Polen: Mit der Wende ging´s bergab

Die an sich unscheinbare westpolnische Stadt Boleslawiec (Bunzlau) ist architekturhistorisch ergiebiger, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Der erneuerte Hauptplatz war hier schon Thema, dreihundert Meter weiter kann man die Entwicklung zwischen den 1970ern und heute in Augenschein nehmen. Die folgenden drei Gebäude stehen alle am selben Platz, der vor allem ein Parkplatz ist.

Waschbetonverkleidung sieht man oft, offenbar eine polnische Spezialität der Architektur der 1960er bis 1980er Jahre. Der Ziegelstein darunter zeigt die Mängelwirtschaft seinerzeit:

Mit der Wende ging es bergab. Die Umstellung auf Kapitalismus sorgte für Finanzströme und viele neue Gebäude und für – wohl unvermeidlich – Investorenarchitektur in der billigsten Version. Nach 40 Jahren Gängelung durch den Realsozialismus war auch das ästhetische Empfinden in Teilen der Bevölkerung dahin. (Zumindest polnische Männer sind meist genauso scheiße angezogen wie die beiden abgebildeten 90er-Jahre-Gebäude aussehen. Wahrscheinlich hatten die Polen in den 70er Jahren coolere Klamotten an, analog zur Architektur.)

Hier sieht man schön die ästhetische Regression innerhalb von 20 Jahren:

Das wohl jüngste Gebäude am Platz: ein bisschen Spiegelglas, mehrere Volumina mal hier, mal dort angeklatscht, es braucht keinen weiteren Kommentar:

Wohlgemerkt: Dieser Platz befindet sich mitten in der Stadt.

Wer sowieso etwas gegen aktuelle Architektur hat und zurück in die gute alte Zeit will, ist in Boleslawiec richtig. Wer wollte das bestreiten.

(Fotos: genova 2009)

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Eine Antwort zu Polen: Mit der Wende ging´s bergab

  1. Maximilian schreibt:

    Ich finde viele städtische und öffentliche Räume werden durch den Straßenverkehr und den damit verbundenen Unannehmlichkeiten an ihren Potential angenehme Lebensräume zu sein, massiv gehindert. Ohne das ich meine, dass wir ohne Autos grundsätzlich besser dran wären, so muss ich doch feststellen, dass ein friedliches Nebeneinander von Straße und Bürgersteig kaum möglich ist. Auch die Bilder oben sind ein Stück weit dafür Zeuge; würde es gelingen zwischen diesen Gebäuden Räume zu schaffen an denen sich Menschen gerne Aufhalten und nicht nur als Parkplatzbenutzer geduldet sind, wäre einiges an Tristesse entschärft.

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