Ruhrgebiet: Mentalitätswechsel durch Architektur?

Die Senioren unter den Lesern erinnern sich: Von 1989 bis 1999 lief im Ruhrgebiet die Internationale Bauausstellung Emscher Park. Weitere zehn Jahre später, 2009, zog der Stadtplaner Thomas Sieverts, Bilanz. Und die ist bemerkenswert. Man wollte damals tatsächlich, so Sieverts,

„einen Mentalitätswechsel im Ruhrgebiet erzeugen“, und zwar von einem „sklerotischen, unkreativen Milieu zu einem kreativen, offenen Milieu. Das war doch ein etwas naiver Optimismus. Die Folgen der IBA in der Hinsicht sind sicherlich außerordentlich begrenzt… Ein Mentalitätswechsel im Ruhrgebiet braucht offenbar sehr viel, sehr viel länger.“

Wunderbar, wie offen manche Leute daherreden. Jeder Satz eine Fundgrube. Mentalitätswechsel durch Architektur, also vorherrschende Denk- und Verhaltensmuster einer ganzen Region ändern, indem man anders baut. Wie das durch die IBA erreicht werden sollte, lässt Sieverts offen. Wollte er den Wechsel auf einer rein ästhetischen Oberfläche vollziehen oder durch Atmosphären, wie Gernot Böhme das beschrieben hat? Wollte er den Bewohnern des größten Dorfs der Welt ein neues Raumgefühl geben? Wollte er das Leibliche dem profanen Durcheinander zwischen Ruhr und Emscher entziehen? Oder wollte er aus den Leuten lauter Ökos machen, die Regenwasser sammeln? Gibt es in den neuen Siedlungen Gemeinschaftseinrichtungen? Wollte er sie in ihren kleinen IBA-Refugien von der spezifischen Ruhrgebietsästhetik befreien? Natürlich klappt das nicht. Architektur alleine ändert überhaupt nichts.

Ein wenig frech ist die Unterstellung, die Ruhrgebietsbewohner brauchten dringend eine andere Mentalität, weil sie jetzt so unkreativ seien. 150 Jahre lang sollten sie genau das sein, möglichst ohne zu Denken die Kohle aus dem Berg holen und den Stahl schmieden; jetzt, wo es das nicht mehr gibt, sollen sie halt irgendwie „kreativ“ sein. Wahrscheinlich am besten was mit Medien. Und immer im Sinne des Kapitals, sonst lohnt sich womöglich die IBA nicht.

Offenbar war zumindest Herr Sieverts nicht kreativ genug, um seine Vision vom omnipotenten Ruhrpottler umzusetzen.

Die Realität ist nix IBA. Angesichts der Sievertschen Haltung zu den unkreativen, sklerotischen Ruhrgebietlern vielleicht auch gar nicht schlecht. Und ästhetisch an jeder Ecke reizvoll:

Unvollständiger Nachtrag:

Im Ruhrgebiet könnte man mit Böhmes Atmosphären überhaupt ganz gut arbeiten: Früher war im Ruhrgebiet alles atmosphärisch, die Schächte mit der Hitze, dem Staub und Dreck, die Enge, die Stahlöfen. Heute ist das Leben in Teilen digital geworden, wir leben in virtuellen Welten. Diese Digitalisierung lässt das Subjekt besondere Anforderungen an das Real Life stellen: Die dort noch vorhandene Realität mit Materialien, Raumfolgen, Licht etc. soll Atmosphären erzeugen, die eigene Leiblichkeit spüren lassen, nicht nur banale Behausung sein blabla

Fade out

(Fotos: genova 2008)

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Alltagskultur, Architektur abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu Ruhrgebiet: Mentalitätswechsel durch Architektur?

  1. Pingback: Ruhrpilot - Das Navigationssystem für das Ruhrgebiet « Ruhrbarone

  2. Stefan schreibt:

    Von Kreativität hat damals bei der IBA kein Mensch geredet. Da setzt Böhm etwas drauf, was bei der IBA kein Thema war. Das heute in den alten Gebäuden häufig Museen oder Konzerthallen sind entspringt dem reinen Unvermögen der IBA, Nutzungskonzepte für diese Gebäude zu entwickeln. Was die IBA aber erreicht hat war ein stärkeres Bewußtsein für Qualität – in ihrer Folge kam es zu vielen Renovierungen des Bestandes, die allerdings Überfällig waren. Vielleicht war das aber auch nur ein zeitlicher Zufall. Irgendwann wollten die Leute nun einmal keine Wohnungen ohne Bad mehr.
    In der ersten IBA-Schrift wurden die Ziele formuliert von denen IBA-Chef Ganser am Ende nichts mehr wissen wollte: Die versprochene wirtschaftliche und soziale Erneuerung blieb aus. Ganser fand das nicht weiter tragisch und erklärte mir im Interview, das nun einmal nur gute Architektur übrig geblieben wäre.

    Liken

  3. Dirk schreibt:

    @genova Natürlich haben Sie ein Recht darauf, dass Ihre Texte auch in Ihrem Blog kommentiert werden. – Voilà:
    „Der exportabel-Beitrag beruht auf einem grundlegenden Missverständnis, deshalb läuft er auch ins Leere: Sieverts spricht an keiner Stelle davon, mit „Architektur“ einen Mentalitätswandel erreichen zu wollen, sondern mit der IBA als Ganzes, die ja, wie wir Älteren wissen, als ökonomisches, ökologisches, soziales und ästhetisches Erneuerungsprogramm gemeint war. DIESEN Gedanken findet er in der Rückschau ein wenig naiv. Und Gernot Böhmes Forschungen zur Wirkung von Atmosphären in der Architektur hatten mit der IBA ohnehin nichts zu tun.
    Allerdings haben sehr viele Menschen im Ruhrgebiet mit der IBA tatsächlich ihre ästhetischen Prädispositionen verändert, denn jetzt sind verrostete Hüttenwerke und zugewucherte Gleisanlagen auf einmal – schön.“

    Liken

  4. genova68 schreibt:

    Dirk,

    danke für die Kritik.

    Eine “Bauausstellung” kann man schon in erster Linie mit Architektur verbinden, oder? Was du schreibst von ökonomisch, ökologisch, sozial und ästhetisch: ja, aber immer via Architektur. IBA heißt, Architektur soll ein Gesellschaftsbild ausdrücken, es ging nicht um neue gesellschaftpolitische Konzepte, es ging um Anstöße via Architektur.

    Ich habe mich einfach auf das Interview mit Sievert bezogen, und da redet er nun mal von sklerotischen Ruhrgebietlern, deren Mentalität man via einer Bauausstellung ändern müsse.

    Dass Böhme mit der IBA nichts zu tun hatte, ok. Das behaupte ich auch nicht, Böhme ist mir nur eingefallen, weil ich gerade mit seinen Atmosphären zu tun hatte.

    Dass die Akzeptanz der Industriekultur auf der IBA beruht, ja, das ist ein interessanter Gedanke, der noch am ehesten Sievert untersützen könnte, was den Mentalitätswandel angeht.

    Liken

  5. T. Albert schreibt:

    Ich glaube aber nicht, dass der Sieverts da die ruhrgebietlerische Bevölkerung meint.
    Ich war ja als Junger auch ein paar Jahre dort und als Jungkünstler an einem der Projekte beteiligt. So einfach wars natürlich nicht, es wollte niemand das Ruhrgebiet nur mit anderer Architektur retten (die IBA-Architekturen sind ja auch nicht so anders geworden, da wurde ja sehr städtebaulich bezogen gedacht, manchmal schon kleinlich, in Fortsetzung der berlinischen Hardt-Waltherr-Hämer-Ideen, jedenfalls erinnere ich mich an solche Diskussionen, mehr oder weniger präzise), es wurden ja auch viele andere Dinge unternommen, Renaturierungen, damals wichtig erscheinender innerstädtischer Wohnungsbau und sowas.
    Das dumme ist, dass Sieverts, so ich das aufgrund meiner beruflichen Besuche im Ruhrgebiet in den letzten Jahren beurteilen kann, heute zumindest nicht Unrecht zu haben schein; ich drücke mich vorsichtig aus.
    Jetzt macht das alles einen sehr sklerotischen Eindruck, der in mir immer Depressionen hervorruft, wenn ich mich an die achtziger Jahre erinnere, als es trotz der damaligen sozialen Verwerfungen wegen der sich abschaffenden Schwerindustrien und Massenentlassungen eine ziemlich interessante Kulturszene gab. Die kennt der Sieverts ja vielleicht auch nicht richtig, weil die eben in grossen Teilen in den Kellern stattfand, ohne Geld und besondere Akzeptanz der oberirdischen offiziellen Kultur. Da war ja sehr viel los, wurde viel produziert und diskutiert, quer durch die Städte, wie ich das dann in Berlin Anfang der Neunziger wiederfand. Und da wurde auch damals schon Industriekultur thematisiert, aber nicht nur architektonisch, sondern lebensweltlich.
    Ich erinnere mich auch an Hochschuldebatten – sowas gabs ja damals noch – , wo dann diese Romantisierung einsetzte, und es lag ja nicht an der Phantasielosigkeit Sieverts`, dass dann in den Industriehallen Museen gemacht wurden. Das war eine allgemeine Bewegung, hier in der Schweiz macht man das ja auch, woanders auch.
    Das hat der damals ja nicht allein diskutiert, ich weiss auch nicht, wieviel dabei auf seinem Mist gewachsen ist, zumindest einige der Herren, die da von Scheuvens interviewt werden, waren auch exponiert beteiligt damals.

    Aber ich finde die Fragestellung wichtig, ob das nun von Sieverts kommt oder nicht. Wieso diese sklerotischen, künstlichen und nekrophilen Massnahmen, mit denen man nichts richtig sterben lassen kann. Wieso diese intellektuelle Vergangenheitsliebe zu Industriearchitekturen, in denen wahrhaftig und unter Gefahren von Menschen gearbeitet wurde, die jetzt niemand mehr beachtet, und denen Innenstädte zugemutet werden, die ganz andere, unwürdige Geschichten erzählen, jedenfalls mir, wenn ich durch gehe. Da gehts ja nicht mehr um Industrie als Arbeiterkultur, die die Städte geprägt hat, und die heutigen Konflikte werden in der Ästhetisierung von Arbeit, die nicht mehr stattfindet, gar nicht erst abgebildet, sollen sie ja auch nicht. Stattdessen wird alles einem immer weiter sich perpetuierenden Verwertungszwang unterworfen, siehe beispielsweise Phoenix-Gelände in Dortmund-Hörde, der den erzeugten Romantik-Anteil wiederum nutzt.

    Liken

  6. genova68 schreibt:

    Wenn Sieverts „einen Mentalitätswechsel im Ruhrgebiet erzeugen“ wollte, wen soll er denn sonst meinen außer den Leuten, die dort wohnen, den Ruhrgebietlern? Keine Mentalität ohne Menschen. Es ist eben keine Atmosphäre, die von irgendwelchen Stimmungen abhängig sein kann.

    Sklerotisch und unkreativ würde ich jedenfalls nicht pauschal zehn Millionen Menschen nennen. Ich finde das auch quatsch. Ich habe da zwar nie direkt gewohnt, war aber oft dort unterwegs und empfand das immer als ein starkes Stück Deutschland“, hier stimmt ein Slogan mal.

    Phoenix, klar, das ist ein Investorenprojekt mit dem Hang zur maximalen Rendite und auch sonst läuft an offizieller Kultur vieles völlig an den Bewohnern vorbei. Daran sind aber nicht die Bewohner schuld, sondern dieses komisches Begehren nach einem neuen Image, das natürlich irgendwas mit kreativ sein soll.

    Der Vergleich zwischen Achzigern und heute, dazu kann ich nichts sagen. Ich meine aber, das die Ästhetik, die oben in den Bildern rauskommt, würdigungswert ist, gerade WEIL sie so komplett gegen den kreativen Strich geht und weil der ganze hippe Pseudoavantgardescheiß aus Berlin-Mitte dort keine Chance hat. Aus Metropolensicht hat dieses Sklerotische etwas.

    Nebenbei, T.Albert: Gibt es eigentlich EIN Thema, in dem du nicht drin bist? :-)

    Liken

  7. T. Albert schreibt:

    Nee, ich bin als Fussgänger überall drin. Das sind doch hier gerade nur zwei Themen, Müll und Emscher-IBA. Sonst sag ich doch nur persönliches zu Redford, relativ unerzählerisch. Das spricht hier gerade so viele Erinnerungen an.

    Liken

  8. Hartung schreibt:

    Zuerst mal finde ich es wieder einmal schön diese Bilder zu sehen. Ich denke einige sind in Essen aufgenommen worden. Als halber Ruhrpotter kann ich dneke ich etwas dazu bemerken.

    Ob sich die Ruhrpottmentalität durch die neue Architektur ändert lässt sich bezweifeln. Aber ich bin auf jedenfall der Meinung, dass es Zeit war das Revier ma’n bissken aufzufrischen. Während man vor einigen Jahren nur auf verrußte Häuser stoßen konnte, so hat sich doch durch die Umfuktionierung und Verschönerung einiges bewirkt. Ein schönes Beispiel wäre hier das Gasometer, heute genutzt für Konzerte und Ausstellungen.

    Die neue Ästhetik hier ist anders als in Berlin Mitte. Im Ruhrgebiet ist sie viel traditionsgebundener, da mit der Geschichte des Reviers kombiniert. Das Ruhrgebiet verliert dadurch nicht an Charakter, sondern wird – meines Erachtens- dadurch attraktiver.

    Hoffen wir dass es durchs Kapital, das bei allem Morgenluft witter, das ganze nicht gegen die Wand fahren lässt…

    Grüße

    Hartung

    Liken

  9. genova68 schreibt:

    Der Vollständigkeit halber:
    Die Bilder 1, 2, 4, 5, 6 sind in Duisburg aufgenommen, alle neben dem Thyssen-Krupp-Werk, Stadtteilname ist mir leider entfallen. Bild 3 ist in Mühlheim, am Rhein-Ruhr-Zentrum, das letzte Bild zeigt Bochum, eine, wie ich finde, typische Ruhrgebietsszenerie: Viel Unkraut, wenig Häuser, zumindest nicht urban geballt, Brachland, gesichtslose Architektur, viel Infrastruktur fürs Auto, diese typischen Nichtorte. Weder Stadt noch Land.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.