Eine Kehrseite der deutschen Medaille

Vor 25 Jahren ist Portugal der EU beigetreten. Ein Leser der portugiesischen Tageszeitung Público (ich würde sagen, so eine Art portugiesische Süddeutsche) kommentiert dazu:

Poucos portugueses têm razões para comemorar hoje a UE. Talvez só os importadores tenham razões para estar contentes.

what means:

Wenige Portugiesen haben Grund, heute der EU zu gedenken. Vielleicht haben nur die Importeure Grund, zufrieden zu sein.

Portugal wurde seit 1986 für die EU präpariert, was vor allem unzählige Autobahnen und niedrige Einfuhrzölle bedeutete. Das Ergebnis ist das aus deutscher Sicht gewünschte, denn was des einen Import, ist des anderen Export. 2008 importierte Portugal aus Deutschland Waren und Dienstleistungen im Wert von 12,4 Milliarden Euro, umgekehrt exportierte Portugal Waren und Dienstleistungen im Wert von 4,9 Milliarden Euro nach Deutschland.

Ohne jetzt einen direkten Zusammenhang herstellen zu wollen, aber ein anderer Leser des Público fordert unter demselben Artikel:

Outro 25 de Abril já! (also einen neuen 25. April jetzt!)

Am 25. April 1974 wurde in Portugal das faschistische Regime zum Teufel gejagt.

Übrigens stieß man vergangenen Samstag bei der Anti-Spar-Demo in Berlin des öfteren auf dieses Motiv:

Es gibt also auch Solidarität, nicht nur Sozialdarwinismus.

(Foto: genova, 2010)

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10 Antworten zu Eine Kehrseite der deutschen Medaille

  1. HF schreibt:

    12,4 minus 4,9 = für 7,5 Milliarden müssten wir also den Portugiesen noch etwas abnehmen (oder rüberschieben)?

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  2. genova68 schreibt:

    Ja, ich fange gleich an und kaufe eine Flasche vinho verde.

    Dumm nur, dass EU-weit der deutsche Außenhandelsüberschuss jährlich bei runden 100 Milliarden liegt. Euro, nicht Weinflaschen.

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  3. HF schreibt:

    Das passt ja ungefähr zum deutschen Anteil am 750 Milliarden-EURO-Stützungspaket!

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  4. genova68 schreibt:

    Hm. Das würde ich jetzt gerne mal von einem Fachmann aufdröseln lassen. (Also nicht von mir.)

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  5. pussyimploder schreibt:

    guten morgen,

    es ist noch etwas früh, von daher will ich einen verständnisfehler meinerseits nicht ausschliessen, dennoch eine frage. du schreibst „Vor 25 Jahren ist Portugal der EU beigetreten. “ das wäre 1985¿ und darauf hin „Portugal wurde seit 1986 für die EU präpariert, „.
    sind ja nur zahlen, dennoch häng ich da jetzt?

    beste grüße
    pussy

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  6. genova68 schreibt:

    pussyimploder,

    du hast völlig recht (gratuliere). Das kam so: Ich habe im Público den Artikel darüber gelesen, dass Portugal vor 25 Jahren beitrat, was es meines Wissens aber erst ein Jahr später tat. Da mir weitschweifende Recherche für diesen Blog meist zu schlecht bezahlt erscheint, habe ich den obigen Kunstgriff gewählt. Zumal das inhaltlich ja auch egal ist, ob das jetzt 1985 oder 1986 losging.

    Tatsache ist: Laut Wikipedia war der Beitritt 1986. Dass Portugal jetzt schon feiert, liegt vielleicht daran, dasss sie selbst 1985 beschlossen haben, beizutreten oder dass es um den 1. Januar herum passiert ist. Oder vielleicht hoffen sie auch, dass es bei dem Jubiläum Geld aus Brüssel gibt, das sie ja durchaus gebrauchen könnten, und haben das Jubiläum schnell vorverlegt.

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  7. InitiativGruppe schreibt:

    Deutschland ist der Hauptprofiteur der EU bzw. Eurolands. Wir haben gegenüber fast allen einen Exportüberschuss, ohne dass deshalb die Mechanismen des Ausgleichs greifen, die ihn dämpfen würden.

    Das führt mich zur ersten Frage:

    1. Wer in Deutschland steckt den Profit hauptsächlich ein? – Der Mittelstand bzw. die Arbeitnehmer eher nicht, denn deren Einkommen bzw. Löhne stagnieren – und sollen auch stagnieren, damit unsere Waren billig genug für den Export bleiben.

    Der Artikel hegt Zweifel am Sinn der EU-Mitgliedschaft Portugals. Dazu meine zweite Frage:

    2. Worin liegt der Gewinn Portugals, wenn es Mitglied der EU ist und bleibt?

    — Das ist jetzt keine rhetorische Frage – ich würde es wirklich gerne wissen und geniere mich ein bisschen, dass ich es nicht sagen kann. Vielleicht liegt der Gewinn u. a. darin, dass Portugal andernfalls nicht einmal für 4,9 Mrd Euro Waren und Dienstleistungen nach Deutschland exportieren könnte, und auch weniger in die anderen EU-Länder? – Wer in Portugal hat nicht vom EU-induzierten Wachstum profitiert?

    Grundsätzlicher die dritte Frage, zu der mich der kleine Beitrag anregt:
    Was eigentlich macht Menschen zufrieden? – Ist es wirklich das Materielle? Unsere ökonomisch halbwegs effiziente Wirtschaftsweise macht uns vielleicht trotz ihrer zum Teil angenehmen Resultate unzufrieden, weil wir – bzw. hier die Portugiesen – dabei zu viel von der eher kommunikativen Lebensweise früherer Zeiten verlieren? Vielleicht hatten die Verhältnisse in den Zeiten der Armut auch einige lebensfreundliche menschliche Aspekte, die mit dem ökonomischen Fortschritt untergegangen sind?

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  8. Nihilist schreibt:

    Eine Hand wäscht die andere. Die Waren die Deutschland exportiert werden in den Ländern doch wieder an die Kunden verkauft, also verdienen die Händler in den Exportländern ebenfalls.

    Ich sehe das so wie in Afrika, mit den Nahrungsmittelexporten wird die dortige Produktion ruiniert, weil die „Kleinbauern“ nicht mit den Dumpingpreisen mithalten können. Und der Export von Textilien aus „Altkleidersammlungen“ macht auch den heimischen Markt platt.

    Gandhi hat es vorgemacht, er trug nur etwas, das er selbst hergestellt hatte, ein einfaches Gewand.

    Manchmal habe ich das Gefühl, alle Profiteure sind dem Motto Hubbarts verfallen – mach Geld, mach mehr Geld, mach noch mehr Geld. Kann es sein, dass die alle Scientologen sind, die sich eine goldene Nase verdienen?

    cant buy me love – aber Macht und Sex.

    Lysistrata kannte eine Methode Krieg zu verhindern, wir führen einen Wirtschaftskrieg. Wo sind die Frauen die sich der Mittel Lysistratas bedienen, die Männer vom „Krieg“ abzulenken? Sind die inzwischen alle käuflich? Ich fürchte ja, wenn ich an das Merkel denke, oder andere machtgeile Weiber.

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  9. genova68 schreibt:

    IG,
    die zweite Frage:
    Der Beitritt seinerzeit wurde von der großen Mehrheit der Portugiesen begrüßt, würde ich sagen. Dem liegen die üblichen Strukturen zugrunde: Versprechen auf mehr Geld, mehr Konsummöglichkeiten, Abbau von Luxussteuern (vor 1986 wurde beispielsweise auf alle Autos mit mehr als 1,8 Litern Hubraum eine Luxussteuer erhoben, die diese Autos faktisch vom Markt fernhielt), Ausbau einer bestimmten Infrastruktur.

    Das kam alles, allerdings nur so, dass die geldgebenden Länder etwas davon haben. Vor allem fiel der massive Straßenausbau auf. Der Markt wurde ebenfalls „freier“: Die Mieten, von den Sozialisten zuvor gedeckelt, stiegen auf absurde Höhen, die Leute zogen massenhaft aus der Stadt in die Vorstädte, kauften sich auf Pump Autos, hatten drei Jobs auf einmal.

    Ob das ein Vorteil ist oder nicht, kann jeder selbst entscheiden. Es kam jedenfalls in Portugal, wie überall, zu einer immer reicher werdenen kleinen Klasse.

    Dazu kam zu Beginn der angebliche Vorteil eines Billiglohnlandes, was den Portugiesen allerdings nach 1990 nicht mehr viel nutzte, denn plötzlich war der Ostblock noch billiger. Rat der Neoliberalen an Portugal: „Eure Löhne sind zu hoch“.

    Das alte Spiel.

    Portugal wurde nicht zukunftsfest gemacht, wie man das nennt. Aber das war natürlich im Sinne des Kapitals, das Renditemöglichkeiten via Konsum suchte, nicht via Produktion.

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  10. chriwi schreibt:

    „via Konsum suchte, nicht via Produktion“
    Da dieser Bereich jetzt ausgelutscht ist kann man jetzt über Lohndumping noch den Rest rausquetschen. So leicht kommen die Portugiesen nicht aus den Schulden heraus. Gerade Deutschland hat kein Interesse daran. Denn dann müsste man ja seinen Exportfetisch ablegen. Es wird also ein Wettrüsten im Lohnabbau geben.

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