Elf Zeilen Authentizität über Angela Merkel

„Authentizität ist die Suchtvokabel der Nullerjahre“ schrieb Harald Jähner in seinem Dekadenresümée vor ein paar Tagen in der Berliner Zeitung (via Bersarin), und rein zufälligerweise fällt mir ein Interview mit Christoph Schlingensief kürzlich in der Welt in die Hände, in dem er von seinem Besuch im Kanzleramt erzählt. Die elf Zeilen portraitieren Angela Merkel wohl präziser als  jede noch zu erscheinende Biographie:

WELT ONLINE: Sie waren mit der Berlinale-Jury auch bei Angela Merkel im Kanzleramt eingeladen.

Schlingensief: Das war erschreckend. Da sitzen ihr Henning Mankell und Tilda Swinton beim Kaffeetrinken gegenüber, und sie stellt keine Fragen. Da wird nur gefragt, ob man noch ein Stückchen Kuchen möchte. Im Büro zeigte sie uns so eine potthässliche Marmorplatte mit Kamelen an der Tränke, die ihr irgendein Ölscheich geschenkt hatte. Das mussten wir uns alle angucken. Und als ich mal auf das Adenauer-Porträt von Kokoschka zuging, was wirklich ein schönes Bild ist, dann sagte sie nur: „Ja, aber machen Sie es nicht kaputt, Herr Schlingensief, ha, ha, ha.“ Mankell, Tilda und Wayne Wang haben hinterher unabhängig voneinander gefragt: „Ist die immer so?“

Ich denke schon. Die ist so, das ist ihre Authentizität, das mochten die Leute im letzten Jahrzehnt, und deshalb wurde sie gewählt. Eine banale Physikerin mit Marmorplatte und ohne eine einzige interessante Idee, außer der, dass „wir“ wieder Wachstum brauchen und „Nummer eins“ werden müssen in der Welt. Und selbst die kam von irgendeinem Wirtschaftslenker per SMS. Per SMS wird ihr eine Menge neoliberaler Wahn mitgeteilt, per Meinungsforscher, dass sie damit doch bitte vorsichtig sein möge, das Volk wolle das nicht so richtig. Merkel redet dann von Wachstum und Nummer eins, was sonst. Allerdings war Banalität noch nie ungefährlich.

Vielleicht ist sie ja anders, wenn sie mit ihrem Mann rummacht, vielleicht hat sie da ganz viele interessante Ideen. Wäre nett. Aber das geht uns nichts an.

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8 Antworten zu Elf Zeilen Authentizität über Angela Merkel

  1. hanneswurst schreibt:

    Beim Kaffeekranz mit Christoph Schlingensief würde ich (als Politiker) auch lieber den Mund halten. Gerhard Schröder hätte in der gleichen Situation wahrscheinlich wieder sportlich Rilkes „Panther“ aufgesagt. Da ist mir (als politische Persönlichkeit) die authentische, machtmenschelnde, bis zur Roboterhaftigkeit sachliche Merkel lieber.

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  2. aron2201sperber schreibt:

    Frechheit! die Königin nimmt den Hoffnarren und den Hofbarden nicht ernst!

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  3. genova68 schreibt:

    Diese Bemerkung dürfte deinem Gesellschaftsbild entsprechen, aron. Kleiner Tipp: Nimm den Sperber aus deinem Namen, der dreht sich sonst noch im Grab um.

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  4. Pingback: Fundstellen [7] | Sisyphos Periodical

  5. aron2201sperber schreibt:

    mich würde interessieren, was Du von Manès Sperber so gelesen hast, dass Du weißt, was ihn in seinem Grab rotieren läßt…

    der „Meinungssuff“ der 68er ging Manès Sperber auf jeden Fall schon zu Lebzeiten schwer auf die Nerven:

    http://www.amazon.de/Sieben-Fragen-Gewalt-Leben-dieser/dp/3423013516

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  6. genova68 schreibt:

    Ich habe von Sperber keine Zeile gelesen, nur ein bisschen über ihn. Insofern ist meine Aussage sicher gewagt, aber bei den Grundzügen, die ich kenne, bin ich mir einigermaßen sicher, dass er nicht gerne als Kronzeuge für deine Überlegungen zu Rether instrumentalisiert worden wäre: Ein „Terroristenversteher“. Du verwendest den Begriff des Verstehens negativ, man soll also besser nicht verstehen. Das erinnert an die Hetze gegen Andersdenkende in allen Zeiten und ist ein grundsätzlich antiaufklärerischer Impuls. Wie du das mit Sperber kombinieren willst, ist mir nicht klar.

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  7. aron2201sperber schreibt:

    wenigstens ehrlich ;)

    terrorattentate islamistischer Fundamentalisten als eine Reaktion auf den Sextourismus zu erklären, hat wohl wenig mit „Aufklärung“ und „Verstehen wollen“ zu tun.

    und mit „satire“ nur, wenn er sich damit selbst verarschen würde…

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  8. genova68 schreibt:

    Vielleicht sollte man der Erklärung halber anfügen, dass aron sich auf einen Disput in seinem Blog bezieht. Wen es interessiert:
    http://aron2201sperber.wordpress.com/2010/01/02/wir-terroristenversteher

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