick auf die Strukturen und System der Ungerechtigkeit.

    Ich habe das Gefühl, die aktuelle Mentalitätsentwicklung zieht mir den Teppich unter den Füßen weg.

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  7. HF schreibt:

    @Initiativgruppe
    Dieser Mentalitätswandel wurde systematisch während der letzten Jahre/Jahrzehnte betrieben – nicht nur von der FDP und Teilen der CDU – damals, als Schröder&Co. gewütet haben, kam viel zu wenig Protest.

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  8. genova68 schreibt:

    Dieser Mentalitätswandel hat wohl damit zu tun, dass der Neoliberalismus jahrelang mit der Begründung auftrat, die niedrigeren Löhne etc. seien nun mal notwendig, weil sonst die bösen Ausländer (Chinesen, Polen etc.) uns die Arbeit wegnehmen. Man tat also so, als vertrete man die wirtschaftliche Vernunft, und wer dagegen argumentierte, der war Sozialromantiker, hoffnungslos realitätsfern, heute hängt einiges davon im Begriff des Gutmenschen drin.

    Wer in den 90ern sozialisiert wurde, ist eh nur bedingt zurechnungsfähig: Zuerst immer nur „Deutschland über alles“, dann nur noch „Deutschland hat fertig“. Da ist eine ausgeprägte Ellenbogenmentalität herangezüchtet worden.

    Bemerkenswert finde ich ja auch, dass die ursprüngliche Argumentation, weswegen niedrigere Löhne nötig seien (ansonsten Arbeitsplatzverlagerung), ad absurdum geführt wurde, denn die Niedriglohnsektoren in Deutschland sind nicht auslagerbar (Briefträger, Zimmermädchen, Wachdienste).

    Dazu kommt, dass die Staatsschulden nach einem Jahrzehnt neoliberaler Politik höher sind als je zuvor, obwohl das doch gar nicht sein dürfte.

    Besser konnte sich das Kapital nicht entlarven, aber es merkt kaum einer. Die neoliberale Zurichtung der Hirne und Seelen funktioniert.

    Auch interessant, dass sich Schröder seinerzeit ganz offen zu seinem Ziel bekannte, diesen Niedriglohnsektor zu schaffen:

    Auf dem World Economic Forum 2005 sagte er:

    „…wir haben unseren Arbeitsmarkt liberalisiert. Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt“

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  9. Mrs. Mop schreibt:

    Tach.

    „Mindestlöhner sind unentbehrlich: Putzfrauen, Zimmermädchen, Wachleute, Gastronomie etc.“: korrekt.
    „Es ist schlicht eine Frage des Drucks, all diesen Leuten mindestens zehn Euro pro Stunde zu bezahlen“: korrekt.
    „Würden sie sich wehren, streiken, hätten die das Geld innerhalb von 24 Stunden“: korrekt.
    „Deren Bezahlung hängt schlicht von ihrem mangelnden gewerkschaftlichen Organisationsgrad ab“: Stimmt zwar, ist aber zu „schlicht“ gedacht und leider nur die halbe Wahrheit, denn man kann sich auch ohne gewerkschaftliche Organisation wehren – jedoch:
    „Die neoliberale Zurichtung der Hirne und Selen funktioniert“: korrekt. Du glaubst doch nicht, dass der neoliberale mindfuck vor den Hirnen der Niedriglöhner haltmacht? Das ideologische Geschwür frisst sich bis ganz nach unten durch: Wer dauernd wie der letzte Dreck behandelt wird, dessen Selbstwahrnehmung bleibt davon nicht unberührt. Da hilft im Zweifelsfall auch keine Gewerkschaft mehr. Wer sich selbst wie der letzte Dreck fühlt, ist wenig geneigt, mit der Faust auf den Tisch zu hauen. Und so schließt sich der unselige Teufelskreis.

    Ich darf das sagen. Ich bin vom Fach.

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  10. unbequemer schreibt:

    Nun denn, als 1951er habe ich das Glück gehabt, 1968 und die Folgejahre zu erleben.

    Mehr Demokratie – ja, dafür habe ich gestimmt, mit meiner ersten Wahlstimme. Soziale Gerechtigkeit, nur so kann eine Gesellschaft auf Dauer funktionieren.

    Und da ist die Vorbildfunktion wichtig. „Die da Unten“ schauen eben auf „die da Oben“, und machen alles nach. Das „Sprichwort“, der Fisch stinkt vom Kopfe her, hat schon seine Berechtigung.

    Nachmachen hat schon (meines Wissens) die Tapeten geschaffen (hab ich mal gelesen). In den Ritterburgen war es saukalt, deswegen wurden dicke Wandbehänge … und die „neureichen Bürger“ konnten sich das nicht leisten, so nahmen sie buntbedrucktes Papier … das sich dann weiter und weiter verbreitet hat.

    Wie war das noch – wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, mit Geld, das wir nicht haben (Kredit), um Nachbarn zu beeindrucken, die wir nicht mögen.

    In einem Film – Titel vergessen – der in Indien spielte, unterhielten sich zwei Briten, über Reichtum. Der Ältere erklärte, für die Anderen, er breitete seine Arme aus, bin ich so Reich.

    Da passt auch die Geschichte über das "Hemd eines Zufriedenen" – hoffe mal, sie ist allgemein bekannt.

    Da müssen wir uns, jeder für sich im stillen Kämmerlein, einmal an die eigene Nase fassen, und fragen, was brauche ich wirklich.

    Zufriedenheit ist eben nicht vom Besitz abhängig, Gerechtigkeit aber schon.

    (Genova – den letzten Satz hab ich in meiner Klageschrift vor dem SG auch benutzt, um das ALG-2 als Mittel der von der Politik gewollten Unterdrückung der Arbeitnehmer zu belegen.)

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  11. chriwi schreibt:

    George Carlin hat es passend beschrieben. Die herrschende Klasse schürt die Unterschiede, so das sie ihr Geld auf die Bank bringen können und der Rest sich gegenseitig zerfleischt. So lange man sich an Unterschieden aufhängt, die Bild Zeitung gegen Arbeitslose, Rentner mobil macht werden die meisten eben nach unten als nach oben schauen, um ihrem Unmut Luft zu machen. Was die Mehrheit der Menschen nicht verstehen will ist, dass die Gesellschaft ohne Reiche auskommen würde, ohne die Armen die arbeiten aber nicht.

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  12. hanneswurst schreibt:

    Ich möchte mich der allgemeinen Anklage nicht anschließen. Ich kenne zu viele Leute, mich selber eingeschlossen, die von den Hippie-Allüren der 70er und den Punk-Allüren der 80er stark beeinflusst wurden. Die Leitlinien meiner Elterngeneration (wir sind wieder was, haste was biste was, schaffe schaffe Häusle baue) hatten auf mich keinen Einfluss. Angesagt war eine leistungsverneinende Haltung. Im Grunde bin ich heute noch so, Arbeit ist nur Notwendigkeit. Der Kommerz-Revival in den 80ern und die Yuppie-Kultur haben mich wenig beeinflusst.

    Studiert wurde Geschichte, Politik, Philosophie, Germanistik oder irgendein anderer brotloser Scheiß, oder man versuchte sich als Studienabbrecher irgendwie durchzumauscheln. Irgendwann dann entweder ein Jobchen, eine prekäre Form der Selbstständigkeit oder Hartz IV und ein bisschen Schwarzarbeit. Dazu wird typischerweise noch Jahrzehnte durchgekifft und möglichst verantwortungsfrei dahinexistiert.

    Irgendwann, so mit 40, stellt man dann fest, dass Freunde und Bekannte aus früheren Zeiten zu den Besserverdienern gehören. Manche von ihnen waren noch nicht mal so schlimme Spießer in der Jugend, haben aber vielleicht nur fünf und nicht zwanzig Jahre lang gekifft, vielleicht wurden sie auch besser gefördert oder waren einfach nur selbstbewusster, fleißiger, erwachsener, „serious“.

    Wenn man es bemerkt, ist es meistens schon zu spät, in den Konzernen hast Du mit 40 eine leitende Position oder Du bleibst Unteroffizier. Dann geht das Gejammer los: scheiß Neoliberale, scheiß Luxus, scheiß Leistungsgesellschaft, scheiß Deutschland.

    Es wäre Irrsinn die Geschichte jedes Niedriglohnempfängers, jedes Arbeitslosen und jedes Selbstständigen im Präparat so erklären zu wollen. Ich beschreibe nur meine eigene Geschichte und die einiger meiner Freunde. Vielleicht ist der eine andere in einer schlechten wirtschaftlichen Situation so mutig und so ehrlich zu sich selber zuzugeben, dass es auch selbst zu verantwortende Gründe für den eigenen Pauperismus in seiner Biografie zugibt.

    Abgesehen davon will ich nicht abstreiten, dass es heute schwieriger ist als in den 70er Jahren, auf einen grünen Zweig zu kommen und dass es gesellschaftliche Tendenzen zu Saubermannhaftigkeit und Elitismus gibt, die es natürlich zu bekämpfen gilt. Irgendjemand wird den Kampf schon führen, ich bin zu „no future“ und „null bock“ – mäßig drauf.

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  13. genova68 schreibt:

    Hannes,
    erstens finde ich, dass du dich ziemlich falsch beschreibst. Wir kennen uns ja und ich erkenne dich in dieser Beschreibung überhaupt nicht wieder. Du bist ein Arbeitstier, auch wenn das nicht immer entlohnt wird. Leistungsverweigernde Haltung? Du? Abgesehen davon: Dieser Typus, den du beschreibst, gibt es, ja, aber was hat das mit dem Thema hier zu tun? Ich versuche ja gerade, diese persönliche Ebene zu vermeiden. Natürlich ist es möglich, dass ich mich über Luxus eher aufrege, wenn ihn nur andere Leute haben und nicht ich, dass ich dann eher gefrustet bin. Aber was hat das mit der niedrigentlohnten Putzfrau zu tun? Sagst du der, sie hätte sich früher mehr anstrengen sollen, dann wäre sie jetzt irgendwo im Management? Und wer putzt dann?

    Sich persönlich an die Nase zu fassen, ist schon richtig. Man kann sich persönlich dann vielleicht auch besser aus einer inakzeptablen Position befreien, aber als gesamtgesellschaftlicher Lösungsansatz ist das völlig unbrauchbar. Alle Putzfrauen werden Managerinnen oder wie?

    Über Luxus hat sich hier aber niemand beschwert, fällt mir gerade auf.

    Mrs. Mop, ja, wir sehen das wohl alles ähnlich.

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  14. hanneswurst schreibt:

    Klar, die hätte sich hochgeputzt! Herausgeputzt! Wenn sie nicht so viel gekifft hätte.

    Dass ich ein Arbeitstier (=Esel) bin, geht hier keinen was an, und ich kann ja wohl die Realität ein wenig augmentieren, solange das Ganze sinnvoll bleibt.

    Wundert mich, dass Du meinen Kommentar so gelassen hinnimmst, wohl weil Freitag ist.

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  15. genova68 schreibt:

    „Herausgeputzt“ ist sehr schön. Danke für das Wortspiel.

    (Wort zum Freitag)

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  16. InitiativGruppe schreibt:

    Zum „Mentalitätswandel“:

    Ob es wirklich die Politik war, die den „Mentalitätswandel“ bewirkt hat? War es nicht eher der „Mentalitätswandel“ selber, der die neoliberale Politik möglich gemacht hat, und seither geht beides Hand in Hand, verstärkt sich gegenseitig?

    Ich hab ja keine (mich selber) überzeugende Theorie hierzu. Ein „Mentalitätswandel“ hat aber grundsätzlich tiefer liegende Gründe, auch wenn politisch bewirkte Strukturveränderungen eine wichtige Rolle dabei spielen.

    Ich denke an eine Kombination folgender Faktoren:
    – Wohlstand, Konsumismusm, Hedonismus
    – extremer Individualismus
    – Überforderung durch ständigen rasanten Wandel als Folge revolutionär neuer Technologien
    – Überforderung durch Globalisierung, weltweite Vernetzung, globale Abhängigkeit
    – Überforderung durch zuviel Ablenkung, zuviel Verführung zum Träumen und virtuellen Abenteuern
    – Überforderung von immer mehr Leuten durch die verschärfte Konkurrenz, die höheren Arbeitsanforderungen, die wachsende Unsicherheit dadurch …

    Ja, diese Aspekte der Überforderung scheinen mir zentral, wenn man erklären will, warum die Leute heute vor einem so idiotischen Sermon, wie ich ihn advocatus-diabolisch von mir gegeben habe, die Knie beugen.

    Mal angenommen, ich läge mit diesen Faktoren einigermaßen richtig — was für politische Folgerungen müsste man daraus ziehen? Was könnte man dann TUN?

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  17. genova68 schreibt:

    Hi IG,

    zu dem Mentalitätswandel passt vielleicht der aktuelle Artikel, den ich gerade verfasst habe. Auf die Frage,was man tun kann, hatte ich leider noch nie eine plausible Antwort.

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  18. sap schreibt:

    Ich finde die Subventionen für die Lohndrücker unerträglich. Warum zur Hölle gibt es keinen Mindestlohn. So groß ist der Betrag, den die öffentliche Hand seit 2005 für die Aufstockung von Niedriglöhnen ausgegeben hat. Mit anderen Worten: Für 50 Milliarden Euro, die die Unternehmen an Löhnen sparten, sind die öffentlichen Hände – also wir Steuer- und Beitragszahler – aufgekommen, weil die Menschen von ihrem Einkommen sonst nicht hätten leben können.

    Siegfried Anton Paul

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  19. Micha W. schreibt:

    Gegen „Lohndrückerei“ ist prinzipiell gar nichts einzuwenden, wenn Hartz IV weniger Sanktionen, tendenziellen Zwang usw. aufweisen würde.
    Ein Grundeinkommen, sprich bedingungslos, meinetwegen auf LAG-II-Niveau (ganz grob, ohne tiefer gehende, wenn auch nötige Betrachtung) würde da einen guten Ausgleich bieten.
    Momentan ist es Ausbeutung … doch offenbar machen es eben viele mit. Was will man da tun? Maximal selbst anders machen, andere drauf hinweisen … und abwarten, vermutlich.

    Ein Mindestlohn bringt gar nichts, nur neue Ausgrenzung … und außerdem wird ein Mindestlohn schnell zum Maximallohn. Warum sollten sog. AG noch mehr zahlen, als einen Mindestbetrag???
    Sog. AN würden auch nicht mehr wechseln, denn überall gibt’s denselben Lohn zu wahrscheinlich denselben Arbeitsbedingungen … die nicht zwangsläufig besser als jetzt sein müssen.
    Es ist eine Frage der Struktur … Mindestlöhne werden meist nur in großen Komplexen gefordert – Linke, SPD, Gewerkschaften … und die Gegenseite macht genauso weiter wie bisher … ganz easy :)

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  20. genova68 schreibt:

    sap,
    dazu gab es kürzlich in der FR einen guten Kommentar:
    http://www.fr-online.de/politik/meinung/subventionen-fuer-die-lohndruecker/-/1472602/4551494/-/index.html

    Der Neoliberalismus will nur dann einen schlanken Staat, wenn seine Ausgaben nicht in den renditeorientierten privaten Säckel fließen.

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  21. Micha W. schreibt:

    Der Kommentar ist in der Analyse gut, die Lösung, z.B. wie dort vorgeschlagen, also Mindestlohn, führt m.E. zu nichts. Das sehe ich auch ganz neoliberal ;) … zumal es nicht an das Problem der Arbeitslosigkeit herangeht, sondern die Front zwischen AL und noch zu höheren Löhnen Arbeitenden verschärft. Mindestlohn hat eine ausgrenzende Wirkung.

    Ich verstehe die Argumentation mit dem „Mindestlohn=keine Lohndrückerei=bessere Lebensbedingungen= usw.“, doch es ist nunmal nicht von der Hand zu weisen, dass a.) Menschen für weniger Lohn arbeiten und b.) die Löhne in Polen und Tschechien meist geringer sind. Ob ich das nun gut finde oder nicht, ist eine andere Frage … es lässt sich kaum leugnen.

    Dass die Wirtschaft die Politik bestimmt, ist auch keine allzu neue Weisheit, dass Wähler ausschließlich nach dem eigenen Nutzen wählen auch nicht, dass sich Wähler dabei auch gern mal veralbern lassen ist auch keine Neuheit … und da nehmen sich die Parteien mit ihren Patentrezepten nicht viel.

    Ich bin durchaus auch der Ansicht, dass ein Mindestlohn nicht wirklich hilft. Dadurch werden nicht mehr Menschen angestellt, sondern eher die Arbeit auf die verlagert, die schon da sind. Folglich arbeitest du dann auch wieder unter ML, wenn du statt 40 eben 45-50 Stunden die Woche machst.
    Wenn’s dir nicht passt, dann darfst du gern gehen … so läuft das doch.

    Doch vielleicht braucht Deutschland diese Erfahrung … in Frankreich scheint es ja nicht nur positive Effekte diesbezüglich (ML) gegeben zu haben …
    http://www.wiwo.de/politik-weltwirtschaft/mindestlohn-schlechte-erfahrungen-im-nachbarland-157135/

    Ja, ich weiß, ist ’ne „neoliberale“ Seite ;) … lesen kann man sie dennoch – wenn man möchte :)

    Ich sehe nur in einer sanktionsfreien Grundsicherung, nenn’s BGE, und einer nach oben hin offenen Grenze (also keine Grenze ;)) Hinzuverdienstmöglichkeit eine Chance. Dann brauche ich auch keine bürokratischen Strukturen wie Gewerkschften, sondern verhandel mit dem sog. Arbeitgeber selbst. Wenn der Zuverdienst zu gering ist bzw. der Arbeit nicht angemessen, soll er sich jemanden anderen suchen … ganz einfach.

    Momentan macht die Wirtschaft ihr Ding, ganz easy. Sie wird subventioniert. Und der sog. Arbeitslose kann weiterhin als Sündenbock für die sog. Leistungsträger herhalten.
    Für mich verhindern die Mindestlohn-Forderer genauso wie die Wirtschaft eine wirklich Entwicklung … und der Politik ist’s im Grunde gleich. Sparen kann man immer … und natürlich zuerst unten, ist doch klar :)

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  22. Pingback: Ein Schweinegeld | Exportabel

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