Grundkurs Geographie

Während kulturkonservative Kreise unter Führung von Hans Sedlmayr kurz nach dem Zweiten Weltkrieg noch einen „Verlust der Mitte“ beklagten, hat sich dieses Problem mittlerweile ins Gegenteil verkehrt. Heutzutage ist, zumindest nach Eigenaussage, alles politische mittig: Die CDU, die CSU, die FDP und die SPD, die Grünen bestimmt auch. Die kennen angeblich weder rechts noch links, außer ein paar Ewiggestrige bei den Sozialdemokraten. Links ist nur die Linkspartei (die bei diesem Namen nun wirklich schlecht beraten wäre, in die Mitte zu wechseln), und manche Rechtsextremisten wie die von der NPD. Doch selbst in diesem Teil des Spektrums wollen manche mit „rechts“ besser nichts zu tun haben, beispielsweise die Republikaner oder Pro Köln, die sich lieber als konservativ oder gar liberal-konservativ bezeichnen. Die ganz Schlimmen sind „weder rechts noch links, sondern vorn“.

Die große Koalition schlechthin. Das parteipolitische Spektrum ist zusammengeschrumpft und reicht jetzt von mittig bis mittig.

Das alles ist natürlich nicht neu, ich wollte nur zwei Bilder unterbringen: Man muss jetzt nach rechts abbiegen, um in die Mitte zu kommen:

Auch wenn es nicht immer so eindeutig ist, wo es nach rechts hingeht. Vielleicht doch eher zurück?

Das Ganze passt auch zum jüngsten Interview mit Deutschlands tollstem Philosophen, Peter Sloterdijk, in der Süddeutschen Zeitung. Der dortige Vorzeigeneoliberale, der Leiter der Wirtschaftsredaktion, Marc Beise, animiert Sloterdijk zu einer weiteren Propagierung eines steuerfreien Staates. Das intellektuelle Niveau unseres Vorzeigedenkers ist schön ablesbar an der Antwort auf die Frage, wie ein von Steuern „befreites“ und auf Goodwill aufbauendes Gesellschaftssystem funktionieren könne:

„Das neue System würde sich mit der Zeit einspielen, trotz seiner evidenten Schwachstellen. Die zeigen sich ja sofort, und was Sie nennen, wäre nur der Anfang. An diese kritischen Beobachtungen würden aber neue Lernzyklen anschließen, die für Korrektur sorgen. Natürlich müsste man das alternative Regime schrittweise implantieren und die neue Freiwilligkeit in einer Übergangsphase mit dem alten Zwang verbinden, bis der letztere Faktor ganz wegfallen kann.“

Sowas nennt man in diesen Kreisen wohl eine philosophische Überlegung. Zwang „fällt weg“, die Armen bitten jetzt einfach die Reichen um Kohle, die geben sie dann her, und wenn nicht, schließen sich „Lernzyklen“ an, so geht das. Das heißt dann wahrscheinlich Bundeswehreinsatz im Innern, um den Armen beizubringen, dass sie jetzt gefälligst zu warten haben, bis ihnen ein Reicher was abgibt. Gleichzeitig verlagert Sloterdijk das Kleinbürgertum nach links: Der Hang zum Verteilen sei „nicht zuletzt beim akademischen und sozialkritischen Kleinbürgertum“ virulent, „das seine antikapitalistischen Stimmungen nie überprüft hat“. Wer also akademisch ist und sozialkritisch und den Wert eines Menschen nicht monetär misst, ist nun Kleinbürger.

Na, Hauptsache der Henryk M. Broder unter den deutschen Philosophen hat seine Stimmungen überprüft. Wo ist die Herrschaft, der er sich als Souffleur andienen kann? Wo sind die Protagonisten eines Neufeudalismus? Vielleicht mal dort nachschauen, wo das Berliner Schloss wieder aufgebaut werden soll. Natürlich ganz zwanglos.

Sloterdijk und Co, keine neue Erkenntnis in diesem Blog, versuchen, mit neurechtem, sozialdarwinistischem Geschwurbel hoffähig zu werden. Sie nennen das Philosophie und Teile von Deutschlands intellektueller Reservearmee fahren darauf ab. Zwanzigzehn, wie man jetzt so trendy schreibt, enttäuscht nicht. Insofern passt zu Sloterdijk das zweite Bild: nach rechts und kehrtum.

Wesentlich fundierter als ich geht das Thema Neofeudalismus Heiner Flassbeck an.

(Fotos: genova)

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2 Antworten zu Grundkurs Geographie

  1. „der Henryk M. Broder unter den deutschen Philosophen“
    Super! :-D

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  2. Pingback: Zitat des Tages «

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