Von der radikalisierten Elite und ihren Helfern

Lesenswertes Interview im Tagesspiegel mit dem Soziologen Michael Hartmann. Es geht um die „politische Elite“ in Deutschland.

Hat sich Deutschlands Elite verändert?

„Sie ist erstens homogener geworden. Die politische Elite hat sich der wirtschaftlichen angeglichen. Im neuen Kabinett Merkel haben drei Großbürgerkinder zentrale Ministerien inne: Guttenberg aus einer der 400 reichsten Familien Deutschlands und 800 Jahre altem Adel, de Maizière aus einer gut vernetzten Hugenottenfamilie und von der Leyen. Das gab es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie. Man ist immer mehr unter sich und wird mit anderen Lebenswirklichkeiten gar nicht mehr konfrontiert. Zweitens haben sich Deutschlands Eliten radikalisiert – das sieht man an Äußerungen wie den zitierten.“ (gemeint sind Sarrazin, Sloterdijk, Henkel etc.)

Es geht im weiteren darum, wie die Herrschenden der Mittelklasse vorgaukeln, man säße doch im selben Boot und es ginge jetzt darum, den Sozialschmarotzern den Garaus zu machen. (Entfernt spielt da auch der aktuelle Hamburger Schulstreit mit rein.) Alles nicht neu, aber schön zusammengefasst.

Interessant auch Hartmanns Beobachtung, dass sowohl Sloterdijk als auch Westerwelle ihren Begriff des „Leistungsträgers“ nach Bedarf ausweiten. So ist auch die Krankenschwester eine Leistungsträgerin, die man vor dem arbeitsunwilligen und sie ausbeutenden Hartz-IV-Mob schützen müsse. Flexibilität war schon immer ein Erfolgsmerkmal des kapitalistischen Denkens. Ideologiefrei, zweckorientiert.

Leider begeht Hartmann dann doch noch einen Fehler, an dem man merkt, dass er selbst Opfer des Herrschaftsdiskurses ist. Auf die Frage nach den Gründen dieser neoliberalen Radikalisierung der Eliten sagt er:

„Der Kuchen ist schlicht kleiner geworden. In den 70er und 80er Jahren gab es mehr zu verteilen, da war man bereit, auch an das ärmere Drittel der Gesellschaft abzugeben.“

Das ist natürlich Quatsch. Der Kuchen ist heute größer als vor dreißig Jahren. Das man heute nicht mehr „bereit ist, abzugeben“ (um bei dieser die Realität verschleiernden Sprache zu bleiben), liegt an der kapitalistischen Logik, die den Neoliberalismus geradezu zwanghaft gebiert und gar nicht anders kann, als die Rendite möglichst vollständig für sich zu proklamieren. Hartmann erweckt mit dieser Aussage auch den fatalen Eindruck, dass die Radikalisierung der politischen Elite letztlich doch in Ordnung ist, denn es ist halt weniger da und dann bläst der Wind eben schärfer.

Die Reichen werden reicher, die Armen werden diffamiert, der Adel kehrt massiv in die Politik zurück und die Hampelmänner aus dem sogenannten geisteswissenschaftlichen Umfeld leisten verbal auch den Schützen Hilfe, denen das Verbale vielleicht gar nicht liegt. Was meint Hartmann eigentlich genau mit „radikalisiert“? Um welche Wurzel geht es?

Es geht alles seinen Gang.

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12 Antworten zu Von der radikalisierten Elite und ihren Helfern

  1. hanneswurst schreibt:

    Welche Belege hast Du dafür, dass der Kuchen „heute größer als vor dreißig Jahren“ ist? Denn tatsächlich bin ich auch davon ausgegangen, dass die Generation der heutigen (Früh-)Rentner es wesentlich einfacher hatten, einen gewissen Lebensstandard zu erreichen – nicht nur, weil es weniger „Superreiche“ gab, sondern auch, weil die Industrieländer einen noch größeren Vorteil gegenüber den Schwellenländern hatten und weil noch relativ unkritisch Reserven wie Öl, Holz und Kreditwürdigkeit verballert wurden. Ich habe meine Meinung dazu allerdings noch gar nicht überprüft, es dürften für Deutschland ja schon ein paar Zahlen des statistischen Bundesamtes dazu reichen. Das kann ich mir aber sparen, wenn Du die Lage schon erforscht hast.

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  2. che2001 schreibt:

    Es hat zunächst mal eine massive Umverteilung von unten nach oben stattgefunden, schon seit Beginn der Ära Kohl. Im europäischen Vergleich hat es in keinem Land eine so große Zurückhaltung bei Lohnerhöhungen gegeben als in Deutschland. Die BRD war nicht zuletzt deswegen Exportweltmeister: Arbeitsplätze wegrationalisieren, Lohnnebenkosten einfrieren, Zurückhaltung bei Tarifrunden, parallel einen Billiglohnsektor aufbauen und in der Industrie sekundäre Tätigkeiten an nichttarifgebundene Wettbewerber outsourcen. Das ganze neoliberale Programm halt. Wenn man die Preisentwicklung mit dem realen Lebensstandard vergleicht hat eine allgemeine Entreicherung stattgefunden. Als ich meinen Führerschein gemacht habe hat noch fast jeder Autokäufer seinen Wagen bar bezahlt, auch wenn das ein Neuwagen war. Leasing und Autofinanzierung war etwas, das sich in der Porsche-Jaguar-Klasse abspielte, niemand wäre bei einem Passat auf diese Idee gekommen. Wer kann es sich denn heute noch leisten, einen Neuwagen bar zu bezahlen? Welche Häuslebauer müssen nicht ihre Baufinanzierung jahrzehntelang abstottern?

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  3. genova68 schreibt:

    Hannes,

    das BIP ist (auch inflationsbereinigt) seit 1949 fast immer gestiegen. Ausnahmen sind im wesentlichen die jüngste Finanzkrise und ein Quartale in den Siebzigern (Ölkrise). Das BIP und erst recht das BSP steigt und steigt. Ob es mehr Wachstum geben könnte und ob das erwünscht ist, ist eine andere Diskussion.
    Auf die Schnelle finde ich dazu das hier:

    http://books.google.de/books?id=-NJZsPiPKMsC&pg=PA219&lpg=PA219&dq=bip+inflationsbereinigt+deutschland&source=bl&ots=Aora6i7N9J&sig=RjfHU67DgtyPCG_nJYPUrtz7mQ8&hl=de&ei=wDu7S632Hs6e_AanvdG6Bg&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=9&ved=0CB4Q6AEwCA#v=onepage&q=bip%20inflationsbereinigt%20deutschland&f=false
    (Seite 219f.)

    Das volkswirtschaftliche Vermögen wird immer mehr, aber man merkt es kaum noch, weil einerseits die Lohnquote zurückgeht und sich andererseits das Kapital immer besser rentiert, zumindest absolut (nicht relativ). Da aber immer größere Summen in den Finanzmärkten geparkt werden und die öffentlichen Haushalte immer mehr Schulden machen und es immer mehr arme Leute gibt und nur die Reichen immer reicher werden, kann man der Masse leicht einreden, dass der Kuchen kleiner wird. Diese Denke zu durchbrechen, halte ich für wichtig.

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  4. hanneswurst schreibt:

    @Genova: Es kommt nicht nur darauf an, ob das BIP überhaupt steigt, sondern auch darauf, wie stark es z. B. in einem Jahrzehnt genau steigt.

    In dem von Dir angegebenen Link sieht der Unterscheid zwischen den 50er und den 90er Jahren nicht sehr prägnant aus, auf dieser Grafik schon eher:

    Die Balkengrafik illustriert meiner Meinung nach besser, dass das Wachstumsvolumen deutlich nachgelassen hat, vergleiche einmal die Wachstumssumme in den 70er- und 80er- Jahren und in den 90er- und den (wahrscheinlich noch wesentlich schlechter abschneidenden) 00er-Jahren.

    Was ich nicht weiß, ist wie stark sich zum Beispiel 1% weniger Wirtschaftswachstum über ein Jahrzehnt faktisch auswirkt. Dass der Kuchen kleiner geworden ist, scheint dennoch zu stimmen.

    Getrennt müsste man betrachten – das hatten wir glaube ich schon einmal – wie die Haushaltseinkommen innerhalb der Bevölkerung verteilt sind, und wie sich dies über die Jahrzehnte verändert hat.

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  5. genova68 schreibt:

    Solange es Wachstum gibt, wird der Kuchen nicht kleiner, nur etwas weniger schnell groß.

    Wie kommst du darauf, dass der Kuchen kleiner geworden ist?

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  6. hanneswurst schreibt:

    Ich bin kein VWLer, meine Ansichten dazu also naiv. Ich vermute, dass es so ähnlich ist wie bei einem Unternehmen: wenn dauerhaft nicht einmal die Rendite von sicheren Kapitalanlagen erwirtschaftet werden kann, dann ist das Unternehmen dauerhaft auf Subventionen bzw. Liebhaberei angewiesen, oder es zerbricht. Welche „Rendite“ bzw. welches Wachstum ein Staat braucht, um welchen Wohlstand zu ermöglichen, weiß ich nicht. Ich vermute jedoch, dass 1,5% weniger Durchschnittswachstum pro Jahr über ein Jahrzehnt schon den Unterschied zwischen zehn fetten und zehn mageren Jahren ausmachen kann.

    Das von Dir zitierte Buch kommt mir ganz praxistauglich vor, dort wird das Bruttonationaleinkommen auch als Gradmesser für den Wohlstand vorgeschlagen. Allerdings mit Einschränkungen: so wird zum Beispiel durch die Einnahmen, die durch Rüstung, oder nur bei Inkaufnahme von Umweltzerstörung oder durch das Pendeln zum Arbeitsplatz oder durch die Werbewirtschaft erzielt werden im Bruttonationalprodukt als ein Plus verbucht, obwohl die Allgemeinheit darin keinen Wohlstandszuwachs sieht.

    Man müsste also, um die Statistik aussagefähiger zu machen, expliziter ausweisen, in welchen Bereichen die Produktivität zu- oder abgenommen hat. Ich denke zum Beispiel allgemein an den Bereich „Sicherheit“, der heute bestimmt teurer (ergo produktiver) ist also zum Beispiel in der 70er Jahren. Ob aber diese Sicherheit den Wohlstand deutlich gefördert hat, zweifele ich an.

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  7. genova68 schreibt:

    Ich würde letzterem zustimmen, die BIP-Statistik ist nur sehr begrenzt aussagekräftig, beispielsweise, weil nicht unterschieden wird zwischen qualitativem und quantitativem Wachstum. Es ging mir aber nur um den Kuchen, also um das Ganze, als Geldmenge bzw. als relatives Wachstum ausgedrückt.

    Zu deinem ersten Punkt würde ich anmerken, dass BWL eben nicht VWL ist, aber das durcheinanderzuwerfen ist ein mittlerweile beliebter Fehler. Wenn ein reicher Staat wie Deutschland pro Jahr 1,5 Prozent wächst, ist das immer noch viel, absolut betrachtet. Warum soll er „zerbrechen“?? Vielleicht meinst du, dass er relativ kleiner wird, wenn das Wachstum global über 1,5 Prozent liegt (was ja den Tatsachen entspricht). Aber das bedeutet ja nur etwas weniger Ungleichheit zwischen ärmeren und reicheren Ländern (wieder nur volkswirtschaftlich gesehen, das Wohlstandsgefälle innerhalb einer Volkswirtschaft ist wieder ein anderes Thema).

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  8. Das Interview ist mir auch sehr positiv aufgefallen, ich wurde aber auch an der Stelle mit dem Kuchen stutzig. Gerade das widerspricht ja auch dem Titel des Zeitungsbeitrages, dass sich eben die „Eliten“ radikalisiert haben, dass sie eben gegen jede Umverteilung von unten nach oben eintreten und sogar genau das Gegenteil erreicht haben, im Gegensatz zu den 70ern und dem Anfang der 80er Jahre.
    Ich glaube aber nicht, dass die kapitalistische Logikden Neoliberalismus zwanghaft gebiert. Die Wandlung zum Neoliberalismus ist ja erst nach einer langen Zeit des Kapitalismus in verschiedenen anderen Formen (liberal, Wohlfahrtsstaat) erfolgt, und das aber auch nicht in allen Ländern. Warum gäbe es dann noch kapitalistische Staaten, die man nicht als neoliberal bezeichnen kann?

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  9. genova68 schreibt:

    Ich habe schon den Eindruck, dass die Logik des Kapitalismus eine permanente Verschärfung seiner Bedingungen zur Folge hat. Dennoch kann es Staaten geben, die sich dem teilweise entziehen, durch starke Zivilgesellschaften oder allzu negative Praxis (Beispiel Neuseeland, die neoliberale Vorreiter waren und mittlerweile wieder zurückrudern, weil selbst der Bekloppteste sieht, was da läuft). Wir haben halt formale Demokratien, weswegen sich das Kapital nicht ganz so extrem austoben darf. Das Kapital hat es beispielsweise geschafft, Lafontaine als Finanzminister zu verjagen, aber als Oppositionspolitiker lässt er sich kaum verhindern, selbst die Darstellung seiner Person als böse funktioniert nur bedingt. Die kapitalistische Gleichschaltung funktioniert nur im Ansatz.

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  10. genova68 schreibt:

    Interessante Ergänzung im Spiegel: Die taz-Autorin Ulrike Herrmann beschreibt die Mittelschicht als weitgehend aus Kleinbürgern bestehend: Sie orientieren sich an der Oberschicht, der sie nie angehören werden, und sind bemüht, sich von der Unterschicht abzugrenzen, in die sie ja leicht reinrutschen können.
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,687760,00.html
    Die Kleinbürger haben ja auch seinerzeit Hitler zur Macht verholfen.

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  11. hanneswurst schreibt:

    Ich fühle mich von diesem Aufruf zur kleinbürgerlichen Empörung angesprochen. Ich werde über das Thema in meinem Band „Von Marx zu Hitler – Versuch einer Herleitung (hANNES wURST, Grafenberg 2012) ausführlichst dozieren. Der Kleinbürger muss seine Angst vor dem Dasein als Proletarier verlieren oder sich bewusst in das Proletariat begeben, um von dort aus – geleitet von den Ideen der geliebten Führer – befreit zu den Waffen zu greifen. So wird Deutschland zu einer Revolution gelangen, die es nicht nur auf das offizielle Niveau der modernen Völker erhebt, sondern auf die menschliche Höhe, welche die nächste Zukunft dieser Völker sein wird.

    Allerdings finde ich die Teetanten-Statistiken von Frau Herrmann wenig überzeugend, ohne es besser zu wissen. Aber es kommt mir seltsam vor, dass „normale Arbeitnehmer“ 53 Prozent Steuern blechen und „umgekehrt Millionäre ihre Einkünfte nur mit durchschnittlich 34 Prozent versteuern“. Das kann sich doch nur auf inkommensurable Einkommensarten beziehen. Außerdem frage ich mich, warum das Statistische Bundesamt „keine Einkommen über 18.000 Euro netto im Monat“ erfasst, sind die doof, oder was? Wenn so etwas schon erwähnt wird, sollte es auch irgendwie erklärt oder belegt werden.

    Konkretes über die zunehmende Einkommensungerechtigkeit zu erfahren finde ich außerdem schwer. Etwas sinnvolles dazu habe ich, wie immer über die geliebte Wikipedia, hier gefunden: http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.56584.de/diw_sp0014.pdf

    Ich werde das genau untersuchen und in oben genannte Propaganda einarbeiten.

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  12. genova68 schreibt:

    Danke im voraus.

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