Eventisierung zugunsten der herrschenden Klasse

Die Republik erlebt eine Eventisierung zugunsten Joachim Gaucks als Bundespräsident. Der Mann hat sicher Anerkennung verdient, alleine aufgrund seiner Haltung in der DDR, seines Widerstandes gegen das SED-Establishment und so weiter. Aber leider ist er da stehengeblieben. Sein Freiheitsbegriff, auf den er ja so viel Wert legt, orientiert sich einzig an seinen Sehnsüchten, damals in der DDR: frei von staatlicher Bevormundung, frei von Reiseeinschränkungen, frei von Repressionen gegen Glauben. Alles gut und schön, aber das sind seit 20 Jahren keine drängenden Themen mehr.

Ein aktualisierter Freiheitsbegriff würde die neoliberalen Zumutungen in den Blick nehmen: Abschottung sozialer Milieus, Auseinanderdriften der Gesellschaft, Allmacht des Kapitals, Aushöhlung der institutionellen Demokratie, Instrumentalisierung weiter Teile der Medien, Instrumentalisierung der Wissenschaft durch die Wirtschaft, Entmündigung der Massen, Ignoranz gegenüber der ökologischen Frage, Freiheitsabbau durch erzwungene soziale Immobilität, oder, zusammengefasst, Verätzungen von Intellekt und Seele. Für diese Kritik ist Gauck nicht zu haben, er ist wohl zu sehr von seiner Vergangenheit geprägt, vielleicht auch zu alt. Man sollte von Theologen wohl eh nicht zuviel erwarten.

Das sind keine Vorwürfe gegen Gauck, sondern das ist eine Kritik an der veröffentlichten Meinung. Die Pro-Gauck-Kampagne der Medien ist erbärmlich, weil sie so unglaublich niveaulos ist: Ob Spiegel, Süddeutsche, Tagesspiegel oder sonstwo: Da wird mit großer Empathie vermerkt, dass Gauck gerade eine Träne wegwischen musste, dass er nicht dem etablierten politischen Betrieb entspringt, dass ihn alle lieben und dass er wegen seiner Vergangenheit sowieso unangreifbar ist. Wer gegen Gauck ist, ist verdächtig, wer für Jochimsen ist, ist wahrscheinlich für Stalin.

Gauck macht sich zum nützlichen Idioten der neoliberalen Logik. Er, selbst strammer Neoliberaler, ist der Wasserträger einer herrschenden Klasse, die sich über Gaucks Nominierung diebisch freuen kann: Von ihm wird keine Kritik an realen aktuellen Missständen kommen, und außerdem gilt er als moralisch integer. Genau mit Letzterem hat das System derzeit ja so seine Schwierigkeiten. Ein bestenfalls Ahnungsloser wird es radikaler Kritik noch schwerer machen, in die Öffentlichkeit durchzudringen. Gauck als Brücke zum Volk irgendwo da drüben.

Es ist dieser Erlösungsgedanke, der geradezu gefährlich ist: Gauck kommt nicht aus dem Establishment, deshalb ist er integer, und der soll es irgendwie richten. Vielleicht soll er es auch gar nicht richten, sondern nur ein bisschen lauwarmes Wasser in den brodelnden Kochtopf schütten.

Die Erlösung kann umso besser projeziert werden, weil es einen Gegenkandidaten gibt. Es ist zwar höchstwahrscheinlich völlig unerheblich, ob Gauck oder Wulff nach Bellevue zieht. Der eine etwas faltiger, der andere etwas langweiliger, das war´s. Aber es wird eine Alternative suggeriert. Es erinnert an die Wahlen in der DDR.

Das Ganze läuft innerhalb der schon geläufigen Eventisierung. Darauf sind die Leitmedien derzeit wohl besonders stolz. Gerade erst Lena, jetzt die WM (wo selbst seriöse Wirtschaftsredakteure im Deutschlandfunk betonen müssen, dass sie natürlich der deutschen Mannschaft die Daumen drücken und die Börsianer wegen des D-Sieges entspannter zur Arbeit kommen), jetzt Gauck. Die Alpha-Männchen und -Frauchen der Branche messen ihre Kräfte daran, ob die Gesellschaft ihren Kampagnen folgt. Tissy Bruns vom Tagesspiegel brachte kürzlich das bekloppteste und dennoch sehr beliebte Argument: Merkel sei gegenüber der Bevölkerung „sprachlos“, das sei ihr Problem. Übersetzt: Man muss den Leuten nur besser erklären, warum Sozialabbau nötig ist. Oder auf den Punkt gebracht: Die Leute sind zu dumm, die Realitäten anzuerkennen.

Wobei das mit der Sprachlosigkeit gar nicht falsch ist: Die Meinungsführerschaft ist seit mindestens zehn Jahren fast komplett neoliberal gefärbt, die Rezepte führten zum fürs Kapital gewünschten Erfolg, für die Mehrheit der Regierten bringt es Nachteile. Eine Sprache finden würde voraussetzen, dass man Sinnvolles, Wahrhaftiges zu sagen hat.

Fade out

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9 Antworten zu Eventisierung zugunsten der herrschenden Klasse

  1. hanneswurst schreibt:

    „Verätzungen von Intellekt und Seele“ – Bonmot.

    „Deutschland sucht den Superpräsidenten“ geht mir total auf die Eier. Erstens, wer braucht überhaupt einen Bundespräsidenten? Eine Art Chefdiplomat, der das Kanzleramt bei offiziellen Anlässen entlastet, würde ja wohl ausreichen. Die Bundespräsidentschaft ist eine unglaublich teure Kasperei die verboten gehört.

    Zweitens, wer ist Gauck? Von der Behörde habe ich schon einmal gehört, hätte aber auch Bautzen-Behörde heißen können oder nach Frau Gauck benannt worden sein können, keine Ahnung. Erst dadurch, dass jetzt alle selbsternannten Chefintellektuellen ihn als den besseren Präsidenten hypen (und die LINKE ihn als unwählbar bezeichnet) habe ich von diesem Mann überhaupt erfahren. Er sieht zwar, finde ich, auf dem ersten Blick sympathischer aus als Weichspül-Wulff, aber das ganze Präsidentevent und die Auswahl scheint mir ungefähr so relevant wie die Farbe der Unterhose des Papstes.

    Drittens, wieso wird die Show zum Schicksalsmoment der Regierung hochstilisiert? Dass die Regierung offensichtlich nicht funktioniert, kann doch nicht erst dadurch bewiesen werden, dass der Präsidentschaftskandidat der Regierung durchfällt? Da wäre es ja noch sinnvoller gewesen, die Vertrauensfrage zu stellen, wenn Deutschland das Achtelfinale nicht erreicht hätte. Ich verstehe auch nicht, warum die Regierung es zulässt, dass die Wahl so wichtig (und gefährlich für sie) wird. Ich kann mir dies nur mit einer Amtsmüdigkeit Merkels erklären. Das könnte ich der Kanzlerin mit FDP und CSU an der Seite nicht übelnehmen. Ich vermute, dass Merkel sich nur noch über Wasser hält, indem sie jeden Morgen ganz stark und zärtlich an die schöne Zeit mit Frank-Walter denkt.

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  2. halbnachvoll schreibt:

    Ich kann den Ausführungen zu 100% zustimmen. Dieses ganze Trara um die Präsidentenwahl und natürlich die WM lenkt mal wieder von den eigentlichen Problemen ab. Ich hätte auch einmal aufschreiben müssen, wie oft man in Kommentaren von Politikern in der letzten Zeit die Phrase „Der Ball liegt jetzt bei…“ bei jeder Gelegenheit um die Ohren geschmissen bekommen hat – mir hängt es schon so weit zum Hals raus, dass ich es ohne Fernglas gar nicht mehr sehen kann! Eventisierung ist bei der Wahl übrigens genau die richtige Bezeichnung. Ich würde mich nicht wundern, wenn mandann dazu noch eine grenzdebile Show beim ARD bringt – natürlich produziert von der Firma eines gewissen Herrn Jauch *g*

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  3. InitiativGruppe schreibt:

    Bester Präsidentenwahl-Kommentar, den ich bisher gelesen habe.

    Insgesamt wär ich wohl ein bisschen milder in meinem Urteil.

    Den Absatz über unseren zu aktualisierenden Freiheitsbegriff finde ich brillant.

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  4. Frank Powers schreibt:

    Gauck + Wiederstand in der DDR? Kommt ganz darauf an, wen man fragt – laut dem „Terpe“-Dossier der Stasi sah die Sache damals etwas anders aus, eher grau denn schwarz und weiß, wie es Herr Gauck selbst gerne zeichnet. Stand damals alles im Freitag:

    http://www.freitag.de/politik/0018-wiedersehen-herr-gauck

    – zur eigenen Beurteilung und drüber nachdenken.
    Ansonsten schließe ich mich den anderen Kommentaren an – ein sehr schöner Artikel zur Wahl des nächsten Horstes.

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  5. Bo schreibt:

    Schöner Kommentar! Es ist wirklich interessant zu sehen wie es hier abgeht…

    Und vielen Dank für den Letzten Absatz von Hannes_Wurst… Sehr Wahr und sehr Schön ausgedrückt! Ich bin nun wahrlich kein Merkel-Fan, aber bei dieser Kindertruppe die Sie um sich rum hat kann Sie einem schon etwas leid tun.

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  6. HF schreibt:

    Der Verweis auf den Eventcharacter ist passend. Schade ist ja, das die Fussball-WM gleichzeitig stattfindet – welche Verschwendung an Eventmaterial.
    Das überwiegend der Eventcharacter im Vordergrund steht, sieht man auch daran, dass zum Public Viewing Menschen gehen, die bis gestern nicht wussten, das der Ball rund ist. Die meisten Fahnen haben die am Auto, die keine Ahnung von Fussball haben. So ähnlich ist das auch hinsichtlich der BuPrä-Wahl. Vielleicht ist es gut, das die WM gerade stattfindet, andernfalls hätten wir noch mehr BuPrä-Getrommel zu erleiden.

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  7. genova68 schreibt:

    Danke für die freundlichen Kommenare.

    Frank Powers,

    interessanter Artikel aus dem Freitag, wobei der Autor, Peter-Michael Diestel seinerzeit ziemlich unseriös daherkam, wenn ich nicht irre. Ihm wurde damals vorgeworfen, Stasi-Unterlagen massenhaft vernichtet zu haben.

    Aber dieser Auszug aus dem Artikel:

    „Gauck mit dem Stasi-Namen „Larve“ ist nach Maßstäben seiner Behörde ein Täter. Ein von der Stasi überprüfter Täter, wie Stasi-Berichte über Gauck belegen.“

    ist krass, das wusste ich nicht.

    Es zeigt erneut, wie korrupt der Großteil der Medien mittlerweile funktioniert (dass das jetzt keinerlei Erwähnung mehr findet, meine ich). Außer FR und taz ist da nichts mehr zu erwarten. Es wird nicht mehr recherchiert, sondern nur noch einer vorgegebenen Meinung hinterhergehechelt. Eine Sendung über die beiden Kandidaten kürzlich im ZDF (glaube ich) war ebenso unglaublich niveaulos.Gauck war heilig, Wulff wurde kritisch gesehen, und ein paar Ossis, die sagten, sie würden Gauck nicht wählen, waren sofort als Stalinisten abgestempelt. Kein Wort zu ihren möglichen Gründen. Ich bin darüber immer fassungslos, weil ich kein TV habe, und wenn ich sowas mal zufällig schaue, kann ich kaum glauben, dass solch schlechte Produktionen es ins GEZ-TV schaffen.

    Das gleiche Empfinden hatte ich, als ich kürzlich, zum ersten Mal seit Jahren, das heute-journal schaute, während der Fußballpause zwischen D und Australien. Da sitzt diese Tusse und redet mit den Zuschauern, als wäre man grenzdebil. Von einer Nachrichtensendung kann keine Rede mehr sein. Der Erwähnung der Nachricht geht die Meinungsmache fast voraus, schon im Einleitungssatz zum Thema.

    Man muss sich nicht wundern.

    Das ist das gleiche Verhalten wie das WM-Ding. Es ist diese Zwangskollektivität, die mich stört. Slomka tut so, als sei sie im Besitz des gesunden Menschenverstandes und ihre Zuschauer natürlich auch, ein frei erfundenes Kollektiv, das alle ausgrenzt, die sich dieser Debilität nicht verpflichtet fühlen. Der WM-Scheiß ist ähnlich. Wer jetzt nicht für Deutschland ist, ist verdächtig.

    Keine Eventisierung ohne Feindbild.

    Es zeigen sich mittlerweile die Folgen des Spruchs, den man seit Jahren gerne von Abiturienten hört, wenn man sie fragt, was sie mal machen wollen: „Irgendwas mit Medien.“

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  8. chriwi schreibt:

    Schöner Artikel über die BuPrä Wahl. Die Eigenschaften der Kandidaten interessieren nicht. Was zählt sind die Parteien die dahinter stehen. Gewinnt Wulf wird es als Sieg der CDU über die FDP gefeiert und das Angie alles unter Kontrolle hat. Gewinnt Gauk, dann lässt sich die SPD feiern, obwohl sie sich fragen sollte warum so viele poltische Gegner „ihren“ Kandidaten gewählt haben. Gewinnt Jochimsen geht die Welt unter. Einfache Welt für einfache Bürger und eine Ablenkung mehr während des desaströsen G20 Treffens.

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  9. bersarin schreibt:

    Ein sehr guter Beitrag, der es trifft. Insofern überlege ich noch, ob ich morgen dann tatsächlich zur Bundespräsidentenwahl gehe.

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