Woher natürliche Schönheit kommt…

…weiß ich auch nicht so genau, doch in der Stadt Boleslawiec (das frühere Bunzlau, rund 50 Kilometer östlich von Görlitz) kann man eine Ahnung von der Antwort erhalten.

Der Hauptplatz hat im Zweiten Weltkrieg ziemlichen Schaden genommen und wurde ab den 1950er Jahren teilweise wiederaufgebaut. Ich will jetzt keine Rekonstruktionsdebatte führen, sondern die Häuser als solche betrachten, genauer gesagt, nur die Fassaden. Zumindest die Front ist originalgetreu rekonstruiert, und da ergeben sich interessante Perspektiven.

Die Häuserfront (also vor allem die drei mittleren Häuser) wirkt auf den ersten Blick wie aus einem Guß, keine Vor- oder Rücksprünge, die Höhen sind einigermaßen aufeinander abgestimmt, der Baustil, bis auf das Eckhaus rechts, nicht einheitlich, aber zumindest aus der Rückperspektive verbindlich. Auf den zweiten Blick sind die Fronten völlig unsymmetrisch, es ist ein völliges Durcheinander. Sämtliche Achsen brechen aus den Vorgaben aus, denen sie zu folgen scheinen, die Fensterreihungen sind unregelmäßig, die Pilaster ebenfalls, das Bullauge oben ist einmal rund, einmal rautenförmig, einmal nicht vorhanden, die Erdgeschosse enden in unterschiedlicher Höhe, die Fassadenverzierungen sind verschieden gehalten und so fort.

Alles sehr individuell und doch bildet das Ensemble tatsächlich ein solches. Es wirkt lebendig, ungezwungen, sympathisch und dennoch zusammengehörig. Diese vielfältige Differenz im Detail ist wohl das Geheimnis dieser Architektur.

Die sich links anschließende Platzseite bestätigt den Eindruck. Die Seitenansicht (2. Bild) zeigt, dass alle Fenster eine Bank besitzen, die alle tief, aber in jeweils leicht differierender Höhe angebracht sind. Auch hier liegt das Spannungsmoment im Detail, das umso wirksamer ist, weil es einem gemeinschaftlichen Plan folgt, an dem sich alle Häuser orientieren, aber dennoch jedes eine gewisse Individualität ausdrücken kann.

Nebenbei: Die Rückseiten der Häuser (Bild 3) verraten, dass man sich beim Wiederaufbau genau dafür nicht interessierte, der Ziegelstein wurde mit mehreren Sorten Naturstein verkleidet und die Stufe, verlkeidet mit blankem Granit, ist wohl erst in der Nachwendezeit angefügt worden. Hinten ist geschludert worden ohne Ende, aber, wie gesagt, lassen wir für heute die Rekonstruktionsdebatte außer Acht.

Dennoch: Dieser Platz, und mit ihm viele andere in den Städten der Gegend, erzeugen eine Atmosphäre, die zum Verweilen einlädt, wie man sagt, und die mit den heutigen Bauvorschriften, zumal in Deutschland, kaum noch zu erzeugen ist. Am ehesten war vielleicht noch Bruno Taut mit einem Teil seiner Berliner Siedlungen nah dran – unter anderem die Siedlung Onkel Toms Hütte in Zehlendorf. Wenn serielle Häuser millimetergenau zueinander passen, weil die Fertigung dann angeblich günstiger ist, nützen auch absichtliche Changierungen nichts, weil auch die wieder komplett geplant sind. Das Unfertige, das sich Entwickelnde, das Lebendige, der Zufall haben keinen Platz mehr.

Zu diesem Thema im weiteren Sinn hat Jean Stubenzweig in seinem Blog einen sehr lesenswerten Artikel verfasst. (Falls er das hier liest, möge er mir sagen, warum ich bei ihm nicht kommentieren kann. Sämtliche Anmeldungsversuche schlagen fehl.)

(Fotos: genova, 2009)

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3 Antworten zu Woher natürliche Schönheit kommt…

  1. Jean Stubenzweig schreibt:

    Weil er das Oberhaupt aller technischen Nieten ist und im Rahmen des Aufbaus gewaltiger Abwehrbollwerke gegen werbende und datenabgreifende Besucher et cetera Sie versehentlich draußen vor dem Stadtgemäuer vergessen hat. Ich hoffe, daß es mir mittlerweile gelungen ist, Ihnen einen Schlüssel vor die Tür zu legen. (Sollte es noch jemandem so ergangen sein, bitte ich um Nachricht. Vielleicht hier? Darf ich?)

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  2. genova68 schreibt:

    Ja, jetzt geht es, vielen Dank.

    Nachrichten weiterer Ausgeschlossener gerne hier.

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  3. Pingback: Polen: Mit der Wende ging´s bergab « Exportabel

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