Tief Daisy oder die kafkaeske S-Bahn

Das Phänomen ist egal, die Strukturen bleiben gleich. Diese leicht wirre Aussage lässt sich derzeit am Phänomen Wetter festmachen. Tief Daisy, in den letzten Tagen direkt nach der Geburt berühmt geworden, hat gezeigt, wie eine Eventgesellschaft funktioniert. Wenn nicht gerade Flugzeuge in Hochhäuser krachen, Türken Rentner zusammenschlagen oder in Deutschland die Fußballweltmeisterschaft stattfindet, müssen die Medien halt irgendetwas anderes erfinden, über das sie mit Wallung berichten können.

Ein Schneesturm? Super! Wenn dann noch ein bis dato unbekanntes Amt für Katastrophenschutz die Deutschen zu „Hamsterkäufen“ auffordert: wunderbar! Tagelang haben nun alle Medien über die bevorstehende Katastrophe berichtet, um nach dem erwartbaren Katastrophenausfall darüber zu berichten, dass es doch nicht so katastrophal gekommen ist, wie anzunehmen gewesen sei.

Es war natürlich keine Katastrophe anzunehmen, sondern nur das, was in einem Winter normal ist: 20 Zentimeter Neuschnee, ein paar schneeverwehte Landstraßen und ein paar festsitzende Autos im Norden, deren Fahrer offenbar völlig überrascht waren davon, dass es im Norden im Januar schneien und gleichzeitig stürmen kann. Von diesen Autos gibt es beeindruckende Bilder in den Medien, zugegeben. Aber wie definiert man Katastrophe?

Das Tief Daisy (klingt schon nach Walt Disney) ist also in erster Linie wegen seiner medialen Aufbereitung interessant, und da diese so plump ausfiel, bemerkt nun auch Otto Normalverbraucher die Veräppelung. Der Beruf des Journalisten dürfte in seinem Ansehen bei Otto und seiner Frau damit weiter gesunken sein.

Die Veräppelung ist allerdings nicht immer so offensichtlich. Der Tagespiegel zeigt in einem Artikel über die Probleme bereitende S-Bahn in Berlin schon in der Überschrift, dass er das Thema nicht begriffen hat:

Winter und S-Bahn-Chaos – eine explosive Mischung

Die Mischung ist in der Tat explosiv, nur hat der Winter damit nichts zu tun. Es ist die in diesem Blog schon mehrfach erwähnte Struktur: Die S-Bahn gehört der Deutschen Bahn, die wollen an die Börse und Gewinn auf Teufel komm raus machen, deshalb muss die S-Bahn jedes Jahr einen dreistelligen Millionenbetrag an die Deutsche Bahn überweisen, auf Kosten der Wartung und somit der Zuverlässigkeit und der Sicherheit. Die S-Bahn fährt schon seit viele Monaten nicht fahrplanmäßig, das wird weitere Jahre so bleiben. Egal, ob es schneit oder nicht.

Die S-Bahn fährt nicht, weil in Deutschland seit Jahren neoliberale Politik betrieben wird. Nix Schnee, nix Daisy.

Ist aber auch egal, denn, wie der Tagesspiegel in Bezug auf einen 44-jährigen Fahrgast schreibt:

Wie die meisten anderen Fahrgäste wird er nicht aggressiv, wenn er zu Langmut und Passivität verdonnert in beißender Kälte auf den Bahnsteigen steht. Weder demolieren sie den Fahrkartenautomaten oder den Mülleimer noch tritt jemand gegen die endlich eingefahrene S-Bahn. Auch verbal ausfallend gegen Kontrolleure, das Bahnsteigpersonal oder den Zugführer wird man in den Berliner S-Bahnhöfen und -zügen nur äußerst selten.

„Und das, obwohl zahllose Fahrgäste täglich emotionalen Nadelstichen, Zeitdruck, Verunsicherungen infolge von Kontrollverlust und damit enormem Stress ausgesetzt sind“, sagt Peter Walschburger von der Freien Universität. Für den Professor für Biopsychologie und Stressforscher hat die Situation viel Kafkaeskes: „Zu den Verunsicherungen gesellen sich Ohnmachtsgefühle, weil man kaum eine Möglichkeit hat, den Notstand persönlich zu beeinflussen.“ So schlucken viele Fahrgäste ihren Ärger gegen den Verursacher, die als anonym empfundene Institution der S-Bahn GmbH, hinunter, weil sie nicht wissen, wohin mit ihrem Ärger. Sie ahnen nur: Den einzelnen Zugführer oder Kontrolleur, dem sie gerade wütend ins Gesicht blicken, trifft kaum eine persönliche Schuld. „Und da sehen sie dann oft eine Verunsicherung und Hilflosigkeit, die der ihren gleicht – und vielleicht sogar noch ein aufrichtiges, entschuldigendes Lächeln dazu“, sagt Walschburger. Der 63-Jährige fürchtet, dass der unterdrückte Ärger irgendwann in offene Aggression umschlagen könnte, da viele Berliner aufgrund der vielfältigen Belastungen durch das Großstadtleben sowieso am Rande ihrer Entspannungsfähigkeit lebten. „Da ist jede Menge politischer Sprengstoff drin, und Politiker und Manager täten gut daran, schnell zu reagieren“, sagt Walschburger.

Eine wunderbare psychologische Beschreibung neoliberaler Gesellschaftsrealitäten. Kontrollverlust, enormer Stress, gegen den Mülleimer treten, Ohnmachtsgefühle, politischer Sprengstoff, unterdrückte Aggression, Umschlag in offenen Ärger, eine Hilflosigkeit, die ihresgleichen sucht: Hier geht es nicht wirklich um die Berliner S-Bahn, oder? Die Begriffe haben auch nichts mit Winter zu tun, sondern mit neoliberaler Zurichtung von Gesellschaft.

Der Biopsychologieprofessor und Stressforscher redet im Tagesspiegel von einer kafkaesken Situation, also von einer „rätselhaft unkonkreten Bedrohung“, von einem „Ausgeliefertsein gegenüber schemenhaften dunklen Mächten“. Kann man damit noch eine S-Bahn meinen, wenn sie nicht gerade in einem Film von David Lynch in die eigene Psyche hineinfährt?

Manchmal kommen die Strukturen durch, durch allen S-Bahn-Daisyverwehungen-Eventisierungsschrott. Auch, wenn es dazu Stressforschung und Kafka braucht.

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17 Antworten zu Tief Daisy oder die kafkaeske S-Bahn

  1. Maximilian schreibt:

    Wie es scheint prüft der Berliner Senat den Betrieb der S-Bahnen nun auszuschreiben.

    Wie ich finde keine dumme Idee, wenn man das Streckennetz in öffentlicher Hand belässt.

    Darüber hinaus würde das kafkaeske Moment verschwinden, wenn man denn nun wüsste, wessen Fahrkartenautomat man da nun zertrümmert.

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  2. oldman schreibt:

    Die Bahn AG – und somit auch die Berliner S-Bahn – gehören doch (noch) dem Staat, oder? Der Eigentümer hat doch eine Verpflichtung …
    @Maximilian
    Auf den ersten Blick eine gute Idee, aber es gibt ausreichend Beispiele, dass das auch nicht funktioniert.

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  3. Juergen schreibt:

    Der Gebrauch des Terminus „neoliberal“ ist ziemlich merkwürdig, historisch falsch. Aber egal, die Medien plappern es ja auch täglich daher.

    Es wird eben keine marktwirtschaftliche Politik betrieben. Die Bahn ist ein Staatsmonopol, vom Staat bestellte Manager, der Staat als Aufseher sind für die Situation verantwortlich. Der Staat, vom Staat bestellte Manager sind eben nicht die besseren Menschen, die besseren Wirtschafter. Siehe Landesbanken. (Egal, welche Partei oder Koalition amtiert.)

    Wäre die Marktwirtschaft nicht pervertiert, gäbe es kein Monopol, sondern Konkurrenz.

    Das Netz dabei in Staatshand zu behalten, das scheint mir eine gute Idee zu sein. (Wie auch beim Strom, Wasser.)

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  4. genova68 schreibt:

    oldman,

    der Eigentümer kommt seinen Verpflichtungen nicht nach bzw. will das gar nicht mehr, das nennt man Neoliberalismus. Und der wesentliche Unterschied zwischen Staats- und Privateigentümer ist doch der, dass der Privatier eine Rendite erwartet, die irgendwo herkommen muss, siehe S-Bahn Berlin

    Der Begriff Neoliberalismus, Jürgen, ist früher anders gebraucht worden, stimmt. Aber Sprache ist lebendig, und er hat einen Bedeutungswandel erfahren. Heutzutage weiß jeder, was gemeint ist, wenn man von neoliberal redet. vgl. den Bedeutungswandel des Hakenkreuzes.

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  5. Maximilian schreibt:

    @oldman

    Diese Beispiele sind allerdings oftmals welche, in denen der Staat sich bewusst verarschen lässt.

    Mit guten Juristen, flexiblen Verträgen und den tatsächlichen Willen eine freie Ausschreibung durchzuführen, sollten ein Großteil der vormals hausgemachten Probleme entfallen.

    Das das Berliner S-Bahnnetz für einen privaten Betreiben attraktiv ist, beweist schon die einfache Tatsache, dass die Deutsche Bahn trotz aller Defizite weiterhin tapfer 2,10€ pro Fahrt von dem geneigten Fahrgast ergaunern kann.

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  6. Juergen schreibt:

    @genova68
    der Eigentümer kommt seinen Verpflichtungen nicht nach bzw. will das gar nicht mehr, das nennt man Neoliberalismus.
    Das ist so ziemlich die sinnfreieste Definition, die mir bisher untergekommen ist. Unabhängig vom Bedeutungswandel der Sprache.

    @Maximilian
    Sicher können wir jetzt hier keine Kostenrechnung durchführen, aber dass die Berliner Tarife die niedrigsten der Republik, zumindest die mit dem besten Preis-Leistungsverhältnis sind, das erfährt jeder, der vergleichen kann. Als Ex-Berliner ist’s eine schmerzliche Erfahrung für mich.

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  7. Maximilian schreibt:

    Sie haben natürlich recht, die Tarife sind vergleichsweise niedrig, das beste Preis Leistungsverhältnis ist hingegen so eine Sache – aber darüber braucht man sich nicht zu streiten.

    Die Quintessenz meines Beitrages sollte nur sein, dass ich durchaus glaube das Berlin mit der S-Bahn wirtschaftlich und zuverlässig befahrbar ist.

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  8. hanneswurst schreibt:

    Die Schweinegrippe war auch so eine Kafka-Bedrohung, oder die Klimaerwärmung. Oder dieser arme Beduinenstamm, der da zwischen Pakistan und Afghanistan in einem ganz unwirtlichen Gebiet versucht ein paar Zelte aufzubauen, und schon fliegen alle hin und wollen mitreden. Peter Scholl-Latour macht dazu ein kafkaeskes Zitronengesicht; er hat es ja gewusst. Das ist aber alles nichts gegen das Riesen-Hoax der 80er: der „kalte“ Krieg.

    Ich nehme an, dass Menschen ohne permanente Verlustängste weniger kommunizieren, konsumieren, kommunieren. Deswegen fördern nicht nur Wirtschaft und Kirche (und deren willige Verführer: die Medien) die Angst, sondern auch unsere Fuck-Nazi-Sau-Fascho-SED Regierung.

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  9. genova68 schreibt:

    Juergen,

    Übertreibung ist ein Stilmittel.

    Die Berliner Verkehrsbetriebe sind in der Tat relativ preiswert, aber nur auf Deutschland bezogen. Fährt man anderswo U-Bahn, ist es fast immer deutlich billiger: ob Paris, ob Rom, ob Brüssel, ob Amsterdam, ob Lissabon. So gesehen ist die BVG also unverschämt teuer.

    Und wieso und für wen soll die S-Bahn eigentlich Gewinn erwirtschaften?

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  10. Juergen schreibt:

    Und wieso und für wen soll die S-Bahn eigentlich Gewinn erwirtschaften?

    Vielleicht um zu reinvestieren, um Wagenpark und Netz erneuern zu können? Instandhaltung?
    Wir sollten darüber nicht schwätzen, ohne zu wissen,
    – Was kommt in Summe ‚rein?
    – Was kostet der lfd. Betrieb und was ist damit abgedeckt?
    Vielleicht gibt es ja gar keinen Gewinn? Vielleicht wurde ja eigentliche Betriebskosten nicht realisiert (Instandhaltung fiel aus) und als Scheingewinn abgeführt. Vielleicht sind ja die Selbstkosten zu hoch?
    Ganz dröge BWL.

    Mit der BVG bringst du einen neuen Player ins Spiel. Bisher ging’s um S-Bahn und Deutsche Bahn AG.

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  11. genova68 schreibt:

    Reinvestieren ist ja ok, aber genau das passiert nicht bei der S-Bahn. Die Gewinne wurden jahrelang an die Deutsche Bahn abgeführt, der Wagenpark verlottert. Darum geht es doch gerade. Instandhaltungskosten werden vor der Gewinnberechnung abgezogen. Die Links in dem Artikel führen da weiter.

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  12. Juergen schreibt:

    Darum geht es doch gerade.
    Ja.
    Und wer wirtschaftet da so schlecht? Der Staat als Eigentümer und seine bestellten Manager.
    Wir drehen uns wirklich im Kreise. ;)

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  13. genova68 schreibt:

    Naja, der Staat hält sich bei der DB seit mindestens zehn Jahren (eigentlich noch viel länger) komplett raus, er ist nur noch pro-forma-Eigentümer. Das sieht man schon daran, dass der „Eigentümer“ regelmäßig die Preiserhöhungen „seines“ Unternehmens kritisiert, natürlich folgenlos.

    Übrigens wirtschaften die Bahn und S-Bahn nicht schlecht, sondern sehr gut. Es fallen Gewinne an, der Berliner Senat zahlt dennoch jährlich Unsummen und nichts funktioniert. Das muss man als Unternehmen erst einmal schaffen.

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  14. Juergen schreibt:

    Lassen wir ‚mal einen Augenblick das Geklüngel, die Verquickungen, das persönliche unter den Akteueren außer Acht. – Der Eigentümer wollte verkaufen, der Manager sollte das machen, Augen zu und durch. Nun soll die Lage ja eine andere sein, der Eigentümer will nicht mehr verkaufen. Muss seiner Rolle gerecht werden. Seit wann ist „Ich halte mich da ‚raus.“ eine Entschuldigung? Der Eigentümer wird von wem und wie finanziert? ;)

    Was ich eigentlich sagen will, noch einmal sagen will, steht oben: Der Staat, vom Staat bestellte Manager sind eben nicht die besseren Menschen, die besseren Wirtschafter. Siehe Landesbanken. […] Wäre die Marktwirtschaft nicht pervertiert, gäbe es kein Monopol, sondern Konkurrenz.
    Verstaatlichtes Eigentum, aktuell gegen die bösen Neoliberalen, die die Krise verursacht haben sollen, ist ein Schuss ins eigene Knie. Dieses Eigentum verloddert auf unsere Kosten, wie wir sehen können.

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  15. genova68 schreibt:

    Der Eigentümer will nach wie vor verkaufen, also die Bahn in Teilen an die Börse bringen, so steht das im aktuellen Koalitionsvertrag.

    Ansonsten verstehe ich deinen Beitrag nicht so richtig. Eine Entschuldigung? Wer und warum?

    Und warum verstaatlichtes Eigentum? Und warum Schuss ins eigene Knie? Die Bahn war schon immer staatlich, sie soll privatisiert werden, also nix verstaatlichtes Eigentum.

    Monopol und Konkurrenz, sicher, aber vielleicht könnte man ja die Bahn verkehrspolitisch sinnvoll betreiben, und das ginge mit Nachdenken statt Konkurrenz wesentlich besser. Manger gehorchen dem Renditedenken, ob der Staat dahinter steht oder nicht, ist egal.

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  16. hanneswurst schreibt:

    Gilt das auch für Dateimanager? Sauerei.

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  17. genova68 schreibt:

    Hallo, Hanneswurst,

    vielen Dank für Ihre Anfrage. Nun zu meiner Antwort:

    Ja, das gilt auch für Dateimanager.

    Freundliche Grüße und Ihnen einen schönen Tag

    genova, Blogmanager

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