Jazzfans: Die „idealen Mitarbeiter“?

WG-Gespräche heute: Pia bewirbt sich gerade um einen Job.

„Soll ich schreiben, dass ich Jazz mag, oder besser nicht?“

„Klar.“

„Was klar?“

„Klar: schreiben. Jazzfans sind doch was Tolles. Jazzfans gelten als spontan, begeisterungsfähig, kommunikativ und so weiter. Das heißt für den Arbeitgeber: Sie sind flexibel, aufopferungswillig, teamfähig… solche Sachen. Die idealen Mitarbeiter.“

„Meinst du?“

„Logo.“

„Mir hat mal jemand gesagt, Jazz käme bei Arbeitgebern gar nicht so gut. Jazzfans, sagte der, gelten als unorganisiert, zu emotional, sie reden zu viel…“

„Reden wir zu viel?“

Pause.

„Du bist überhaupt keine Hilfe“, sagt Pia daraufhin.

Aus Jazzthing.

Pia sollte jedenfalls nicht schreiben, dass sie Christian Scott mag. Der ist nicht so richtig arbeitgeberkompatibel:

„Und meinem Publikum von den Zuständen in New Orleans zu erzählen. Viele können mich deswegen nicht leiden. Vor allem diese Jazzliebhaber, die irgendeine verweichlichte Musik erwarten, die die Gesellschaftsordnung des Antebellum reflektiert. Sie wollen, dass ich mein Maul halte. Aber dafür müssen sie mich erst umbringen.“


„Ich halte die Politik im Jazz für genauso wichtig wie etwa virtuose Trompetentechnik. Offensichtlich fielen gesellschaftliche und künstlerische Avantgarde oft zusammen. Sehen Sie sich Miles Davis an. Wenn er dem Publikum den Rücken zudrehte, konnte man ihn natürlich für ein Arschloch halten. Aber er repräsentierte mit seiner Feindseligkeit auch einen Großteil des schwarzen Amerika, den der Mainstream übergangen hatte.“

Und schließlich:

Was haben Sie denn gegen den Jazz?

Scott:Was heute als Jazz bezeichnet wird, sind doch nur langweilige Fingerübungen. Das muss jetzt endlich mal eine Ende haben. Weil er niemanden berührt, er an unserer Realität vorbeigeht. Warum etwa muss heute jemand Hancocks „Cantaloupe Island” covern? Der Song hatte mal eine Bedeutung, weil er auf einen bekannten Urlaubsort der sechziger Jahre anspielte. Aber, sorry, wir schreiben das Jahr 2010.“

Aus der Süddeutschen.

Wie nett, dass das ein 1983 Geborener so klar sagt.

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Eine Antwort zu Jazzfans: Die „idealen Mitarbeiter“?

  1. Jazz on TV schreibt:

    New Orleans gibt es gerade auch ganz famos im Fernsehen: Treme.

    Gefällt mir

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