Vom Saft abstellen und Platten hören

Der Plattenladen meines Vertrauens ist umgezogen, von der Zossener Straße im hippen Bergmannkiez nach Neukölln. Grund: Der Vermieter hat die Miete um 100 Prozent erhöht, einfach so.

Das geht auch im rot-rot regierten Berlin. Wer stellt den Kapitalistenwixern, egal welcher Couleur, endlich den Saft ab? Damit wieder Platten gehört werden können?

„Die herrschende Klasse abschalten“, hieß das früher. Klingt mir zu martialisch, ist vielleicht aber unvermeidlich.

Danke im voraus.

Dieser Beitrag wurde unter Berlin, Gentrifizierung, Neoliberalismus abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

13 Antworten zu Vom Saft abstellen und Platten hören

  1. hanneswurst schreibt:

    Andererseits ist es ja ziemlich normal, dass sich so etwas wie ein Plattenladen stets nur in Vierteln halten kann, in denen die Miete günstig ist. Kann man froh sein, dass er weitermachen kann, nachdem die Mietlücke geschlossen wurde.

    Als alter ATTACler könntest Du auch mal etwas Konstruktives gegen die Gentrifizierung vorschlagen. Wie wäre es z.B. mit „AntiGen“, der Anti-Gentrifizierungs-Mietbeteiligung. Das funktioniert so: pro qm und Jahr zahlt der Mieter einen Euro auf ein Treuhandkonto. Das Geld wird mündelsicher angelegt.

    Am Ende der Mietdauer wird der Quotient aus Mietzins des Nachmieters und Mietzins bei Anmietung berechnet. Beispiel: Miete / qm bei Anmietung: 8 Euro, Miete des Nachmieters 16 Euro, Quotient = 2

    Das angehäufte Kapital wird mit diesem Quotienten multipliziert, der Zins abgezogen und der Gesamtbetrag an den Vormieter ausgezahlt.

    Beispiel: 65 qm, nach 10 Jahren 650 Euro eingezahlt, Zinsen (2%) 192 Euro. Miete ist in den 10 Jahren um 100 % gestiegen => 650 Euro * 2 = 1300 Euro, minus 792 Euro = 508 Euro. Das ist der Betrag, den der Mieter aufgrund der Mietpreissteigerung am Ende der Mietzeit zusätzlich aus der Tasche des Vermieters erhält (er erhält also 1300 Euro, wovon ein Teil Zins und ein anderer Teil vom Vermieter ist).

    Diese Regelung könnte von der Kommune als Verpflichtung eingeführt werden, wenn Mieter oder Vermieter die Regelung wünschen. Damit würde der Mieter ein wenig am Wert der Immobilie beteiligt, da er als Mieter ja auch zur Wertsteigerung beigetragen hat, zum Beispiel durch seine berühmten Flurwitze oder eine aufopfernde Mithilfe beim Straßenfest (Häkeldeckchen gefaltet). Wenn der Mietpreis nach unten geht, zahlt natürlich unter Umständen der Mieter eine Differenz an den Vermieter. Wenn er immer nur mit dem Campingstuhl vor dem Haus gesessen hat, Plauze raus, Bier in der Hand.

    Liken

  2. Nihilist schreibt:

    In meinem Heimatsort gab es mal einen derartigen Laden. Ich kann mich aber nicht mehr erinnern, wann der aufgegeben hat. So lange ist es schon her.

    Gelegentlich stehen aber auf Flohmärkten Anbieter von echten Platten.

    Liken

  3. Rainer schreibt:

    Dein Stil hat Biss und spricht mich an. Gute Texte.

    Liken

  4. genova68 schreibt:

    Meine Lösungsansätze wären: Enteignungen, Genossenschaften, oder in einem ersten Schritt die Begrenzung der Mieterhöhung auf die Inflationsrate. Ganz einfach.

    Rainer, danke :-)

    Liken

  5. hanneswurst schreibt:

    Gute Ideen, genova68, die man allesamt in den dann einzurichtenden Reservaten für Sozialhilfeempfänger realisieren könnte.

    Ich finde auch, ATTAC sollte mal von der blöden Tobin-Steuer runterkommen, sich in BITE (Beer in the Evening) umbenennen und selbstschießende Schutzwälle um alle Nationalstaaten durchsetzen.

    Liken

  6. HF schreibt:

    Mal abgesehen von diesem Fall – Es ist nicht nur der Mietzins, sondern auch mangelnde Umsätze. Wir Plattenkäufer sind doch eine aussterbende Spezies.

    Liken

  7. genova68 schreibt:

    Bist du auch Plattenverkäufer? Wo? Welche Musik?

    Wobei ich dir widersprechen würde: Es geht bei dem Plattenverkäufer nicht um mangelnde Umsätze, sondern um die Miete. Eine Mietverdoppelung würde eine Umsatzverdoppelung (bzw. Gewinnverdoppelung) bedingen. Und welche Branche bringt das denn?

    Liken

  8. Nihilist schreibt:

    @ Genova

    Schallplatten – dann einmal eine Überlegung. Anfangs waren es Schellackplatten. Und die Abspielgeräte … da schweige ich lieber.

    Dann die Schallplatten. Wucher damals! Ich erinnere mich noch an das erste selbst gekaufte Album, The Beatles (Back in the U.S.S.R, Dear Prudence und so weiter) für 35 DM damals. OK, das Poster und die Bilder der 4 waren super. Aber als Lehrling habe ich im Monat 110 DM verdient, musste davon noch 50 DM Kostgeld abgeben.

    Und dann der Plattenspieler. Ein Billigprodukt, Quasi ein Plattenhobel, aber zum Glück hatte ich ein Grundig Tonbandgerät (erinnere mich aber nicht mehr an die Typbezeichnung) und habe die Stücke auf Band aufgenommen.

    Mir ist durchaus klar, dass nicht die Händler daran das große Geld verdient haben.

    Als dann die CD´s kamen, glaubte auch ich nicht an die Zukunft der Platten. Auf meinem Wohnzimmerschrank steht noch ein Plattenhobel von Sony, nie benutzt, der war bei der Anlage dabei, die ich vor einigen Jahren geschenkt bekommen habe. Aber ich habe nur noch wenige Schallplatten, so abgehobelt, dass es keine Freude bereitet die anzuhören.

    Neu kaufen? Ich habe meine Lieblingsplatten im Laufe der Zeit alle als CD gekauft. Auch das Beatles-Album, fast alle Pink Floyd (bis UmmaGumma), ab Animals wurde mit Pink Floyd zu angepasst. Live at Pompeji, der Höhepunkt meines Erachtens, habe ich als Video-DVD gekauft) Zappa, oh war das noch Musik.

    Streetwalkers (Burn it down, Crawfish, Miller und andere) habe ich nie als CD im Laden gefunden und sie mir brennen lassen, in dem damals noch existierenden Laden.

    1977 Rockpalast – im WDR – Roger Chapman – Toenail Draggin – das einzigste Stück was ich bei Youtube entdeckt habe – diese Sendung sollte mal wiederholt werden.

    Musik – welch eine Bereicherung für das Leben. Daraus nun ein Geschäft zu machen – eine Schande.

    Liken

  9. genova68 schreibt:

    35 Mark für das Beatles-Album? In den Achzigern kosteten Platten allermeist 20 Mark, wenn ich mich nicht irre.

    Liken

  10. Nihilist schreibt:

    Es war ein Doppelalbum – das Weisse – mit den 4 Fotos in Din A4 und einem großen Poster, mit den Songtexten drauf.

    Es war schon etwas besonderes.

    http://www.amazon.de/White-Album-Vinyl-LP/dp/B00004WXTN

    Kostet heutzutage neu über 65 €!

    Liken

  11. Nihilist schreibt:

    Ach – für das brennen der Streetwalker-CD habe ich im Jahr 2000 33 DM bezahlt.

    Die CD´s – Bowie – Station to Station und Beatles 27 Nr. 1 Singles jeweils 34,90 DM (auch 2000)

    (habe mein damaliges Haushaltsbuch durchgesehen)

    Liken

  12. Nihilist schreibt:

    Gesucht und gefunden – das Internet ist doch eine super Sache.

    http://www.dual-board.de/index.php?page=Thread&threadID=24684

    Genau dieses Gerät war mein erster Plattenspieler. Aber ich habe den eher als Plattenhobel in Erinnerung.

    Als ich mir spärer einen von Dual angschafft habe, war das knacken der alten Platten grausam. Und ich habe dann meine Lieblingsplatten erneut gekauft.

    Liken

  13. hanneswurst schreibt:

    Langsam wird mir die Herkunft des Kosenamen „Nihilist“ klar.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.