„Wir fordern mehr Freiheit und mehr Mitverantwortung“

„Wir wollen eine Gesellschaft, die mehr Freiheit bietet und mehr Mitverantwortung fordert.“

Ein typischer Satz eines neoliberalen Neusprechlers. Heute. Gemeint ist Sozial- und Demokratieabbau zugunsten des Kapitals. Dass man so einen Satz auch mal Ernst meinen konnte, zeigt der Urheber: Das Zitat stammt von Willy Brandt, und zwar aus seiner Regierungserklärung vom Oktober 1969.

Man merkt an so etwas, wie sehr die Sprache und mit ihr das Denken in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren auf den Hund gekommen ist. Von den vielen Nischen abgesehen.

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11 Antworten zu „Wir fordern mehr Freiheit und mehr Mitverantwortung“

  1. HF schreibt:

    Wenn zwei das Gleiche sagen, ist das noch lange nicht das Selbe! Altes Sprichwort!
    Hat Willy das damals so gemeint und umgesetzt, wie wir das heute rückblickend zu deuten glauben?

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  2. genova68 schreibt:

    Dass Brandt das so gemeint hat, würde ich ihm einfach mal unterstellen. Über die Umsetzung sind bestimmt schon Dissertationen geschrieben worden.

    Interessant finde ich die entsprechende Passage in der Regierungserklärung allerdings schon:

    „Wir wollen mehr Demokratie wagen. Wir werden unsere Arbeitsweise öffnen und dem kritischen Bedürfnis nach Information Genüge tun. Wir werden darauf hinwirken, daß durch Anhörungen im Bundestag, durch ständige Fühlungnahme mit den repräsentativen Gruppen unseres Volkes und durch eine umfassende Unterrichtung über die Regierungspolitik jeder Bürger die Möglichkeit erhält, an der Reform von Staat und Gesellschaft mitzuwirken…

    Mitbestimmung, Mitverantwortung in den verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft wird eine bewegende Kraft der kommenden Jahre sein. Wir können nicht die perfekte Demokratie schaffen. Wir wollen eine Gesellschaft, die mehr Freiheit bietet und mehr Mitverantwortung fordert. Diese Regierung sucht das Gespräch, sie sucht kritische Partnerschaft mit allen, die Verantwortung tragen, sei es in den Kirchen, der Kunst, der Wissenschaft und der Wirtschaft oder in anderen Bereichen der Gesellschaft…“

    Gerade vor dem Hintergrund der 68er liest sich das für mich wie eine Versicherung, auch kritische, nicht etablierte Gruppen anzusprechen. Das war damals noch ein Wagnis, Brandt wurde im rechten Establishment nicht zufällig zum meistgehassten Politiker

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  3. Nihilist schreibt:

    Und die Rechten waren damals in der Überzahl – ich war 1970 beim Bund – Wehrpflicht – und da wurde Brandt nie Brandt genannt – sondern der Verräter Frahm – und als ich damals Brandt verteidigt habe … war ich der Kommunist.

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  4. genova68 schreibt:

    Hi nihilist,

    interessanter Hinweis, danke.

    Die Stimmung, die damals in der Gesellschaft herrschte, würde mich auch interessieren. Laut Spiegel fanden 41 Prozent der Deutschen den Kniefall Brandts in Warschau „übertrieben“. Das ist unglaublich angesichts des Verhaltens der Deutschen seinerzeit in Polen. Erklärtes Ziel war ja die völlige Vernichtung polnischer Kultur, was ja auf architektonischem Gebiet fast gelang. Was ist von dem geistigen Zustand einer Bevölkerung zu halten, die angesichts dessen einen Kniefall als Übertreibung betrachtet?

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  5. HF schreibt:

    @genova68
    Im Zusammenhang mit der entsprechenden längeren Passage aus der Regierungserklärung ist der Satz in seiner Bedeutung klar und insoweit kann man eigentlich nur von Mißbrauch sprechen, wenn dieser Satz heute von „neoliberalen Neusprechern“ verwendet wird.

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  6. InitiativGruppe schreibt:

    Ich war damals, 1969, noch im Gymnasium. Jeder unter meinen Altersgenossen, den ich kannte und der sich überhaupt für Politik interessiert hat, war für Brandt, für die neue Politik. Die, die anders dachten, haben das Maul nicht aufgemacht (sich nicht getraut oder auch nicht recht gewusst, was sie nun eigentlich sagen sollten). Die totale linke Hegemonie – obwohl wir nur eine kleine, unsichere, gänzlich inkompetente Minderheit waren, vielleicht 5 in einer Klasse von 25. (Man muss einige einrechnen, die so halb auch noch dazu gehört haben. Und einige, die gegen uns gemault haben.)

    Der Kniefall von Warschau ist etwas, das mir heute noch die Augen feucht macht. Für mich die großartigste Geste, die ich je in meinem Leben erlebt habe.

    Als sie passiert ist, war ich so verblüfft, dass ich einige Zeit gebraucht habe, um mir klar zu werden, was sie bedeutet. Ich glaube, erst mit meiner Irritation und Erschütterung durch diese Geste habe ich persönlich so richtig angefangen, das Dritte Reich und seine mörderische Politik ganz zu verstehen.

    Die Intuition war klar, vom ersten Moment an: Es ist richtig. Es ist stark. Es ist genau, was ich auch will. Aber ich habe Wochen gebraucht, um die Tiefe dieser Geste auszuloten, das Historische und das Politische dieser Geste. Dass die Geste umstritten war, hat dabei eher geholfen.

    Wenn mich jemand fragen würde zum deutschen „Leitbild“, dann würde ich genau dieses Foto vom knienden Brandt nennen. DAS ist MEIN Deutschland.

    Ob junge Leute das heute verstehen können?

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  7. InitiativGruppe schreibt:

    Mehr Freiheit hieß ganz klar: mehr Demokratie, mehr Mitsprache, weniger autoritäre Strukturen, weniger autoritäres Gehabe.

    Mehr Mitverantwortung hieß: alle Autoritäten müssen sich öffentlich vor uns verantworten, damit wir – die Normalbürger – auch Mitverantworung übernehmen können.

    Mehr Freiheit bedeutet für die Neoliberalen: Mehr Freiheit für diejenigen, die Geld und Macht haben. Weniger Regulierung, weniger gesellschaftliche Verantwortung, Eigentum soll frei sein, nicht mehr verpflichten.

    Mehr Mitverantwortung bedeutet für die Neoliberalen: Wenn du in der Konkurrenz versagst, bist du selber schuld. Staatliche Transfers verhindern, dass du das voll und ganz spürst, um deine Eigenverantwortung zum Tragen zu bringen.

    Ich schließe daraus: Der Neoliberale meint gar nicht MITverantwortung, sondern ALLEINverantwortung.
    GEMEINSAME, GETEILTE Verantwortung gehört eher nicht zum neoliberalen Repertoire.

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  8. genova68 schreibt:

    Ja, HF,

    Missbrauch, diese ganze neoliberale Hegemonie ist ein einziger Missbrauch, die stützen sich ja komplett auf positiv besetzte Werte, die sich in Orwellscher Manier umgepolt haben. Kommunikationstechnisch ein interessantes Unternehmen. Es ist so ähnlich wie die Gentrification in den Städten. Die Nutznießer dieser Verdrängung sind auf Leute angewiesen, die vorher das Terrain auf eine positive Weise besetzen. Nur so gelingt die folgende Ausbeutung, weil es nur dann überhaupt etwas zum Ausbeuten gibt, sei es finanzielles oder kreatives Kapital, wie man sagt.

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  9. Robert Michel schreibt:

    So ein ekelhafter Begriff wie Mitverantwortung käme einem Liberalen niemals in den Sinn, geschweigenden über die Lippen. Wer nur mitverantwortlich ist, hat die Hauptverantwortung an eine andere Instanz abgegeben und ist damit unmündig.

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  10. Nihilist schreibt:

    @Robert Michel

    Moliere:

    Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.

    Also tragen ALLE für ALLES die Verantwortung, auch Mitverantwortung.

    Nur ungebildete Liberale sollten das erkennen können.

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  11. genova68 schreibt:

    Schade, dass der Begriff des Liberalismus offenbar von Leuten besetzt ist, die „Mitverantwortung“ für ekelhaft halten und gleichzeitig meinen, es könne nur einer Verantwortung übernehmen. Hat was von Führerprinzip. Und wer keine Verantwortung hat, ist also unmündig.

    Wahnsinn, was im Internet so alles unterwegs ist.

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