Duisburg: Was der Schock positives bewirken könnte

Katastrophen haben immerhin einen Vorteil, wenn ich das so sagen darf: Manche Phänomene werden dadurch plötzlich auf einer Ebene diskutiert, die vorher nicht möglich gewesen wäre. Schocks können also zu konstruktiven Erkenntnissen führen. So auch in Duisburg, und das mehrfach.

1.

Die erste konstruktive Erkenntnis ist die, dass selbst der Bund der Steuerzahler mehr kann, als hyperventilierende Digitaluhren aufzustellen.

Er berichtet jetzt, dass der OB Adolf Sauerland bei einem Rücktritt sämtliche Pensionsansprüche verlieren würde, nicht nur die seiner bislang sechs Jahre dauernden Amtszeit als OB, sondern auch die seiner schätzungsweise 20 Jahre als Lehrer. Das kann Sauerland umgehen, wenn er abgewählt wird. Damit ist wohl die Frage geklärt, warum Sauerland nicht zurücktritt, sondern einfach wartet, bis der Rat der Stadt ihn rausschmeißt. Solange muss er halt untertauchen, weil ihm sonst ein rustikaler Duisburger einen Schlägel an den Kopf hauen könnte. DASS Sauerland auf dem Posten nicht weitermachen kann, ist ja klar. Der Rat der Stadt hat nun prompt angekündigt, Sauerland baldigst abwählen zu wollen. Der wird sich freuen.

Der Bund der Steuerzahler betreibt hier einmal Aufklärung im besten Sinn.

2.

Dass Journalisten in unvorhergesehenen Situationen schnell intellektuell überlastet sind, ist bekannt. In diesem Beispiel zeigt sich das daran, dass jetzt zwar alle Medien den Bund der Steuerzahler und den Pensionsausfall erwähnen, aber niemand in der Lage ist, das konkret darzustellen: „Verlust der Pensionsansprüche“ bedeutet, laut Steuerzahlerbund, Sauerland „verliert sämtliche Ansprüche auf Dienstbezüge und Versorgung“. Heißt das nun, dass Sauerland als Rentner bzw. Pensionär überhaupt kein Geld bekommt und Hartz IV beantragen muss? Er müsse sich dann „in der gesetzlichen Rentenversicherung nachversichern“, berichtet T-Online und erwähnt damit immerhin mehr als andere Medien. Schlau werde ich daraus aber auch nicht. Was heißt „nachversichern“? Die Beiträge der letzten 20 oder 30 Jahre nachzahlen? Kann es sein, dass Sauerland auch für seine 20 Jahre Lehrerdasein nun keine Pension bekommt? Sind Beamte diesbezüglich unterversorgt? Fragen, die Medien zumindest stellen müssten. Sie tun es nicht, weil Journalisten immer öfter lernen, scheinbar erklärende Begriffe zu verwenden, um sich damit ohne Recherche aus der Affäre zu ziehen. „Nachversichern“ klingt erstmal gut, verstehen tun das nur Versicherungsexperten.

3.

Die Besucherzahlen wurden während der Loveparade am Samstag Mittag mit einer Million und mehr angegeben. Jetzt kommt heraus, dass man intern nie von mehr als 200.000 bis 400.000 ausging und die Zahl hochjubelte, weil man die Loveparade nur so als Erfolg verkaufen konnte. Das hätte ohne die Katastrophe niemand zugegeben. David Schraven berichtet in dem hervorragenden Artikel in der WAZ außerdem, dass die Zahlen für Essen und Dortmund genauso hochhaushoch übertrieben gewesen seien. Konkret: Reale 300.000 in Dortmund statt der kommunizierten 1,6 Millionen. Nett, dass auch hier die Medien (inklusive der WAZ) in den vergangenen Jahren als plumpe Gehilfen stadtkommerzieller Interessen arbeiteten. Die Polizei, die ansonsten bei jeder Demo schnell mit niedrigen Teilnehmerzahlen dabei ist, spielte bei der Lügerei übrigens bereitwillig mit. Stadtmarketing als heilige Kuh.

4.

Auch nicht schlecht: Sauerland nimmt „rund 50 zum Teil gut dotierte Mandate in Aufsichts-, Verwaltungs- und Beiräten sowie Verbänden und Vereinen wahr“. Alleine bei nur zwei Treffen pro Jahr und Mandat wären das schon 100 Termine. Er war sozusagen Oberbürgermeister im Nebenberuf. Es wäre eine Gelegenheit, diese Form von Interessenskonflikten auf der kommunalen Ebene zu diskutieren, nicht nur, wenn Friedrich Merz seine Nebeneinkünfte nicht offenlegen will.

5.

Schließlich würde mich ja schon interessieren, wie eigentlich Eltern drauf waren, die ihr Kind 1955 noch Adolf genannt haben. In dem Jahr wurde Sauerland geboren. Und ob der Adolf deswegen in der Schule gehänselt wurde.

Auch solch eine Frage stellt man sich offenbar nur in katastrophalen Zeiten. Ein Schock als Auslöser von Nachhaltigkeit, wenn diesen Fragen nun konsequent nachgegangen würde. Die Behördenstrukturen in einer mittleren Großstadt, wo untere Sachbearbeiter ein Sicherheitskonzept für eine Massenveranstaltung unterschreiben können, wären hier ebenfalls offenzulegen. Interessant wäre das allemal. Der Begriff der Transparenz, der ansonsten nur im Zusammenhang von Corporate Social Responsibility gebraucht und somit in sein Gegenteil verkehrt wird, könnte sich hier entfalten.

Die langsame Verrottung öffentlicher, demokratischer, also selbstkritischer Strukturen ließe sich auch prima in einen Zusammenhang mit Politikverdrossenheit und neoliberaler Politik bringen.

Doch wahrscheinlich sind 130 beats per minute zu schnell dafür.

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8 Antworten zu Duisburg: Was der Schock positives bewirken könnte

  1. hanneswurst schreibt:

    Ob Sauerlands Eltern Ihren Sohn aus Familientradition oder trotziger Führerliebe „Adolf“ genannt haben, interessiert mich auch. Mich interessiert in diesem Zusammenhang alles Mögliche, zum Beispiel sein Kontostand, ob seine Alte ihn jetzt noch ranlässt und ob er einen eingewachsenen Zehennagel hat. Nur: das tut eigentlich nichts zur Sache. Sache? Ach ja, es geht um einen schrecklichen Unfall, der 21 Menschenleben gekostet hat. Natürlich ist es angenehmer, Sauerlands Wäscheschrank auseinanderzunehmen, als sich vorzustellen, wie schrecklich das Gefühl sein muss, in einer Menschenmenge so stark unter Druck zu geraten, dass der Brustkorb eingedrückt wird, Rippen brechen, Organe zerquetscht werden. Oder wie schrecklich es sein muss, als ein drückendes Subjekt neben einer Person zu stehen, die gerade an eben diesem Druck stirbt.

    Ich bin kein Experte, könnte mir aber vorstellen, dass ähnliche Unfälle auch auf dem Oktoberfest oder einem Kirchentag möglich wären. Aber Trauer ist heute nicht sehr angesagt, Mitgefühl und Angst sind verpönt, Wut und Entrüstung sind OK und werden wahlweise auf Bürgermeister, Veranstalter oder Ordnungshüter losgelassen.

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  2. genova68 schreibt:

    Angenehmer? Naja, ich äußere mich ganz bewusst nicht nur der eigentlichen Katastrophe, dazu fällt mir nichts schreibfähiges ein. Da ich nicht direkt betroffen bin, empfinde ich keine Trauer, die könnte höchstens medial vermittelt erzeugt werden, und dann wirds schnell finster (vgl. Robert Enke). Man könnte sich in Floskeln flüchten („Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen“), das ist auch nicht mein Ding.

    Trauer funktioniert nur direkt, persönlich, im Umfeld, alles andere ist gefaked. Zorn kann ich mir schon eher vorstellen.

    Dass jetzt einseitig der Bürgermeister und der Veranstalter in die Zange genommen werden, das sehe ich auch so.

    Zur Sache tut der „Adolf“ nichts, stimmt, das ist mir nur so nebenbei aufgefallen. Die restlichen Punkte tun sehr wohl was zur Sache.

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  3. unbequemer schreibt:

    Namen – ach ja – ich erinnere mich – da war es bei vielen Sitte, den Sohn nach dem Vater des Vaters zu nennen. Irre. Wenn ich da meine Ahnen betrachte … eine Zeit immer wieder abwechselnd zwei Namen, was hatte ich füe ein Glück, mal einen anderen Namen zu erhalten. Den hatte meine Mutter ausgesucht, gegen die Familientradition (ach bin ich froh das dieser Kelch an mit vorüber gegangen ist. Johannes, Heinrich, Johan-Heinrich – waren vorher die gängigen Namen)

    Aber wenn ich an die Namen meiner Enkelkinder denke – oh weh – Justin, Gin-Kai, Mary-Jane, Sarah-Lyn, Benjamin, Alexander, Dominic, Nena)

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  4. unbequemer schreibt:

    Erinnert mich an den Witz mit der Einschulung in Bayern.

    Lehrerin fragt die Kinder nach ihrem Namen. – Hannes, – Du wirst Hannes gerufen, aber dein Name ist Johannes, – Sepp – Du wirst Sepp gerufen, aber dein Name ist Josef – Achim – Du wirst achim gerufen, aber dein Name ist Joachim – kommt zögerlich vom nächsten Kind – Jokurt?

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  5. hanneswurst schreibt:

    @genova: Interessant dass Du Enke nennst. Bei einem Freitod gibt es nicht viele, auf die man draufhauen könnte. Deswegen standen die Person und ihr Tod im Vordergrund, das kann man besser oder schlechter als die dämliche OB Hatz finden. Ob Trauer nur im persönlichen Umfeld empfunden werden kann (und wie weit reicht dieses eigentlich) muss jeder selber erfahren. Wieso Zorn über Dinge, die mich genauso wenig direkt betreffen, besser funktionieren soll, verstehe ich jedenfalls nicht. Es ist nur einfacher, seinen Zorn zu outen.

    Die Frage ist doch selbst dann, wenn man dem OB eindeutige Fehleinschätzungen nachweisen kann: ist jetzt Gefahr im Verzug, wird der OB weitere Menschenleben gefährden? Wenn er Fehlentscheidungen zu verantworten hat, dann sollte dies behördlich festgestellt werden, bis dahin gilt die Unschuldsvermutung – egal welcher Partei dem Mann angehört. Das ist auch wichtig, um die richtigen Lehren aus so einem tragischen Vorfall zu ziehen. Es ist ja unglaublich, mit welcher Selbstgefälligkeit, mit welchem Pseudo-Expertentum und mit welcher Tendenzialität viele Medien solche Fälle (siehe auch Kachelmann) angehen.

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  6. genova68 schreibt:

    Hannes,

    Sauerland wird keine weiteren Menschenleben gefährden, aber ich kann mir gut vorstellen, dass sein Verhalten aus Sicht der Angehörigen eine Unverschämtheit darstellt: Er weist alle Schuld von sich, weil er nichts unterschrieben hat, das sagt der OB. Das ist völlig inakzeptabel, der Mann wurde immerhin gewählt.

    Dass Teile der Medien jetzt überziehen, sehe ich genauso, zumal bei den Regionalmedien sich ja die Frage der Mitverantwortung stellt, wie oben beschrieben.

    Mir ging die Medienshow bei Enke wesentlich stärker auf den Senkel. Trauer künstlich herbeizusenden, ist mindestens geschmacklos, ich halte es eher für eine Unverschämtheit, im eigentlichen Wortsinn, da es nur um Quote geht. Teile der Medien haben sich damals ja unfassbar ins Privatleben der Enkes eingemischt.

    Wer wie Trauer empfindet: Wenn ich die Opfer überhaupt nicht kenne, kann doch die Trauer nur in gewisser Weise künstlich sein, oder? Über Medien hergestellt. Die Vorstellung, dass jemand zerquetscht wird, ist das eine. Das Wissen, dass das einem Freund oder Angehörigen passiert ist, etwas ganz anderes. Denke ich, ich weiß es nicht.

    Auf den Zorn kam ich, weil ich zeitgleich beim Schreiben des Kommentars dieses Video sah:

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  7. InitiativGruppe schreibt:

    Wir sind uns schon einig darüber, dass Sauerland Verantwortung trägt, sich zu ihr bekennen und zurücktreten sollte, und dass seine öffentliche Flucht aus der Verantwortung gegen ihn spricht.

    Ich versetze mich aber auch in ihn hinein – und spüre so etwas wie Mitgefühl und Erschütterung. Was für ein tiefer Fall! Ich stelle mir vor, wie Sauerland einsam in seinem Wohnzimmer sitzt, die Hände vor dem Kopf – und heult.

    Was er da erlebt, ist ja noch schlimmer als Schuld. Es ist eine Art Vernichtung. Ein erfolgreicher, angesehener, stolzer Mensch – steht plötzlich vor dem – ideellen – Nichts.

    Dieses Nichts wird nicht gefüllt werden können durch die Pension, die er sich gerade mal rettet.

    Ehrlich, was macht man in so einer Situation? Was würde ich machen? Wäre ich stark genug, besonnen und fest zu bleiben?

    Sauerlands Verhalten ist strategisch, wo alle verlangen, er solle doch kommunikativ sensibel reagieren: Er gibt nichts zu – das hilft später vor Gericht; er tritt nicht zurück, wird sich aber abwählen lassen – das rettet ihm das Geld, das er bald brauchen wird.
    DARF er sich strategisch verhalten in seiner Situation?

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  8. genova68 schreibt:

    Ich kenne Sauerland nicht, insofern weiß ich nicht, ob er heulend im Wohnzimmer sitzt oder nicht. Sein strategisches Verhalten spricht gegen eine solche Einschätzung, aber darüber zu diskutieren ist müßig.

    Psychologisch betrachtet kommt da ja alles Mögliche in Frage: Er weist die Schuld von sich, weil er das Bewusstsein der Schuld nicht aushielte. Oder weil es juristisch sinnvoller ist. Oder finanziell. Keine Ahnung. Das habe ich mich ja auch gefragt bei der Berichterstattung und fand die Antwort in Bezug auf die finanziellen Folge die sinnfälligste.

    Schuld, Vernichtung, naja, ich würde das nicht so hoch hängen bei Sauerland. Ich bin immer dafür, die Täterperspektive einzunehmen, aber in diesem Fall gibt es ja viele Täter: Die gesamte Verwaltung, die mit der Loveparade beschäftigt war, das sind zig Leute, dazu die Veranstalter, und die Polizei versucht sich reinzuwaschen, indem sie darauf hinweist, dass sie bei einer solchen Privatveranstaltung keine Entscheidungsbefugnis hat. Andererseits hat sie bei der Manipulation der Besucherzahlen jahrelang mitgemacht (1,6 Millionen statt realer 300.000).

    Insgesamt findet da im Ruhrgebiet wohl eine Art Korruption statt. Die Verwaltungen sind verfilzt, die Medien machen mit. Bananenrepublik.

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